JW 286
Mittwoch, dev 13. Dezember 1893.
20. Jahrgang
FMerWZeitlllig
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Deutsches Reich.
Berlin, 11. Dezember.
* Einer sensationellen Meldung der .Neuen Freien Presse' an-Berlin zufolge soll Graf Wal der- fee an allerhöchster Stelle in völlige Ungnade gefallen fein, angeblich wegen des hervorstechenden Gegensatzes zwischen dem Grafen Walderfee und dem Reichskanzler von Caprivi. Aehnliche Nachrichten sind bekanntlich schon wiederholt verbreitet worden, worauf aber ein bündiger Dementi nicht auSblieb.
* Offiziös wird dementirt, daß die Regierung an eine Rohtabaks-Werthsteuer denke; fie halte an der Tabaksteuervorlage insbesondere auch an dem System derselben fest. Die Regierung habe fich im vorigen Jahre mit der Frage der Rohtabaksteuer beschäftigt, sei aber davon zurückgekommen, nachdem dar Projekt von den Sachverständigen Bremens und Hamburgs für undurchführbar erklärt worden sei.
* Der Reichstag überwies den Bericht der Reichs- schuldenkommisfion an die Rechnungkkommission und der Patent-, Muster- und Markenschutzvertrag mit der Schweiz an die HandelSvertragSkommisfwn. Dieser letzteren Kommission wurden auch zwei zu den Zollzu- schuß-Berordnungen gestellte Resolutionen verwiesen, durch welche die Regierung ermächtigt wird, in Zoll- kriegSfällen auch bisher zollfrei eingehende Waaren mit Zölle« zu belegen, und wonach der Zoll für aus Rußland eingehenden Hopfen ebenso hoch bemessen werden soll, wie der russische Hopfenzoll. Die Verordnungen selbst wurde« aygenommen ebenso eine Resolution der Abgg. Möller und Frhr. v. Heeremann, wonach für im guten Glauben vor Inkrafttreten der Verordnungen abgeschlossen, aber erst nachher effektuirte Lieferungen der Betrag deS Zollzuschlags erlassen oder zurückerstattet werden soll. Der Handelsvertrag mit Kolumbien und Zusatzprotokoll und Ausführungsgesetz zur internationalen Konvention gegen den Branntwein- Handel unter den Nordseefischern auf hoher See wurden in dritter Lesung endgültig angenommen. Abg. Winner (Reformp.) begründete darauf seine Jnterpellatton betr. die Verlängerung der gewerblichen GeschäftSstunden bis 10 Uhr Abends an den beiden Sonntagen vor Weihnachten. Staatssekretär v. Bötticher verwies die Interpellation an die zuständigen Behörden, denen dar Gesetz ausdrücklich die Enlschließung in diesen Fragen überweise. Der Gesetzentwurf, welcher die Invaliden von vor 1870 und deren Angehörige mit denen von 1870/71 bezw. deren Angehörigen gleichstellt, wurde in zweiter Lesung durchweg in der Fassung der Kommission angenommen. In der Debatte darüber wurde von den Abgg. Prinz Carolath, Dr. Bachem (Ctr.), Richter und Bebel eine gesetzliche Fürsorge für die bei Friedensübungen zu Schaden kommenden Landwehrleute bezw. deren Angehörigen gefordert. Schließlich wurde der Antrag v. Benda u. Gen. (Mitglieder aller Parteien des Hauses), wonach die ReichStagSab-
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(191. Fortsetzung,)
„Wer weiß? Es heißt vor allen Dingen jetzt nur Geduld zu übe«. Die beiden Männer verkehren miteinander, dar ist klar, daS ist die Hauptsache. Sie müssen also miteinander zusammenkommen. Du mußt sie um so fleißiger überwachen."
„Sie werden ihre Vorsichtsmaßregeln treffen."
„Freilich — es wäre zu verwundern, wenn fie es nicht rhun würden."
„Aber was nun beginnen?"
„Irgend etwas Paffendes ersinnen."
„WaS denn?"
„Ich weiß es nicht, wir müssen eS eben überlegen. Der Schurke wird jede List aufbitten, wir müssen ebenso listig sein."
Zornig fuhr Duchemin auf. „Morgen werde ich von Neuem auf die Lauer gehen," sagte er.
„Dies würde nichts nützen. Morgen ist Sonntag, und vermuchlich werden fie sich deshalb nicht besuchen, Du kannst Dir also diese Mühe sparen. Wie wäre er, wenn wir nach BoiS-le-Roi gingen?"
„Ist mir recht, so werden wir den Tag recht angenehm zubringen. Aber, wnßt Du, ich werde nicht ruhen noch rasten, ehe ich die Wohnung dieser gemeinsamen Feindes entdeckt habe. WaS mag er nur mit diesem Paul Harmant zusammen brauen?"
geordveten freie Fahrt auf allm deutschen Eisenbahnen haben sollen, mit großer Mehrheit angenommen. Dagegen sprach nur Abg. Samp (Rp.). Morgen: 2. Be- rathung der sog. kleinen Handelsverträge.
