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20.

irgang

Knnntag, den 24. Dezember 1893.

JV 296

iildaerWZkitiiilg

Leit die Geburt des Herrn ins Gedächtmß, der uns Erlösung gebracht hat von allen ^beln. Aber es herrscht keine FrirdenSstimmung m den Völkern und Reichen, sondern eine unheimliche Schwüle, rote sie herannahenden Gewittern vorauSzugehen Pflegt, lagert sich über den politischen Horizont und gleich iahen, unheimlichen Butzen erfüllen rasch aufeinanderfolgende avarchistsche Verbrechen und Greuelthatm auch unsere liberalen und „aufgeklärten Geister mit Ar^st und Schrecken. Solche Ausgeburten infernalischer Ge- finnung wie die jüngsten Dynamitattentate tm Theater itt Barcelona und in der gesetzgebenden Kammer zu Paris machen selbst die Männer der Loge und der vorgeschrittenen Liberalismus vor der Zukunft erbeben, sie rufen erschreckt nach — Polizei und in ihrer Angst vor den Bomben geheimer Verschwörer plaidiren sie für Ausnahmegesetze, ja sie hasten förmlich nach den­selben abgebrauchten Rezepten polizrütcher Vorsicht, welche einstens von ihnen als „reaktionär" gebrand- markt wurden. Die unheimlichen, mit beispiellosem Raffinement inscenirten Verbrechen haben selbst in der französischen Logenrepublik die lieberalen Prinzipien über den Haufen geworfen und die dortigen Organe sinden nicht scharfe Worte genvg, um diese Verbrechen zu brandmarken und nach einem böseren Schutz- der oberen Zehntausend" gegen soziale Explosionen zu zu rufen. Aber diese in blasse Furcht versetzte» Helden der Republik vergesien ganz, daß die Anarchisten nichts anderer sind als die gelehrigen Söhne deS Ltbe- raliSmuS, Fleisch von ihrem Fleische und Setst von ihrem Geiste. Die Saat, die sie gesäet ist eben auf- gegangen aber blutigroth, und die unheimlichen Geister, die sie gerufen, wollen nimmer weichen. WaS hilft da Vermehrung der Polizei, was nützt die Beschränkung der Eintrittskarten zu den Sitzungen der Kammer? Sie vermögen Attentate nicht zu verhindern, die Bos­heit wird immer auf Mittel sinnen, trotz der schärfsten Bewachung ihre teuflische» Pläne auSzusühren. Die Ursachen dieser anarchistischen Unthaten lugen aber tiefer als daß sie mit solchen halben Maßregeln be­hoben werden können, ste find mit Händen zu greifen, aber die aufgeklärten liberalen Herrschaften wollen fie nicht erkennen, fie müßten ja sonst ihre Mitschuld em- gestehen, und sie perhorresciren das ernz'ge v-tlmittel, das unsere auf abschüssiger Bahn rasch dahin gleitend e Sozietät noch retten kann, nämlich die Rückk eh r zu den positiven Grundsätzen deS Christen-

und Stuttgart. Der .Reichsanz/ erklärt alle Nach­richten über eine Aenderung der Mcktärkonvention mit Württemberg für irrig. Die zur Zeit schwebenden Verhandlungen bewegten sich durchaus auf dem Boden der Konventton und bettäfen nur eine zweckmäßiger« Regelung der Kommandirung bezw. Versetzung württem- bergischer Offiziere nach Preußen und nmgekehtt. Unter dieser „zweckmäßigeren Regelung" hat man sich ohne Zweifel eine Verstärkung deS Austausches von Offi­zieren zu benten, von dem bereits anderweitig be­richtet worden war. Weiter wird mitgetheilt, eS sei mit Sicherheit anzunehmen, daß hierdurch die mm« tärifchen Hoheitsrechte des KaiserSund deSKömgs von Württemberg unberührt blieben und alle Be­förderungen und Ernennungen rc. nach wie vor von den Kontingentsherren befohlen würden. Bezüglich deS Kaisers hätte es dieser Versicherung doch kanm bednrst. Schließlich theilt der Michsanzeiger' noch Mit, daß die beiderseits kommandirten Offiziere in Zukunft die Uniform des Trupprntheils anlegen sollen, dem fie zu- getheilt sind. Dieses „Zugeständniß" ist offenbar für die Augen der guten Württemberger berechnet, denm eS nicht wohl thun möchte, wenn sie bei sich so viele preußische Offiziere sehen müßten.

