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Dienstag, den 19. Dezember 1893.

JV 291

Ztitang

ulimtr

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(196. Fortsetzung.)

Eiy Stunde später verließ er vollständig umge- wandelt, mit einem weißgrauen Bäcker-Anzuge bekleidet, und das Haupt mit einem weichen grauen Filzhut be­deckt, seine Wohnung. In dieser seiner Verkleidung war Ovide Soliveau für Jemand, der ihn vielleicht nur flüchtig oder in einem anderen Anzuge gesehen hatte, ganz unkenntlich. .

Er nahm einen Wagen und ließ sich 6t8 in die Nähe des JastituS bringen. Hier stieg er aus, eilte durch die Rue de Seine und betrat dann entschlossen die Schänke zum „Rendez-vouS deS BoulangerS."

Sieben Uhr war er. Eine dichtgedrängte Menge füllte die Schänke. Sosiveau hatte große Mühe noch einen freien Platz in dem großm Saale zu finden; es gelang ihm schließlich doch noch einen Stuhl zu er­obern, und er rief den Wirth herbei, um ein Essen zu bestellen. L „

Die Magd kam auf ihn zu und frug ihn, das unbekannte Gesicht erblickend, etwas verwundert: Sind Sie vielleicht auch einer von der Bäckerei, mein Herr?"

„Ja!" antwortete Ovide.

Deutsches Reich.

Berlin. 16. Dezember.

* Außer dem 25jährigen Militär-Jubiläum, welches der Kaiser am 27. Januar kommenden Jahres feiert, kann der oberste Kriegsherr im Jahre 1894 noch einen zweiten mllitärischen Jubeltag begehen, und zwar am 11. September die 25. Wiederkehr des Tages, an welchem er 1868 ü la suite des Grenadier • Regiments König Friedrich Wilhelm IV. (erstes pommerscheS) Nr. 2 ge­stellt wurde. ■ ,

♦ Wie seiner Zeit berichtet worden ist, hat die Börseu-Euquetekommiffion auf Anregung vrs Ge­heimraths Professor Schmedler nach gewisien Rich­tungen hin über den Börsenverkehr statistische Er­hebungen angestellt. Wie die ,Post' hört, ist deren Ergebniß nach vielen Richtungen Yin so bedeutsam, daß die Kommission auf Antrag der Herren Graf Arnim und Schmedler neben zahlreichen sonstigen und theil- weise tiel eingreifenden Vorschlägen in ihrem Bericht die Regierung ersucht hat, diese Erhebungen unter Leitung de« RächSamts deS Innern daS tue Central- stelle für Reichrbörfen-Angelegenheiten bildet, zu ver­vollständigen und dauernd fortzuführen. — Bestem Vernehmen nach ist übrigens bei dem zahlreichen und außerordentlichen schwierigen juristischen, volkSwirth« schastlichen und börsentechnischen Fragen, die bei der Börsenreform in einander greifen, an die Fertigstellung eines Gesetzentwurfs frühestens vor Jahresfrist nicht zu denken.

* Eine öffentliche Protestverfammluug gegen Richter wegen dessen Haltung in der Jesuiten frage wird in Hagen t. Wests., wo der Äbg. Richter der Unterstützung der CentrumSwähler seinReichStagSman- dat verdankt, von Seiten der dortigen Katholiken ge-

auf die

,Fuldaer Zeitung'

für das am 1. Januar beginnende

1. Guartal 1894

wolle man nicht bis auf die letzten Tage der laufenden Monats verschieben, damit uns dieselben rechtzeitig über­mittelt werden können und prompte Zusendung ermög­licht wird.

Der Post - Abonnementsprers auf die , Fulda er Zeitung' mit der illustrirten Sonntagsbeilage

Sterne und Mumm

beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

Neu zugehende Abonnenten erhalten die Zeitung nebst der Sonntagsbeilage gegen Einsen­dung der Post-Quittung bis Ende Dezember gratis.

plant. Die .Westdeutsche Volkszeitung' schreibt näm- lich: „Das höchst merkwürdige Benehmen des freisin­nigen Abgeordneten Richter bei der Berathung des Jesuitenantrages des CentrumS und die Abgabe seiner Stimme gegen dir Aufhebung des ungerechtesten aller Kulturkampfsgesetze hat die hiesigen Katholiken, die be- kanntlich Herrn Richter bei der RerchstagSwahl zum Siege verholfen haben, auf das Tiefste verletzt; sie sind entrüstet über eine solche Betätigung deS „Freisinns" und gehen mit dem Gedanken um, gegen daS Gebahren ihres „Vertreters im Reichstage" in einer öffentlichen Volksversammlung Protest zu erheben."

