290 Sonntag, den 17. Dezember 1893. 20. Jahrgang
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UolKsvergiftuug.
. . . Hier koste das Stück von der Klapperschlange mit Schierling,
Schinken vom rasenden Hund mit spanischen Fliegen gepfeffert.
Und die gebratenen Kröten mit würziger Tunke von Asa. Hier sind Otterneier mit Hexenbutter geschmorret, Fliegenschwamm in Tofana gebeizt und fette Taranteln, Magenwein mit Arsenik und Silberglätte gebalsamt.
Joh. Heinr. Boß, Idyllen.
Mit diesen Versen beschreibt uns der Dichter eine Mahlzeit, mit der ein wohlvelproviantirter Teufel seinen reisemüden Amtsbruder bewirthrte, als sie zusammen in beschwerlicher Nachtfahrt zum Hexentanze auf den Blocksberg fuhren. Zutreffender als mit diesem höllischen Küchenzettel läßt sich wohl jene geistige Nahrung nicht kennzeichnen, die heute in den wissenschaftlichen Sudelküchen bereitet und dem Volke in allen Gassen aufgetischt wird. Wir meinen unsere „wissenschaftliche" Bolkslitteratur, die Bücher und Broschüren über die Entstehung der Erde, über die Abstammung deS Menschen, über die Bibel, daS Leben Jesu, die Geschichte der Päpste, der Inquisition, den Pfaffenspiegel und wie die giftigen Schundwaaren alle heißen mögen, die im Gewände der Wisfenfchaftlichkeit und der Geschichtsforschung die faule Seuche der Unglaubens und der Gewissenlosigkeit in die weitesten Volksschichten hinein tragen. Was literarische Giftmischer und der Haß der Apostaten seit Jahrhunderten an Lügen und Verleumdungen gegen die Kirche und das Christenthum zusammengesotten haben, wird heute von schreibenden Sudelköchen portionenweise an allen Straßenecken feilgeboten. Sonst sind die Leckerbiffen der wissenschaftlichen Hex-nküche nur an die „Satten" zur Beruhigung ihres Gewisfens und zur Förderung des Ber- dauungswerkes verkauft worden, heute wird diese Höllenkost auch den „Hungrigen" der Straße als geistige Nahrung geboten. Heute ist Jedermann Gelegenheit gegeben, sich um zwanzig Pfennige geistig zu vergiften; wer das Doppelte aufwenden will, kann in einem Leben Jesu oder in einer kritische» Bibelbeleuchtung dar Gift in ganzen Eimern verschrieben bekommen. Der Kolportage-Roman trägt sein redliches Stück zur Verrohung und Verdummung des Volkes bei; er ist aber verhält- nißmäßig unschuldig im Vergleiche zu den populärwissenschaftlichen Sudeleien, in welchen unhaltbare Meinungen von Gelehrten als feststehende Ergebn sie der Wisienschast dargeftellt und erwiesene Verleumdungen als Thatsachen der Geschichte auszeschrieen werden. Diese widerchristliche Bolkslitteratur ist echte Schierlingskost und giftiger Taumelwein, der den Leuten den Kopf schwindeln macht und der das Volk zum tollen Hexmtanz der Revolution herrichtet.
Die Sozialdemokratie hat das traurige Verdienst, der Leselust und dem Bildungsdrange der Arbeiter mit wissenschaftlicher Schundwaare und giftiger Lügenkost entgegenzukowmen. Nicht bloß im Kreise der „Genossen", überall, wo sie offene Thüren findet, wie z. B. in den Gewerkschaften, werden Brandschriften gegen die Religion und die Priester verbreitet; eifrige Genossen suchen sie auch Mitgliedern der katholischen Gesellen- und Arbeitervereine in die Hand zu spielen. Die sozialdemokratische Presse empfiehlt solches Giftzruj mit lauten Posaunenstößen und bewirlhet ihre Kostgänger auck eigenhändig mit alten „Schinken vom rasenden Hund" und „mit K'öten in würziger Tunke von Asa". So kommt eS, daß „Genossen", an deren Milchgesichtern noch kein Barbier fünf Pfennige verdient hat, mit ihrer Freigeisterei herumprahlen und Buben mit 15 i Jahren sich vor Gericht als konfessionslos bezeichnen! : Natürlich wird nebenher hoch und rheuer versichert, daß die Sozialdemokratie mit der Religion nichts zu thun habe und sich rein auf wirthschafrlichem Boden ; bewege. Jndeß wollen wir keineswegs verschweigen, s daß der kulturkämpferische „Liberalismus" aus dem
Gebiete der Klapperschlangenlitteratur der Sozialdemokratie in ausgezeichneter Weise vorgearbeitet und ihr eine süßduftende Apotheke von Seelengiften hinterlasien hat, die er Tag für Tag noch mit neuen Gistbüchsen bereichert. '
