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Sonntag, den 10. Dezember 1893.

20. Jahrgang

JV 284

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MF* Drittes Blatt.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(169. Fortsetzung.)

78.

In Courbevoie angelangt, ließ er sich dann vom ersten besten Vorübergehenden die Stelle am Quai zeigen, wo sich die Fabrik befand. Er begab sich dann dorthin und besah sich die Fesade und die beiden Thüren. „Hier kann Niemand herein oder heraus, ohne daß ich ihn sehe," sagte er zu sich selbst. „Ich brauche also nur aafzupüssen; sreilich werden die Sitzungen lange dauern, wie es wohl scheint."

Der ehemalige Beamte der Bürgermeisterei Joigny untersuchte das umherliegende Terrain. In der Nähe bar Fabrik befand sich eine Weinrestauration.

„Hier werde ich meine Mahlzeiten eir-nehmen," murmelte der junge Mann. „Dann werde ich mich auf dem Ufer ausstrecken, eine Siesta in der Sonne halten, wie ein ermüdeter Flaneur — ich möchte dann wissen, ob sich Jemand weiter um mich kümmern wird. Die Hauptsache ist, daß ich stets bereit bin, den Einen oder Anderen meiner beiden Leute sogleich folgen zu können."

Raoul Duchemin hatte einen Fiaker auf die Stunde gemiethet. Dieser Wagen wartete in einiger Entfern­ung von der Fabrik. Er schritt auf denselben zu und sagte zu dem Kutscher: „Ich muß hier in dieser Gegend bleiben, ich erwarte Jemanden. Ich behalte Sie; sehen Sie sich nach Ihrem Frühstücke um, aber halten Sie sich bereit, auf dm ersten Ruf aufzubrechen."

Der Kutscher war, wie er sich selbst gerne rühmte, rin alter Rossenfahrer, der in seinen langen Jahren vielerlei erfahren und erlebt hatte. Er begriff also so­gleich zum Theil wenigstens und ahnte im Nothfalle, was man ihm nicht sagte. „Muss n wir vielleicht Je­manden nachfahren, mein lieber Herr?" frug er also listig mit den Augen blinzelnd.

„Vielleicht ja."

„O, antworten Sie mir direkt ja! Kenne das — schon oft erlebt, sage ich Ihnen."

' „3a, also."

„A la bonne heure! Es macht mir stets Ver­gnügen, einem Herrn oder einer Dame nachzufahren, daS bietet wenigstens etwas Abwechselung. Aus mir wäre ein prächtiger Agent der Sicherheitspolizei ge­worden — ich will mich nicht rühmen, aber ich habe Beruf. Also ich darf mich nicht zu weit von Ihnen entfernen. Ist eine Wirthschaft hier in der Nähe?"

„O ja, neben der Fabrik, welche Sie da sehen."

„Gut, ich werde also dorthin fahren und mir die Zeit damit vertreiben, eine Flasche zu trinken und ein Beessteak zu verzehren. Dort werden Sie mich finden."

„Gut, gehen Sie, ich werde auch wahrscheinlich frühstücken."

Den ganzen lieben Tag mußte heute Duchemin auf seinem Posten bleiben, ohne daß er etwas gesehen hätte.

Er kehrte also gegen sechs Uhr Abends wieder in die Rue drs Dames zurück — Ovide Soliveau hatte er nicht zu Gesicht bekommen und Paul Harmant war er bis zu dessen Hause gefolgt, das er auch bis z hn Uhr nicht verlaffen hatte. Es war dies alles an dem Tage nach dem Morgen geschehen, an welchem Ovide versucht harte, Johanna Portier zu ermorden.

Seit Jakob Garaud bei seinem Mitschuloigen ge­wesen war, um ihm mitzutheilen, von welchen neuen Gefahren er bedroht sei, hatten sich die beiden Männer nicht wiedergesehen.

Uebrigens war der falsche Paul Harmant voll Zuversicht. Das abermalige von Ovide vorbereitete Verbrechen mußte als ein Unglücksfall erscheinen, folg­lich bedurfte es einiger Zeit, um dasselbe vorzubereiten, und mehrere Tage konnten und mußten sogar sehr wahrscheinlich verfließen, ehe die verabredete Thatsache eintrat.

Das hinderte sreilich den Millionär nicht, mit Un­geduld auf Nachrichten von der Katastrophe zu warten, deren Eintreten alle seine Schrecken vertreiben würde. Zu Hause, in der Nähe seiner Tochter und im Ver­kehre mit Lucian Labrone, welcher sozusagen in seinem Hause ein beständiger Gast war, war er äußerlich sehr aufgeräumt und heuchelte sogar eine gewisse Fröhlich­keit, so daß Niemand, der ihn so ruhig und zufrredm

gesehen hätte, ahnen konnte, welcher Sturm im Ge­heimen in seinem Innern tobte.

