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j\f 298 Freitag, den 29. Dezember 1893. 20. Jahrgang

FiildiltrWZeitiing

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auf die ,Fuldaer Zeitung«

II für das 1. Quartal 1894 wer- VliuUUHlJVU den fortwährend von allen Post­anstalten, den Boten und in der Expedition angenomnien.

△ Das beste Almqseu,

In der Weihnachtszeit feiert die christliche Liebe ihre besonderen Triumphe. Wie dieses Fest uns an den größten Erweis der Liebe Gottes zu uns Menschen erinnert, so weckt dasselbe auch die größte Liebe der Menschen zu den Menschen. Nie werden größere Spenden den Armm zu theil, als gerade in dieser Zeit. Wir tadeln daS nicht, sondern wir freuen uns herzlich über diesen herrlichen Triumph der christlichen Liede, welcher jedes Jahr auf's Neue vor den Augen der Welt sich abspielt. Dennoch glauben wir gerade im Jntereste der Armm auf ein Almosen Hinweisen zu sollen, welches alle anderm unter Umständen übertrifft, vämlich auf die Vermittlung von Arbeit an Diejenigen, welche gern arbeiten wollten und nicht können, welche sich und die Ihrigen Roth leiden sehen bei gesundem Leibe. ES ist dar ein Elend, dar nur die zu würdigen verstehen, welche es selbst erlebt oder aber, inmitten des arbeitenden Volkes gestellt, an anderen eS unmittel­bar wahrgenommen haben.

Unverschuldete Arbeitslosigkeit, daS ist eines der betrübevdsten Symptome unserer sozialm Verhältnisse, welches in seiner beständigen und massenhastm Wieder­kehr so recht deutlich das Ungesunde und Unhaltbare unserer gesellschaftlichen Zustände zeigt. Unverschuldete Arbeitslosigkeit ist die nothwendige Folge der Regel­losigkeit der modernen großindustriellen Produktion. Sie folgt ihr wie der Schatte« dem Lichte. Heute werden bei steigender Konjunktur Tausmde Arbeiter an einen Ort, in eine Gegend gezogen und bald werden sie bei eintretender Ueberpwduktion und Krise wieder entlasten, auf das Pflaster gesetzt sammt Weib und Kind. Sie können weiterziehen und Arbeit suchm und »ernt sie selbe nicht finden, fallen sie dem Elend oder der öffentlichen Armenpflege anheim. DaS ist ein gut Stück unserer sozialm Frage, die nothwendige Folge unserer industriellen Verhältnisse; ein Problem, an dessen Lösung man bisher vergeben- arbeitet.

Der unverschuldeten ArbestSlosigkeit im großen Stile zu steuern, wird erst dann gelingen, wenn man auch die Lösung der sozialm Frage im großen Stile in Angriff nehmen wird. Bis dahin müssen wir unS mit der Arbeit im Kleinen begnügm. Und da können wir Alle, Einzelne wie Vereine, Geistliche und Laim recht viel thun, um klaffende Wunden zu verbinden und zu Hellen, dem immer weiter um sich greifenden Zer­setzungsprozesse der Gesellschaft vorzubeugm. Man denke nur immer an das beste Almosen, an die Vermitt­lung von Arbeit. Damit ist dem braven Arbeiter in seiner Roth am besten gedient. Bor Allem aber vermeide man eS, ihn gleich au die öffmtliche Armen­pflege zu verweisen. Mit jedem Arbeiter und nament­

lich mit jedem Familienvater, dm man an die öffmt- liche Armenpflege verweist, vermehrt man das Prole­tariat, verschärft man die soziale Frage und arbeitet man dem Sozialismus in die Hände. Mm vermeide das daher, so viel und so lange es immer geht. Da helfe man lieber durch private Unterstützung über momentane Schwierigkeiten hinweg, bis der Arbeiter wieder eine ihm entsprechende und lohnende Arbeit ge­funden hat.

