JW 299 Samstag, den 30. Dezember 1893. 20. Jahrganß
FiildaerMZeituiig
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auf die »Fuldaer Zeitung' Zn IIMi IlliHf II für das 1.Quartal 1894 wer- -Vl-pvuuuyvn j)enfortwährend von allen Postanstalten, bett Boten und in der Expedition angenommen.
Deutsches Keich.
Berlin, 28. Dezember.
* Ein Theil der deutsche« „Anarchisten" scheint sich unter dieser Partei-Bezeichnung in der Gemeinschaft mit Ravachol und Baillant nicht wohl zu fühlen. Es ist deshalb in Berlin zu einer Scheidung zwischen den „Terroristen" und den „Zahmen" gekommen. Diese Letzteren erklären, daß sie die Massen sür die Revolution und den Tag der Befreiung „erziehen" wollen, daß ihnen dabei aber Attentate nur hindernd in den Weg treten. Die Terroristen dagegen, deren eS aber nur eine verschwindende Zahl gibt, stehen durchaus auf dem Boden der That. Die Zahmen werden nun versuchen, mit den Unabhängigen, von denen fie ja ausgegangen find, wieder Fühlung zu suchen. Daß sie fich aber zum Sozialismus „zurückentwickeln" werden, ist nicht zu erwarten. Durch die Spaltung ist die anarchistische „Bewegung" bei uns noch bedeutungsloser geworden, als sie bisher schon war.
* Graf Wilhelm Bismarck, Regierungspräsident von Hannover, der zweite Sohn des Fürsten Bismarck, hat» wie verlautet, einen anarchistischen Drohbrief erhalten» in welchem ein Attentat auf ihn angekündigt wird.
* Die deutsch-russische« Handelsvertrags Ber- Handlungen betreffend wird dem ,Times' aus Petersburg telegraphisch gemeldet, daß die deutschen und russischen Delegirten in Berlin zu einer Verständigung über die streitigen Punkte gelangt feien. Danach erniedrige Deutschland die Zölle auf russischen Hafer und Roggen auf den Stand des österreichischrussischen Tarifs, während Rußland leinen Minimal- tarif von 1891 auf deutscher Eisen, Zinn, Maschinen, landwirthschaftliche Geräthe um 10 bis 20 Prozent herabsetze. Ferner erniedrige Rußland die Zölle auf Kohlen, die über Land eingeführt werden, auf den Tariffatz der über daS Meer eingeführten Kohlen. Die Zölle für Gußeisen und Stahlschienen würden nicht verändert. Unter den noch ungelößten Fragen befinde fich das Verlangen Rußlands nach Herabsetzung andere Arten von Cerealien. DaS Zusammenkommen einer vollständigen Abkommen» gleich nach Neujahr werde in HandelSkreisen nicht länger bezweifelt. — Die vorstehenden Angaben der ,Times' entziehen sich vorläufig der Prüfung auf ihre Richtigkeit.
* In der zweiten Hälfte des Januar finden im Reichsamte des Innern Konferenzen mit Arbeitgebern und Arbeitern der Metallverarbeitungs-Industrie über die Ausnahmebestimmungen betreffs der Sonntagsruhe statt.
* Die Beschlüsse der Börsen-Enquete-Kommisfio« sowie der vom Reichskanzler dem BundeSrath und dem
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(204. Fortsetzung.)
93.
„Sie fitzen hier gut, denke ich," bemerkte Marianne.
„Weshalb nicht?" antwortete Brichard, der falsche Bauer.
„Haben Sie Eile?"
„Richt im Geringsten, wofern wir nur nicht den Zug nach Versailles um 5 Uhr versäumen, weiter brauchen wir nichts," sagte der falsche Unteroffizier vom Train.
„Gut. Sie können dann auch noch lachen und fingen hören. War soll ich zunächst bringen?"
„Zunächst zweiAbfinth. Später werden wir weiter sehen."
Marianne ließ durch einen Kellner das Gewünschte bringen.
In diesem Augenblicke kam eine Brodträgerin zur Thür hereingelaufen und rief in den Saal hinein: „Kinder, da kommt Mutter Lison, ich habe sie soeben um die Straßenecke biegen sehen."
„Achtung!" befahl der Lyonese, „der Aelteste vom Bäckergewerbe, der hier ist, wird da» Bouquet überreichen."
