Mittwoch, den 20. Dezember 1893.
20. Jahrgang
JV 292
FnlRkrWZeitlllig
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Deutsches Keich.
Berlin, 18. Dezember.
• Die wichtigste Vorlage, welche den am 16. Ja« nuar zusammentretenden preußischen Landtag beschäftigen wird, ist, außer dem Etat, ein neuer Eisenbahngesetz, welcher im Interesse der Förderung der Baues von Kleinbahnen die Möglichkeit der Verpfändung ganzer Banunternehmungen schafft. Ferner find Vorlagen ausgearbeitet bezw. in Vorbereitung betr. das Ruhegehalt und die Verhältnisse der Lehrer an den öffentlichen Mittelschulen, betr. Verhinderung einer nn- wirthschaftlichen Güterzertrümmerung, betr. die Errichtung von LandwirthschaftSkammern, betr. eine Land- gemeindeordnnng für Hessen-Nassau und betr. die Einverleibung Berliner Vororte.
* Die französische» Spione Dubois und Daguet, welche vom Reichsgericht zu Leipzig zu 6 bezw. 4 Jahren Festungshaft vemrtheilt worden sind, wurden nach der Festung Magdeburg überführt. — Die französischen Blätter sprechen sich über daS vom Reichsgericht zu Leipzig gefällte Urtheil gegen die beiden französischen Spione sehr zurückhaltend auS; einige betonen, daß Frankreich wegen dieser Berurtheilung keine Rekriminationen erheben werde (!) Die französische Presse kann jedoch nicht umhin, bei dieser Gelegenheit wieder gegen Deutschland zu Hetzen, indem sie die Regierung anffordert, weniger milde als bisher gegen deutsche Spione aufzutreten; man könne ohne Uebertreibung von jedem in Frankreich lebenden Deutschen sagen, daß er Spionage treibe; für die Franzosen sei daher das Miß- tränen gegen Deutsche eine patriotische Pflicht!! — DaS sind ja recht liebenswürdige Gesinnungen.
* Die Resolution Lieber, welche nach den Ferien im Reichstage zur Verhandlung kommen wird, lautet in der Fassung der Kommission wie folgt: „Die verbündeten Regierungen zu ersuchen: 1) beim Abschluß von Handels-Verträgen oder im Anschluß an solche auf Vereinbarung der vom Reichstage schon am 25. Januar 1892 einstimmig befürworteten Schiedsgerichte über alle aus diesen Verträgen etwa entspringende Streitigkeiten Bedacht zu nehmen; 2) auf die Erlangung einer für die Kultur-Staaten gemeinsamen Regelung des Währungs-Systems, des Börsenwesens und der Arbeiterschutz-Gesetzgebung Bedacht zu nehmen." Diese Fassung ist eine nur redaktionell veränderte Form der ersten Absatzes deSLieber'- schen Antrages. Die beiden anderen Absätze — betr. berufsgenossenschaftliche Organisation der deutschen Landwirthschaft und betr. Schaffung eines besonder« Agrar-RechteS entsprechend den verschiedenartigen Verhältnissen der einzelnen Bundesstaaten und Provinzen — hatte der Antragsteller in der Kommission zurückgezogen, nachdem scharf entgegengehalten worden war, daß dieselben mit den Handels-Verträgen nicht in Verbindung ständen. DaS ist ja auch wohl richtig. Dafür stehen sie aber doch um so mehr in Verbindung mit dem Fundament, von dem
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(197. Fortsetzung,)
Am folgenden Morgen begab er sich frühzeitig zum „Rendez-vouS des Boulangers".
Tourangeau und der Lyonnese saßen bereits in ihrem ArbeitSanzuge da, denn sie waren noch nicht mit chrer Arbeit fertig, und nahmen ihren Morgenimbiß ein. Als sie Ovide gewahrten, stießen sie einen Freudenschrei aus, traten rasch auf ihn zu und drückten ihm die Hand.
„Run, wie stets?" frug Tourangeau.
„Vortrefflich, Freund; heute wollen wir sogleich eins zum Willkomm trinken."
Damit bestellte er schon gleich einige Faschen und lud noch einige Gesellen ein. Man kannte ihn bereits, beim man hatte schon sogleich von seinen guten Beziehungen zu Tourangeau und zu dem Lyonnesen gehört, und so nahm man keinen Anstand, seiner Einladung zu folgen.
Plötzlich trat Johanna Portier ein. Der Lyonnese gewahrte sie. „Hier hin, Mutter Lison," rief er ihr zu. „Man will Ihnen ein Glas Chablis trakriren."
