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Sonntag, beit 17. Dezember 1893.
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DM- Zweites Blatt.
□ „Schlechte Zeiten!"
Berlin, 14. Dezember.
Dar ist der Klageseufzer der Geschäftsleute, die hinter der erhofften Weihnachtslosung zurückbleiben, und der EatschuldigungS-Seufzer der Hausväter, die längst nicht alle Wünsche von Frau, Kind und — ja nicht zu vergeffen! — Dienstmädchen befriedigt haben.
Wenn die Gefchäfte schlecht gehen, so sucht man schleunigst nach einem Sündenbock, auf dessen Haupt man alle Schuld und allen Grimm abladen kann. Als die Getreidepreise so schrecklich niedrig wurden, machte man die Handelsverträge zum Sündenbock, als wenn ein nicht einmal allgemeiner Zollabschlag von l'/zMk. Schuld fei an dem Preissturz von 10 bis 12 Mark. Wenn jetzt das Weihnachtsgeschäft schlecht geht, wird sich eine Hetze erheben gegen den Sündenbock „Sonntagsruhe". Eine Menge Geschäftsleute werden glauben oder wenigstens behaupten, daß Alles ganz anders und viel bester geworden fein würde, wenn man nur an den betreffenden letzten Sonntagen noch von 4 bis 10 Uhr Abends hätte offen halten dürfen. Wäre nun wirklich in diefen drei Abendstunden noch erheblich mehr verkauft worden? Ich glaube es nicht. Kunden wären freilich in diesen Stunden immer noch gekommen, denn es gibt Leute genug, die bis zum letzten Augenblick warten. Aber diese Käufer bei Thorfchluß bleiben jetzt keineswegs zu Haufe, fondern sie kommen nun schon von 5 bis 7 Uhr. Sie wissen ja zur Genüge, daß von 7 Uhr ab nicht» mehr zu haben ist. Worauf es für die Geschäftsleute ankommt, ist die gleichzeitige und allgemeine Schließung der Geschäfte in dem ganzen Konkurrenz-Bezirke. Wenn kein Geschäft in der Lage ist, dem andern während der Schlußzeit Kunden wegzufangen, so kommen sie sämmtlich zu ihrem regelrechten AMyeii an Dem LLeiynacgivuu.suy. ny- täuschten Hoffnungen ist schwer Vernunft piedrgen. ES rast der See und will seine Opfer haben. Auf daS arme SonntagSgesetz wird wahrscheinlich wieder mächtig loSgeschlagen. Gerade weil ich dem SonntagSgesetze Heil und langes Leben wünsche, habe ich die unmaßgebliche Neigung, den Wünschen nach zeitweiligen Ausnahmen unter besonderen Umständen möglichst wert entgegenzukommen. Ob an einem Tage im Jahre, wenn zufällig dec heilige Abend aus einen Sonntag fallt, der Handel noch in drei Abendstunden weiter tm Gange bleibt, ist für den religiösen und sozialen Zweck der Sonntagsruhe wirklich nicht von Erheblichkeit. Kann man durch ein solches Zugeständniß Borurtheile und Hetzereien hintanhalten, so darf man eS nach meiner Ansicht wohl machen. Dies ist so mein „unpolitisches Gefühl; aber ich will den berufenen Borkämpfern der gesetzlichen Sonntagsruhe durchaus nicht in'S Handwerk pfuschen. „Es geht auch so," sagte der selige Herr von Meyer, und daS SonntagSgesetz wird sich auch halten lassen, wenn eS einmal mehr zum Sündenbock sür schlechte Geschäfte gemacht wird. —
Was soll nun daS kaufende Publikum bei den schlechten Zeiten" machen? Soll eS den Beutel kram pf- haft geschloffen halten und den gewohnten WeihnachtS- Aufwand erheblich zurückschrauben? Das wäre ein schwerer Schaden für die Gesammtheit, weil durch eine empfindliche Absatzstockung weite Kreise der EwerbS- thätigkeit in arge Verwirrung gerathen würden und schließlich hie Arbeiter und kleinen Leute die Suppr auSzmssen hätten. ES ist eigentlich nicht gut, daß Handel und Wandel bei uns so sehr von dem Weih- nachlsgeschäft abhärgen, aber eS ist nun einmal so. Wenn' sich der Geld- und WaarenauLtausch über alle zwölf Monate gleichmäßig vertheilte, ohne im Ganzen geringer zu werden, fo wäre bas für die Industrie, daS Handwerk, den Handel und schließlich auch für das kaufende Publikum von Bortheil. Darum ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Familienvater mit den geplanten Anschaffungen für den Haushalt nicht bis Weihnachten wartet, sondern schon vorher seine Bedürfnisse deckt, wenn, gerade die Gelegenheit günstig ist. Nur möchten wir bei der jetzigen Zenlage nicht un- nöthigeS Verschieben anrathen. Wer Anlaß zum Kaufen und das nöthige Geld dazu Hal, der lasse jetzt der hungrigen Geschäftswelt etwas zukommen und ver- tröste sie nicht auf Ostern oder Pfingsten, bis wohin mancher Unternehmer pleite gegangen und mancher Arbeiter brodloS geworden fein kann.
