289 Samstag, den 16. Dezember 1893. 20. Jahrgaax
MdaerAZkitllms
mit der größten Vorsicht vorgehen. Wenn diese beiden Leute über ein neuer Verbrechen sinnen, was durchaus wahrscheinlich ist, so müssen wir sie zu hindern suchen, eS zu vollbringen."
Stephan Castel dachte bei diesen Worten an Johanna Portier, von deren Aufenthalt in Paris Paul Har- mant Kenntniß hatte.
„Verfügen Sie über mich, ich wiederhole es," sagte Raoul.
„Was haben Sie seit Ihrer Ankunst in Paris gemacht?" ,
„Ich habe nichts Anderes gethan, als diesen schurkischen Ovlde Soliveau gesucht."
„Sie verdienen nichts und haben keine anderen Mittel als die Entschädigung, welche Sie von der Eisenbahn erhalten haben, die bald erschöpft sein wird. Ich stelle Ihnen also meine Börse zur Verfügung."
„Dies ist nicht nöthig, mein Herr," fiel Amanda ins Wort, „ich habe einige Ersparnisse, sie sollen bis zum letzten Heller zu dem gemeinsamen Werke verwandt werden."
„Mein Anerbieten bleibt nichts desto weniger bestehen, und Sie können stets von demselben Gebrauch machen. Hier ist meine Karte, meine Adresse steht auf derselben. Wo wohnen Sie?"
„Rue ins Dames 28, Batiguolles," antwortete Amanda. „Sobald Sie irgend etwas erfahren haben,
®on"’ und Friertage ausgenommen. — Inserate kosten bie einspaltige Zeile oder deren Raum 15 bei Wiederbolnnaen enttotetbetther Snfatt ^^lahrbcher^Abonnementspre,s ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in gulbcf unb auStatrtiTl Km?50 Pf»»-,
Industriearbeitern zwar erklären läßt, aber doch bei den 95,3 Prozent Katholiken ein sehr betrübendes Er- eigniß ist." — Es liegt hier ein Jrrthum vor, der dadurch entstanden ist, daß die für den polnischen Kandidaten abgegebenen Stimmen mit den sozialdemokratischen Stimmen verwechselt wurden. Wie die,Schl. VolkSztg.' mitt'qeilt, wurden im Wahlkreise Ratibor bei der l«tz en Reichstagswahl abgegeben für Pfarrer Frank (Emkum) 9582, für Lehrer Robotta (polnischer Kandidat) 5749 und für Bebel(Soz.) nur 610 Stimmen. Es wurden also bloß etwas über 3 Prozent - sozialdemokratischer Stimmen abgegeben.
* Das Attentat in der französischen Depntirten- kammer hat zunächst die Wirkung gehabt, daß die i Stellung des jungen Ministeriums sich erheblich : gebessert hat. D-r Schrecken ist den Herren Deputirten
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Dezember.
dermaßen in die Glieder gefahren, daß sie in der Angst um das eigene Leben Herrn Kasimir Perier bewilligen, was er haben will. Mit der Verschärfung der Gesetze und der Vermehrung der Polizei ist aber dem sozia- listisch-anarchistischen Uebel gründlich nicht beizukommm. Die heutige Gesellschaft erntet die Früchte, welche sie selbst gesäet hat. Die Gottlosigkeit ist aus den höheren Kreisen in die unteren Schichten gesickert und entwickelt sich da naturgemäß zur „Propaganda der That". Die liberale Presse bemüht sich eifrig, den Anarchisten Baillant der Sozialdemokratie an die Rock'chöße zu hängen. Es ist ja richtig, daß zwischen Anarchismus und Sozialismus kein grundsätzlicher Unterschied besteht. Beide entsprießen einer gemeinsamen Wurzel, und beide verfolgen dasselbe Ziel des Umsturzes der bestehenden Gesellschaftsordnung. Sie unterscheiden sich nur in der Art des Vorgehens. Die Sozialdemokraten sind mehr für ein gewisses methodisches Vorgehen, während die Anarchisten die am schnellsten und am heftigsten wirkenden Mittel anwenden. Die Sozialdemokraten tadeln sie deshalb, aber nicht, weil ihnen das Vorgehen der Anarchisten mißfällt oder sie empört, sondern lediglich, weil sie eS für inopportun, unnütz und ihren eigenen Bestrebungen gefährlich halten. Ihr Unwille richtet sich nicht gegen die Frevelthaten der Anarchisten, sondern lediglich gegen daS Ungeschick dieser gefährlichen Leute. Aber der Liberalismus sollte doch die Pharisäer-Rolle aufgeben und den Anarchismus als seinen Enkel anerkennen, da der Sozialismus sein Sohn ist. Der Liberalismus hat so lange die göttliche und die in Gott gegründete menschliche Autorität geleugnet und bekämpft, daß er sich nicht wundern darf, wenn die antichristtichen Massen vor der Autorität seines Geldsackes nicht Halt machen. Es ist leider nicht zu hoffen, daß die gegenwärtigen Machthaber — in Frankreich und auch anderswo — den guten Willen haben, die Quelle des UsbelS zu verstopfen. Und so wird die gegenwärtige Gesellschaft wohl noch mehr solcher Thaten schauen müssen, wie die eines Vaillant, Ravachol u. d Pallas, ehe sie reuig an ihre Brust schlägt.