Ein Mann von einigen sechzig Jahren nahm ein großes Bouquet, welches auf einem Tische lag, zur
i Reichstage vorgelegte Bericht der Kommission werde ; jetzt ohne Anlagen veröffentlicht. Einige der Anlagen i sind noch im Druck. Auch die Drucklegung der Be- - rathungS-Protokolle ist im Werke, während sich die stenographischen Protokolle über die Vernehmung der ; Sachverständigen unter den Anlagen befinden. Die von der Kommission beschlossenen Vorschläge betreffen zunächst die rechtliche Stellung und Organisation der Börsen. Die unmittelbare Aussicht über dieselben kann den Handelskammern oder kaufmännischm Korporationen übertragen werden. Für die Börsenordnungen werden gewisse Bestimmungen obligatorisch gemacht und über die Geschäftszweige, welche zum Gegenstand des Börsenhandels gemacht werden dürfen, kann der Bundesrath allgemeine Anordnungen erlassen. Ueber die Zulassung zur Börse ist u. A. vorgeschlagen, daß der Antrag auf Zulaffung von mindestens drei Geschäftsmännern, von welchen jeder mindestens 3 Jahre der betr. Börse angehört hat, unterstützt werden muß. Auch kann die Börsenbehörde von den Gewährsmännern eine Realkaution verlangen. Als Gründe der Entziehung des Rechts zum Börsenbesuch gelten die in der Berliner Börsenordnung aufgeführten, zu denen u. A. noch Zahlungsunfähigkeit tritt. An jeder Börse ist ein DiSziplmarhof zu errichten. Als zu ahndende Handlungen sind insbesondere anzusehen: Arglistige Beeinflussung der Kurse oder Preise durch Scheingeschäfte, Verbreitung falscher Gerüchte u. s. w.; Bestechung der Presse; Anwendung unanständiger Geschäftsbedingungen; Anreizung zu Börsenspekulationen in einer deS ehrbaren Kaufmanns unwürdigen Weife; Abschluß von Geschäften mit Handelsangestellten und bergt, ohne Genehmigung ber Prinzipale derselben; Abschluß von Börsenspekulation sgefchäften mit Personen in unselbständiger oder dürftiger wirthschastlicher Lage, ober mit Personen, deren Geschäftsbetrieb solche Abschlüsse nicht gewöhnlich mit sich bringt, in einem Um« fange,der in auffälligemMißverhältniß za ihrerwirthschast- lichen Lage steht; wiederholte Benutzung unkontraktlicher Maare zur Kündigung, alle Kündigungen ohne vorhandene Maare, sowie alle Scheinkündigungen. Die Landesregierung hat einen Kommissar zur Ueberwachung der Untersuchungen zu bestellen. Der DiSziplinarhof darf erkennen auf Verwarnung» Verweis, zeitweilige Ausschließung und dauernde Ausschließung von ber Börse. Gegen fein Urtheil gibt es keine Rechtsmittel. Liqni- dationSkasien sollen ber Aussicht ber betr. Börsenbehörde unterliegen. — ES folgen Bestimmungen für daS EmifstonSwefen und Zulaffung von Papieren zum Handel und zur Notiz. Der BundeSrath soll befugt fein, Anordnungen zu treffen, durch welche die Zulaffung von Werthpapieren für daS Reich einheitlich gestattet wird. Die Zulaffung ist in die Hand eines Kollegiums zu legen, indem neben den EmifsionL- und Bankintereffen nach die Jntereffen des kaufenden Publi- kumS vertreten sind. Die Zulassung von Attien darf vor Ablauf eines Jahres nach Eintragung der Gesellschaft in daS Handelsregister nicht erfolgen. Auch soll
Hand und stellte fich dann in die Reihen der Gäste auf. — Wie durch Zauber trat plötzlich daS tiefste Stillschweigen ein. Neugierig hefteten Brichard und Monte! ihren Blick auf die Eingangsthür.
Johanna Portier erschien.
„Vivat Lise Perrin!" rief e» jetzt von allen Seiten, während zugleich der Mann mit dem Bouquet der Brodträgerin entgegen ging.
„Mutter Lison," begann er mit bewegter Stimme, „empfangen Sie dieses Bouquet, welches Ihre guten Freunde Ihnen als Zeichen ihrer Anhänglichkeit bar» bieten."
Abermals ertönte es von allen Seiten: „Vivat Lise Perrin!"
Der armen Frau traten bie Thräuen in die Augen.
Der falsche Bauer neigte sich zu btm angeblichen Unteroffizier hinüber und flüsterte ihm in'» Ohr: „Unmöglich, daß biefe Frau die Flüchtige von Clermont fein soll!"
„Warten wir einstweilen."
„Sie macht einen so guten Eindruck."
„Der Schein trägt oft, der Beweis hierfür ist, daß weder Du noch ich daS find, was wir zu fein scheinen."
Alles drängte fich inzwischen um bie Brodträgerin herum, die von ber Rührung fast überwältigt, nicht mehr wußte, was sie sagen sollte.