Der Zeitpunkt, welcher behufs der Unterzeichnung des HeirathSkontrakts zwischen Lucian Labrone und Fräulein Harmant festgesetzt war, war nicht abgeän­dert worden.

Mary, vor Freude strahlend bei dem Gedanken, daß ihr heißester Wunsch endlich in Erfüllung gehen würde, beabsichtigte, am Abende des Tages, an welchem der Vertrag unterzeichnet werden sollte, ein brillantes Fest zu veranstalten, um zahlreiche Zeugen ihres Glückes zu haben. Madame Augustine hatte sich ge- vöthigt gesehen, mehrere Arbeiterinnen neu einzustellen, um den zahlreichen und dringendes Bestellungen Fräu­lein Harmant's gerecht zu werden.

Lucian war in der Fabrik allzusehr beschäftigt, um Zeit zu finden, den Maler und Georg Darier zu be­suchen. Ganz gegen seinen Willen und in sehr ge­drückter Stimmung spielte er die ihm von dem Künstler sozusagen gebotene Rolle weiter.

Stephan wollte seinerseits trotz aller Hindernisse, welche sich ihm in den Weg zu stemmen schienen, mit aller Gewalt die Spur Raoul Duchemin's und Fräu­lein Amanda's finden. Er hatte sich die Mittheilung der Magd aus dem Hotel Jägersruh wohl gemerkt und sagte sich, daß er jetzt jeden Sonntag sich nach Bois- le-Roi begeben müsse, in der mehr oder weniger be­gründeten Hoffnung, den ehemaligen Bürgermelsterei- beamten von Joigny und Amanda zu treffen.

Raoul Duchemin überwachte ohne irgend ein Er- gebniß zu erzielen, das Kommen und Gehen Paul Harmant's. Jeden Morgen nahm er einen Wagen auf die Stunde und wartete in der Nähe des Hauses in der Rue Murillo auf den Millionär, fuhr ihm den ganzen Tag nach und entfernte sich nicht eher als zwei Stunden nach seiner Rückkehr nach Hause.

Am Abende des Tages, an welchem Johanna Portier nahezu ihren Tod unter dem Gerüst gefunden hätte, hatte Paul Harmant die Fabrik nicht zur ge­wohnten Zeit verlaffen. Infolge dessen setzte Duchemin, über die Veränderung in den Gewohnheiten des Millionärs einigermaßen beunruhigt, seine Beobacht­ungen auf seinem Posten an der Böschung des Seine­ufers fort.

Halb acht Uhr hatte es geschlagen, und die Ar­beiter hatten alle die Fabrik verlassen. Duchemin frug sich schon in einiger Aufregung, ob ihm nicht in einem unbewachten Augenblicke sein Mann, nach welchem er spähte, entschlüpft sei.

Plötzlich bog ein Wagen von der Brücke Bineau her auf den Quai ein, fuhr an demselben her und hielt endlich dem Thore der Fabrik gegenüber. Dann entstieg ein Mann demselben. Der W>gen verdeckte den Mann zum größten Theil. Raoul that einige Schritte vorwärts, um das Gesicht des verspäteten Besuchers, welcher an dem Thore klingelte, erkennen zu können. Er erkannte es — beinahe wäre ihm ein Schrei des Erstaunens entfahren.

Es war nämlich derfelbe Mann, welchem er das aus den Archiven der Bürgermeisterei von Joigny ent­wendete Schriftstück übergeben halte, es war Ovide Soliveau alias Baron de Reiß.

Das Thor öffnete sich, der Mann trat ein, und das Thor schloß sich wieder hinter ihm. Zu gleicher Zeit wendete der Wagen, welcher den Besucher gebracht hatte.

„Endlich!" murmelte Duchemin freudig erregt, „Amanda hatte also Recht. Es hat freilich einige Mühe gekostet, aber ich habe ihn doch endlich, und heute Abend werde ich wiffm, wo mein Mann wohnt."

Duchemin begab sich zu seinem Kutscher, welcher in der Wirthschaft saß und gab ihm ein Zeichen. Ter Kutscher erhob sich sogleich. „Steigen Sie auf den Bock," sagte er dann zu ihm, „und passen Sie wohl auf. Sobald ich leise auf die hinter Ihnen be­findliche Glaswand klopfe, folgen Sie in einiger Ent- firnung dem Manne, welcher die Fabrik verlassen wird, möge er sich nun zu Fuß oder mit dem Wagen ent­fernen. Auch dann fahren Sie noch, wenn anstatt Eines vielleicht zwei herauskommen."

„Aber", sagte der Kutscher, „es ist schon sehr düster, cs wird dies nicht gerade sehr leicht sein."

„ES wird mir auf zwanzig Franken nicht an­kommen, wenn's Ihnen gelingt."

„Gut, Herr, ich werde mein Bestes thun."