* München, 13. Dezbr. Die nächste europäische Fahrplan-Konferenz wird am 6. und 7. Juni in Paris ststtfinden.
* Darmstadt, 13. Dez. Der Landtag wurde heute mit einer Thronrede des Großherzogs eröffnet. In derselben heißt es, die Thatsache, daß. abweichend von den zur Regel gewordenen Verhältnissen, dir an daS Reich zu leistenden Matrikularbeiträge schon im laufenden Budgetjahre den Betrag der Ueberwrisungen des Reichs an die Bundesstaaten namhaft überschritten und die Besorgniß, daß ohne die von den verbündeten Regierungen mit dem Reichstag angestrebte Verständig- ung über neue oder erhöhte Einnahmequellen eine schwere Ueberlastung der Einzelstaaten eintreten müßte, hatten die Aufstellung eines Voranschlages, welcher das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben wahrt, zu einer schwierigen Aufgabe gemacht und die größte
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(194. Fortsetzung.)
83.
Nach einer kurzen Pause fuhr der Maler, sich an Amanda wendend, wieder fort:
„Wollen Sie mir sagen, was Sie von diesem Menschen wissen, was Sie bemerkt, was Sie wahrgenommen haben seit dem Tage Ihrer ersten Zusammenkunft bis zu dem Tage, wo er Sie verlassen hat?"
„Ja, wenn Sie mir ein Versprechen geben wollen," antwortete Amanda.
„Welches Versprechen?"
„Uns bei unserer Rache behiflich zu sein."
„Dies kann ich Ihnen versprechen, denn unsere Inter« ssen sind dieselben."
„Und Raoul soll nichts widerfahren?"
„Wenn eine Untersuchung eingeleitet ist, so werde ich dafür sorgen, daß sie wieder eingestellt wird."
„Gut, dann will ich Ihnen alles erzählen."
Amanda gab jetzt dem Maler eine Schilderung ihrer Verhältnisse mit dem falschen Baron de Reiß, wobei Sie im Einzelnen alles anführte, was sie gesehen, gehört und vermuthet hatte.
„Sre hatten Recht", versetzte der Maler, als sie geendet hatte. „Dieser Mann ist in der That der Mörder Lucie's, und er handelte für Paul Harmant,
; dies ist klar wie die Sonne. Aber die materiellen Be- l weise fehlen uns, und diese müssen wir aber in den : Händen haben, um die beiden Elenden zu vernichten, i Ich kann über Sie verfügen, Herr Duchemin, nicht
„Ganz nach Belieben."
„Gut denn, fahren Sie fort, Paul Harmant zu - überwachen, denn ich bin überzeugt, daß wir durch ihn ; die Adresse seines Helferkhelfer entdecken werden."
„Ich werde ihn überwachen."
„Sobald Sie wissen, wo Ovide Soliveau wohnt, ; werde ich Ihnen sagen, war Sie weiter zu ihun haben I werden. Bei ihm werden wir, daran zweifle ich nicht, I den Beweis finden, dessen wir gegen ihn und seine i Helfershelfer bedürfen."
„Kennen Sie denn Paul Harmant nicht?" frug Amanda.
; . »Gewiß kenne ich ihn, ja ich verkehre sogar in seinem Hause, und er besucht mich zuweilen."
„Könnten Sie denn nicht selbst ebenfalls handeln?"
„Nein, denn ein ungeschickter Wort oder ein unvorsichtiger Schritt würden bei ihm Verdacht erregen, und er würde nicht bloß auf seiner Hut sein, sondern vermuthlich verschwinden."
„Sie haben Recht."
„Die Jagd, welche Herr Duchemin gestern auf ihn und Soliveau gemacht hat, hat sie jedenfalls schon stutzig gemacht," fuhr der Maler fort, „also heißt er
* Der Bnndesrath hat dem Vernehmen nach heute den Antrag deS Reichstags betr. die Eisenbahn- Freikarten der Abgeordneten abgelehnt.