* Nach der dem Reichstage vorliegenden Nachweis­ung der Geschäfts- und Rechnungsergebnisse der Alters- und JnvaliditätSversicherungS-Anstalten sür 1892 stan- ■ den von 100 Altersrentnern 73 in dem Alter von ■ 70 bis 75 Jabren, 22 weitere waren 76 bis 80 Jahre alt und 5 hatten ein noch höheres Alter er­reicht — Zahlen, die der viel verbreiteten Ansicht ent­gegentreten, als ob nur wenige Leute länger als eine ganz kurze Frist in dem Genuß der Altersrente blieben. Während bei den Altersrentnern natürlich die Anzahl mit dem Alter abnimmt, findet umgekehrt bei dm In- Validenrentnern eine Steigerung ihrer Zahl bis etwa zur Grenze von 70 Jahren statt, von wo an ein er­heblicher Theil der erwerbsunfähig werdmden Per­sonen die Altersrente bezieht. Im Alter von 20—55 . Jahren werden etwa 27 pCt. sämmtlicher Jnvaliden- rentm-Antheile bezogen, dann folgen für die Jahre 56—61 über 14 pCt., für 61—65 und 66—70 Jahre sogar 25 und fast 30 pCt. Der Kapitalwerth der endgültig zuerkannten Rentenantheile belief sich 1892 auf mehr denn 73 Millionen Mark.

* Leipzig, 16. Dez. Im LandeSverraths-Prozeß plaidirte oer Bertheidiger für Nichtanwendung deS Spionagegesetzes vom 3. Juli 1893, welches sich feiner Ansicht nach nur auf die Beschaffung fremder Schriften mstw, beziehe. Die Angeklagten seren nach § 92 deS Strafgesetzbuches wegen LandesverrathS zu bestrafen. Der Verteidiger bittet um Festungsstrafe event. um daS geringste Maß von Zuchthausstrafe, da die Absicht der Angeklagten keine ehrlose gewesm sei. Der Ober- Reichsanwalt tritt diesen AuSsührungm entgegen und begründet eingehend die Höhe des von ihm beantragten Strafmaßes. Es müsse ein Sxempel statuirt «erden, um die Franzosen abzuschrecken, deutsche Hafen als Versuchsstationen zu Entdeckungsreisen für französische Offiziere zu betrachten. Degvuy bittet um Rücksicht für feine Person und Malavas.

— 16. Dezbr. DaS Urtheil des Reichsgerichts in dem LandeSverrathSproceß lautet: Degony 6 Jahre und Delguey 4 Jahre Festungshaft.

* Karlsruhe, 15. Dez. DaS Centrum beantragte eine neue Wahlkreis - Eintheilung, die Zulassung der Orden und Missionen, sowie Abänderung der Vorschrif­ten über die Vorbildung undAnstellung der Geistlichen.

Ausland.

* Wie«, 16. Dez. Sine Meldung der Politischen Correspondenz aus Madrid stellt fest, daß die Initiative

Das heißt, wohl nicht aus diesem Viertel?"

"Augenblicklich nicht, aber ich habe hier früher aewö'hnt. Ich kannte dieses HauS schon seit langen Jahren, und da ich eben von Dijon komme, um hier wieder eine Stelle zu finden, so wollte ich hier W In der Nähe Soliveau'S saß der Lyonese und Tourangeau an einem kleinen Tische und nahmen ihre Mahlzeit ein. „Ah, Sie kommen von Dijon, Freund? sagte der Lyonese zu ihm.

„3a, Freund?" , . m

Ich habe dort zwei Jahre gearbeitet. Wo waren Sie "in Arbeit?" . ., ,, ,

„Ovide nannte ihm den Namen emes ihm bekannten Bäckers.

„Ich kenne ihn", fuhr der Lyonese fort, „em guter Mann. Dann kommen Sie wohl hierhin, um hier Arbeit zu finden?" _ f.,

„Dies ist meine Absicht. Ich habe große Vorliebe für Paris."

„Gute Stellen sind fchwer zu finden."

„Dann werde ich warten."

„Können Sie denn warten?"