Wer zur Einschränkung seines WeihnachtSaufwandeS
gezwungen ist, kann die üblen Folgen der schlechten Zeiten erheblich abschwächen, wenn er klug und geschickt die Fragen löst: waS, wo und wann er kaufen soll.
Was soll man bevorzugen? Der Thor denft, die Masse oder der hohle Schein müßte eS machen, und ucht seinen Geldmangel dadurch wett zu machen, daß er „billiger und schlechter" kauft, also eine Menge sichernden Schundes zusammenhäuft. ES ist möglich, »aß im ersten Augenblick die Beschenkten sich blenden affen; aber im prosaischen Tageslicht kommt bald die unangenehme Enttäuschung. Beschränkt lieber den Um- sng, als die Güte des Geschenkes. Ferner muß man »et der Auswahl der Geschenke den eigentlichen Zweck derselben schärfer inS Auge faffen: sie sollen nicht zur Selbstverherrlichung deS Gebers oder zur Bereicherung des Empfängers dienen, fondem sichtbare Zeichen von orgsamer, opferwilliger Liebe sein. So erhalten die Saben ihren rechten Werth erst bann, wenn sie von liebevoller Beobachtung der Bedürfnisse, der Wünsche und dcS Geschmacks der Empfänger zeugen. Eine Kleinigkeit, die einer stillen Gemüthsregung der be- chenkten Person entspricht, macht viel stärkeren und viel schöneren Eindruck, als ein protziges Ding, daS nicht dar Herz rührt, sondern nur die Neugierde nach dem Kostenpunkt weckt. Je beschränkter die Mittel, desto ;ründlicher und herzlicher muß man bei der Auswahl iit Werke gehen. Selbstverständlich muß man dann daS praktische, waS einemBedürfniß abhilst und dauernden Werth behält, den reinen Luxus- und Prunksachen vorziehev.