* Die .Rational-Zeitung' bestätigt, daß der deutsche Vertreter zur Wahrung der durch die Zahlungsem- stellung Griechenlands geschädigten Interessen deut­scher Gläubiger mit dem Ministerpräsidenten TricupiS in Athen eine Unterredung gehabt habe. UebrigenS sei eine diplomatische Intervention unwirksamer als das gemeinsame Vorgehen der Börsen in London, Berlin und Paris gegen solche Vertragsbrüchige Staaten.

* Der .Kreuzzeltung' zufolge ist von Wmter- Uebnnaen in militairifchen Kreisen mchts bekannt. DaS Blatt meint, eS handelt sich jedenfalls Nicht «« eine allgemeine Maßregel. .

* Wie die .Volkszeitung' meldet, find tn der ver- aangeneu Woche wiederum 6 KreiSschm-Jnfpektor- Stellen mit Männern anS dem Volksschullehrerstande

Papst Leo XIII. über die Presse, jgit der Encyclika des heiligen Vaters vom 15. L Oktober 1890 heißt e«: „Da das Hanptmittel T im Dienste der Gegner die vo« ihnen zum gro­ßen Theile beeinflußte oder unterhaltene Presse ist, so ergibt sich die ernste Forderung an die Katholiken, der schlechten Presse eine gute entgegenzustellen zur Bertheidiguug der Wahrheit, zum Schutze der Re­ligion, zur Vertretung des katholischen Inter­essen-Rechte«. Die katholische Preffe hat dre Aufgabe, die schlechten Bestrebungen der Feinde der Kirche bloßzulegen, die Arbeit der Hirten des Hause« Gotte« zu unterstützen und die katholischen Interessen zu fördern. Darum ist es aber auch Pflicht der Katholiken, diese Preffe kräftig zu unterstützen, fie sollen der schlechten alle Betheiliguug versagen, dte gute aber, so weit es jeder in seiner Stellung ver- mag, zu Leben und Gedeihen zu bringen versuchen.

Katholiken fördert die uuabhängtge

(•) Weihnachten!

8t du süßer Jesu Christ, bet bu als Mensch ge­beten bist, behüt' uns vor bet Hölle, wär tutS das Ktndletn nicht geboten, so wär'n rott allesammt »ertöten". Also singt ein Weih- nachtelied ans dem glaubenSinnigen Mittel- alter. GS finb schlichte Verse, aber inhaltsreich unb dchetzigenSwetth, sie haben in unserer sozial tief er­regten Zeit eine weittragende Bebeutung, baut aufs Reue scheint bie Hölle Verderben unter den Menschen auSzusäen unb durch verruchte Greuetthaten den tiefen Abqrunb zu zeichen, in welchen die Abkehr vom positiven Christenthum dte Welt zu stützen droht. ES naht daS Fest deS heiligen Christ, eS tlmgen

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Dezember.

* Zum Neujahrs-Empfang beim Kaiser wer- den auch dies Mal wieder sämmtliche commandtrende Generäle in Berlin erscheinen. AuS Baiern werden außer den beiden commandltenden Generalen, Prinz Arnulf und v. Parseval, auch Prinz Leopold, der Genetal-Jnspektot der 4. Armee-Inspektion erwartet.

* Es steht jetzt fest, daß der preußische Landtag am 16. Januar et öffnet wird. Der Kaiser gedenkt, auch diesmal ben fionbtag persönlich zn eröffnen.

• Die Berliner akademische Kunstausstellung wird am nächsten Dienstag eröffnet.

