290 Sonntag, den 17. Dezember 1893. 20. Jahrgang
FuldaerMZeillliig
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der
diese die
Mutter Lison zu Ehren feiern?"
Allgemeiner Beifall war die Antwort auf Frage.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(195. Fortsetzung.)
Endlich verließ sie die Stube, um an ihre Arbeit zu gehen. Der Lyonese und Tourangeau, welche erst Nachmittags ihre Arbeit zu beginnen brauchten, blieben noch mit mehreren Kameraden sitzen. Wir erinnern uns noch, daß es der Loynese war, welche Johanna auf die Bäckerei Lebret aufmerksam gemacht und ihr auch die Stelle als Brodträgerin verschafft hatte.
„Jst'S abgemacht?" frug er Tourangeau.
„Ja, ich stimme entschieden dafitr," versetzte der Angeredete. „DaS heißt, wir werden hören müssen, waS die andern dazu sagen."
„Um waS handelt eS sich?" ertönten zahlreiche Stimmen.
„Hört, waS ich euch Vorschläge," fuhr der Lyonese fort. „Mutter Lisoy ist eine wackere Frau, die wir alle hochschätzen, nicht wahr?"
„Ja, ja . ."
„Es hätte uns sehr betrübt, wenn sie ein Opfer dieses Unglücksfalles geworden und von dem Gerüste erschlagen worden wäre."
„Versteht sich!"
„Und um die ganze Sache in würdiger Weise zu beendigen," fuhr der Lyonese fort, „denke ich, werden alle von der Bäckerei, die hierhin gekommen, gerne fünf oder sechs Franken aus ihrer Tasche hergeben."
„Dies wird Niemanden ruiniren."
I Tagm wird sie mich vergebens suchen, denn dann werde ich auf und davon sein."
Mit seiner Rückkehr nach Paris hatte Ovide in irgend einer Spielhölle einen Menschen kennen gelernt, der früher in Buenos-Ayres gewohnt hatte. Dieser besaß dort auch jetzt noch ein Etablissement, wodurch er genöthigt war, mit seinem Vertreter eine Korrespondenz zu führen. Diese Persönlichkeit hatte Ovide mit der größten Bereitwilligkeit über die Verhältnisse des Landes unterrichtet und ihm außerdem EwpfehlungS- Briefe an seine dortigen Bekannte und Freunde versprochen.
Soliveau konnte also, sobald er in Buenos-Ayres anlangte, sich nicht allein stehend fühlen.
Die fragliche Persönlichkeit hieß Tiercelet und wohnte in der Rue Jakob. Ovide entschloß sich einer Nachmittags, den genannten Tierc-let von seiner demnäch- stigen Abreise in Kenntniß zu setzen und ihn um die versprochenen Empfehlungs-Bciefe zu bitten. Er hatte eben zahlreiche Gänge in der Stadt gemacht und befand sich gerade in dec Nähe des Platzes Saint-Snlp'ce, nicht weit von der Rue Jakob, wohin er sich dann begab.
Der ehemalige Fabrikbesitzer von Buenos-Ayres war indeß abwesend und sollte erst sehr spät am Abend heimkehren.
Soliveau, ein wenig unangenehm durch diesen Zwischenfall berührt, sagte dem Portier, daß er am nächsten Tage wiederkehlen werde. In Gedanken über sein Mißgeschick versunken, ging er die Rue de Seine hinab. „Ich Dummkopf!" sagte er plötzlich zu sich selbst. „Ich hätte ein Wort zurücklossen und den Zweck meines Besuches mittheilen sollen. Vielleicht muß Tier - celet morgen wieder ausgehen, dann treffe ich ihn eben so winig als heute und ich muß wiederum von vorn anfangen. Das Beste ist, daß ich ihn um eine Zusammenkunft an einem bestimmten Tage und zu einer bestimmten Stunde bitte. Es ist noch Zeit, ich will ihm schreibend Er blickte um sich, ob kein Casö da
I sii, wo er die wenigen Zeilen schreiben könne.
Sein Blick fiel auf das Schild: „Zum Rendezvous des BoulangerS." Ec erkannte dieses HauS wieder — ein gelindes Schauern durchzuckte ihn am ganzen Leibe. Eine sonderbare, ganz auffällige und ebenso unerklärliche und doch wirkliche Thatsache ist es, daß ein Verbrecher mit Vorliebe die Orte wieder aussucht, wo er sein Verbrechen geplant m d ausgeführt halt. T-.otz der Gefahr führt etwas wie eine unwiderstehliche Kraft sie an diesen Ort zurück.
Ovide überschritt die Schwelle der Weinschänke. Der Wirth thronte hinter der Theke wie an dem Morgen, wo der Elende, als Lumpensammler verkleidet, Johanna nachgeganqen und dann hineingetreten war, um einen Schluck Wein zu trinken.