„O ja, ich habe eine kleine Erbschaft gemacht, es ist nicht sehr viel, aber so viel, daß ich nicht gnade jede Stelle zu nehmen brauche."

betreffend den Plan der internationale» Be­kämpfung des Anarchismus von dem Madrider Kabioet ausgegangen ist, welches seine diplomatischen Vertreter beauftragte, bei den betreffenden Regierungen anzufragen, ob dieselben zu Pourparlers über inter­nationale Maßnahmen gegenüber dem Anarchismus ge­neigt wären. Mehrere Regierungen erklärten darauf­hin, keine prinzipiellen Einwendungen zu erheben, andere behielten sich vor, Stellung zu nehmen, wmn Spam« mit präzisen Borfchlägen hervorgetretev sein werde. Letzteres ist bisher nicht geschehen. Einige Regierungen nahmen daS Projekt kühl auf, speziell ver­hielt sich das englische Kabinet ablehnend und einen dem englischen analogen Standpunkt nahm auch Frank­reich an. , , ,

* Die französische Regierung gewährte soeben wer- malhunderttausend Franks Entschädigung für die Fami­lien der ermordeten Italiener in AigueS MorteS.

• Rom, 16. Dez. Die tonangebenden Blätter ver­halten sich dem neuen Kabinet gegenüber wohl­wollend und abwartend. Am Montag wird daS Par­lament znsammentreten um die dringendsten Arbeit« schleunigst zu erledigen. m ,

* Newyork, 16. Dez. Aus Buffalo wird ge­meldet, daß ein Personenzug der Western-Newyork-Penn- sylvanien-Eisenbahn bei Dunkirk durch die Bork-Brücke stürzte; 8 Personen wurden getödtet, mehrere verletzt. — Bei dem Unglück bei Louisville wurden 12Per- sonen getödtet; viele werden vermißt. — Der,Newyork Herald' meldet aus Buenos-AireS, gestern Abend kurz nach 10 Uhr sei in Rio de Janeiro eine Panik entstanden. Peixoto hatte einen Angriff aus die In­surgenten gemacht; die auf der Jufel Corbas poftirtm Batteri« Gama'S erwiderten sofort das Feuer, indem sie etwa 50 Minuten lang Rio mit einem Hagel von Geschossen überschütteten. In Rio hatten gerade die Theater ihre Vorstellungen beendet und zahlreiche Theater- beiuAer befanden sich auf den Straßen. Viele Häuser wurden beschädigt. Nach dem.World' sollen auch viele Personen getödtet sein.

* Chicago wird an den Nachwehen der Welt­ausstellung noch längere Zeit zu leiden haben, rmd zwar an Nachwehen verschiedentlichster Art. Augen­blicklich nimmt die Stadt eine Art „Generalsäuber­ung" vor. Bon der Zeit der Ausstellung her befind« sich dort zahlreiche Fremde, welche während die Affäre im Gange war, Gelegenheit genug fanden, „sich durch- zuschlagen," nun aber zu einer vollständigen Gemein- qefahr geworden sind. Die öffentliche Sicherheit ist schwer bedroht, und Raub und Mordaufälle gehören zu den täglichen Vorkommnissen. Und dem ' zu steuern hat die Polizei sich veranlaßt gesehen, zu außerordentlichen Maßregeln zu greifen. Die Stadt wird künftig von Mitternacht bis zum Morgen unter einem förmlichen Belagerungszustand steh«. Schaaren von Polizisten, die meisten in Civil, werd« die Straßen durchstreifen, und Jeder, der auch nur > einigermaßen verdächtig erscheint, wird sofort festge- nommen werden, wenn er sich nicht zur Genüge über seine Person, sein Geschäft und war er m der Nacht

„Allerdings seh richttg." , , .

„Kann man hier monatliche Pension hab«? srug Soliveau.

„Gewiß", antwortete die Magd, welche in der Nähe stand, „später, wenn wir ein wenig Ruhe hab«, werde ich Ihn« die Wirthin schicken, und Sie mög« sich bann mit ihr verständigen."

„Gut. Einstweilen bring« Sie mir eine Hübsch- Flasche Burgunder, aber etwas Gutes. Die Kamerad« werden gevsiß mit mir anstoßen!"

„Natürlich!" bestätigte Tourangeau.

Marianne brachte eine gute Flasche Burgunder her- bei, welcher bald eine zweite solgte. Rasch war daS Eis zwischen den beiden Gesellen gebrochen und eine halbe Stunde später war der neue Ankömmling ver- | werden ja morgen wiederkommen?" sagte der

' Lyonese, indem er sich erhob, und Ovide die Hand gab.

„Gewiß, morgen srüh werde ick kommen, und werden wir dann zusammen eins trinken.

i „Gut, wir werden darum wurseln, wer bezahl« i soll !" ,

i „Einverstanden, also bi, morgen früh!

Tourangeau und der Lyonese gmg«. Langsam - vollendete Soliveau sein Mahl. Allmähsig sichtete nch