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JV 285

Dienstag, den 12. Dezember 1893.

20. Jahrgmg

iild im W Zeitung

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Deutsches Keich.

Berlin, 9. Dezember.

* Englische Blätter melden als wahrscheinlich, daß die Königin Viktoria nach Beendigung ihres Besuches in Italien im Frühling durch Deutschlar d nach Eng­land zurückkehren werde. Sie wird dann Koburg be­suchen und sich daselbst als Gast des Herzogs und der Herzogin von Koburg einige Tage eufhalt«.

* Der Gesetzentwurf, betr. die Gleichstellung der Invaliden von vor 1870 und deren Angehörige« mit denen von 1870/71 bezw. deren Angehörigen, womit den Betheiligten eine sicher mit großem Dank acceptirte Weihnachtsfreude bereitet wird, lautet in der Fassung, welche er in der R ichstagS - Kommission er­halten hat, wie folgt:

§ 1. Diejenigen Personen des Soldatenftandcs und Beamten deS Heeres und der Marine, welche in Folge ihrer Theilnahme an den von deutschen Staaten vor 1870 geführten Kriegen in­valide und zurFortsetzurig des aktiven Militärdienstes beziehungs­weise zur Erfüllung ihrer Amtspflichten unfähig geworden, sind zu den zuständigen Gebührnissen fortlaufende Zuschüsse behufs Erreichung derjenigen Beträge zu gewähren, welche ihnen nach demGesetze vom 27.Juni 1871 beziehungsweise nach dem Gesetze vom 31. März 1873 nebst Abänderungen und Ergänzungen zu­stehen würden.

§ 2. Die Zuschüsse (§ 1) stehen den Pensionen gleich, welche das Gesetz vom 27. Juni 1871 beziehungsweise das Gesetz vom 31. März 1873 nebst Abänderungen und Ergänzungen gewährt und unterliegen denselben gesetzlichen Bestimmungen.

§ 3. Die Hinterbliebenen von Theilnehmern an den im § 1 gedachten Kriegern sind, sofern diese letzteren Personen im Kriege oder in Folge von KriegS-Berwundungen verstorben sind, fort­laufende Unterstützungen oder Zuschüsse zu den gesetzlichen Be­willigungen — in Grenzen der Sätze, welche die im § 1 ange­führten gesetzlichen Bestimmungen vorsehcn — zu gewähren. Den Hinterbliebenen von Theilnehmern an den im § 1 gedachten Kriegen, welche an den ihre Invalidität bedingenden Leiden ver­storben sind, können solche Unterstützungen zugewandt werden.

§ 4. Die vorstehenden Bestimmungen finden auch auf die früheren Angehörigen der schleswig-holsteinischen Armee, sowie auf deren Hinterbliebene Anwendung.

§ 5. Eine Nachzahlung für die vor dem Eintritt der ver­bindlichen Kraft dieses Gesetzes liegende Zeit ist ausgeschlossen.

§ 6. Die Prüfung und Entscheidung aller auf Grund dieses Gesetzes gestellten Anträge erfolgt durch die Militär-Behörden. Ueber die Rechtsansprüche auf Bewilligungen, welche dieses Gesetz ert, findet der Rechtsweg unter den im dritten Theile des !r-Penstons-Gesetzes vorn 27. Juni 1871 vorgesehenen Maß­gaben statt.

§ 7. Die Bewilligung nach Maßgabe dieses Gesetzes sind auS dern Reichs-Jnvaliden-Fonds zu bestreiten. Die für die Jahre 1893/94 und 1894/95 erforderlichen Deckungsmittel dürfen aus dessen Kapital-Beständen bis zum Höchstbetrage von je 1,260,000 Mark flüssig gemacht werden.

