bare« Handlungen. Sehr bezeichnend ist die abermalige Steigerung der Zahl der jugendlichen Verbrecher, indem unter den Berurtheilten sich 49,488 Personen von 12 bis 18 Jahren befanden gegen 41,240 im Borjahre, so daß eine Zunahme von über 10 Prozent stattgefunden hat, also eine um mehr als zwei Prozent größere Zunahme wie bei erwachsenen Personen. Wird man nicht endlich einsehe«, wohin „Bildung" ohne die richtige Erziehung führt? Wird man nicht endlich begreifen, daß auch in der Volksschule der Grundsatz zur Durchführung kommen muß: „Dem Volke muß vie Religion erhalten bleiben."
* In Deutschland sind Gesetze gegen den Shtar« chiSmus nicht zu erwarten. Der Reichskanzler hat, wie mehrseitig verlautet, erklärt, daß die bestehende Gesetzgebung auSreiche.
* Nach der Zählung 1890 gab eS in Preußen 372,659 Jn-e« d. h. 1,42 Prozent der Gesammtbe- völkerung, und davon lebten 209,605 oder 56,54 Prozent. in 83 Städten. Berlin hatte 1890 5,011 Prozent d. h. 79,986 Juden, deren Zahl auf fast 100,000 gestiegen ist. Frankfurt a. M. hat 9,682Prozent, ist also mit einer Judenbevölkerung von 17,426 fast doppelt soviel wie Berlin, auch Posen mit 8,798, Beuthen mit 5915, BreSlau mit 5297 und Emden mit 5,126 Prozent stehm prozentualiter höher, doch leben in Posen nur 6120, in Beuthen nur 2183. Am wenigsten Juden gibt eS in Schleswig-Holstein, nämlich in der ganzen Provinz 0,29 Prozent und im Kreis Flensburg gibt eS so gut wie gar keinen.
* Stuttgart, 15. Dez. Den ,Ulmer Nact richten' zufolge werden 120 württembergische Offiziere nach Preußen versetzt et vice versa.
* Leipzig, 14. Dez. Um 9 Uhr begann im Schwur« gerichtSsaal deS Landgerichts vor dem zweiten und dritten Strafsenate des ReichSgerichtS der Spionen- prozeß gegen die in Kiel verhafteten französischen Osfiziere Degory, alias Dubois, sowie Delgney-Ma- laveS. alias Dagnet. Den Vorsitz führt Senatspräsident Wolff, die Anklage vertritt Oberreichsanwalt Testen- dorf. Die Bertheidigung führt Rechtsanwalt Putzler. Fünf Zeugen und zwei sachverständige höhere Seeoffiziere sind geladen. Degovy gibt an, er sei Seeoffizier erster Klaste, beigegeben dem Generalstab der Flotte, MalaveS, SchiffSvsfizier zweiter Klaffe. Beide haben schon 1890 Reisen nach Deutschland gemacht. Polizeisergeant Matzen-Kiel theilt seine Beobachtungen während des Kieler Aufenthaltes mit. Bei Vernehmung der Sachverständigen wird die Oeffentlichkeit ausgeschlossen.
* Karlsruhe, 14. Dez. Der Erzkulturkämpfer Herr Kiefer hat dieser Tage wieder einmal gegen die Jesuiten gedonnert. War hätte eS erst abgesetzt, so fragt der,Bad. Beobachter', wenn er gewußt hätte, daß sich in seiner Nähe ein Jesuit aufhält! Seit einigen Tagen weilt nämlich ein Jesuiten pater, dessen Name in der Gelehrtenwelt einen guten Klang hat, in der badischen Residenz. WaS hat der Jesuit wohl hier zu schaffen? Wollte er predigen, still oder laut die hl. Meste lesen oder die hl. Sakramente spenden? Oder wollte er sich mit Herrn Kiefer in eine Diskussion über die Wein« und Tabaksteuervorlage einlasten? Vielleicht hätte der gelehrte Jesuitenpater hiervon gerade soviel oder noch Einiges mehr verstanden, als Herr Kiefer, der bei dieser Debatte über die Jesuiten und noch tausend andere Dinge, aber nicht über den eigentliche» Gegenstand der Tagesordnung redete. Oder beabsichtigte der Jesuit am Ende gar, wie die Fama sagt, das Fürstenbergische Palais zur Gründung eines JesuiteakollegiumZ zu mietheu oder anzukaufen? Auch das nicht, sonst käme ja ganz Deutschland in Noth und Gefahr; sondern der Herr macht wissenschaftliche Studien aber nicht etwa über Dynamitbomben und ähnliche Dinge, sondern über „Sozialpolitik", und zwar in der Grobherzoglich Badischen Landesbibliothek.