Man weiß zu wenig, wie er dem redlichm Arbeiter zu Muthe ist, wenn er bei gesundem Leibe von Almosen leben muß, zu öffentlichen ungewohnten Arbeitm her­angezogen wird oder gar der öffmtlichen Armenpflege anheimfällt. Nur Lumpen finden sich dabei wohl und nur daS Lumpen-Proletariat wird dadurch vermehrt. Wohl nimmt der brave Arbeiter in äußersten Noth- fällen Almosen dankbar entgegen; aber er erträgt er schwer» von Almosen zu leben, wenn er arbeiten kann. Darauf richte man daher immer zuerst und zumeist bei der Unterstützung der Armen sein Augenmerk, dem Handwerker und dem Arbeiter wieder Arbeit in seinem Gewerbe zu verschaffen. Wäre eS auch selbst eine weniger lohnende Arbeit, sie ist immer noch besser und dem guten Arbeiter auch lieber, als ein größeres Almosen. Insbesondere möchten wir auch die Mitglieder der wohl- thätigen Vereine aller Art, besonders der Vincenz- Vereine, welche im Stillen so viel Guter wirken, darauf Hinweisen, nicht nur die Armen bei unverschul­deter Arbeitslosigkeit zu unterstützen, sondern vor Allem darauf zu sinnen, ihnen wieder Arbeit zu verschaf­fen. Das ist immer das beste Almosen für die Armen selbst und eine Wohlchat für die ganze Gesellschaft. So lange die Arbeitslosigkeit nicht in großem Stile behoben werden kann, müssen wir uns eben mit dieser kleinen, aber durchaus nützlichen Kleinarbeit begnügen. Man verschaffe einem armen Sckuster oder Schneider auch nur Flickarbeit und men hat schon eine gute That voll­bracht. Im Hause oder Garten, im Geschäfte u. s. w. läßt sich oft Manches finden, was Arbeit bietet. Man verachte nur das Kleine nicht, wenn man Großes nicht erreichen kann. Die soziale Frage im Großen zu lösen, daS ist Sache der öffentlichen Ge«alten; aber im Kleinen daran zu arbeiten, daS ist unser Aller Sache, daS ist vor Allem Sache der christlichen Liebe.

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Dezember.

* Der Kaiser empfing am Dienstag Vormittag im Neuen Palais die zur Ueberreichung des Feldmarschall- Stabes an den Erzherzog Albrecht von Oesterreich unter Führung des kommandirenden Generals des VIII. Ar­meekorps, General-Obersten Freiherrn v. Los bestimmte militärische Abordnung, bestehend aus dem Ober-Quar- tiermeister General-Major v. Langenbeck, dem Komman­danten des Kaiser!. Hauptquartiers, General-Major v. Plesten und dem Flügel-Adjutanten Oberst-Lieutenant v. Moltke, vor ihrer Abreise nach Wien.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(203. Fortsetzung.)

Fräulein Amanda hatte noch etwas Zeit, wenn ÄUch nicht sehr viel, und so wollte sie eben noch der Madame Augustine mittheilen, daß eine sehr dringliche Angelegenheit sie verhindere, ihre gewöhnliche Stelle im Ankleidezimmer einzunehmen. Sie nahm also einen Wagen und ließ sich nach der Rue Saint-Honorä bringen. Sie hätte auch Raoul Duchemm und Stephan Castel gerne in Kenntniß gesetzt, da sie aber nicht wußte, wo sich Beide gerade befanden, so mußte fie auf ihr Vorhaben verzichten.

Ovide hatte sich, nachdem er das Rendez-vouS des BoulangerS verlassen hatte, nach der Rue Jakob be­geben, wo er bei Herrn Tiercelet, der ihm die Em- pfehlungSbriefe für BuenoS-Ayres übergeben sollte, einige Zeilen zurückgelaffen hatte. Er bestellte ihn für den folgenden Tag zu sich und lud ihn zugleich zum Frühstück ein.

Der Dijonnese hatte sich aller, waS er vor seiner demnächstigen Abreise, die er auf den folgenden Mon­tag festgesetzt hatte, noch besorgen wollte, genau im Voraus überlegt. Freitags sollte er bei Tiercelet irüh- stücken. Daun wollte er sich zu Harmant nach Cour- bevoie begeben, hier die versprochenen fünfhundert­tausend Franken erheben und mit seinem angeblichen 5

Beiter zusammen speisen. SamStagS wollte er seine letzten Einkäufe machen und endlich Sonntags sein Ge­päck zum Bahnhof schaffen lassen.

Montag Morgen gedachte er dann mit dem Schnell­zuge nach Havre zu fahren und sich am nämlichen Tage Abends auf einem transatlantischen Dampfer einzuschiffen.

Seine Papiere ruhten, vollständig regelrecht aus- gefertigt, in seiner Brieftasche.

Nachdem Ovide seinen Brief bei Herrn Tiercelet abgegeben hatte, flankte er in der Nähe der Rue Jakob umher, bis die Zeit herangekommen sein würde, wo er im Rendeze-vouS des BoulangerS seinen Bittern trinken sollte.

Johanna Portier machte inzwischen Toilette. Die arme Frau vergoß Freudenthränen, als fie Lucie von all den Beweisen der Liebe und Anhänglichkeit erzählte, welche man ihr erwiesen hatte und auf die fie im Ge­heimen ein wenig stolz war. „Ich möchte, daß Du mit dabei sein könntest, meine Theure," sagte sie zu ihr, „ich würde glücklich sein, wenn Du selbst sähest, wie mich diese Leute lieben."

„Wer sollte Sie nicht lieben, Mutter Lison?" er­widerte daS junge Mädchen. „Wer Sie nicht liebte, müßte kein Herz haben." Inzwischen half sie Johanna Portier, ihrer Mutter, beim Ankleiden.

ES war nahezu Mittag, und vom Quai Bourbon bis zur Rue de Seine war es auch noch ziemlich weit.

