JW 284 Sonntag, den 10. Dezember 1893. 20. Jahrgang
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w* Erstes Blatt.
□ Die Sozialdemokratie in den überwiegend katholischen Keichstagswahlkreise».
Aus der vor Kurzem erschienenen amtlichen Statistik der R ichStagSwahlen im Jahre 1893 erhellt, daß • ♦*« den 397 Wahlkreisen des Deutsche» Reiches 143Über 50 Prozent katholische Bewohner habe«, und zwar ist das Berhältniß im Einzelnen folgendes:
50—60 pCt. Katholiken in 18 Wahlkreisen,
60—70 „ „ „ 21
70—80 „ „ „ 17 „
80-90 „ „ „ 30
über 90 , „ , 57
Der Prozentsatz von über 90 findet sich hauptsächlich in den polnischen und bayerischen Wahlkreisen, sowie in einigen westfälischen und rheinischen. Bon den StSdtekreisen mit über 100,000 Einwohnern weist nur Aachen eine katholische Bevölkerung von mehr als 90 Prozent auf. Ja sozialdemokratischem Besitze sind von den Wahlkreisen mit überwiegend katholischer Bevölkerung Reichenbach-Reurode (mit 58 pCt. Katholiken, 1893 in der Stichwahl erobert, bisher Crntrum), Höchst (mit 51 pCt. Katholiken, bisher freisinnig vertreten, 1893 in der Stichwahl erobert), München I (ca. 80 PCt. Katholiken), München II (86,6 pCt. Katholiken), Mainz (64 pCt.), Mülhausen i. E. (53 pCt.). Ja 14 Wahlkreisen mit katholischer Mehrheit find überhaupt keine sozialdemokratischen Stimmen abgegeben, nämlich in den östlichen Wahlkreisen: Schwetz, Kosten, Schlimm, Wreschen, Strehlitz, im westfälischen Wahlkreise Olpe- Meschede-ArnSberg, in den rheinischen Wahlkreisen Adenau, Daun, Malmedy, in Boyern in Weilheim, Zweibrücken, Kronach, Lohr, sowie im lothringischen Wahlkreise Saarburg. Unter 1 pCt. der abgegebenen Stimmen erhielten die Sozialdemokraten in 22 Wahlkreisen der oben erwähnten Kategorie, wovon 12 auf den preußischen Osten entfallm. Unter 2 pCt. blieben 14 Wahlkreise, unter 3: 12, unter 4: 8, unter 5: 9, unter 6: 7, unter 7: 7, unter 8: 5, unter 9: 4, unter 10: 4. Es sind das mehr oder minder Wahlkreise mit ländlicher Bevölkerung oder mit kleineren oder mittleren Städten mit hohem katholischen Bevölke- rnngL-Prozentsatze. In bett preußischen Ostprovinzen ist in überwiegend katholischen Wahlkreisen der höchste sozialdemokratische Prozentsatz 5,5, der in der Stadt Posen mit 68 pCt. Katholiken erreicht wird. Die höheren Prozentsätze finden wir 1. in Jndustriegegen- 6en, 2. in vereinzelten süddeutschen Wahlkreisen. Bon größeren Jndustrieorten steht M.-Gladbach günstig mit 8,8 pCt. bei 79,8 pCt. Katholiken; mit ihm stehen etwa gleich die bayerischen Bezirke Traunstein, Amberg, Kaufbeuren. Bis 10 pCt. weist auf: Frankenstein in Schlesien, Wasserburg in Bayern, Aalen in Württemberg und Hagenau in Elsaß. An 11 pCt. kommen heran Kempen am Niederrhein, Neuenburg in Boyern, Freiburg und Offenburg in Baden. Aachen-Land-Eupen, welches eine bedeutende Textilindustrie neben der Land- wirthschast aufweist, hat gegen 12 pCt. trotz 96 pCt. katholischer Bewohner, während z. B. der arstißende Wahlkreis Geilenkirchen mit gleichem Prozentsätze Katholiken nur 0,3 pCt. sozialdemokratischer Stimmen aufweist. Aichach