§ 8. Dem Königreich Bayern wird zur Bestreitung der gleichartigen Ausgaben alljährlich eine Summe überwiesen, welche sich nach der Höhe des tatsächlichen Aufwandes für Angehörige des Reichsheeres und deren Hinterbliebene im Berhältniß der Kopfstärke deS königlich bayerischen Militär-Kontingents zu jener der übrigen Theile des Reichsheeres bemißt.

§ 9. Der Eintritt der verbindlichen Kraft dieses Gesetzes wird auf den 1. April 1893 festgesetzt.

* Der Reichstag beneth heute über die Anträge des Centrums und der Konservativen auf Abänderung des Alters- und JnvalidilätSverstcherungsgesetzes. Die Anträge wurden von den Abgg. Aichbichler (Str.) und v. Staudy (kons.) begründet. Staatssekretär v. Bötticher gab zu, daß sich bei der Ausführung des Gesetzes vielfach Mängel gezeigt, toiei aber darauf hin, daß

dar Gesetz Hilfsmittel an die Hand gebe, diese Mängel auszuschließen. Er hielt demgemäß die Grundprinzipien der Gesetzes sowohl hinsichtlich der Träger der Ber- sichernng, als hinsichtlich des Deckungsverfahrens auf­recht, sagte aber eingehende Erwägung der hervorge­tretenen Beschwerden zu und kündigte noch für diese Session zwei Novellen zum Unfallversicherungsgesetz an. Gegenüber dem Abg. Dr. Sigl, der dar „Popperl- Gesetz" als namentlich für die Landwirthschaft schädlich darstellte, sagte der Staatssekretär, daß gerade in Niederbayern die Landwirthschaft größeren Bortheil von dem Gesetz gehabt, als die Industrie. Abg. Gamp (Rp.) erklärte eine Ermäßigung der Beiträge schon für möglich, empfahl die Ersetzung der QnittungSkarten durch Quittungsbücher und wandte sich zwecks Verein­fachung gegen das strikte Festhalten des Prinzips von Leistung und Gegenleistung. Schließlich wurde die Berathung vertagt. Montag: Zollzuschlag gegen Ruß­land, Interpellation über den Schluß der "Geschäfte am Sonntag vor Weihnachten, Novelle zum Militär- pensionSgesetz, Antrag betreff, freie Eisenbahnfahrt der Reichstagsabgeordneten.

* Köln, 8. Dez. Unser neuer Weihbischof Dr. Schmitz ist ein Zögling des Konviktes der Jesuiten in Innsbruck. Es ist jedoch nicht der einzige Alt- konviktor, der jetzt mit der bischöflichen Würde beklei­det ist. Dazu gehören der Kardinal Gras v. Schön­berg, Fürstbischof v. Prag, ferner Dr. Belvpotoykt, k. u. k. österr. Acmeebischof in Wien, Dr. Korum, Bi­schof von Trier, Dr. Brennau, Bischof von DallaS (Texas), Dr. Meßmer Bischof v. Green-Bay (WiS- konsin) und Dr. Zardetti, Bischof v. St. Clous (Min­nesota). Auch mehrere Aebte gingen auS dem Kon­vikte hervor: der neue Abt von Maria-Laach, Pater Willibrord Benzler, Maria-Laach, Pater Strunk, Abt der Trappisten in Oclenberg im Elsaß, Pater Baumgartner, Abt und Prälat int Stifte Lambach (Oberöst reich), Pater Woldauer, Abt und Prälat int Stifte Ficht in Tirol. Es sind das gewiß Na­men, über die die Väter der Gesellschaft Jesu sich freuen können. Es ist das aber auch ein Beweis, wie tüchtig die Jesuiten sind und wie unrecht es ist, solche Männer noch länger vom deutschen Boden fern zu halten.