Ovide zuckle nicht im Geringsten zusammen, sondern setzte noch sogar hinzu: „Ja, kommen Sie her, Mutter, seien Sie willkommen! Ich bin es, der heute traftirt. Marianne, ein GlaS Weißwein!"
ans die Konservativen die Anträge bekämpften. Da dieser Zusammenhang aber der Mehrheit der Kommission unbequem war, so war nicht- zu machen. Diese beiden Punkte werden also im Reichstage zunächst nicht zur Besprechung kommen. Nachdem jedoch im preußischen Abgeordnetenhause der Antrag der Abgeordneten Freiherrn Felix v. Los und in der bayerischen Kammer der Antrag des Abgeordneten Eugen Jäger diese Punkte auf die Tagesordnung gesetzt haben, werden sie von dieser nicht mehr verschwinden und ohne Zweifel über kurz oder lang auch im deutschen Reichstage diejenige Beachtung sich erobern, welche sie nach der weittragenden Bedeutung ihrer Inhalts verdienen.
* Zufolge Verordnung des belgischen Ministers für Verkehrswesen wird seitens der belgischen Eisenbahngesellschaft Grand Central Beige für die von der Weltausstellung i» Chicago zurückgelangen- de» deutsche» Güter auf die tarifmäßigen Frachten eine Ermäßigung von 50 pCt. gewährt, sofern die betreffenden Sendungen von einer Bescheinigung der Reichskommissars begleitet find zurücktrausportirt werden, vnd sofern in den Frachtbriefen ausdrücklich erwähnt ist, daß die darin verzeichneten Güter auf der genannten Ausstellung zur Schau gebracht worden find.
* Neue PrüfuugSbestimmuugen für solche, die als Extraneer das Zeugniß für die Prima eines Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer Ober-Realschule zu erwerben wünschen, sind kürzlich vom Kultus- Ministerium erlassen worden. Ueber den Umfang der verlangten Kenntnisse kann sich Jeder unterrichten auS den amtlichen Lehrplänen für die preußischen höher« Lehranstalten, die durch den Buchhandel für 75 Pfg. zu beziehen sind. Verschärfungen der bisherigen Bestimmungen liegen darin, daß früher auch die freie Wahl einer Anstalt gestattet war und keine so scharfen Bestimmungen über die Wiederholung der Prüfung bestanden.
* Zur Angelegenheit Kirchhof-Harich erfährt die ,StaatSb. Z»g.' aus angeblich sicherer Quelle Folgendes: Der General z. D. Kirchhof, welcher wegen des Einbruchs des .Berliner Tageblatts' in seine Familienehre an dem Sitzredakteur desselben Lynchjustiz übte, wurde dieserhalb vom Militärgericht zu mehrmonatiger Festungshaft verurtheilt. Diese Strafe hat derselbe vor kurzem auf der Festung Magdeburg angetreten. Am 9. d. M ist er jedoch, nachdem er etwa 14 Tage verbüßt hatte, vom Kaiser begnadigt worden.
£,* Die .Germania' bringt folgende Zuschrift des Erzbischofs vo»Pose»: „Gegenüber der Behauptung deS Grafen Kanitz in der gestrigen Sitzung des Reichstages, von der mir Ihr heutiges Blatt die Nachricht bringt, kann ich erklären, daß der Herr Reichskanzler weder offiziell noch vertraulich mir eine Nachricht von einem gefaßten Ministerialbeschluß der Wiedereinführung des polnischen Sprachunterrichts in den Volksschulen meiner Diözese zukommen ließ. Ich würde allerdings einen solchen mit Dank begrüßen, weil dadurch bet.
Die Brodträgerin war näher getreten, Sie sah den Lyonnesen an. „Aber ich kenne Sie nicht," sagte sie.
„ES ist ein neuer Kamerad, ein wackerer Kerl, er gibt eben de« Willkomm zum Besten," bemerkte der Lyonnese.
„Und wenn wir nichts mehr haben, so hat Marianne noch Stoff," rief Ovide fröhlich aus: „Marianne, noch vier Flaschen!"
Die Magd brachte daS Gewünschte. Soliveau füllte die Gläser und Johanna stieß mit dem Elenden an ohne zu ahnen, daß er eS war, der sie hatte ermorden wollen und in diesem Augenblicke abermals über ein neues Verbrechen gegen sie brütete. Die Frau trank dann eine Taffe Milchkaffee, reichte Ovide die Hand und ging.
„Sie werden ja an dem Banket theilnehmen?" frug Tourangeau.
„Zu Ehren der Mutter Lison, nicht wahr? Gewiß, ich bin mit dabei. Man hat mir von der Sache erzählt, ich habe meine sechs Franken bezahlt, dazu werde ich noch beim Banket eigentlich erst mein Willkomm geben. Ich habe doch nicht die Goldfüchse geerbt, um sie in einem alten Strumpfe verschimmeln zu lassen."
„A la bonne heute! Ein prächtiger Kamerad!" rief einer der Geselle«. „Ich wette, daß er uns noch zum Lachen bringen wird bei unserm Mabl."