* Endlich nimmt der .Reichs-An zeiget daS Wort zu den Gerüchten über den Konflikt zwischen Berlin

* Der Verein der Kaufmannschaft zu Münster hat an den Herrn Abgeordneten Fchr. von Heeremavn folgende Eingabe gerichtet, in welcher dte QnittnngS- »nd Frachtbriefsteuer bekämpft wird:

Die Frachtbrief- und Quittungssteuer treffen gerade den kleinen und mittleren Kaufmanns- und Gewerbestand sehr schwer, denn es liegt auf der Hand, daß da wo die « Großhandel in großen Quant,taten gehandelten Waaren durch den Zwischenhandel in immer «nner werdende The,lpatt,en»er- leat werden bis sie durch die Hand des Detaillisten den Weg in den Konsum gefunden haben, die zahlreichsten Geschäfte abge­schlossen, die mannigfaltigsten Versendungen vorgenommen werden müssen. Jedes einzelne dieser Geschäfte wird aber fast ohne Aus­nahme durch eine dieser Steuern einmal, wenn nicht gar mehr­mal getroffen werden, und bei dem immer geringer werdenden Nutzen treffen die Steuern eben diese mittleren und Nemen Ge- schäfte am meisten, und immer ist es wieder der Mittelstand, die Steuern fast in ihrem ganzen Umfange zu trogen hat. Wir verweilen hinsichtlich der Frachtbriefsteuer, um nur emS herauS- zugreifen, auf die jedem Kaufmann so lästige und verlustbnngende Verrechnung der Emballage. Für tote wenige Groschen unterzieht man sich nicht im Kleinhandel der Zurücksendung der leeren Kisten, Fässer; kommt nun gar daraus noch eine Steuer, so schließt schon eine jede derartige Sendung einen weiteren Verlust in sich. Einschneidender aber noch in das gesummte Erwerbs leben ist die OuittungSsteuer; diese trifft aber nicht allem den Handelsstand, sondern die gejammte Bevölkerung des Reiches die niederen und mittleren Klaffen. War man bisher tm Jutereffe des kleinen ManneS in allen gefchäftltchen Vorgängen bestrebft die geschehenen Zahlungen durch Quittungen S" bestätigen unb dadurch peinliche Differenzen unb deren Folgen, die sowohl vom moralischen als nationalökonomischen Standpunkte zu beklagen­den Prozeffe zu vermeiden, so werden durch die OrnttmtgSsteuer diesen beiden großen Gefahren deS Erwerbslebe^ Thür und Thor geöffnet. Wer wird sich über Methen, m Ge,»aften ge- machte Einkäufe, über zahllose kleinere Borkommniffe ml geschast- licken und alltäglichen Leben noch Quittung erthellen laffen, wenn ihm die Steuer ausgehalst werden soll. Aber wie zahllos werden" auch die daraus entstehenden Differenzen und Prozeffe fein? Wir gehen nicht zu weit wenn wtr d-ese Sttue nne wahre BolkSplage nennen, denn Jeder, der die Zähigkeit oes westfälischen Bauern in Geldsachen kennt, wird "

eher den größten Gefahren entgegengeht, ehe er diese Steuern entli*%’ie offiziös« ,9Zorbb. Allg. Zig' vertheidigt bat Antrag des Centrums, da benKolpo^age-Bnch- hanbel betrifft, gegen d'« ^ngnste, welche anS In- tertff mtenlreifen gegen benfelben erhoben werden. ES wirb daraus geschloffen, baß bie Regierung dem An­träge sympathisch gegenüber steht und z» emer bezüg- lichen Abänderung der Gewerbeordnung die Hand z» bKt»”De"preußische Minister für Landvirthschast hat den Oberpräsfenten ben vorläufigen Entwurf emeS Be­sitzes, bdreffenb bie Entschädigung für Verluste

thums, bie ber Liberalismus geleugnet unb damit i all' das Utcheil, bas wir heute in ben schrecklichen i Konsequenzen erschauen geschaffen hat. ;