Der Lyonese reichte ihr ein GlaS hin. Mit zitternder Hand ergriff Johanna eS und murmelte mit
für oie Zulassung von Aktien ein Mindestbetrag deS Grundkapitals festgesetzt werden (für Berlin 3, für Frankfurt a. M. und Hamburg 2, für die anderen Börsen V« Million). Bei böswillig unrichtigm Angaben in den Prospekten sind die Emisfionshäuser für den entstandenen Schadm haftbar. Zum Terminhandü sollen nur solche Papiere zugelasim werden, bei bene« daS Grundkapital mindestens 20 Millionen beträgt. Bor ber Zulassung von Maaren zum börsenmäßige« Terminhandel und von Festsetzung ber allgemeinen Bedingungen für diesen Terminhandel ist eine vom Reichskanzler in jedem einzelnen Falle zu berufenden Kommission von Vertretern der beteiligten Gewerbezweige sowie der allgemeinen Jntereffen gutachtlich zu hören. Gewinnsichtige Verführung zum Börfenspiel wird mit Sefängniß bis zu 6 Monaten und Geldstrafe bi» zu 10,000 Mk., wird sie gewohnheitsmäßig betrieben, mit Äefängniß nicht unter einem Monat und Geldstrafe bis zu 20,000 Mk. bedroht. Solche Geschäfte begründen keine Ansprüche.
Ausland.
* Pest» 27. Dez. Der gemeinsame Hirtenbrief der ungarischen Bischöfe gegen die Civilehe wird am Drei-KönigS-Tage in sämmtlichen katholischen Kirchen verlesen werden. Zehn Tage danach, am 16. Januar, findet in Pest der LaudeS-Katholike«« tag statt.
* Sofia, 27. Dez. Die Sobranje nahm mittelst Akklamation bett Äntrag ber Regierung an, ber Wittwe des Grafen Hartenan eine Jahres-Pension von 40,000 Frks. zu gewähren. — Die Civil - Liste des jetzigen Fürsten wurde von 600,000 FrkS. auf eine Million jährlich erhöht.
• St. Etienne, 27. Dez. In der Nähe deS hiesige« Bahnhofes entdeckte man gestern 20 Dynamit-Pattone«. Ein ähnlicher Fund wurde an ber Infanterie-Kaserne gemacht. Die sofort emgeieitete Untersuchung ergab, daß die Patronen au» dem Pulver - Depot einer im Bau befindlichen Bahn gestohlen waren.
* Wie seiner Zeit berichtet wurde, ordnete die rufst- fche Regierung Die Schließung der ausschließlich von Lichauern besuchten römisch-kathol. Kirche zu Kraßen an. AuS welchem Grunde die» geschah, hat man nicht erfahren können, wahrscheinlich wird auch dieser Erlaß» wie so manch' anderer, von dem durch nichts zu hemmenden RussifizirungSeifer dittirt sein. Die Mitglie- ber genannter ©emeinbe waren aber fest entschlossen, ihr alles, ehrwürbigeS Gotteshaus zu schützen, möge eS kommen wie es wolle. Die Kirche war beShalb bei Tag unb Nacht voll Menschen, welche sich ablösten, um ja nicht den Russen Gelegenheit zu geben, die Kirche z« schließen. Als nun alle Befehle nichts fruchteten, erschien am 20. November cc. der Gouverneur Klingenberg persönlich in Kraßen, nachdem er schon vorher alle zur Berfttgung stehenden Polizeikräfte dort zusammen- gezogen hatte. Gleich nach seinem Erscheinen erhiett bie Polizei ben Befehl, baS Gotteshaus mit Gewalt
kaum verständlicher Stimme, ehe fie bo8 Glas an ihre Lippen brachte: „Meine Freunbe. . . . meine liebe« Frennbe, ich trinke auf Eure Gesundheit."
„Der Tisch ist gedeckt, also vorwärts!" rief dir Wirthin den Anwesenden in gebieterischem Tone zu.
Tourangeau und der Lyonese geleiteten hieraus Johanna Portier zu dem Ehrenfitz, und das Bouquet, welches man ihr soeben überreicht hatte, wurde in eine Vase mitten auf den Tisch gestellt.
Das' Bankett begann. Ovide saß fast dicht neben Johanna in derselben Reihe und ergötzte durch seine Lustbarkeit alle Gäste.
Wir wollen hier nicht daS Menu deS Banketts beschreiben, wie eS von vielen Zeitungen geschieht, wenn ein offizielles Mahl stattfindet. Wir begnügen uns, anzuführen, daß eS sehr reichhaltig war und baß die Wirthin für den bescheidene« Preis von sechs Franken alles Mögliche geleistet hatte.
In gewisser Weise batten die beiden Agenten ebenfalls Theil an diesem Feste. Dar Frühstück, welches man ihnen servirte, schien ihnen sehr fein zu fein.
In der größten Angst und Erregung erwartete in- zwischen Amanda den weiteren Verlauf biefeS Schauspiels, baS zwar als Vaudeville begonnen hatte, indeß vermuthlich mit einem Drama endigen sollte. Sie allein sand bie Zeit sehr lang.
Es war ein halb vier Uhr, als der Kaffee aufge» tragen würde. Die Magd Marianre, gleichfalls heftig