Dieser planmäßigen Volksvergiftung gegenüber müssen wir auf Abwehr bedacht sein. VolkSthümliche Schriften zur Bertheidigung des Glaubens sind ein dringendes Bedürfnis. Wir haben keinen Ueberfluß daran. Der Unglaube hat seine Kanzel auf der Gasse aufgeschlagen, darum muß auch der Glaube auf der Gasse aufgeschlagen, darum muß auch der Glaube auf der Gasse verkündet werden. ES wäre eine dankbare Aufgabe etwa auch für Theologiestudirende, diese Art deS Predigtamtes ins Auge zu fassen und sich darauf vorzudereiten. Jean Paul sagt: „Der Autor ist der Stadtpfarrer deS Universums". Man mag ein tüchtiges Stück Ueber- treibung in diesen Worten finden, aber ein Stück Wahrheit liegt auch darin. Auch in BereinSversammlungen und in der TageSpreffe werden apologetische Themate mit Nutzen behandelt. Zur Widerlegung von geschichtlichen Anklagen gegen die Kirche haben wir daS ausgezeichnete Werk „Geschichtslügen", das in 10. Auflage erschienen ist. Wir haben einmal einen Schmähartikel gegen die Päpste in vier sozialdemokratischen Zeitungen abgedruckt, den ganzen Artikel aber Punkt für Punkt in den „Geschichtslügen" widerlegt gefunden. In diesem Buche ist reicher Stoff für Vorträge und für Artikel in der Lokalpresse gegeben. Die katholischen Arbeiterund Gesellellvereine besitzen regelmäßig auch eine kleine Bibliothek. Es ist sehr zu empfehlen, dahin Bücher und Zeitschriften zu schenken. Manches Buch steht Jahrzehnte müßig im Bücherschränke, daS, wieder an die Luft gebracht, neuen Nutzen stiften könnte. Möge Jeder nach seinen Kräften beitragen, daß dem gähnenden Büchergifte, daS unter das Volk verbreitet wird, auch wirksame Heilmittel entgegengesetzt werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Dezember.
ä Der Handels-Vertrag mit Rumänien ist, wie bekannt, vom Reichstage mit 189 gegen 165 Stimmen angenommen worden. Neue Vortheile gewährt derselben der deutschen Industrie nicht, er dient jedoch dazu, ihrem wichtiges Absatz-Gebiet zu erhalten. Nach den gegebenen Nachweilen arbeiten zur Zeit in Deutschland 72,000 Arbeiter für Rumänien, davon allein 12,000 Eisenarbeiter in Oberschlesien, die auf diesen Absatz angewiesen sind und deren Existenz davon abhängt; durch einen Zollkrieg mit Rumänien würden sie brodloS werden. Rumänien bezieht zur Zeit jährlich für etwa 112 Millionen Mark deutsche Erzeugnisse, liefert dagegen für etwa 60 Millionen Maik seiner Produkte; eS kommen also jedes Jahr noch 52 Millionen baares Geld aus Rumänien nach Deutschland. Die Produkte, welche Rumänien ansliesert, sind:
MaiS ei. Mk. 28,000,000!
Gerste „ „ 16 000,000,
Weizen „ „ 14 000.000,
Roggen „ „ 2,000,000.
Die Einfuhr in Gerste hat in den letzten Jahren etwas zugenommen, namentlich aber hat sich dieMais-Ein- fuhr ganz bedeutend erhöht als Folge der im Westen Deutschlands herrschenden Futternoth; die Einfuhr von Weizen hat dagegen nicht zugenommen, die von Roggen ist fogar zurückgegangen, trotzdem der Zoll für diese beiden Getreide-Sorten vor 2 Jahren ermäßigt worden ist. Durch den neuen Vertrag sind Rumänien keinerlei weitere Zoll-Ermäßigungen oder Vortheile zugestanden, eS bleibt vielmehr lediglich bei den seitherigen für alle Welt (mit Ausnahme Rußlands) giltigen Zöllen von Mk. 3 50 für Roggen und Weizen,
„ „ 2.— „ Gerste, „ „160 „ MaiS.
wie solche an Rumänien seit 1892 schon eingeräumt sind. Bekanntlich ist die Erhöhung dieser deutschen Zollsätze auf Grund bereits bestehender Verträge mit Oesterreich-Ungarn für fast alle Länder der Erde vor dem Jahre 1904 unthnnlich. Ein Zollkrieg mit Rumänien würde also jetzt nur den Zweck haben, den Preis für MaiS, für welchen allein Rumänien den AuSschlag gibt, zu vertheuern und zugleich eine große Zahl deutscher Aibeiter um ihren Erwerb zu bringen, ohne daß der deutschen Landwirthschaft auch nur daS Geringste damit geholfen würde. Diese Verhältnisse sind nicht allein durch die stattgefundenen Er
hebungen bewiesen, sondern auch von sachverständigen Großgrundbesitzern und Bauern als durchaus zutreffend anerkannt worden. Einer der größten Gutsbesitzer Deutschlands hat deshalb im Reichstage erklärt, daß durch diesen Vertrag die Lebens-Interessen der deutschen Landwirthschaft nicht geschädigt würdm. Darauf hin hat sich schließlich die Majorität deS Reichstages für die Annahme entschieden.