Duchemin setzte sich in den Wagen, welchen der Kutscher jetzt umwandte, worauf er etwa zehn Schritte

entfernt auf der entgegengesetzten Seite der Fabrik, mit dem Blicke auf dar Thor, Ausstellung nahm. Eine Garlaterne, welche man eben angezündet hatte, warf ihr lebhaftes Licht auf dieses Thor. Duchemin brauchte nur zu warten.

Der Besucher war in der That Ovide Soliveau, welcher Paul Harmant über daS, was die Leser bereits wissen, Bericht erstatten wollte. Im Laufe deS Tages hatte er ihn schriftlich gebeten, ihn um halb 8 Uhr zu erwarten. Er traf pünktlich zur festgesetzten Stunde ein.

Paul Harmant zitterte vor Schrecken, als Ovide i ihm von dem Verbrechen erzählte, welches er ausgeführt hatte. Besonders war e8 ihm unangenehm, daß zu gleicher Zeit mit Johanna der junge Mann seinen Tod gefunden hatte und er verhehlte dies auch Soliveau gegenüber nicht.

„Ich weiß es wohl, es ist unangenehm," erwiderte Ovide, „aber es ging nicht anders."

„Bist Du wenigstens gewiß, daß Johanna auch wirklich tobt ist?"

„Wie sollte sie nicht tobt sein, nachdem ihr ein Gerüst von 5—600 Kilogramm auf den Kopf gefallen ist? Ich habe sie, wie ich Dich vor mir sehe, todt auf dem Boden ausgestreckt in ihrem Blute liegen sehen. Du kannst Dich beruhigen, mein Bester und magst ruhig schlafen. Sie wird nicht wieder aufstehen wieLucie.

Paul Harmant war bleich und ein Zittern hatte ihn erfaßt. „So viele Verbrechen!" murmelte er mit er­stickter Stimme. „So viele Verbrechen und dies Alle- wegen meiner Rettung!"

„Freilich, freilich," versetzte Soliveau achselzuckend. „Aber wer einmal A gesagt hat, muß auch B. sagen, Du weißt ja! Zuerst dm Finger, dann die Hand, dann den Arm und nach dem Arme den Kopf."

Das letzte Wort versetzte den Millionär in eine un­geheuere Aufregung. Unwillkürlich dachte er an das Schaffst, und ohne zuwffmwie, fuhr er instinktmäßig mit beiden Händen an seinen Hals. Es schien, als fühle er bereits das Beil des Henkers auf seiner Haut. —

Dem Ovide entging ver Schrecken seines falschen Vetters nicht. „WaS geschehen ist, ist geschehen, Du kannst es nicht ändern. Denken wir nicht mehr daran und sprechen wir von etwas Anderem."

„Wovon denn?" frug der Millionär.

„Wovon sollen wir mit einander sprechen, meii Bester, als von geschäftlichen Angelegenheiten?"

79.

„Von geschäftlichen Angelegenheiten?" wiederholte der Millionär.

„Natürlich," antwortete Ovide.

„Von welchen Angelegenheiten?"

„Nun, von unseren Angelegenheiten, ober auch van meinen Angelegenheiten, denn dies ist ja daS Nämliche. Ich habe Dir gegenüber stets als Freund gehandelt, als ein aufrichtiger Freund, Du weißt eS .... Ich habe mich nicht geschont, die schwerste Arbeit auf meine Schultern geladen, die gefährlichsten Aufträge übernom­men und dies Alles, ohne Dir Bedingungen aufzuer- legen. Gewiß war Alles dies der Mühe werth. Nach dem, WaS ich heute Morgen gethan habe, mache ich die Rechnung. Ich habe es satt, ich will Paris verlassen."

„Paris verlaffen?" wiederholte der Millionär be­stürzt.

„Ja, natürlich."

„Du hast Furcht?"

„Nicht ganz, denn ich habe meine Vorsichtsmaß­regeln getroffen, und zwar sehr gut getroffen. Aber man weiß schließlich nickt, was geschehen kann. Vor­sicht ist die Mutter der Weisheit, sagt dasSprüchwort; ich halte es deshalb sür rathsam, über die Grenze zu gehen und mich vor allen etwaigen Nachforschungen sicher zu stellen, falls man auf den Gedanken käme, solche Nachforschungen anzustellen."

Paul Harmant zitterte immer mehr. „Aber WaS fürchtest Du denn?" frug er.

„Sitte sehr naive Frage, mein Bester."

„Ich meine, daß Du durchaus keine Gefahr zu befürchten hast, wenn in der Rae Git-le-Coeur Alles so verlaufen ist, wie Du mir erzählt hast."

„Auch meine Ansicht. Aber was willst Du, ich werde alt und Möchte in Ruhe und Frieden leben und kann auf beiden Ohren nur ruhig schlafen, sobald ich in einem andern Lande bin."

„Du willst mich also wirklich verlassen?" murmelte der Millionär melancholisch.

„Ich glaube nichts daß Du Anlaß hast, Dich zu beklagen; ich habe alle Dornen und Wurzeln, die ich