können es schlecht begreifen und die studirenden Jungm wollen er nicht begreifen, daß mit der hübsch klingenden Gehaltisumme keine großen Sprünge zu machen sind; sie verlangen dasselbe, was ihre Freundinnen oder Genossen haben, die aus einem Hause stammen, wo man nebenbei Coupons abschneidet. Mancher Geschäftsmann, der gern sparfamer leben möchte, fürchtet die'Erschütterung seines Ansehens und seines Rtebits und bleibt also trotz der „schlechten Zeiten tm Geleise der alten kostspieligen Lebensart. Wenn er zu Weih- nachten nicht tüchtig in die Tasche griffe, so würden ja nicht bloß seine „Lieben" mürrisch und aufsässig werden, sondern im ganzen Familienanhang und im Anhänge deS Anhanges würde eS sich rum sprechen, daß dort der Weihnachten „sehr faul" ausgefallen fei. Also muß „mitgemacht" werden, wenn'S auch noch so schwer sällt.
Neulich haben wir schon erwähnt, daß eS auch für Industrie und Handel feine Schattenfeiten hat, wenn sich ein so großer Theil der Güteraustausches auf Weihnachten concentrirt und den Zufällen dieser wenigen Tage preisgegeben wird. Man kann noch weiter gehen, und die Ausartung deS Weihnachtsgeschenkes als eine allgemeine wirthschaftliche und sittliche Gefahr bezeichnen. .
Was ist dagegen zu thun? Ich weiß keinen anderen Rath, als daß alle vernünftigen Eltern Maß halten in den Wkihvachtsbescheervngen. Sie müffen die Kmder von Anfang an daran gewöhnen, die Geschenke nur als eine angenehme Beigabe zu der häuslichen Weihnachtsfeier zu betrachten. Sie müssen Alles vermeiden, war die Habsucht der Kleinen weckt und was wie ein Prunken mit reichen Geschenken auSsteht. (Wie die „Herrschaften" mit ihren Dienstboten zu Weihnachten fertig werden, laste ich vorsichtiger Weste dahingestellt; sehe Jeder, was sich «ach Lage der OrtSsitten und der Charaktere machen läßt. Ich für meinen Theil will lieber ein halbe» Dutzend wilder Junge«, als em einziges Dienstmädchen mit halb gefülltem Buch in er- zieherifche Behandlung nchmen.)
Diese Betrachtungen klingen etwas herbe in den süßen Freudentaumel deS Festes hinein. Aber wenn sie richtig sind, sind sie auch berechtigt. Und der Endzweck ist doch, die Luft um den strahlenden Baum möglichst rein zu erhalten, der Gemütlichkeit und der Liebe überall zu ihrem Recht z« verhelfen. Christus wollte den Tempel nicht zu einem Kaufhaus machen lassen. Am Weihnachtsabend wird eine Art Hausaltar aufgeschlagen, und man sollte keinen Bazar daraus machen.
Die Losung des Festes lautet: Friede den Menschen! Sie solle vor Allem an der Thür zum BescheerungSzimmer prangen. Wo der Friede Hausen soll, da muß die Begehrlichkeit, die Selbstsucht auSge- trieben werden. Wenn die Stimmung von der Größe und dem Werth der Geschenke abhängen soll, dann kann nicht viel Erquickliches dabei heraus kommen. Aber wenn sie sich allzumal zusammevfinden vor dem leuchten- den Baum und Jeder fühlt, daß die Andern ihm herzlich zugethan sind in Liebe und Vertrauen, und so die Herzen sich aneinanderschließen in Eintracht und Freude und daS Chcistkindchen in der Krippe segnend verweilt unter denen, die in seinem Namen versammelt sind, dann ist gemüthlich im besten Sinne deS Wortes, dann ergreift ein nachhaltiges Frohgefühl die Seele und das Gemüth zehrt noch lange von der erhebenden Feier — viel länger, als das sogen. Vergnügen wegen der Beschenkung dauert.
„Den Menschen auf Erden, bie eines guten Willens sind." Da laufen sie herum und spähen mit viel Kopfzerbrechen nach den pastenden Geschenken. Ber- geht nicht, die schönste und werthvollste Gabe für die Eurigen mit an den Baum zu bnngen; es ist der „gute Wille", der ehrliche und feste Entfchluß, in Liebe und Hingebung ein treues Familienglied zu sein. War kann den Eltern BeffereS bescheert werden, als wenn sie im Auge der Kinder lesen: „Ja, ich habe Euch wirklich lieb und will recht brav fein, um dem Christkindchen und Tuch zu gefallen." Und was kann dem Kinderherzen BeffereS gewährt werden, als wenn in ihm daS beseligende und erweckende Gefühl so recht lebendig wird: Vater und Mutter meinen es so gut mit mir: wenn ich brav bin, so haben sie mich recht, recht lieb und das Christkindchen auch." Die Eltern, welcke eS nicht verstehen, am heiligen Abend diese Empfindung in den Herzen der Kinder zu erwecken und an dem Widerschein derselben sich selber zu erquicken, die haben die Feier verpfuscht.