* Der Reichstag nahm heute die Handelsverträge mit Rumänien, Spanien und Serbien in dritter Lesung endgültig an und vertagte sich darauf bis zum 9. Januar. Die von der Kommission zu den Verträgen beantragte Resolution betr. internationale Schiedsgerichte in Zollstreitsachen, internationale Regelung des Währungssystems, des Börsenwesens und der Arbeiterschutzgesetzgebung wurde vertagt und kommt erst nach Neujahr zur Verhandlung. Die Debatte bot verschiedene interessante Momente, namentlich infolge des Umstandes, daß Graf Herbert BiSmarck dieselbe einleitete. Derselbe schloß aus verschiedenen Aeußer- ungen des Reichskanzlers, daß derselbe ein eifriger Schüler der Freihändler geworden. Staatssekretär Frhr. v. Marschall erwiderte, daß die Verträge der Industrie nützten, die Landwirthschaft nicht schädigten. Bei den Getreidezollerhöhungen habe man sich vo« dem Bestreben leiten lassen, Kompensationsobjekte für Handelsvertragsverhandlungen zu gewinnen. 86g. Beck (frf.) bestritt eine Rothlage der Landwirthschaft. Abg. Graf Kanitz (fortf.) wies zum Beweise sür die Wirkungen der Verträge auf die Getreidepreise auf die Stimmungen der Produktenbörse gegenüber den Nachrichten über das voraussichtliche Schicksal der Verträge hin, betonte die Nothwendigkeit der Erhaltung der Landwirthschaft im Jnteresfe der Wehrfähigkeit der Landes und befürwortet seinen Antrag, |bie Verträge event. nur auf ein Jahr abzuschließen. Abg. Schulze-Hamm (nl.) sprach für die vorliegenden Verträge, erkannte aber die Schädlichkeit der Vertragspolitik für die Landwirthschaft an. Abg. v. Kardorff (Rp) wies auf die verschiedenen Gebiete seiner Amts- thätigkeit hin, auf denen er für die Interesse der Landwirthschaft eintreten könne, und empfahl dringend internationale Regelung der Währungsfrage. Abg. Schippel (Soz.) sprach für, Graf zu Inn- und Knypp- Hausen gegen die Verträge. Abg. Richter (fr. V.) bekämpfte den Antrag aus einjährige Bewilligung der Verträge. Nachdem noch Abg. Klose (6tr.) für die Verträge gesprochen, erfolgte die Abstimmung.
* Eine weitere Mauserung Derer um Rickert scheint bereits beschlossene Sache zu sein. Wie sich aus der Politischen Wochenübeisicht der ,Nation' ergibt, will die „Freisinnige Bereinigung" sich künftig als „Liberale Partei" bezeichnen. Es heißt in dem betreffenden Artikel, welcher über den Parteitag handelt: „Für den Neugeborenen wurde der alte Name „Liberale Partei" erkoren, wenngleich die Fraktion in den Parlamenten aus einem Zweckmäßigkeitsgründe zunächst noch die frühere Benennung „Freisinnige Bereinigung" forttragen wird." Auf den Namm kommts, meinen wir, gar nicht mehr an; jedermann weiß nachgerade, was er vom „Liberalismus" und vom „Freisinn" der Rickert'schen zu haltm hat.
* Im preußischen Abgeordnetenhaufe ist soeben em vorläufiges Verzeichniß der Mitglieder nach Fraktionen geordnet erschienen. Danach zählen die Konservativen 141, das Centrum 95, die National- Liberalen 90, die Freikonservativen 61, die Polen 17, die Freis. Volkspartei 13, die Freis. Bereinigung 6 Mitglieder. Fraktionslos find 9 Mitglieder (v. Buddenbrock, v. Eckardstein, Johannsen, Krantz, Kröner, Lassen, v. Lieres, Dr. Lotz, Mentz), erledigt ist 1 Mandat (2. Posen), welches voraussichtlich wieder der Freis. BolkSpartei zusällt. Hosvitanten sind nur 3 Mitglieder, Abg. Dr. Briiel beim Centrum, Dr. Hahn und Dr. LotichiuS bei den National-Liberalen. Den letzteren gehört auch Abg. Mohr-Ationa an, dessen Parteistellung bisher etwas unsicher war.
* Wo soll das hinaus? Tas neueste Viertel- jahrkheft der Statistik deS Deutschen Reichs enthält die vorläufigen Mittheilungen über die deutsche Krimi- nalstatistik für 1892. Es hat sich danach die Zahl der Personen, bie wegen Verbrechen und Vergehen gegen die RestßSgesetze veruriheilt sind, gegen das Vorjahr sehr erheblich vermehrt; sie betrug 422,326 gegen 391,064 im Vorjahre. ES ergiebt dies eine Zunahme um 31,262 Personen oder nahezu 8 Prozent. Diese Zunahme erstreckt sich auf alle Gattungen von straf-