„Ich werde eS versuchen," antwortete Ovide.
Religionsunterricht sich gedeihlich gestalten und eine feste relgiöse Erziehung der Jugend gefördert würde, ein Wunsch und ein Ziel, welches nicht bloß mir, als Bischof, am Herzen liegen dürfte. Posm, den 16. Dezember 1893. f Florian, Erzbischof von Posm und Gnesen.
* Hamburg, 18. Dez. Die ganze Vormittag-- Berhandlung im Schaffnerprozeß drehte sich um die Frage der Beeidigung der beiden Polizeibeamten. Staatsanwalt Buhl plaidirt dafür unter energifcher Inschutznahme der erfolgreiche« Thätigkeit der Beamten. Die Bertheidiger halte» ihren früheren Protest wegm unbestreitbar vorliegender aftiver Bestechungshandlungen von Seiten der Hamburger Kriminal- Beamten aufrecht, ohne welche die passive Bestechung der Bahnbeamten undenkbar sei. DaS Gericht setzt die Entscheidung hierüber auf die RachmittagS-Berhand- lung auS.
Ausland.
* Wien, 18. Dez. Die Anklage gegen die Ende September hier verhaftetm dreizehn Anarchisten, bei denen Bomben «nd Sprengstoffe gefunden wurden, lautet auf Hochverrath, der durch die Absicht der gewaltsamen Aenderung der Regierungsform «nd der Anstiftung eines Bürgerkrieges verübt wurde, auf Verbrechen durch Dynamit. Der Hauptangeklagte, der Tischlergehilfe Haspel, ist hochgradig tuberkulös. Die Berhandlung findet im Januar statt.
* Paris, 17. Dez. Die von der französischm Regierung der italienischen, wie schon mitgetheilt, zugesicherte Entschädigung von 420,000 Francs für die Familien der Opfer von AigueS MorteS ist an die Bedingung geknüpft, daß die italienische Regiemng auch ihrerseits eine Entschädigung an die durch die Unruhen in Rom, Genua und Neapel geschädigten Franzosen bewillige. Die italienische Regierung soll hierzu erbötig sein. Beide Jdemnitäten sind von der Bewilligung der Parlamente abhängig. — In Choisy- le-Roi wurden elf Personen verhaftet unter dem Verdacht, Mitschuldige Baillant'S zu sein.
* Rom, 17. Dez. Wie aus diplomatischen Kreisen verlautet, ist der gegenwärtige deutsche Gesandte in Bukarest, v. Bülow, zum Nachfolger deS Grafen SolmS auSerfehen.
* Spaniens kriegerische Unternehmungen gegen die Kabylen bei Melilla sind zum Stillstand gekommen, in demselben Augenblick, wo im spanischen Volk durch die Entsendung deS Marschalls Martinez Campo- die Hoffnung geweckt worden war, jetzt werde es erst recht losgehen. Je nun, der Marschall hat dem Volke wenigstens die Genugthuung verschafft, daß er an dem Punkte, wo der Krieg au-brach, einsetzte und da- Fort Sidi Guariach fortbauen ließ. Die Kabylen behelligten die Spanier dabei nicht, so viel hat der zu ihnen entsandte Bruder des Sultans von Marocco doch bei ihnen erreicht. Wie die Dinge um Melilla standen, konnte man eine Zeit lang überhaupt nur auf Um«
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„Sie werden uns gewiß etwa- singen, denke ich, nicht wahr," setzte der Lyonnese hinzu. „Gesang würzt das Mahl."
„Alles, war Ihr wollt," versetzte Soliveau, „ich habe ein sehr reichhaltiges Repertoire."
„Auch Mutter Lison muß uns singen," meinte Tourangeau.
„W?Shalb denn?"
„Mutter»Lison ist eine wackere, eine ausgezeichnete Frau, aber immer traurig gestimmt. Man sollte glauben, daß ein geheimer Kummer sie verzehre."
„Bah!" sagte Ooide in heiserm Tone, „ich werde sie schon zum Lachen zu bringen wiffen, daß Ihr Sure Freude daran haben sollt."
Die Stunde der Arbeit war für Tourangeau und den Lyonnesen gekommen. Sie erhoben sich und gingen.
„Ich will mich inzwischen nich Arbeit umsehen," fuhr Soliveau fort. „Wir dürfen uns Vergnügen machen, aber auch an Ernstes denken, die Erbschaft meines guten Onkels ist nicht »«erschöpf! ch." Damit verließ er die Schenke, nachdem er seine Zeche bezahlt hatte. * *
Stephan Castel hatte am Montag Morgen an den Bürgermeister von Joigny eine Depesche geschickt. Diese Depesche bezog sich, wie der Le^er errathen wir