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JW 287

Donnerstag, bett 14. Dezember 1893.

20. Jahrgang

FiildaerMZeituiig

dem entschiedensten Ja zu antworten. Der bekannte Nationalökovom Stöpel sagt in seiner Bevölkerungs- frage: „Ein Hektar, der mit Weizen oder Roggen be­pflanzt ist, gibt in fruchtbaren Gegenden einen durch- schnittlichen Ertrag, der zur jährlichen Ernährung von mehr als 6 erwachsenen Männern ausreicht. Ein Land wie Deutschland, dessen Acker- und Gartenfläche gegen­wärtig ungefähr 26 Millionen Hektar (nebenbei 10 Millionen Hektar Wiesenland u. s. w.) umfaßt, würde also, wenn es darauf nur Getreide baute, bei inten­siver Kultur hinreichend Nahrung für eine Bevölkerung von 150 Millionen hervorbringen, noch viel mehr aber, wenn es in ausgedehntem Maße Hülsenfrüchte, Kartoffeln oder Gemüse baute". Daß diese Berechnung Stöpets durchaus begründet ist, soll ein andermal ge­zeigt werden.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(192. Fortsetzung.)

Während die Wirthin Teller, Gläser und das Uebrige zurecht setzte, hob sie wieder an: „Nun, mein Herr, haben Sie, wie Sie es wünschten, den Herrn Baron de Reiß gefunden?"

Stephan antwortete, die Sprecherin etwas verwun­dert anfehend: „Ja, gewiß. Ich danke Ihnen, daß S:e mir feine Adresie gegeben haben. Und Sie haben von Herrn Raoul Duchemin sprechen hören, seitdem er von Bois-le-Roi abgereist ist?"

Jetzt sah die Wirthin den Maler verwundert an. „Sie kennen Herrn Duchemin?" srug sie.

„Rein, ich kenne ihn nicht, ich habe Gründe sehr zu wünschen, mit ihm zu sprechen, und da Ihre Magd mir gesagt hat, daß er Sonntags bisweilen hierhin käme, so bin ich auch heute auf's Geradewohl hierhin- gekommen, in der Hoffnung, ihn zu treffen. Ich werde jeden Sonntag hierhin kommen, bis ich ihn ange­troffen habe." .

„Aber, Sie haben in der That Glück, wem Herr!"

„Wie so? HatZer Ihnen etwa geschrieben, baßZer kommen werde?"^

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(.Die Zukunft', herauSg. von Harden. 1893. Rr. 27 S. 35.)

Was folgt nun aus alledem? 1) Unsere Wirt­schaftspolitik muß darauf bedacht sein, diejenige pro­duktive Thätigkeit möglichst zu fördern, deren Erzeug­nisse wir selbst verbranchen. 2) Damit die für den heimischen Markt arbeitende Landwirthschaft und In- dustrie im Jnlande Absatz genug findet und nicht nöthig hat, nach dem Auslande zu gehen» muß mit allem Eifer nach Mitteln und Wegen gesucht werden, daß die Masse des Volkes kaufkräftiger werde.

Die heutige Bewegung in den Kreisen der Land­wirthschaft wird auch auf ein gesundes Verhältniß zwischen unferm ausländischen mtb inländischen Absatz­märkte einen guten Einfluß ausüben können. Nur muß die eigene Kraft der landwirtschaftlichen Kreise und die Unterstützung der Regierung verwendet werden zur Vermehrung der noihwendige» Produkte für den inlän­dischen Markt, sowie zur Verstärkung der Kaufkraft der Grundbesitzer und was überaus wichtig ist, ihrer Arbeiter auf dem inländischen Markte. An Produkten der Industrie und der Landwirtschaft fehlt es uns nicht oder braucht eS uns bei einigermaßen vernünftig eingerichteten Produktionsverhältnissen nicht zu fehlen, aber was nützen der Industrie ihre Produkte, wenn die Landwirthe und ihre Arbeiter sie nicht kaufen können und was helfen die landwirthschastlichen Erzeugnisse, wenn nicht die Masse des Volkes die Möglichkeit 6e- sitzt, dieselben zu verbrauchen.

Eine allmählige gesunde Steigerung der Lebens­haltung aller BolkSklossen ist bei dem überaus schnellen Fortschritte in der Technik eine einfache Notwendig­keit, wenn nicht die Masse der Arbeitslosen eine über­große und die Stockung des Absatzes eine reaelmäSia-

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Dezember.