• Hamburg, 14. Dez. Zum Fahrkarten- Prozeß vor der Strafkammer III des Landgerichtes hat sich zahlreiches Publikum eingefundm. Sämmtliche Angeklagte und Zeugen sind erschienen. Auswärtige Bertheidiger sind Friedmann (Berlin), Heinemann und Wallach aus Essen. Die Verhandlungen werden voraussichtlich 3 Tage dauern. Bisher haben die Schaff« «er die allgemeinen Beschuldigungen nicht zugegeben.
Ausland.
* Richt mit Bomben, wie in Paris, sondern mit Flugblättern treten die Anarchisten jetzt in der Schweiz auf. Aus Bern wird darüber gemeldet: Hier wurden ganze Ballen anarchistischer Schriften verbreitet, welche von Paris aus über die französische Grenze eingeschmuggelt worden. Dar Elaborat beginnt mit dem Satze: „Nunmehr ist der soziale Krieg erklärt." . . Dann feiert das neueste Machwerk der Anarchisten die „Attentate auf die menschliche Gesellschaft." Unter Anderem heilt es darin: „Die moderne Gesellschaft, welche dem Arbeiter den Ertrag [feinet Arbeit raubt und ihm als Lohn seiner Arbeit und Mühen nur Elend und Hunger bietet, um die Habsucht der Bourgeois zu betrieben, ist eine barbarische und unmenschliche, eine Gesellschaft, welche man civi- lisiren muß, wie dir amerikanischen Bourgeois die Roth- häute civil'.siren, indem sie sie vernichten!" Der
I Bundesanwalt Scheub hat sofort die Untersuchung gegen ! die Verbreiter des anarchistischen Flugblattes eingeleitet und mit Rücksicht auf dar Bomben-Attentat in Paris hat der BundeSrath zur Ueberwachung aller Tribünenbesucher im Parlamentsgebäude entsprechende Vorsichtsmaßregeln getroffen.
* Paris, 15. Dez. Die Anklage gegen Baillant wird wegen Mordversuchs und beabsichtigter Zerstörung deS Gebäudes der Deputirtenkammer erfolgen. Auf jeden einzelnen Fall steht Todesstrafe. — Bei einer bei dem Ingenieur Paul Rcclus vorgenommenen Haussuchung wurde eine umfangreiche Korrespondenz beschlagnahmt, welche beweist, daß Paul RecluS thä- tiger Anarchist ist und mit Anarchisten aller Länder ununterbrochene Verbindungen unterhält.
* In Italic» ist er Zarnadelli trotz aller Noth und Mühe nicht gelungen, ein vollständiges Ministerium zusammenzubringen", nun ist CriSpi mit der Bildung einer neuen Kabinets betraut worden. Er hat den Antrag angenommen, nachdem er vorher schnell den Rest der großen Schuld, die ihn in den Bank-Scandal verwickelte, bezahlt hatte. Eine Ironie der Geschichte, daß Giolitti, dessen Hände rein waren, deshalb gehen mußte, weil er dem Bank-Skandal und den daran Betheiligten gegenüber nicht entschieden genug vorgegangen war, während CriSpi durch die 240,000 Lire-„Anleihe" bei der Banca-Romana arg kompromittirt worden ist. Auch als „Dreiweiber-Mann" hat CriSpi einen schlechten moralischen Ruf — aber was will das bei der Erbärmlichkeit im modernen Italien bedeuten! Unsere liberalen Blätter nehmen natürlich auch kaum Anstoß daran, denn in CriSpi erblicken sie nicht nur den liberalen Staatsmann, sondern auch den erbittertsten Gegner deS Papstthums, den grimmigsten Feind der Religion, den Vertreiber der Orden und den skrupellosen KonfiSkator deS Kirchenvermögens. Früher galt CriSpi allerdings auch als überzeugter Anhänger deS Dreibundes, und als solcher wurde er bei seiner Anwesenheit in Berlin von den liberalen Parlamentariern gefeiert. Nach seiner Demission hat er sich aber einmal sehr kühl über den Dreibund ausgesprochen, so daß die Franzosen schon große Hoffnungen auf ihn setzten. Indessen liegt jetzt kein Anlaß vor, in die auswärtige Politik CnspiS Mißtrauen zu setzen. Auf politische Abenteuer auSzugehen und Kulturkampf zu treiben, verbietet ihm die innere Lage Italiens; er wird feine ganze Kraft einzufetzen haben, um Italien von dem fast unabwendbaren Staatsbankerotte zu befreien, und dazu wird er der Unterstützung weitester Kreise bedürfen. Darum hat er auch sein neues Ministerium nicht aus engeren Parteifreu..den zusammengesetzt, sondern Männer aus verschiedenen Parteien berufen, um mit den neuen Ministern zunächst ein Regierungsprogramm, namentlich ein Programm für Ersparnisse, festzusetzen, um den Staatsbankerott zu verhüten. Ob es ihm gelingen wird?