* Die Ende voriger Woche stattgefundenen ausge­dehnten Sitzungen des preußischen StaatSministe- riumS haben der Frage der Errichtung von Land- wirthfchaftskammern gegolten. Streitig war, ob die neue Einrichtung obligatorisch oder fakulativ sein soll. Schließlich hat man sich für daS Erstere entschieden. Eine bezügliche Vorlage wird dem Landtage wahr­scheinlich schon, bei feinem Zusammentritt zugehen.

* Die Offiziösen wollen noch immer die Hoffnung nicht aufgeben, daß die Miqnel'schen Steuerentwürfe im Reichstage eine Mehrheit erhalten, wobei fie selbst­verständlich auf die Zustimmung eines großen ThnlS des CentrumS rechnen müssen und auch thatsächlich rechnen. Ein offiziöser Korrespondent der ,Schles. Ztg.« meint, daß „die zahlreichen klerikalen Freunde der Herrn Miquel in Verbindung mit den beiden konservativen Parteien und den Nationalliberalen unter Beitritt der Polen und etwa einiger Antisemiten eine Mehrheit für die Steuerentwürfe bilden würden", er meint ferner, daß Finanzminister Miquel nicht nur bei den Konser­vativen, sondern auch bei einem großen Theile deS Centrums „persona gratissima“ sei. Daß Herr Miquel der „LieblingS-Minister" der Konservativen ist, wollen wir nicht bestreiten, und er mag sich in der letzten Zeit vielleicht auch Mühe gegeben haben, dem Cen­trum als „persona gratissima“ oder grata sich zu empfehlen. Wir glauben aber nicht, daß Herr Miquel oder seine Offiziösen damit Erfolg habe» werden. Im katholischen Volke ist es noch nicht vergessen, daß Herr Miquel den Zedlitz'schen Volksschulgesetz­entwurf zuerst unterzeichnete, dann wegen desselben seine Demission einreichte und damit die Krisis im Ministerium einleitete, die den Sturz deS Volksschnl- gesetzeS und des Kultusministers Grafm Zedlitz zur Folge hatte, eS ist noch nicht vergessen, daß Herr Miquel bei dem Zustandüommm der Steuerreform in Preußen in erster Linie der Hilfe und Unterstützung deS CentrumS sich bediente, dann aber nicht einen Finger rührte, um daS vom Centrum und den Konser­vativen bereits angenommene Wahlreformgesetz durchzubringen. Wir wüßten nicht, waS das Zentrum nach diesen Vorkommnissen aus der jüngsten Zeit dazu bewegen könnte, dem Herrn Finanzminister Miquel ein besonderes Vertrauen entgegenzubringen, ihn als eine „persona gratissima“ zu betrachten. Und selbst wenn Herr Miquel als Persönlichkeit und als Polttiker sympathisch wäre wie den Nationalliberalen, die in ihm ihren Partei- und „LandSmann-Minister" erblicken, so könnte daS Centrum aus sachlichen Gründen, und nur solche können hier entscheidend sein, seinen Steuerplänen nicht zustimmen, so wüt dieselben die breite Masse deS Bolles, den Mittelstand, den ganzen Handel und Wandel belasten und büästige», die Wein­bauern und Tabakbauern schwer schädigen und vielleicht Tausende von Arbeitern brodloS machen. Die Offi­ziösen des Herrn Miquel werden sich wohl bald ge- nöthigt sehen, ihre Hoffnungen auf daS Centrum fahren zu lassen.

Die Brodträgerin umarmte Lucie herzlich und ging. — „Eine wackere Frau," dachte daS junge Mädchen, während es ihr nachsah. „Ich bin ihr zugethan, als wenn Sie meine eigene Mutter wäre." Dann kehrte sie in ihr kleines Zimmer zurück, daS ihr trauriger als sonst däuchte.

Stephan Castel hatte sich, wie wir wissen, als er sich yon Duchemin verabschiedet hatte, nach der Fabrik HarwantS bringen lassen.

Harmant war soeben von dem Frühstücke zurück­gekehrt, welcher er mit Lucian Labrone eingenommen hatte. Er befand sich allein in seinem Kabinet.

Wir wollen den Leser nicht mit der Wiedergabe deS Gespräches ermüden, welches Stephan Castel mit Paul Harmant führte. Wir erwähnen nur kurz, wie einige Zeit nach der Ankunft deS Malers ein Tele­graphenbote Paul Harmant ein Telegramm überbrachte, bei deffen Durchsicht er sichtlich, ohne eS zu wollen, erbleichte.

Roch größer wäre freilich sein Schrecken gewesen, wenn er gewußt hätte, daß daS Telegramm gefälscht war und der wahre Absenoer sich bei ihm in seinem Bureau befand.

Nachdem Paul Harmant seine Geistesgegenwart einigermaßen wiedergewonnen hatte, tagte er zu dem Maler: „Ich würde es mir zum größten Vergnügen machen, Sie zum Mahle bei mir einzuladen, aber ich