Wo soll man kaufen? Im eigenen Ort, soweit eS eben möglich ist. In den soliden Geschäften, die mit uns in kommunaler Gemeinschaft stehen. Nicht von den Hausir ern, die heute uns allerhand zweifelhafter Zeug anhängen und morgen über alle Berge sind! Nicht von den „Ausverkäufern" und sonstigen Schmarotzern. Händler, die mit all« Künsten und Kniffen^ MFMtz„MbeM„u»L.LflNy.. der.kaMe- scheu Bazaren, mit denen daS Großkapital den erwerbs- thätigen Mittelstand unterdrücken will! WaS man m den biederen örtlichen Geschäften nicht haben kann, muß man natürlich von der nächsten Stadt holen. Aber wo der Fall eintritt, da scheue man nicht den Weg, um selbst zu prüfen und zu kaufen, und lasse sich nicht auf die „Postpacket-Geschäfte" ein, die mit ihrem „Versandt" durch ganz Deutschland bem sollbeit Handel soviel Schaden thun. Da kauft man dte Katze im Sack, und meistens ist sie auch danach, — dazu möchte ich noch die Mahnung fügen: Kaufe dort nicht, wo man andern Leuten Vorzugspreise oder Rabatt bewilligt. Mag diese Rabattwirthschast unter der Flagge von Olfizier-Vereinen, Beawten-Beretnen, Spar-Vereinen, Konsum-Vereinen ober was sonst stehen, eS kommt immer darauf hinaus, daß du als näememer Käufer höhere Preise bezahlen mußt (oder schlechtere Waare bekommst), damit der Kaufmann sich von den Vergünstigungen erholen kann, die er den prwilegirtkn Käufern gewährt. Warum willst Du dem schöner Geld dorthin trogen, wo man Dich nicht für voll ansteht und schlechter behandelt, als d-e Anderen? ,,
Wann soll man kaufen? Möglichst frühzeitig. Nicht in den allerletzten Tagen ober gar tu den letzten Stunden, wenn man überhaupt früher Zeit und Geld hat. In manchen Geschäften ist schließlich die Auswahl beschränkt, und jedensalls hast Du um so ruehr Frei- Heck zum Wählen und Prüfen, wenn Du dem Massen- andrang zuvorkommst. Der kluge Käufer, der Tags über Zeit hat, vermeidet auch die Abendstunden, in denen sich die Menge der am Vor- und Nachmittage schindenden Personen eivfindet. '
Nun könnten wir endlich noch nach dem Wie? fragen und die Antwort geben: Kaufe gegen baar und gehe in ein Geschäfr, wo feste Preise gelten und nicht „gehandelt" zu werden braucht. Auf Pump zu kaufen ist überhaupt unvernünftig, aber gar Weihnachtsgeschenke auf Kredit und zu Lasten der Zukunft zu übernehmen, daS ist erst recht eine »irthschaftliche Sünde. DaS traurige „Abhandeln" und „Akkordnen ist für manchen kurzsichtigen Käufer ein Genuß; wenn sie nicht von dem Preis etwas herunter zerren können, fo halten sie sich für ungeschickt und übervortheUt. Daß der Kaufmann, der mit sich „handeln" lägt, immer erst einen tüchtigen „Vorschlag" macht und in den meisten Fällen lrotz deS imposanten Abschlags den Käufer noch hochnimmt, übersehen diese Schacherlustigen. DaS Publikum trägt selber mit Schuld daran, wenn es noch so viel Geschäfte gibt, wo man keine reell be
rechneten und für Alle gleichen Preise hat, sondern Jeder so viel abzuknöpfen sucht, als von ihm zu habe» ist. Bilde Dir doch ja nicht ein, Du seiest klüger, alber geriebene Kaufmann, der sich „akkorbiren" läßt. Im Handumbrehen hat der erfahr«« Mann heraus, wie klein beine Sachkenntnisse sind und wie groß Dein Appetit auf diesen oder jenm Artikel ist. Danach wählt er die Maaren aus, die er Dir vorlegt und an* preist, und danach setzt er auch die Preise fest, die er Dir abnehmen zu können glaubt. Wenn die gute« Leutchen, die nach tüchtiger Abhandlung mit triumphiren- der Miene von dannen ziehen, nur sehen könnten, wie behaglich der geriebene Händler sich nachher die Hände reibt und mit welcher überlegener Zuftiedenheit er baS Geld einstreicht, obschon er vorher geschworen hat, daß er dabei nicht einmal auf die Kosten käme. Feste Preise — ehrliche Preise! Wo die nicht sind, dahm brauchst Du auch nicht zu gehen. —
Soeben treffe ich einen Berliner Geschäftsmann, der noch einen zweiten Sündenbock für ein schlechter Weihnachtsgeschäft entdeckt hat: das schlechte Wetter. ES thaut und regnet und die Straßen sind verzweifelt schmutzig und ungemüthlich. „ES regnet Pleiten", sagt der Fachmann. „Sie glauben gar nicht, wie viel Schaden fo ein Wetter den Geschäftsleuten zufügt. Das trifft nicht allein die Leute, die mit warmen Wintersachen handeln, sondern mehr oder weniger alle. Die Leute gehen nicht „Schaufenster besehen", wenn eS so schmutzig ist, und ohne diesen neugierigen Bummel kommt die Kauflust nicht in Flor. Ueberhaupt hab« die Menschen keine rechte Komage, wenn daS Barometer tief steht und die Kleider hoch genommen werd« müssen. Wenn nächste Woche noch Schmutzwetter bleibt, dann mache ich meine Bude zu und melde mich für daS Fach der Massenverwalter, denn daS ist baue noch der einzige Erwerbszweig, der blüht."