* Die Wiühschaftliche Vereinigung sprach sich in ihrer heutigen Sitzung gegen die „kleinen Handels- Verträge" auS; eine endgültige Abstimmung folgt erst morgen
* Am 27. November hielt der bekannte protestantische Pastor Thümmel vom Evangelischen Bunde in Lübeck einen Borttag über den mißlungenen Versuch des lutherisch gesinnten Erzbischofs Hermann von Köln, das Rheinland protestantisch zu machen. Ein Hauptverdienst an dem Mißlingen deS Versuches gebührt dem Pater Petrus Faber, einem der Mitbegründer der Gesellschaft Jesu, der durch seine Wissenschaft, Heiligkeit und Liebenswürdigkeit die Rheinlande im kathol. Glauben befestigte. Herr Thümmel dagegen leistete nach den Berichten der Lübecker Blätter u. A. folgende Ansprüche: „Daß Luthers Lehre am Rhein keine Wurzel chlug, lag besonders an Kaiser Karl V., dem wohl der Satan zum Kaiserthron verholfen hat." „Der Katholizismus ist ein modernes Heidenthum." „Wir müssen zuerst angreifen, denn der Angreifer hat den halben Sieg schon auf seiner Seite." „Der ganze Vortrag des Herrn Pastors Thümmel, sagt der »Lübecker General-Anzeiger', war eine an die Evangelischen gerichtete feurige Aufforderung zum Kampfe gegen den Katholizismus." Davei ist aber Herr Thümmel gnädig genug, feinen Leute» zu rathen, daß sie die Katholiken nicht „mit, Keulen vertreiben", sondern „freundlich mit ihnen reden" sollen, um sie zu bekehren. Obige Aussprüche und seine verächtlichen Aeußervngen über die Verehrung der Muttergottes und die Feier der hl. Messe, die zu lästerlich sind, sollen wahrscheinlich Muster und Beispiele „freundlicher" Reden sei«. Einwendungen der Katholiken, meint Herr Thümmel, könnte« von de« Protestanten widerlegt werden mit Hilfe der „AugSburgischen Konfession". Diese Augsburgische Konfession ist ein von dem Reformator Melanchthon abgefaßtes und später von ihm gefälschtes altlutherisches Glau- benSbekenntniß, an das heute, wo man das apostolische Glaubensbekenntniß unter die „alten Kleider" wirft, wohl kaum ei« Protestant mehr glaubt. UebrigenS kann aus diesen „freundlichen" Reden geschloffen werden, wie eS der Evangelische Bund in Deutschland treiben würde, wenn der § 166 der Strafgesetzbuches nach seinem Wunsche vom Reichstage abgeschafft und volle Schimpf- und Lästerfreiheit gegeben worden wäre.
* Frankfurt, 11. Dez. Von besonderer Seite wird der ,Frkf. Ztg.' gemeldet: Der Rücktritt der württemb. Gesandten von Moser in Berlin entspricht den ausgesprochenen Intentionen der Reichsregierung. Wir glauben zu wissen, daß aus einem bestimmten Anlaß dem württembergischen Gesandten die Eröffnung gemacht wurde, man wünsche den Verkehr mit ihm auf daS amtlich nothwendige Maß beschränkt zu sehen. Die
„Ich habe er Dir gesagt, vielleicht ein neuer Verbrechen — ihn daran zu hindern, müssen wir um jeden Preis versuchen."
Duchemin und Amanda brachen ihr Gespräch ab, um in einem nahegelegenen Restaurant am Boulevard deS BatignolleS zu speisen.
Inzwischen hatte sich Paul Harmant bei seinem Kameraden in der Restauration Brebart eingefunden.
„Nun, hatte ich Recht?" ftug ihn letzterer.
„Allerdings."
„WaS ist auS dem Fiaker mit den rothen Laternen geworden?"
„Er ist verschwunden, sobald man nur meine Ge- sichtSzüge genau sehen konnte."
„Fräulein Amanda hat also unsere Fährte verloren, aber die Geschichte kann uns zur Warnung dienen."
„Hast Du wirklich nichts von diesem Weib zu fürchten?"
„Ich habe Dir bereits gesagt, daß dies nicht der Fall sei. Amanda ist wirklich sehr dumm, denn sie muß wiffen, daß ich eine schreckliche Waffe gegen sie in der Hand habe, eine Waffe, mittels deren ich fie vernichten kann. Denke also nicht mehr an diese Geschichte."
Die beiden Schurken setzten sich zu Tische und thaten den auserlesenen Gerichten, die Soliveau bestellt hatte, alle Ehre an.
sich hieraus ergebende Konsequenz dürste Herr v. Moser im Einvernehmen mit seiner Regierung gezogen haben.