Die Welt wird immer verständiger, aber auch immer
ungemüthlicher. Benutzen wir die schöne Weihnachtssitte, um die Gemüthlichkeit, die wahre christlich-fromme und menschlich-frohe Gemüthlichkeit des guten Willens und der reinen Herzens zu hegen und zu pflegm — zunächst in dem Theilchen der Welt, das unser Haus- kicher Heerd erwärmt und unser Weihnachrsbaumchen durchstrahlt. So kann auch in der kleinsten Hütte em frohes Fest gefeiert werden; dem Herzen kann man überall sich gegenseitig schenken, wo Menschen mit gutem Willen sind.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(201. Fortfetzung.)
Der Maler ließ sich zar Fabrik bringen. Der Millionär hatte bei seiner Ankunft am Morgen feinem ganzen Personal für die Arbeiten deS Tages die nöthigm Weisungen gegeben, denn da er mit Ovide seit mehreren Tagen eine Zusammenkunft verabredet hatte, so mußte er sich zu feinem Banquier begeben, um hier die für feinen Helfershelfer bestimmte Summe zu «heben.
Paul Harmant hatte die Depesche noch nicht erhalten, welche Soliveau, wie wir gesehen haben, an ihn aufgrgeben hatte, als er die Avenue Clichy ver- lassen hatte, und er gedachte also seinen Tag m folgender Weise zuzubringen: Nachdem er das Geld beim Banquier erhoben hatte, wollte er sich zu Georg Darier begeben, um mit ihm wegen einer Angelegenheit Rück- spräche zu nehmen, welche demnächst zu Gericht gehen und in welcher Georg ihn vertteten sollte. Dam» wollte er noch verschiedene Personen besuchen und end- lich nach Courbevoie zurückkehren, um hier seinen an- geblichen Vetter zu erwarten. ,
Da er über seine Zeit in dieser Weise im Vorau» versügt hatte, so hatte er sich mit Lucian Labrone verständigt, und er wollte eben die Fabrik verlassen, att er ein Telegramm erhielt. Es war die Depesche Ooide», durch welche die verabredete Zusammenkunft widerrufen wurde.
Paul Harmant war verwundert, als er die Depesche la». Was mag er nur haben?" murmelte er, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. „Ich wollte ihn gern schon über alle Berge sehen! Wodurch mag diese Verzögerung veranlaßt sein? Jedenfalls durch irgend eme Dummheit. Nun, verfchieben wir alfo unfern Abschied auf morgen. Ich will indefsen Georg Darier benachrichtigen lassen und will den Tag im Bureau zubringeu, später dann mit Mary speisen." L .
Paul Harmant setzte Lucian Labrone von der Aende- rung seiner Pläne in Kenntniß, schrieb einen langen Brief an Georg Darier, welchem er die letzten nöthigeu Papiere beifügte, und schickte dann seinen Bureaudrener mit dem Ganzen nach der Rue Bonaparte.
Um elf Uhr ließ der Millionär Lucian zu sich bitten. „Wir wollen zufammen frühstücken," fügte er zu ihm. . . ,
Lucian gab verbeugend feine Zustimmung und be- gab sich mit dem Millionär zu dem Restaurant, wo Letzterer bisweilen frühstückte.
Verlassen wir dieselben einstweilen und sehen wir uns inzwischen darnach um, wa» in der Rue de Seme, im „Rendezvous des BoulangerS", vor sich gmg.
Wie gewöhnlich war Johanna Portier hier früh am Morgen erschienen. Die Bäckergesellen und die Brodträgerinnen, welche bereits anwesend waren, schienen ihr etwa» sonderbar und geheimnißvoll zu thun. Auch war man ihr gegenüber nicht so mittheilsam als gewöhnlich. Man steckte in den Ecken die Köpfe zu- ^Es" war' ihr dies so auffallend, daß sie den Ly°n- tiefen, einen wackeren Gesellen, w lcher für die Backerei Lebret arbeitete, dieferhalb befragte: „WaS habt Ihr denn eigentlich alle? SS scheint mir, als ob man mir ausweichen will, mir vielleicht sogar mißtraut. Dazu sieht man mich so sonderbar an!"
Der Lyonnese stammelte nut etwas verlegener Miene. „Ich will eS Ihnen sagen. Mutter Lison, versetzte et. „Man hatte Ihnen etwa» mitzutheüen, und gerade alS Sie hereinkamen, stritt man sich dar- über, wer dies übernehmen solle.
Johanna dachte unwillkürlich an ihre Vergangen- heit, jene düstere Vergangenheit, die vielleicht jetzt wieder aufgefrischt werden sollte. Sie wurde sehr bleich.
