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Deutsches Reich.
Berlin, 13. Dezember.
* lieber das gestrige Diner beim Reichskanzler Grasen Caprivi erfährt die .Germania' Folgende-: Eingeladen und erschienen waren die Spitzen der Reichs- behörden, Excellenzen und Räthe erster Klasse, sowie der Gesammtvorstand des Reichstages, sofern sie nicht durch eine von Seiner Majestät nach Potsdam er» gangenen Einladung zu erscheinen behindert waren, schließlich der Direktor beim Reichstage, Geh. Reg.- Rath Knack, Geh. Reg.>Rath Günther ans dem Reichs- Kanzleramt und Geh. LegationSrath Schwarzkoppen ans der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amtes. Der Reichskanzler war gegen seine Gäste von der größten Liebenswürdigkeit und unterhielt sich abwechselnd mit allen Herren. Dem Vernehmen nach hat sich die Unhaltung auch auf politische Fragen erstreckt, jedoch hat dieselbe nur einen allgemeinen Charakter gehabt.
* Der Reichstag genehmigte die Einstellung eines gegen den Abg. v. Reibnitz fchw ebenden Strafverfahrens für die Dauer der Session und beschloß, die Regierung zu ersuchen, die Zahl der zu der Kommission für Arbeiter - Statistik zu delegirendey Reichstags-Mitglieder auf sieben zu erhöhen. Dann wurde die zweite Be- rathung der Handels-Berträge, und zwar speziell des Vertrags mit Rumänien fortgesetzt. Abg.Dr. Lieber sprach sich NamenS eines TheileS der CentrumS für vie Annahme dieses Vertrages auS. Obwohl er von der Ueberzeugung durchdrungen sei, daß dieLandwirth- fchaft sich in einer schweren Nothlage befinde, könne er doch der Anschauung des Grasen Mirbach nicht folgen, daß in Folge der Ablehnung der Handels - Verträge theilweise oder merklich eine Abhilfe geschaffen werden sollte. Im Reichstage wie in der Kommission sei ja auch von den Rednern für die Landwirthschaft erklärt worden, daß sie die fämmtlichen Handels-Verträge, die uns heute vorliegen, annehmen würden in dem Augenblicke, wo die Regierung die Doppelwährung einführt. (Widerspruch des Abg. v. Kardorff.) Man solle sich doch nicht an den Handels-Vertrag mit Rumänien fest hängen, um der Landwirthschaft zu helfen, sondern lieber die Regierung auffordern, auf Mittel zu sinnen, welche wirkliche Abhilfe schaffen. Darum habe er seine diesbezügliche Resolution zu den vorliegenden Handels-Verträgen eingebracht. Uns ist eS ebenso ernst, der deutschen Landwirthschaft zu helfen, wie Ihnen, wenn wir uns auch enthalten, uns vorwiegend oder lediglich als Vertreter der Landwirthschaft hinzustellen. Wir sind verfasfungSmäßig Vertreter des ganzen Volkes und müssen in gleicher Weise auch für die Industrie sorgen. ES wäre sehr zu wünschen, wenn die mißverständliche Auffassung unserer Stellung auS den Reihen der Landwirthschaft verschwände. Wenn Sie auf der Rechten sich als alleinige Vertreter der Landwirthschaft geriren, so geben Sie damit den Herren auf der Linken dar Recht, sich als alleinige Vertreter der Arbeiter zu geberden. (Zustimmung links). Die Konservativen haben ja auch, und zwar nicht aus Höf-
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(193. Fortietzmlg.)
„Ich bin zu Allem bereit, ich schwöre er Ihnen!"
„Sie haben also in der That dieses Dokument dem Archiv entnommen?"
„Ja, ich habe es gethan."
„Sie haben es verkauft?"
„Nein, ich habe es als Gegenleistung gegeben."
„Dies kommt auf Eines hinaus, weil diese Leistung, von welcher Sie sprechen, eine Geldleistung war. Laffey wir dies indeß bei Seite. Da eine Empfangsbescheinigung über das unerlaubter Weise entnommene Aktenstück nicht vorhanden war, so hadm wir nicht entdecken können, wer dasselbe erhalten hat — dies aber möchte ich wissen, und Sie sollen eS mir mittheilen."
„Weil Sie das in Rede stehende Aktenstück offenbar in Händen haben", fiel Amanda dem Maler in die Rede, „so haben Sie es doch wohl von einer Person erhalten, die Sie kennen, und Sie wiffen also bereits, was Sie unS jetzt fragen."