Ausland.
* Wien, 11. Dezbr. Das Präsidium deS Abgeordnetenhauses sandte an den sranzösischen Kammerpräsidenten Dupuy eine Depesche, worin tiefe Theil- nähme angesichts deS verabscheuungswürdigen unmenschlichen Attentats ausgesprochen und tiefstem Bedauern für die Opfer derselben Ausdruck gegeben wird.
* Bern, 11. Dezbr. Die meisten Chefs der diplomatischen Missionen haben ihre Karte bei der französischen Botschaft abgegeben, ebenso der Bundesrach Lachenal. Die Sitzungen der beiden Räthe werde« heute Nachmittag durch Präsidentenreden eröffnet, welche die Theilnahme deS schweizerischen Parlaments an der allgemeinen Entrüstung über das Attentat in der französischen Kammer aussprechen.
* In der demnächst erscheinenden Dezember-Nummer deS ,Blackwoode Magazine' wird ein Aufsehe« erregender Artikel deS ob seiner taktischen Kenntnisse rühmlichst bekannten schottischen Generals Archibald Alison enthalten sein, über dessen Inhalt die .Daily NewS' folgende Mittheilungen bringt: Sir Archibald Alison macht auf die Thatsache aufmerksam, daß Frankreich, welches seine Armee in bedeutend schnellerem Tempo verstärkte, als Deutschland, jetzt an der Grenze seiner Anstrengungen angelangt ist, während Deutschland, obgleich es bei Weitem langsamer vorwärts schritt, im Stande ist, mit seiner bisherigen Schnelligkeit noch mehrere Jahre hindurch fortzuschreiten. Den Ausbruch eines Krieger zwischen Frankreich und Rußland einer- eits und Deutschland, Oesterreich und Italien anderer- eitS betrachtet General Alison als unvermeidlich. Be- reffs der russischen Armee behauptet Sir Archibald, mß von ihren auf nahezu eine Million geschätzten Truppenkräften 784,000 Mann an der deutschen Grenze und hinter dieser Grenze als Reserve stehen, während Odessa und die Krim nur von 80,000 Mann beschützt werden; der Kaukasus ist von 50,000 Mann besetzt, welche die türkische Grenze in Kleinasien beobachten, und jenseits deS Kaspischen Meeres, längs der afghanischen und chinesischen Grenze, stehen nur 51,000 Mann, und etwa 12,000 am Japanischen Meere. Sir Archibald Alison zieht daraus folgende Schlüsse: 1. daß Rußland Alles aufbietet, um möglichst große Truppenmassen an der polnischen Grenze anzusammeln, welche im geeignete« Augenblicke gegen Deutschland vorrücken sollen. 2. Daß Rußland, so lange der Kampf mit Deutschland nicht ausgefochten ist, auf die Ausführung seiner Pläne hinsichtlich Konstantinopels verzichtet. 3. Daß Rußland augenblicklich weder gegen noch gegen Britisch-Jndien etwas zu unternehmen beabsichtigt. Obzwar Frankreich ü»d Rußland in Friedenszeiten 362,000 Mann mehr als der Dreibund unter den Waffen hat, werden nach Sir Archi- bald's Berechnung im Kriegsfälle die vereinigten Ar-
Gegen Mitternacht trennten sie sich und gingen nach Hause.
Während Ovide auf seine Wohnung zuschritt, versicherte er sich fortwährend, daß ihm Niemand folge und machte mehr als einen Umweg, um zu seinem Hause zu gelangen.
Trotz seiner Angabe, daß er nichts von Amanda zu befürchten habe, wußte er sehr wohl, welchen Haß sie gegen ihn im Herze« trage, und so war es ihm keineswegs gleichgültig, daß sie ihm thatsächlich nachstellte.
„Er wird mir zwar nicht schwer fein, bis zn meiner Abreise ihre Pläne zu vereiteln," meinte er, „aber ich glaube, daß es in jeder Hinsicht nicht bloß durchaus vernünftig, sondern auch durchaus nothwendig ist, Frankreich den Rücken zu kehren.. In Buenos- Ayres werde ich mit fünfhunderttausend Franken sehr bequem leben können und werde von keiner Seite etwas zu befürchten haben. In der That, ich thue sehr wohl daran, mich zurückzuziehen, dann darf ich mich einer glücklichen Alters erfreuen."
Am folgenden Morgen erhob fich Ovide erst sehr spät von seinem Lager, und es war nahezu Mittag, als er feine Wohnung verließ, um in seinem gewöhnlichen Gasthaufe frühstücken zu gehen. Hier warf er in der Zwischenzeit einen Blick in die Morgenzeitungen, in welchen er einen langen Bericht über den am vorhergehenden Tage in der Rue Git-le-Coeur geschehenen Unfall laS.