ES ist also wohl -twaS Unangenehmes, WaS mau mir "mittheilen wollte?" stammelte sie mit zitternder $ Die Wirthin ergriff jetzt daS Wo.t ur.d ar.tmottete ■
Bthlehew.
atzi^ethlehem, DStern deS Glaubens l Schon die Her alter Zeit,
Gö Bon Jahrhdert zu Jahrhundert Mit des HknS Freudigkeit, Sehnten sichach Deinem Frieden, Blickten frofach Deinem Stall; Nach der Gde der Erlösung Rief der Mchheit tiefer Fall.
Bethleheuuuch unser Hoffen Rankt an D« Krippe an. Schon der Dheit erste Tage Beteten Dich aunend an. Wie die Zeit, mochten rinnen, Immer ging rselbe Stern, Dessen Wund, unS gewinnen, Bor uns her s Äug' des Herrn.
Bethlehem, m Stern des Glaubens, Wunder, liebltzes der Zeit, Ach, der Menheit hohe Fahne Zn der ZeiteMcang und Streit, Bleibe Du in is'rer Mitte, Walte Du mst)immelskraft, Die, was auch ie Menschheit stritte, Endlich doch da Heil erschafft.
s
<£ Weihrchtsplaudrrei.
Berlin, 22. Dezember.
In allen Händen Pckete. Wer hier zu Lande . jetzt ohne Picket auf du Heimwege bettoffen wird, ist dringend verdächtig: leider keine Frau, oder kein Herz, oder kein Geld z besitzen. Männer, die das ganze übrige Jahr hindrch einen krankhaften Widerwillen gegen jedes nicht t cheufähige Packet haben,"sieht man jetzt mit 2 oder 3 sicher Dinger dahineilen. Und wie zärtlich halten sie mnchmal die ungewohnte Last umschlungen, wenn etwaSZerbrechlicheS darin ist oder ein zarter Zierrath, der ds Knutschen" nicht vertragen kann. Weiber werden in iefen Tagen nicht zu Hyänen, aber zu Sier» ober Gechhändern; denn ohne Vervielfältigung der oberen Extreiitäten kann man doch nicht ein halbes Dutzend Packte und eine gefüllte Tasche auf einmal tragen. GanzBerlin ist in diesen Tagen die Stadt der „Schlepper'geworden.
Worüber sinnen bie fiere? Wovon reden sie? Wofür arbeiten sie int Schwefe ihrer Angesicht» ? Weihnachten und nichts al» Wehnachten, d. h. die Krippe tritt leider in den Hintergrnd, um den WeihnachtS- banm dreht sich Alles. Uib das immergrüne Nadelholz ist schließlich auch nur Dekoration: der Gabentisch ist gemeint, wenn nan vorn Weihuachtsbaum spricht. Der materialistische Zug der Zeit zeigt sich auch hier. Früher mag der Baun mit seinen Lichtern und feinem glitzernden Behang be Hauptsache gewesen sein und der Gesang ber „stillenNacht" den Höhepunkt der GemüthSbewegung gebildet haben, jetzt bilden solche „idealen" Wechnachtsfeiern fhon die Ausnahme. „Was kriege ich?" lautet die enlcheidende Frage in allen empfangenden Kreisen, vom Hosenmatz bis zur schmuckbegehrlichen Mutter hinauf, und nut gierigen Augen fallen sie über ihrm Aufkau her, um gründlich zu prüfen, ob die Eltern, Mämer, Oakels und Tanten auch ihrer „Pflicht" in „inständiger" Weise nachgekommen sind. „War soll ich bloß schenken? Wird eS auch genug sein?" Das firo die schweren Sorgen der Tributpflichtigen. Aus der Liebe wird eine Last.
Diese Entartung der WeihnachtSschenkerei wird recht deutlich gekennzeichnet durch die Einfügung des Geschenkes in den Lohnverttag mit den Dienstboten. „Der Weihnachten", der mindestens ein anständiges Kleid enthalten muß, ist „ausgemacht"; auch das schlechteste Dienstmädchen beansprucht ihn alS sein unveräußerliches Recht. Diese „Rechtslehre" haben die Kinder des HauseS sich meistens auch schon zu eigen gemacht. Das Fräulein würde eher die Verkürzung ihrer Mitgift, als die Entziehung des W-ihnachtS- geschenkes begreifen und der junge Herr würde die Fahne der Revolution entfalten, wenn die „Alten" zu Weihnachten „sich lumpen lassen wollten". Die schöne Sitte, die so poetisch und gemüthlich sein sollte, wird immer mehr von höchst prosaischen und ungemüthlichen Anschauungen und Trieben durchfitzt.
Dadurch wird daS Fest der Freude für manchen Hausvater eine Q, teile von Sorgen und Nöthen. Gerade in der Großstadt gibt eS so viele Familien, die mit sehr knappen Mitteln ein „besseres Haus" machen müffen. Die Frau und die Töchter deS „Herrn Rath"