„Ich möchte eben einen Brief schreiben," sagte er zu dem Wirthe, „haben Sie vielleicht ein Privat-Kabinet ?"
„Ja, hier," antwortete der Wirth, indem er auf den kleinen Raum deutete, welcher von dem großen Scale durch eine Glaswand getrennt war, in welchem sich ein kleines beweglicher Fenster befand.
„Geben Sie mir also eine Tasse Keffee und zugleich Feder, Tinte und Papier," sagte Ovide weiter.
„Sogleich, mein Herr."
Soliveau betrat das Kabinet. .
Wir haben bereits bemerkt, daß die Glaswand zur Hälfte mit Mouffelin-Vorhängen veid.ckt waren, die ehemals weiß gewesen waren. Diese Vorhänge hingen nicht sehr tief herunter, so daß man unter denselben her in den Saal hineinblicken konnte.
Ovide warf, während erwartete, bis ihm daSVer- langte gebracht wurde, einen Blick in den Saal hinein. Einige Bäckergesellen saßen hier und da an den Tischen herum.
Der Kellner brachte Ovide das Gewünschte.
Dieser schickte sich zum Schreiben an. Die Stimmen der in dem anstoßenden Saale anwesenden Eäste drangen so dentlich zu Ovide herüber, daß er sich um- sah, um zu sehen, wie er möglich sei, daß er dieselben so genau unterscheiden könne. Jetzt sah er, daß dar kleine bewegliche Fenster halb offen stand. UebrigenS hatte dieser Umstand wenig Inter» sie für ihn. Er begann seinen Brief an Herrn Tiercelet.
Der große Saal begann sich allmählich zu füllen. Jeden Augenblick kam,n Gesellen, Brodträger und Trägerinnen herein. Dazwischen ging die Magd hin und her, sich nach den Wünschen eines Jeden erkundigend.
So kam sie bei dieser Äeschäftiaung an einen Tisch, welcher ganz nahe bei dem Kabinet Ovidr'S stand. Zwei Männer und eine Frau saßen an diesem Tische.
„Die Wirthin läßt fragen, ob Sie mit dabei sind
„Also ihr seid auch der Meinung, daß Jeder recht wohl sechs Franken für ein kleines Familienfest, ein kleiner Freudenmahl hergeben tarnt, das wir
„Wirklich, eine vortreffliche Idee," sagte Wirthin, welche zugehört hatte. „Ich bin auch mit dabei und will eine Flasche Champagner geben."
„Ich auch," setzte die Magd hinzu«
„Und ich ebenfalls," sagte der Kellner.
84.
„Also abgemacht," sagte der Lyonese. „Um Mittag, denke ich, wollen wir das Mahl veranstalten, dann ist Jeder frei. Wir wollen eine Liste nehmen, in die sich Jeder einzeichnen kann; den Betrag kann dann die Mithin in Empfang nehmen. Sie mag dann die Liste umgehen lassen."
„Einverstanden!"
„Wie viel jede Person, Wirthin?"
„Sechs Franken, dafür werden Sie ein feines Mahl haben," antwortete die Frau.
„Gut also, sechs Franken."
Alle Anwesenden zeichneten sich in die sofort entworfene Liste und entrichteten ihren Betrag.
„Besonders darfMutterLison nichts davon wissen!" rief der Lyonese. „Sie muß vollständig überrascht werden und wir werden sie erst Morgens einladen."
„Gut, wir werden schon reinen Mund halten." sagte die Wirthin. „Wann soll dar Fest statifinden?" frug sie weiter.
„Wir werden den Tag bestimmen, sobald Alle unterzeichnet haben."
Ovide rüstete sich mit großem Eifer zu seiner bevorstehenden Abreise.
Er brachte den ganzen Tag damit zu, eine Menge Dinge einzukaufen, welche er in Kisten einpcckte, die nach Bnenos-Ayres gehen sollten. Weshalb war seine Wahl gerade auf BuenoS-AyreS gefallen? Weil er hatte sagen hören, daß man in Buenos-AynS viel spiele und das Spiel war, wie wir bereits seit langer Zeit wissen, seine Havptleidenschaft.
Geschäftig eilte er in Paris umher, fortwährend mißtrauisch gegen Amanda, weshalb er sorgfältig den Stadttheil mied, wo er nach seiner Meinung etwa mit ihr znsammentrtffen konnte und er richtete er stets so ein, daß er seine Wohnung verließ und dahin zurückkehrte zu einer Zeit, wo er wußte, daß sie ihn nicht überwachen konnte, also in ihrer Arbeitszeit bei Madame Augustine. „Nur durch Zufall," so sagte er sich, „hat sie mich neulich gesehen uud ist mir dann gefolgt. Biel- leicht ist sie gerade auf einem Geschäftsgänge für ihr Geschäft gewesen. Nun, dar kann wohl einmal, nicht aber zum zweiten Male Vorkommen und nach einigen
und die Liste mit unterzeichnen wollen?" sagte die Magd zu den Gästen.