Doch kurzsichtig ist man nicht bloS an ber Seme, ■ auch in anberen Staaten wird mit verschränkten Armen ber heiklen Frage gegenübergestanden; wohl salbadert man da unb dort mit theoretischen Rezepten, halt schöne Reden unb verspricht in Worten eine Besserstellung des Arbeiterstandes. Aber eS bleibt meist bei den schönen Worten unb sie setzen sich nicht in Thaten um; die soziale Reform geht nur langsam vorwärts unb eS ehlt an bent wichtigsten Faktor, bent prakttschen Chrfften- thum. Wo soll ba bas nöthige Vertrauen Herkommen und die misera contribuens plebs in Geduld auf eine materielle Besserstellung ihres Looses warten, wenn aber die oberen Stände keine praktische Nächstenliebe bekunden und kalt bleiben gegenüber der Roth im Volke? DaS Vertrauen fehlt; sie Verarmung und Ber- proletarisirung der Muffen wachsen und damit auch die Unzufriedenheit, diese gefährliche Mutter aller sozialen Eruptionen. Sozialisten und Anarchisten ge- deihen dort am besten, wo die religiöse Gesinnung er- stickt unb ber Hunger, sowie die polittsche Recht- losigkeit zu Haufe finb.

Wahrlich, eS sind keine erfreulichen Bilder, bie sich bei einem Ausblicke auf bie politische unb soziale Si­tuation in ber Welt entrollen. Fortgesetzte steigende Lasten für baS Volk, Verschlechterung ber wirthschaft- lichen Existenzbedingungen, wachsende Unzufriedenheit, Verschärfung der Klassengegensätze, soziale Krisen und Eluptionen, bie sich bis zu wahnwrtzigen Attentaten steigern; es herrscht kein seliger GotteSfriede, sondern gegenseitige Verbitterung und KampfeS- ftimmung. Dabei fehlt vielfach m Regierungskreisen bie richtige Einsicht, man glaubt immer noch bte@e- sahren mit Rezepten auS ber liberalen Quacksalberte beschwören zu können und führt damit nur noch rascher die drohende Katastrophe herbei.

Papst Leo XIII., dieser erleuchtete Hohepriester, V in . feiner .vorjährisa,. WeibnMSansprache andaS heilig- Collegium ber Kardinale m prophetischer Werse ben Staatsmännern unb Völkern einen herembrechen- ben Sturm am AuSgange des JahrhunbettS ange- tiinbigt, ber dar bedrohliche Anzeichen des Nieder­ganges unb allgemeinen Unheiles sei. Er totes auf bie heilenbe Kraft ber Kirche hin als das einzige Mittel biefe für alle Staaten drohenben Gefahren zu beseitigen. Aber wurde diese warnende Stimme deS heiligen Vaters auch beherzigt? Hat man nicht viel­fach sogar daS Gegentheil gelhan und voll Kursichttg- keit mit dem Liberalismus coquettirt, der diese Ge- fahren verschärft. Die schlimmen Folgen werden nicht auSbleiben; fie zeigen sich theilroase schon heute und baS Ende vom Siebe wird ein bitteres Erwachen aus Selbsttäuschungen sein. Die Zeit ist ernst, sie wird nur noch ernster und kritischer werden, ober wir biir- fen darob nicht verzagen und noch weniger die Hande in ben Schoß legen. Sursum corda; aufwärts mutz sich ber Blick richten, wir gläubige Christen Haden hö­here Ideale unb unser Vertrauen richtet sich zu bent, ber über alle Könige unb Minister der Erde gefitzt ist. Seien wir einig; vertrauen wir nicht aus die Gunst der Höheren und Mächtigen, sondern auf eigene Kraft, diese wirb uns vorwäts bringen unb ben end­lichen Sieg erringen helfen. Dann wird auch das heilige W-ihnachtSfest wieder ferne volle Bedeutung er- langen' wir werden eS mit lauterem Herzen feiern unb mit ben Hirten in Bethlehem freudig auBrufen:

Ehre jei Gott in ber Höhe und Friede bat Menschen, bie eines guten Willens sind!"