* Die Spannung zwischen Berlin «nd Stuttgart ist bisher von den sonst so gesprächigen und um Ableugnung nicht verlegenen Osfiziösen hartnäckig igno- rirt worden. Es steht nachgerade wohl fest, daß eS weniger um die Weinsteuer und den Ausfall der Manöver, als um die Einschränkung der vertragsmäßigen Rechte Württembergs in Bezug auf die Militärverhältnisse sich handelt. Von den verschiedensten Seiten wird übereinstimmend berichtet, daß von Württem- berg Zugeständnisse an Preußen in diesem Punkte verlangt worden sind. Die Münch. Reuest. Rachr.' machen in einer Zuschrift aus Stuttgart als Grund für die \ Rothwendigkeit, Württemberg noch fester als bisher an ! das Reich zu ketten und zwar durch eine die Rechte 5 Württembergs verkürzende Militärkonvention, den Um« i stand geltend, daß Erbe der württembergischen Krone, falls der König kinderlos bliebe, ein Sproß der katho- lischen Seitenlinie sei. Diese Begründung enthält eine empörende Beleidigung aller deutschen Katholiken, sofern damit ausgesprochen sein soll, daß ein katholischer König zu Zweifeln an seiner Reichstreue Anlaß geben würde. Soll eS aber besagen, daß die württembergischen Protestanten an Reichstreue einbüßen würden, wenn sie unter einen katholischen König kommen sollten, so gibt zwar das Verhalten gewisser Hetzer in Württemberg dieser Annahme einen Schein ; von Grund; indes wollen wir die Antwort auf diese Verdächtigung den Protestanten selbst überlassen. Mit i einer solchen für die Katholiken beleidigenden Motivir- i ________________
ung kann man auch verlangen, daß Boyer« seine noch | * In dem" kürzlich von uns gebrachten Leitmtikel
größer« Rechte in militärischen Dingen an Preußen, f „Die Sozial-emölratie irr Len überwiegend katho- denn darauf läuft es doch hinaus, abtrete. Wir glauben ; lisch-« Reichstagswahlkreisen" war von dem ober» rndeS nicht an die Angabe des Münchener Blattes, schlesischen Wahlkreise Ratibor gesagt worden: „Rati- am allerwenigsten, daß diese Begründung der Forder- i bor in Schlesien ist zwar dem Centrum erhalten ge- ung vom Kaiser ausgegangen sein soll, wie ihm zufolge • blieben, Hst aber an 40 Prozent Sozialdemokraten vielfach behauptet wird. Daß der König von Württem- ■ aufgebracht, was sich durch die Aqitation unter den berg erst 45 Jahre alt ist und daher zu solchen „Vor- t — ------ ----- - - - - -
sichtSmaßregeln" noch gar kein Anlaß vorliegt, ist für uns nicht ein Mal entscheidend. Solche Einfälle ent- s springen offenbar den erhitzten Köpfen aufgeregter Fanatiker, die unter dem Eir fluß des Evangelischen Bundes stehen. — In der gesammten Pr«sse Süd- । deutschlands, nicht bloß Württembergs, begegnet das - Verlangen, die Militär-Rechte Württembergs zu beseitigen, so viel wir sehen können, entschiedenen Widerspruch. Man will bei dem bishrrigen Zustande bleiben, man hält treu am Reiche, will aber die Rechte der Einzelstaaten nicht verkürzen lassen.
* Der Reichstag nahm den Gesetzentwurf betr. die Gleichstellung der Kriegsinvaliden von vor 1870 mit denen von 1870/71 bezüglich ihrer Pensionen und der Versorgung ihrer Angehörigen in dritter Lesung
nach den Beschlüsse« der zweiten Lesung an. Dann wurde die Berathung der Handelsverträge bei dem Vertrage mit Spanien fortgesetzt. Dabei kam es wieder zu einer allgemeinen Debatte über die Vertragspolitik überhaupt. Frhr. v. Manteuffel (kons) b«stritt, daß die Zustimmung zu den Verträgen mit O-sterreich und Italien nun auch zur Annahme weiterer Verträge verpflichte, und erklärte auch die früheren Verträge für einen politischen Fehler. Reichskanzler Graf Caprivi berief sich auf frühere Unterredungen mit hervorragenden Landwirthen, die einen Zoll von 378 Mark für ; ausreichend erachteten, und verwahrte sich gegen die i Unterstellung, daß er die Landwirthschaft zürücksetze. ’ Doppelwährung sei ohne England nicht möglich. Die | Agitation des Bundes der Landwirthe sei unkonservativ ä und gefährlich. Abg. Dr. Schultz-Lupitz (Rp.) ver- ; urtheilte gleichfalls die Agitation des Bundes. Abg. ; Rickert (frs. Ver.) verlangte, der Reichskanzler solle ent» - schieden mit der Rechten brechen; dann werde er auch j die Unterstützung des Volkes haben. Abgeordneter Dr.
Krvpatscheck (kons.) warf der Regierungspolitik Zu- sammenhanglosigkeit vor, weil sie mit den Verträgen in dem Augenblicke, da die Militärvorlage große Mittel beanspruche, reiche Zolleinnahmen preisgebe. Abg. Graf Limburg (kons.) stellte dem Reichskanzler gegenüber in Abrede, daß die Konservativen imperative Mandate angenommen. Für den Vertrag mit Spanien sprachen die Abgg. Frhr. v. Stumm (Rp), H-yl (nl.) und Dr. Lieber (Ctr.). Abg. Dr. Bürcklin (nl.) empfahl weitere Kontrolmaßregeln bezüglich der Weinverschnitten und Unterstützung der Winzervereine. Der Vertrag mit { Spanien wurde schließlich gegen die Konservativen, die i Mehrheit der Reichs Partei und eines kleinen Theils ! des Centrums angenommen, ebenso der Vertrag mit ■ Serbien. Morgen: 3. Berathung der Handelsverträge.