* Aus Grund von Informationen, die sie für au­thentisch hält, versichert die .Naüonalztg.', daß an eine Abänderung der Militärkonveutiou mit Württem­berg nicht gedacht werde. Eine engere Gestaltung der militärischen Beziehungen sei lediglich auS militärischen Gründen schon vor längerer Zeit und zwar auch im Interesse des württemberg'schen OsfizierkorpS entstanden, und falls Aenderungen eintreten, so dürften sie nur in einer etwas verstärkten Kommandirung württembergi« scher Offiziere nach Preußen und preußischer nach Würt- temberg bestehen. Das genannte Blatt meint, daß, wenn darüber Meinungsverschiedenheiten vorhanden seien, sie nur in Württemberg selbst beständen, und zwar weniger unter den dortigen leitenden Militärs, alS zwischen diesen und den Politikern, die den par- tüNlaristischen Widerstand der schwäbischen Demokratie fürchten. Diese letztere Aenßerung klingt etwas »er» dächiig, denn wenn es sich um nicht mehr als um eine Vermehrung der jetzt schon brsteheudeu Kommandirun- geu aus dem einen Kontinente ins andere handelt, so hätte man wohl keinen Grund, sich vor dem Wider­stand der schwäbischen Demokratie zu fürchten.

„Ich weiß es nicht; ich habe ihn nur gesehen: es ist der nämliche Herr mit dem rotheu Bande, welcher vor drei Tagen nach Herrn Duchemin ftug. Er sitzt im großen Saale."

„So geh'schnell hinunter", sagte Amanda zu Raoul, „und siehe, ob Du unbemerkt den Mann erblicken Md erkennen kannst."

Duchemin ging hinunter, stellte sich an der Treppe auf und blickte vorsichtig in den Saal hinein, wo er den Mann mit dem rotheu Bande sogleich gewahrte. Aufmerksam betrachtete er ihn und stieg dann wieder hinMs.

„Run?" frug Amanda, unwillkürlich zitternd.

„Ich kenne ihn gar nicht", antwortete er, „mir scheint er das nicht zu sein, was ich wohl glaubte, nämlich ein Polizist."

„Kennen Sie den Herrn?" ftug letzt auch die Magd, welche jetzt wieder erschienen war.

„Nein," antwortete der junge Mann.

„Was soll ich ihm sagen, wenn er Sie zu sprechen wünscht?"

„Sagen Sie ihm, daß er heraufkommen möge", antwortete Amanda anstatt Raoul's, welcher noch «n- schlüffig war.

„Gut, Fräulein."

6-e. Einheimische und auswärtige Absatz­gebiete.

Wenn von der Nothwendigkeit von Kolonien für ein Sonb bie Rede ist ober wenn es sich um die Em­pfehlung neuer Handelsverträge handelt, dann wird immer in erster Linie hervorgehoben, daß alte Absatz- gebiete gesichert oder neue gewonnen werden sollen. Es steht also fast so aus, als ob der Absatz unserer Pro- butte im Auslände Selbstzweck wäre. Dabei kann Mser Absatz im ÄuSlonbe doch nur den Zweck für uns haben, baß er uns bie Mittel liefern soll, diejenigen Produkte deS Auslandes bei uns einzuführen, welche MS nothweudig sind, ohne daß wir selbst im Stande sind, dieselben zu erzeugen. Obwohl das ganz selbst- verständlich ist, wird es doch in der praktischen Wirth- schaftSpolitik so ost übersehen. An und für sich haben wir gar kein Interesse an dem Exporte, so lange wir die exportirten Produkte noch selbst gebrauchen können. Unsere Kohlen werden exportirt und dadurch im In- lande vertheuert, obwohl wir bei uns noch genug Leute haben, welche über die theuren Kohlenpreise klagen und im Winter frieren, weil ihnen die Kohlen fehlen. Im letzten Winter besuchte ich eine Arbeiterfamilie und war entsetzt darüber, daß die auS 5 Köpfen bestehende Familie in einer sehr kleinen Stube hauste. Erst später erfuhr ich, daß der Familie ein 2—3 Mal so großes Zimmer zur Verfügung stand. Sie benutzte dasselbe aber fast gar nicht, weil ihr die Mittel fehlten zur Anschaffung der Kohlen, welche zur Heizung deS Zimmers nothwendig gewesen wären. Deutschland hat bis jetzt sehr viel Zucker ausgeführt, hat aber deshalb viel Boden für den Anbau der Zuckerrübe verwandt, welcher eine große Menge (Betreibe zur Ernährung weiter Bolkskreise hätte hervorbringen können. Wenn Deutschland ferner viel Spiritus ausgeführt hat, so ist das nut mOytiUj , wut .iu wtuewe uuu tute

Masse Kartoffeln der Ernährung unseres Volkes ent­zogen worben finb. Ohne bie Verwendung der Kar­toffeln für die Brennerei wäre bie Schweinezucht bei MS sicherlich viel mehr entwickelt; bis zu einem ge­wissen Grade ist die Kartoffel für die Schweinemast ein Ersatz der Eichel in srüheren waldreichen Jahr­hunderten.