* Loudon, 15. Dez. Nach einer Depesche ans Petersburg verlautet in dort gutunterrichteten Kreisen, der Abschluß der russisch-deutschen Handelsvertrags tätige gegenwärtig viel weniger von kommerziellen und wirthschastlichen als vielmehr von politischen Berhältniffen ab. In russischen Kreisen werde eS sogar für wahrscheinlich erachtet, die russische Regierung werde trotz ihrer bisherigen unnachgiebigen Haltung nach Abschluß der deutschen Verträge mit Rumänien und Spanien schließlich geneigt sein, Zugeständnisse zu machen.
* lieber die bereits gemeldete Flucht des Ka- wassen Nicola Juric, der wegen des blutigen Zwischenfalls in der Geburtskirche in Bethlehem als österreichischer Unlerthan der österreichischen Regierung ausgeliefert werden sollte, veröffentlicht die,Pol. Corr.' einen aus Kairo vom 27. November batirten Bericht, anS dem hervorgeht, daß die Flucht deS Verbrechers durch dessen mangelhafte Ueberwachung und durch die orientalische Indolenz deS mit feiner ES kor- tirung betrauten zweiten Kawaffen ermöglicht worden ist. Der Kawaffe Nicola Juric, der vor Kurzem in der NativitätSkirche zu Bethlehem einen katholischen Priester getödtet und einen andern verwundet hatte, war vor einigen Tagen unter Bewachung des Kawaffen des österreich-ungarischen Konsulats von Jerusalem auf dem österreichischen Dampfer „Minerva" in Alexandrien angekommen, um von dort auf der „Thalia" vorn Oesterreichischen Lloyd seine Reise nach Triest fort« zusetzen und den dortigen Gerichten übergeben zu werden. Als die beiden Kawaffen nach einem Spaziergang (!) durch Alexandrien SbeudS auf das Schiff zurückkehrten und sich nach ihren Kabinen begaben, glückte es dem Arrestanten, unbemerkt zu entschlüpfen und daS Land zu erreichen. Trotzdem der Kawaffe sofort, als er das Verschwinden feine» Gefährten bemerkte, daß kaiserl. und tönigl. Konsulat benachrichtigte und d e eifrigsten Nachsuchungen angestellt wurden, tft es noch nicht gelungen, die geringste Spur von dem Entflohenen zu finden. Der pflichtvergessene Konsulats- Kawaffe, der sofort in Haft genommen wurde, wird an Bord eines österreichischen, nach Syrien gehenden Dampfers nach Jerusalem zurückgeschickt, um sich wegen seines Vergehens zu verantworten. Es ist abzuwarten, bemerk dazu die .Neue Freie Presse', ob dieser Kawaffe nicht auch durchgeht und spurlos verschwindet, bevor et nach Jerusalem gelangt.
* Washington, 14. Dezbr. Die Repräsentantenkammer nahm eine Bill an, wonach das Territorium von Utah zum Staat erklärt werden soll; zugleich ein Amendement, daß die Vielweiberei zu verbieten sei.
Chicago, 14. Dezember. Die Zahl der Beschäftigungslosen in Chicago wird auf 117,000 geschätzt. In einer Konferenz der Vertreter der Wohl- thätigkeitSanstalten deS Staates Illinois wurde ein Komitee ernannt, um einen UaterstützungSfonds von einer Million Dollars aufzubringen.
Stabt, Promn; mtb Nachbargebiet.
Fulda, 16. Dezember.