„Wobei sollen wir sein? Welche Liste sollen wir unterzeichnen?" sagte einer der Männer.
„Die Liste für dar Festmahl."
„Welcher Festmahl?"
„Sie wissen also nichts?"
„Nicht im Geringsten."
„Es handelt sich um ein Festmahl, welcher die Kameraden der Mutter Lison zu Ehren geben wollen am nächsten Donnerstage, um zu feiern, daß sie nicht von dem Gerüst in der Git-le-Coeur erschlagen worden ist."
Wäre der Blitz neben Ovide eingeschlagen, so hätte er keinen schrecklicheren Eindruck auf Ovide machen können als die Worte, die er soeben gehört hatte. Bleicher als eine Wand und zitternd wie ein Espenlaub erhob er sich mechanisch, erschrocken um sich blickend.
„Wir haben von dem Unglücksfalle gehört", antwortete die Frau, die bei den beide« Männern saß. „Die arme Mutter Lison, sie kann von Glück sagen!"
„Sie werden jedenfalls doch auch mit dabei sein", fuhr die Magd fort. „Alle nehmen Theil, er soll auch ein kleiner Tänzchen stattfindm, und der Preis ist sehr niedrig, nur sechs Franken die Person."
„Natürlich sind wir mit dabei! Die arme Frau — Jedermann achtet und liebt sie."
„Ich will die Liste holen, Sie unterzeichnen und zahlen dann Jeder sechs Franken."
Eisig kalt überlief er Ovide au allen Gliedern. „Johanna Portier lebt", stammelte er, ohne daran zu denken, beinahe mit lauter Stimme. „Und doch habe ich sie da liegen sehen, wie leblos, mit blutendem Kopfe! Unmöglich! Aber man gibt ihr zu Ehren ein Fest! Sie lebt — gerade wie ihre Tochter, ich habe sie beide verfehlt! wirklich verwünscht!"
Das Selbstgespräch des Elenden wurde unterbrochen. Die Stimme der Magd zog seine Aufmerksamkeit abermals auf sich.
„Hier ist die Liste", sagte die Magd. „Uuterzeich- neu Sie, aber kein Wort davon Lisa Perrin sagen, wenn Sie dieselbe etwa treffen. Es soll eine Ueber- raschung für sie fein."
„In diesem Augenblicke verbarg die Magd rasch das Papier hinter ihrem Rücken. „Bst! sagte sie zu gleicher Zeit, „kein Wort, da kommt Mutter Lison gerade!"
In der That kam Johanna in diesem Augenblicke noch mit einer anderen Brodträgerin zum Saale herein.
Ovide, der seine Kaltblütigkeit einigermaßen wieder gewonnen hatte, lüftete vorsichtig den Vorhang ein wenig nnd blickte in den Saal hinein. Er sah Johanna und erkannte sie sofort wieder. Sie trug noch einen Verband um den Kopf. „Sie lebt also wirklich!" murmelte er vor sich hin, während er den Vorhang fallen ließ. „Für Jakob bleiben also die nämlichen Gefahren bestehen, ebenso drohend für mich als für ihn! Bis zu meiner Abreise kann Johanna Portier immer noch mit Jakob zusammeutnffm.... ihn wiedererkennen ... mit ihm sprechen! Jakob wird sich weigern, mir das Geld zu geben, welches der Lohn ür ihren Tod sein sollte, wenn er sie wohl und munter iehtl Alles ist dann verloren! Aber der Zufall darf re nicht mit einander zusammen führen! Ich werde, Denn röthig, meine Abreise um einige Tage ver- chieben?"
Anstatt den angefangenen Brief zu vollenden, uitterte Ovide denselben zusammen und steckte ihn in sie Tasche. Daun rief er den Kellner herbei, zahlte und verließ, anscheinend mit der größten Ruhe von der Welt und mit der Miene einer behäbigen Bürgers, die Schänke.
Ein neuer Gedanke worin seirem kochenden Gehirn aufgetaucht.(Forts, folgt)
Vermischtes.
* Berlin, 12. Dez. Der Erzieher der kaiserlichen Prinzen, Lehrer Stephan, der nach dem Abgänge des jetzigen Hofpredigers Keßler seines Amtes waltet, ist irrsinnig geworden. Derselbe leidet, der ,Potzdamer Korrespondenz' zufolge an Grö- zenwahn.
* Wien, 13. Dez. Wie aus Fiume gemeldet wird, stürzte gestern Abend der Bischof von Banjaluka, als er sich nach Zara einschiffen wollte, ins Meer. Es gelang, ihn zu retten: jedoch starb er nach wenigen Minuten.
* Auf einem Spaziergange vom Schlage getroffen starb in Iburg bei Osnabrück der Kaplan Ludors. Man fand den taff« lichen Geistlichen tobt im Felde, nachdem die Hausangehörigen durch sein Ausbleiben am Abend beunruhigt worden waren.