Wie mit den genannten Produkten, so verhält es sich mit den meisten anderen, d. h. der größte Theil unseres Exportes könnte im Jnlande bleiben und dort konfumirt werden, aber unter zwei Bedingungen. Erstens müssen wir im Stande sein, auf den größten Theil des Importes verzichten zu können, denn wenn wir im- portiren, müssen wir auch «xportiren, um den Import bezahlen zu können. So viel Kapitalien haben wir ja nicht in fremden Gebieten, um den Import mit den Zinsen dieser Kapitalien decken zu können. Zweitens müssen die Konsumenten im Jnlande im Stande sein, die inländischen Produkte zu bezahlen, damit dieselben nicht den Produzenten auf Lager bleiben.

Können wir also erstens auf einen großen Theil des Imports verzichten, ohne am Nochwendigsten Mangel zu leiden? D. h. können wir so viel Lebens­mittel produziren, als wir gebrauchen? Darauf ist mit

Auch eine Reihe anderer Produkte, die wir vom Auslande beziehen, tonnten bei uns sehr wohl erzeugt werden, wenn wir bie Schätze ber Natur besser benutzen, unsere wirthschaftliche Technik verbeffern, unb bie Arbeitskraft, welche jetzt für bes Export unb Import verwanbt ober in Arbeitslosigkeit verschwendet wird, für die Produktion im eigenen Lande verwenden wollten. Da bleiben noch die Produkte übrig, welche in unserem Lande überhaupt nicht vorhanden sind ober nicht ge­deihen, wie die Kolonialwaaren, von dem uns unent­behrlich gewordenen Kaffee an bis zu den jetzt fo massenhaft eingeführten Apfelsinen. Nun braucht man gar nicht auf dem Standpunkte der „Kneippblätter" zu stehen, welche vor einigen Jahren hervorgehoben, daß die einheimischen Produkte auf jeden Fall gesünder seien, als bie eingeführten, unb doch kann man be­haupten, daß eine ganze Reihe dieser eingeführten Kolonialwaaren sehr wohl durch einheimische Produkte ersetzt tverden köiMtI. ».u,.

uongf deren Einfuhr bei Ms eine Nothwendigkeit ist. Je weniger wir aber einführen müssen, desto größer ist das Absatzgebiet im Jnlande. Je weniger wir aber auf den Import und Export angewiesen sind, desto besser ist es rm Ganzen für uns. Beim Import und Export sind wir fortwährend abhängig von der Gesetz­gebung, Verwaltung und der wirthschaftlichen Entwicke­lung anderer Länder. Je mehr Völker ihre Industrie so weit entwickeln, daß sie bie von uns bisher gekauften Produkte selbst hervorbringen können, desto mehr wird bie Möglichkeit unseres Exports beschränkt. Sehr be- herzigenswerth ist für die Aussicht unseres Exports nach Süd- und Mittelamerika das Urtheil des Dr. Pola- kowsky, dem man die Kenntniß ber wirthschaftlichen Verhältnisse jener Gebiete nicht wirb absprechen tonnen. „Ich bin," sagt er, „zu ber Ueberzeugung gekommen, daß urser Export nach Süd- und Mittelamerika keiner weiteren Steigerung fähig ist, ja sogar von Jahr zu Jahr zurückgehen wird. In Mexiko, Guatemala, Costa- Rica, Chile und Argentinien entstehen immer mehr Fabriken, etabliren unternehmende Engländer und Amerikaner immer neue Industrien. Dazu kommen die gewaltigen Anstrengungen, welche bie Bereinigten Staaten machen, ihre Maaren in ganz Amerika einzu­führen unb den europäischen Import zu verdrängen."

„Noch mehr als das."

„Er ist bereits gekommen?"

„Ja, mein Herr, er frühstückt jetzt in diesem Augenblicke."

„Ich habe in ber That Glück, Sie haben Recht, Mabame. Ist Herr Duchemin allein?"

„Nein, eine ihm bekannte Dame ist bei ihm." „Fräulein Amanda vielleicht."

„Ja, eine hübsche Person." Stephan Kastel lächelte.

Die Wirthin fuhr fort: „Wenn Sie es wünsche», so werde ich ihnen melden, daß Jemand hier ist, welcher Herrn Duchemin zu sprechen wünscht."

„Jetzt nicht, Madame. Lasst» Sie bie beiden jungen Leute frühstücken. Sobald sie fertig sind, werde ich Sie bitten, ihnen meine Anwesenheit zu melden, indeß nicht früher."

Die Wirthin verbeugte sich, der Künstler wählte sein Menu und setzte sich zu Tische.

Kurze Zeit daraus gewahrte die Magd, indem sie im Vorbeigehen einen Blick in den Speisesaal warf, den Maler; schleunigst kehrte sie zurück und theilte Amanda ihre Wahnehmung mit.

„Hat er sich nach mir erkundigt?" frag Raonl lebhaft.