Der Maler wandte sich an die Arbeiterin und ant- ! wartete: „Was Sie da sagen, scheint ganz richtig zu - sein, Fräulein; indeß ist es dennoch nicht so. Dieses '
lichkeit für das Provisorium mit Rumänien gestimmt, welches die Getreidezölle bereit- aus 3,50 M. herabgesetzt hat. Ist es ferner richtig, was Graf Mirbach sagt, daß das Ausland die Zölle trage, was nützt es dann unserer Landwirthschaft, wenn der Zoll erhöht würde? Bei dem rumänischen Handelsverträge kommen bei unS zwei Dinge in Frage: Wird die Landwirthschaft durch denselben vor Schaden bewahrt? und: Hat die Industrie Bortheile davon? DaS Letztere ist jedenfalls unzweifelhaft, und wenn ich überzeugt wäre, daß die Landwirthschaft Schaden durch den rumänischen Handelsvertrag hätte, so würde ich nicht dafür stimmen. Die Besorgniß, daß der Handelsvertrag abgelehnt werden könnte, hat die Industrie schwer beunruhigt; wir sind mit Schreiben und sogar Telegrammen um Annahme förmlich überschüttet worden. Redner verliest ein Telegramm, worin dringend um Annahme des Handelsvertrages mit Rumänien gebeten wird, weil andernfalls die oberschlesische Industrie schwer geschädigt und T"usende von Arbeitern brodlos würden. Wenn man nach der Wirkung des rumänischen Vertrages und auch des Provisoriums fragt, so ist zahlenmäßig nachgewiesen, daß die Gesammteinfuhr von Getreide neuerdings nicht gestiegen ist und daß die Mehreinfuhr aus Rumänien nur eine rechnungsmäßige ist, da jetzt daS rumänische Getreide als solches deklarirt wird, während es früher als holländisches u. s. w. bei der Einfuhr angegeben wurde. Auch die Besorgniß, daß russisches Getreide über Rumänien eingeschmuggelt wird, ist unbegründet nach den unS gewordenen amtlichen Mittheilungen; daS rumänische Getreide würde nach wie vor auf dem bisherigen Wege über Belgien und Holland zu unS gelangen. Daß Süddeutschland mit rumänischem Getreide überschwemmt werden könne, ist schon wegen der Wasserstandsverhältnisse der Donau ausgeschlossen. Deshalb können wir. dir Befürchtung eines Tyeils unserer Freunde, daß der rumänische Vertrag die Land- wirthschast schädige, alS gerechtfertigt nicht anerkennen. So trat denn die ganze volle Verantwortung gegenüber unserer Industrie an unS heran. Gehen Sie nach Ober- schlefien, blicken Sie auf unsere Textilindustrie, gehen Sie nach dem Schwarzwald mit feiner Uhrenindustrie, überall werden Sie finden: Wenn irgend eine Hoffnung für uns re Industrie noch besteht, so beruht sie auf den Donaustaaten. Wir sind der Meinung, daß die Industrie exportfähig erhalten werden muß, denn damit erhalten wir zugleich unferer Landwirthschaft die sicherste Kundschaft. Nach ernster Prüfung habe ich und ein Theil meiner politischen Freunde die Ueberzeugung gewonnen, daß kaum jemals eine Regierungsvorlage begründeter gewesen ist, als diese. Derpreuß. Handelsminister Frhr. v.Berlepsch führte aus, daß die Ablehnung des Vertrags die Industrie schwer schädigen und der Landwirthschaft keinen Vorthei! bringen würde. Abg. Ploetz (kons.) blieb dabei, daß die Verträge, namentlich der rumänische, die Landwirthschaft schädigen würde. Seine Freunde stimmten solchen Verträgen nicht zu, ebenso wenig Verträgen, die auf längere Zeit ohne gleichzeitige Regelung der Währungsfrage gefchlossen werden sollten. Staatssekretär Frhr. von Marschall bestritt insbesondere
Schriftstück ist durch so viele Hände gegangen, daß ich bis zu derjenigen Person, die es zuerst empfangen hat, nicht habe Vordringen können. Eben deshalb bin ich hier. Soll ich Ihrem Gedächtniffe nicht etwas nach- helfen, Herr Duchemin? War der Versucher nicht ein gewisser Baron de Reiß?"
„Allerdings."
„Kannten Sie diesen Herrn bereits lange Zeit?" „Ich hatte ihn niemals gesehen."
„Dies klingt sehr unwahrscheinlich."
„Und dennoch ist es die Wahrheit, ich schwöre eS Ihnen!"
„Dann haben Sie also das Aktenstück Jemanden ausgeliefert, den Sie nicht kannten? Sie haben eine Thai begangen, welche ein Verbrechen ist, zu Gunsten irgend Jemandes, den Sie niemals gesehen haben? Aber welche Mittel hat denn dieser Mann angewandt, um aus Ihnen sein gefügiges Werkzeug zu machen?"
„Ec hat mich vor dem Asfismhofe gerettet!"
„Sagen Sie lieber, daß er Sie dahin gebracht hat!" „Ich war mir der Größe des Verbrechens, welches ich zu begehen im Begriffe stand, nicht recht bewußt. UebrigenS schien mir Baron de Reiß ein durchaus achtbarer Herr zu fein, ich mußte ihm Vertrauen schenken. Hören Sie, wie sich die Sachen zugetragen."