* München, 6. Dez. In der am 28. v. MtS. hier stattgehabten Versammlung bayerischer Raiff­eisen- und anderer Vereine handelte eS sich /nicht, wie in einigen Blättern zu lesen, um LoStrennug von Neuwied, sondern um die länger geplante und oft besprochene Gründung eines Konkurrenz-Landes- Verbandes, welchem allerdings die Regierung ihre Unterstützung zusagte, weil es ein ausschließlich baye­rischer Verband sein soll. Bei den Reiffeisen-Vereinen , Bayerns, welche noch treu zu Neuwied halten, herrschte ? über die gegen die Mutterstelle gerichtete gehässige. Agitation große Entrüstung, welche gelegentlich ver- ' schiedener Verbands-Versammlungen, z. B. in Lichten- felS am 14. November und in Uttenreuth am 15. i November, durch die daselbst gefaßten Erklärungen i zum Ausdruck kam.

Ausland.

* Gin Bild völliger Rathlofigkeit bot in den letzt« Wochen Italien. Schon am 24. November ist Gio- litti zurückgetreten und in Zanardelli hat man endlich einen Nachfolger für ihn gefunden. Aber bis zur Mitte letzter Woche haben sich die Bemühungen zur Bildung eines Ministeriums hingezogen. Dazu die finanzielle Zerrüttung, die durch die Schwierigkeit, in welche das Credito mobiliare gerathen ist, wieder deutlich zu» Ausdruck kommt. Und dabei keine Aussicht zur Beffe- rung, weil die allgemeine Drückebergerei zu groß ist und Kommune wie Einzelpersonen sich gegen eine höhere Besteuerung sträuben. So werden wohl all die schön« Worte, mit denen das neue Kabinet sich der Kammer vorstellen wird, das Vertrauen auf eine Besserung der ’ Finanzen nicht zu schaffen vermögen. Natürlich ist eS, j daß die augenblicklichen Wirren von den Radikal« be- ; nutzt werden, um auf eine Annäherung an Frankreich hinzuarbeiten, und es scheint, als ob ihre Bemühung« - nicht ganz ohne Wirkung bleiben werden.

* Warschau, 9. Dez. Die Katholik« von K r oz e, . wo jüngst bei der gewaltsam« Schließung der Kirche - arge Gräuel stattfanden, haben eine Deputation nach ■ Kopenhagen entsendet, um den dänischen König z« i bitten, er möge sich bei seinem Schwiegersohn, dem ; Zaren, verwenden, daß die Kirche den Katholiken be- i lassen werde.

* Bei der marokkanischen Frage scheint es zu j einem Ausgleich zwischen den Kabylen resp. dem Sultan - von Marokko und Spanien kommen zu wollen. Die j Spanier bestehen auf zeitweilige Besetzung einiger Positionen auf marokkanischem Gebiet, die Ausliefernvg von 12,000 Gewehren und von einer Anzahl Geisel« und endlich als sine conditio qua non die Berurtheilung der Anführer des Aufstandes.

* Wie er in Brasilien zur Zeit aussieht, läßt sich mit Sicherheit nicht sagen, da von den beiden streiten­den Parteien die widersprechendsten Nachricht« in die Welt gesetzt werden, so hieß er, daß Peixoto ermordet sein sollte. DieS ist jedoch nicht richtig. Peixoto hofft vielmehr, mit Hilfe des von ihm in Nordamerika aus­gerüsteten Geschwaders den Admiral Mello im Has« von Rio de Janeiro fangen zu können.

Stadt, Provinz und Aachbargebiet.

Fulda, 11. Dezember.

* In Betreff der bekannten Mafien • Petition gegen de» Entwurf eines TabaksteuergesetzeS werden wir gebeten, davon Mittheilung zu machen, daß daS Ordnen, Zählen und Fertigstellen der bisher ein- gegangenen Petittonslisten in den nächsten Tagen be­endet sein wird und daher nur solche Petitionen sicher darauf rechnen können, dem Reichstage überreicht zu werd«, die bis spätestens den 14. dr. MtS. bei der Geschäftsstelle deS Petition» - Ausschusses „Hotel Moser, Hamburg", eirgegangen find

* Die nächstjährige Generalversammlung des katholische» LehrerverbaudeS wird voraussichtlich an Pfingsten 1894 in Kassel stattfinden.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(190. Fortsetzung.)