und Schweinfurt in Bayern haben den nämlichen Prozentsatz Sozialdemokraten wie Aachen- Land. Ein Prozent höher steht Esien (65 pCt. Katholiken) und Aschoffcnburg (93 pC. Katholiken). Bis 14 pCt. zählt MolSheim i. E. (78,9 pCt. Katholiken); an 15 kommen die bayerischen Wahlkreise Regensburg und Neustadt, sowie der schlesische Bezirk Slatz mit starker Hausindustrie (95,2 pCt. Katholiken). Mülheim a. Rh. ist schon lange von dm Sozialdemokraten mit Eifer bearbeitet Word«, sie haben eS auch dort über 15pCt. gebracht, bei 96 pCt. katholischer Bevölkerung; der benachbarte Kreis Köln-Land, ebenfalls von den sozialdemokratischen Agitatoren eifrig angebaut, ergab bei 88,9 pCt. Katholiken 16,7 pCt. sozialistischer Wahl- stimmev; auf gleicher Stufe stehen Bamberg in Bayern und Colmar im Elsaß, letzteres bekanntlich gewerbreich. Achern in Baden mit 92 pEt. Katholiken und nicht sonderlich viel Industrie liefert dennoch 17,1 Prozent sozialistischer Wähler. Rosenheim in Bayern, überwiegend ländlichen Charakters und mit sogar 98,2 pCt. katholischer Bevölkerung hat unter 100 Wahlstlmmen fast 19 sozialdemokratische zu verzeichnen, was ebenfalls sehr beachtenswerth ist. Crefeld als Industriestadt
mit 80,8 pCt. Katholiken weist über 19 pCt. sozialdemokratischer Wähler auf; ein pCt. mehr hat Metz mit gleichem Prozentsätze katholischer Bevölkerung. Augsburg (80,5 pCt. Katholiken) zählt 23 pCt. Gebweiler, RoppoltSweiler und Saargemünd in bett ReichS- lanben brachten zwischen 24 unb 25 pCt. Sozialdemokraten an die Urne, während die Stadt Aachen mit 92,4 Katholiken 25,4 pCt. sozialistische Stimmen aufweist. ES wird noch übertroffen durch die Stadt Köln (80 pCt. Katholiken) und den Wahlkreis Würzburg (82 pEt.), wo man 27,7 bezw. 27,4 pCt. Sozialdemokraten zählte. Höchst nnd Straßburg-Land haben nur eine kleine katholische Mehrheit und zählen nicht zum parlamentarischen Besitzstände einer katholisch« Partei; sie haben beide rund 34 pCt. Sozialdemokraten. Um ein Prozent höher sicht «och vüffeldorf (72,5 pCt. Katholiken). Ratibor in Schlesien ist zwar dem Ceutrum erhalten geblieben» hat aber an 40 pCt. Sozialdemokraten aufgebracht, war sich durch die Agitation unter den Industriearbeitern zwar erklären läßt, aber doch bei den 95,3 pCt. Katholiken ein sehr betrübender Ergebniß ist. Mainz hat 63,7 pCt., Katholiken und ca. 42 pCt. sozialistischer Wähler, er scheint fast definitiv der Sozialdemokratie verfallen zu sein. Dar Gleiche dürfte von München I und München n gelten, wo bei 79,7 bezw. 88,6 pCt. Katholiken die Sozialdemokraten über 46 bezw. sogar 56 pCt. der Wahlstimmen verfügten. Wenig niedriger steht Mülhausen i. E., dar freilich mir 53 pCt. Katholiken hat und 53 pCt. sozialistischer Wählst mmen. In Reichen« bach-Reurode finden wir 57,9 pCt. katholischer Bevölkerung und 47,8 pCt. Sozialdemokraten-Stimmey. Der Wahlsieg der Sozialdemokraten ist der Agitation unter den armen Hanvwebern im Eulengebirge zuzuschreiben; für dar Centrnm war der Wahlkreis höchst unsicher.
Aus dieser Ueberstcht ergibt sich mit vollkommener Klarheit dreierlei.