(*) Große Erregung und Erbitterung hat in Fulda die Nachricht hervorgerufen, daß die Ueberschüffe deS Fuldaer Leihhauses für Anstalten in anderen kut> heffischen Städten verwendet werden sollen. Daß man SertenS der Fuldaer Stadtbehörde und des Kreistages Alles aufbieten und nötigenfalls den Rechtsweg beschreiten will, um den bett. Beschluß des KommnnallandtagS rückgängig zu machen, findet allseitige Billigung. Daß die Leihanstalt für und zum Besten von Fulda und Fuldaer Land gestiftetist, steht außer allem Zweifel, und daß die Ueberschüffe nur durch Geschäfte erzielt wurden, welche von Fuldaer Bürgern und Kreiseingeseffenen mit dem Leihhause gemacht wurden, ist ebenfalls sicher. Während möglichst viele kommunalständischen Anstalten in Kassel errichtet werden, während Hanau immer mehr Miiitär erhält, während man das Landgericht zum Schaden Fulda'S nach Hanau verlegt hat, während für Marburg und seine Universität Aller geschieht, immer neue Kliniken rc. gebaut werden, hat man Fulda Alles genommen, waS nur zu nehmen war. ES ist hier noch unvergessen, wie daS Fuldaer Archiv nach Marburg gekommen ist. Ueber diese Verhältnisse herrscht hier allseitige Mißstimmung. Warum verwendet man nicht der aller gewöhnlichsten Billigkeit entsprechend die Ueberschüffe für die Bedürfnisse deS Fuldaer Landes, dem sie allein nach Stiftungszweck und Billigkeit zukommen? Im vergangenen Jahre stand die Fuldaer Stadtbehörve vor der schweren Frage, vb die städtischen Finanzen den Fortbestand der für Fulda so wichtigen Realschule ermöglichten. Warum botirt man nicht biefe Realschule mit ben Mitteln, welche eine Stiftung zu Gunsten ber Fulbaer Gewerbetreibenden abwirft? Warum erweitert man dieses Institut nicht zu einer Gewerbeschule? Warum kommt man dem Kreis Fulda nicht zu Hilfe bei seinen Anstalten für die Siechen deS Kreises, wobei noch große Summen vonnöthen sind? Rein, Alles überläßt man uns zu bezahlen, und für andere Anstalten nimmt man uns die aus unfern Mitteln erzielten Ueberschüffe. Man hat hier allgemein die Möglichkeit bezweifelt, daß Fulda überhaupt noch etwa- zu nehmen sei. Nun ist man eines Besseren belehrt worden!
= Der Gesangverein Winfridia feiert am zweiten WeihnachtStage fein 17. Stiftungsfest mit Christbaum, Weihnachtsfeier und Tanzkränzchen in den Sälen ber Harmonie.
* Das Ministerium ber öffentlichen Arbeiten läßt zur Zeit Ermittelungen anstelle«, welche Sleiuarte» am widerstandsfähigste» gegen Zeit und WttterungS- eirflüsse sind, und somit am besten zvr Verwendung bei öffentlichen Bauten sich eignen dürften. Zu diesem Zwecke sollen von den ältesten Baudenkmälern des Landes, namentlich von Kirchen, Proben der Stein- artcrt und des Gemäuers durch eigens dazu beorderte Fachleute entnommen und in der für solche Untersuchungen bestehenden Station in Charlottenburg bei Berlin untersucht werden. Verschiedene Pfarrer, an deren Orten sich sehr alte Gotteshäuser bi finden, sind schon ersucht worden, diese Entnahme gestatten zu wollen.
* Da die Bahnsteigkarte» ohne Tagesstempel aus- gegeben werde«, tft es zulässig, gleich größere Poste« zu entnehmen und dieselben nach und «ach zu verbrauchen.
* Dem auf Rundreisehefte reisenden Publikum dürfte es von Interesse fein, zu erführen, daß bei gleicher Hin- und Rückreise nur bte Hinreise aufgestellt zu werden braucht. Die Kilometer und Beträge für dieselbe werden addirt und unter die Summe wird diese noch einmal mit ber Bezeichnung: „und denselben Weg zurück" gestellt und danach die ganze Summe gezogen.
* Der Abt P. Benaventura von Mariaster» (Bosnien) ersucht nur um Bekanntgabe der folgenden Warnung: „Ein Mann mit Namen Wilhelm Junker aus Bonn und in seinem Namen mehrere Andere, welche mit Haussegensprüchen hausiren, hat sich eine Vollmacht mit meiner NamenSunterschrift zu verschaffen gewußt. Wir warnen einen Jeden hiermit, demselben für unser Kloster, resp. Waisenhaus etwas zu geben. Alle unsere lieben Wohtthäter, welche unferm MissionS-Waisenhaule geneigt sind, belieben sich nur an die altbekannte Adresse: Bruder Fridolin Teller in Darfeld, Westfalen vertrauensvoll zu wenden."
* Der Verband deutscher Leinen-Industrieller hat in seiner letzten General-Versammlung beschloffen, zur Wiederbelebung des Flachsbaues in Deutschland