„Oh, beruhige Dich, Du hast nichts damit zu schaff«. Ich btu eS allein, den man aus's Korn ge­nommen hat. Der Fiaker, welchen wir in der Nähe der Fabrik gesehen haben, wartete offenbar auf mich, daS ist mir klar. Ich weiß auch, wer mir folgt."

„Du weißt es?"

„3a."

„Wer denn?"

„Eine Dame, ja, ich möchte Hundert gegen Eins wetten, daß die Person, welche in diesem Kasten da fitzt, eine Dame ist . . . sogar ein sehr hübsches Mäd­chen, nur eine schurkische Person?"

„Aber waS hat dies Alles zu bedeuten?"

„DaS hat zu bedeuten, daß eine gewisse Amanda Regamy, die sich wahrscheinlich über meine Höflichkeit ihr gegenüber in BoiS-le-Roi beklagt, sich in den Kopf gesetzt hat, zu erfahr«, wo ich wohne und wer beim eigentlich der Baron de Reiß ist."

„Und Du hast keine Furcht vor dieser Person?"

„W-shalb sollte ich Furcht vor ihr haben?" ver­setzte Ovide hastig. „WaS soll sie gegen mich ver­

wögen? UebrigenS wird sie heute das Roß des wackeren Ovide Soliveau noch nicht kennen lern«! Solche Ge­schichte kennen wir schon! Wir wollen so machen, daß sie einer falschen Fährte folgt, das wird sehr heiter werden."

„Wie so?"

„Du wirst eS schon sehen."

Während Soliveau diese Worte sprach, hatte er den Anzug seines Genossen genau gemustert.

80.

Paul Harmant trug einen Ueberzieher von Halb- Saison, von heller Farbe, und einen Seidenhut von hohem Fasson. Ooide hingegen war mit einem Paletot von dunkeler Farbe bekleidet, und seine Kopfbedeckung bestand aus einem runden Filzhut. Wir wtflen, daß die beiden Männer ungefähr die nämliche Statur be­saßen."

„Wir wollen einen Tausch machen," sagte Soliveau zu dem Millionär, „gib mir Deinen Hut und Deinen Ueberzieher, und ich gebe Dir daS Meinige."

Die Kaltblütigkeit Ovide's batte auch Paul Har­mant einigermaßen seine Ruhe wiedergegeben. Der Austausch der Anzüge und Kopfbedeckungen wurde sogleich bewerkstelligt.

Nachdem Soliveau dies gethan, ließ er abermals

die Glasscheibe zwischen ihm und dem Kutscher her­unter und rief Letzterem zu: „Fahren Sie direkt nach dem Opernplotze, Sie hatten gegenüber dem Cafs der Grandhotels."

„Gut."

„Du," fuhr bann Ovide, sich an Paul Harmant i wendend, fort, „Du wirst aussteigm. Amanda wird r Dich für mich halten, davon bin ich überzeugt, be- ? sonders da sie Dich nicht aus unmittelbarer Nähe sieht t und irregeleitet durch daS Kostüm wird sie Dir folg«. - Inzwischen will ich für unS daS Mahl bestellen."

„Wo?"

„Bei Brebart." .

„Aber was werde ich thun, sobald ich auSgestiege« bin?“ frug der Millionär.

„Du wirst Dich einfach in'S Cafe begeb« und Dich so ins volle Licht setzen, damit Fräulein Amanda Deine GefichtSzüge gut sehen und ihren Jrrthum ge­wahren tarnt. Du läßt Dir irgend etwas geb« und kommst dann, sobald der Wagen Amanda'S verschwun­den ist, zu mir."

„Abgemacht."

Ooide wandte sich zum dritten Rule um, um zu ' seh«, ob der Fiaker ihnen noch immer folge. In der I That waren die bewußt« rothen Laternen noch immer