Erstens: wenngleich wir im Allgemeinen sehen, daß die sozialistische Bewegung in überwiegend katholischen Distrikten nicht so sehr hat Bl^en fassen können, wie in überwiegend evangelischen^ so haben wir doch keinen Anlaß, den Pharisäer im ,Tempel zu spielen, sondern können nur mit dem Zöllner an unsere Brust schlagen und sorgen, daß dar Gift nicht weiter ein- fresse.
Zweitens: Zwei Großstädte mit katholischer Be- völkcrungSmehrheit sind dem C-ntrum bereits verloren, und zwar so ziemlich ohne Hoffnung auf Wiedergewinnung; in mehreren anderen ist der Prozentsatz der sozialistischen Stimmen schon so hoch gestiegen, daß er unleugbar bedrohlich wird. In diese Festungen gehören kernsiste Besatzungen und bestes Geschützmaterial!
Drittens: Die sozialistische Landagitation ist doch nicht allenthalben auf so unsruchtbaren Boden gefall n, wie er vielfach angenommen wird. Zwar hat die Agitation unter den Polen und unter den Katholiken der Nordens auf dem platten Lande wesentliche Früchte nicht getragen, aber überall, wo sich Industrie befindet, zeigt sich auch ein Fortwuchern der sozialistischen Unkrauts. In Elsaß-Lothringrn schließt fich die Agitation der Industrie an, bahnt sich aber auch so ihre Wege in ländliche Bezirke. Bedenklicher sieht es in verschiedenen bayerischen Distrikten aus, wo man Unverkennbar eine nicht geringe Wirkung der Landagitation der „Genossen" in katholischer Gebend zu verzeichnen hat. Hier ist ein energischer „principiis obsta“, „widersteh' im Anbeginn!" am Platze. Man dürfte kaum fehl gehen, wenn man dem BolkSverein für daS katholische Deutschland mit seinen Schriften und Versammlungen ein wesentlicher Verdienst für die Vereitelung der sozialdemokratischen Bemühungen in den ländlichen Wahlkreisen deS Nordens, wie überhaupt in Norddeutschland zuschreibt. Hvffntlich entwickelt man auch in Süddeutschland und im Reichslande nunmehr einen gleichen Elfer in der Förderung deS Bolksver- eins, der den Sozialdemokaten ein arger Stein bei Anstoßes ist. Der Segen wirb nicht ausbleiben!
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Dezember.
* Die Verlegung bei Kaiserlichen Hoflagers von PotSbam nach Berlin erfolgt E^ds bieses MonatS.
* Das preußische Staatsministerin« hielt heute, unter Vorsitz bes Grafen Eulenburg, eine Sitzung ab. '
* Am Dienstag hat im Reichstag bte Berathnng -er Steuervorlage« mit dem Stewpelsteuergefetz begonnen. So viel kann man schon jetzt mit ziemlich« Sicherheit sag«: Die sogen. Finanzreform ist in'S Waffer gefallen, d. h. es wnden nicht 40 Millionen neuer Steuern üb« die für die Militär-Organisation nöthigen Millionen hinaus bewilligt wnden. D« Reichstag hat das Schicksal bet Finanzrefor« schon besiegelt, als er sie ganz hintenansetzte. Die Nationalliberalen sogar habe» bei btt Etatsdebatte erklärt, baß sie die Reform zarückgestellt zu sehen wünschen auf eine spätere Zeit. Diese Herren scheven eben auch unnöthige Steuern für einen sehr unsicheren Zweck. Sine Mehrheit ist bisher wohl nur für die Erhöhung der Börsenstener gesichert. Vielleicht faßt man die Börsenpatrioten, die zur Zeit der Wahlbewegung so opferwillig für die Militärvorlage eintraten, noch etwas stärk« an, als die Regiermtg vorschlägt, wiewohl sie in alle» Tonarten versichern, daS wnde ihr Untergang sein. Die Opferwilligkeit auf and«« Leute Kosten