Duchemin erzählte jetzt dem Künstler int Einzelnen,
eine Schädigung der bayerischen Landwirthschaft in Folge des Vertrags mit Rumänien. Werde derselbe abgelehnt, so werde nur die ausländische Industrie Vortheil haben, nicht aber die deutsche Landwirthschaft. Abg. v. Bennigsen (ntl.) erkannte die Nothlage der Landwirthschaft voll an und ist bereit an allen Maßnahmen zur Beseitigung derselben mitzuwirken. Der rumänische Vertrag beeinträchtige aber die Landwirthschaft nicht nnd eigne sich nicht zu einer Kraftprobe. In einer Zeit wie der heutigen, wo große internationale Gefahren drohen, wie die Vorgänge in Paris abermals bewiesen, sei eS dringend nöthig, daß alle Besitzenden fest zusammenstehen, um dem revolutionären Sozialismus und Anarchismus zu begegnen. Abg. Dr. Schönlank (Soz.) erklärte, daß seine Freunde die Vorgänge in Paris mißbilligten. Diese gehörten aber nicht hierher. Im Uebrigen sprach er sür den Vertrag, ebenso Abgg. Fürst Radziwill Namens der Polen und Kröber Namens der süddeutschen Rechtspartei. Gegen den Vertrag sprachen noch Abgg. Hirsche! und Graefe (Reformp.), Dr. Sigl (wild) und Lutz (kons.). Zum Schluß trat noch Reichskanzler Graf Caprivi für den Vertrag ein, dessen Ablehnung auch daS deutsche Ansehen im Auslande herabsetzen würde. Schließlich wurde Art. 1 des Vertrags mit Rumänien mit 189 gegen 165 Stimmen, ebenso der ganze Vertrag angenommen. Morgen: Handelsverträge mit Spanien und Serbien.
* In der Reichstags-Kommission für den Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes über die Abwehr itnb Unterdrückung von Viehseuchen wurde heute Art. 1 erledigt. Der neu vorgefchlagme § 4, der dem Reichskanzler die Ermächtigung zur Herstellung und Erhaltung einheitlicher Maßnahmen in den Einzelstaaten ertheilt, wurde einstimmig angenommen. In § 17, der bestimmt, daß alle Bretz» und Pferdemärkte durch beamtete Thierärzte beaufsichtigt werden sollen, wurden auch die S ch l a ch t h ä u s e r der obligatorischen Aufsicht unterstellt. Dieser Paragraph wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen.
* Der Kaiser hat einen neuen „Entwurf deS Geschütz - Exercier - Reglements für die Fuß- Artillerie" mit der Bestimmung genehmigt, daß nach demselben bis auf Weiteres zu verfahren ist.
* Seit Fürst Bismarck nicht mehr im Amte weilt, hat sich bei ihm eine vollständige Wandlung vollzogen. Was er früher verdammt, jede Opposition gegen seine Regierung nämlich, das verherrlicht er heute in seinen .Hamburger Nachrichten'. So lesen wir dort: „In der,Nordd.Allg.Ztg.' begegnen wir einer irrigen Ansicht. Das Blatt erkennt in einer Polemik gegen die landwirthschaftliche Bewegung den daran bet eiligten Führern den Anspruch ab, als konservativ zu gelten. Das Berliner offiziöse Blatt verwechselt hierbei „konservativ" mit „ministeriell". Die,Nordd.Allg. Ztg.' würde die konservative Partei konservativ finden, wenn diese sich unbedingt den ministeriellen Ansichten fügte. Wenn aber die Regierung aufhört, konservativ zu fein, ist es dann die Aufgabe der konfervativen Partei, sich mit derselben zu identifiziren? WaS die
auf welche Weise er in Joigny mit Arnold de Reiß bekannt geworden war und was ihm der angebliche Baron erzählt halte, um ihm das Schriftstück zu entlocken.
Aufmerksam hatte Stephan Kastel zugehört. „Der Manu hat Ihnen also gesagt, daß er der Baier des jungen Mädchens sei?" sagte er zu Rauul, als er geendet. .
„3a."
„Er Kat Ihnen auch Oct und Zeit der Geburt angegeben?"
„Gewiß."
„Und den Namen der Mutter?"
„Nicht bloS den Namen der Mutter, sondern auch denjenigen der Amme."
„Dieser Manu war offenbar sehr genau unterrichtet!" sagte der Künstler. „Woher halte er seine Erkundigungen ? D'eS werden wir später zu entdecken suchen müssen. Vorläufig handelt es sich darum, die Hand auf Baron de R-iß zu legen. Sie wissen seine Abrisse nicht, Fräulein?" setzte der Künstler hinzu, indem er sich an Amanda wandte.
„Und weshalb sollte ich sie wissen, mein Herr?" versetzte die Arbeiterin der Madame Augustine etwas mißtrauisch.
„AuS dem einfachen Grunde, weil Sie mit diesem