Der eifrige Geschäftsmann hat die Farben wohl etwas, dick auf getragen, aber eS steckt Wahres darin, acht Tagen vor Weihnachten so zugespitzt, daß jede Störung, auch die durch unangenehmes Wetter, sofort als ein nationales Unglück empfunden wird. DaS bänat dem Erwerbsleben einen gewissen Glücksspiel-Charakter an. Ich fürchte, daß sich diese bedenk- liche Entwickelung nicht bessern, sondern ehn noch ver- schärfen wird. Da Hilst keine Warnung un Allgemeinen, sondern man muß eS jedem Einzelnen noch eingeben, das rechte Maß zu halten in der weihnachtlich« Ge- fchenkaeberei. .
Im Uebrigen kann man nicht oft genug wieder- holen: Haltet euch an die soliden, einheimischen Ge- schäfte und wendet namentlich den Handwerkern i» eigenen Orte alles Mögliche zu, statt unnöth,ger Wäse daS Geld den großen, auswärtigen Unternehmern zuzuweisen. ,,, ,L _„
Und möge der Himmel den „schlechten Zeiten durch etwas hübschen Frost mit weihnachtlicher Schneedecke unter die Arme greifen!__
Gottesvienst-Orvnung in Fulda.
Stadtpfarrkirche. Samstag, den 16. Dez Abends 5 Uhr Beqinn der neuntägigen Andacht.
Sonntag, ben 17. Dezember.
Dom. Um 5*/s, 6, 7'/' Uhr heil. Messen, 9 Uhr Um
gang mit dem Allerheiligsten, Hochamt und Predigt. 2 Uhr Vesper, 3 Uhr Predigt und Sakramentsbruderfchast um 7 Uhr Uhr hl. Messe mit Predigt, 7 Uhr hl. Meße, 8 Uhr h. Messe mit Predigt und Kinderkornrnunlon, um S /- Uhr Hoch amt und Predigt, um 11 Uhr hl. M, um 11 und /.UHr Christenlehre, um 5 Uhr Andacht (u'cht 3 Uhr) Michael» kirche Um 10 Uhr Gottesdienst. ~ J.
tim 8 Ubr Amt mit Predigt, 4 Uhr Andacht mit «egen. Dienst machen Kongregation? Um 3'/, Uhr Andacht tu der Kapelle avnttprhnufeS __ Frauenberg. Um 5, 5*/s und 61 /» Uhr
hl. Messen, 8 Uhr Hochamt Um 2 Uhr Nachm. Bruderschaft mit Predigt.
Vermischtes.
* Antwerpen, 11. Dez. 9« bet Bongen Nacht brannte das „lte hanseatische Haus, bas tm Jahre 1564 errichtet wurde und eine der Sehenswürdigkeiten der alten Stadt ist, voll- ständig nieder. Seit 1881 diente es als Waarenlager, speziell sür Getreide. Durch den Brand soll für ca. 2 Millionen Getreide vernichtet sein. Der Brand dauerte die ganze Nacht und konnte erst heute Nachmittag gelöscht werden. Be, dem Brand verunglückten drei Mann der Feuerwehr. Zwei wurden von einer einstürzenden Mauer getödtet und einer schwer verletzt. Der Verlust wird auf ca. 5 Millionen geschätzt. Man vermuthet vorsätzliche Brandstiftung. - .
* Chicago, 13. Dez. Ein Unbekannter drang gestern un Centralpostamt in das Bureau des Kassners sur den Grobverkauf von Briefmarken, schlng den Kasfirer nieder und entfloh mit einer Baarsumme von 7000 Dollars.