wird dem Reichstag kaum zusagen. Die QnittungS- und Frachtbrief-Stener hat dagegen nicht viel Aussicht. Nach der Stempelst«« kommt die Weinsteuer an die Reche. Sie wird vielfach schon als begraben betrachtet. Jedenfalls ist, wiewohl die Konfnvativen Neigung aus angeblichem Gerechtigkeitssinn, da sie de« Wohlhabenden treffe, für diese Steuer verrachen, keine Sten« zu «warten, welche keine Sichnheit dagegen bietet, daß sie nicht zumeist auf dem Winzer hänge» bleibt, be» tue Konservativen als Lanbwirth nicht anzmrkennm scheine«, weil Wei» kein Fusel ist. Dann gcht es an bte Tabaksteuervorlage. Ob b« Tabak blute» soll, »erben die Verhandlungen ja bald ersehe» taffen. Daran ist aber nicht in denken, daß die R^ierungS-Borlqa? Gesetz »erbe. Weder die vorgeschlagene Form noch die Höhe b« Steuer dürfte eine Mehrheit finden. Die ausschlaggebend« Parteien sind fich natmgemäß selbst noch nicht klar, war werden wird und was sie allenfalls annehmen können. Mit ein paar Stunden Rom« mifsionSberathung lassen sich solche Dinge um so weniger entscheiden, als man ja noch nicht weiß, wie die anderen Partei« sich stellen werden. Sich« bleibt nur daS eine: übet daS unbedingt Nothwen- bige hinaus gibt eS nichts. Nachdem Freisinnige, süddrvtsche BolkSpartei und Sozialdemokrat« sich rundweg gegen die neuen Steuern «klärt hab«, wird daS C en tr um unbedingt ausschlaggebend. Die meiste Neigung, den Borlagm sammt und sondnS zuzustimmen, zeigen die Konservativen nnd ReichSpar« teilet. Die Nationalliberalm sind unter sich so uneinS, wie keine andere Partei. Unbedingt sür eine der Stenn« scheint keiner von ihnen zu sein. Fest steht, daß eine R-ihe von ihn« gegen die Wein- und Tabaksteuer stimmen muß ihrer Wähler wegen. Ganz er t lüstet sind die Antisemiten, die sich sür betrogen halte» und sich geberden, als würden sie gegen alle Steuer» mit Ausnahme der Börsensteu« ftimmen. Ob diese Entrüstung nicht etwas ofsiklirt sein mag, nachdem ihnen die Zustimmung zur Militärvorlage bei d« Wählern so übel genommen Word« ist? Die Freisinnigen um Rickert werden trotz alle» Deklamation« schon den Anschluß fiaden. UebligenS gibt es imm« noch Leute, »eiche glauben, Herr Miquel würde durchaus zufrieden fein, wenn er nur die Kostendeckung für die Militär-Vorlage beschaffe; Finanzreform und Weinsteuer seien nur Dekorationen, bestimmt, dem widerstrebenden Reichstag geopfert zu »erbest, damit er die Nachgiebigkeit der Regierung i» diesen Dingen mit Nachgiebigkeit seinerseits vergelte nnd so die Regierung glatt abschneide. Unwahrscheinlich ist dieser Gedanke wenigstens nicht.
* Die Abberufung des württembergische» Gesandte» v. Moser vom Berlin« Hofe wird in d« Preffe verschiedentlich kommentirt. So sehr auch diese Kommentare in manchen Punkten den Stempel d« Kombination tragen, so zeigen sie doch, daß ein bau- feier Punkt in Württemberg vorhanden ist. Rach zuverlässigen Mitkheilungen ber ,Nat.-Ztg.' aus Stuttgart soll von einem Zerwürfniß zwischen Berlin und Stuttgart keine Rede sein, sondern ein Konflikt nur zwischen dem württembergischen Minist« - Präsidenten v. Mittnacht und dem bisherigen Gesandten v. Mos« existiren. Trotzdem besagt dieselbe Meldung, daß in Berlin nachträglich Zweifel entstanden seien, ob die Einschränkung en der württe mb er gischenMa- növer wirklich nothwendig waren, und daß die Er-