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JV 283 Samstag, den 9. Dezember 1893. 20. Jahrgang

FuldaerWZkituna

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Deutsches Reich.

Berlin, 7. Dezember.

* In der Kommission zur Borberathüng der Handelsverträge hat der Abg. Dr. Lieber folgende Resolution eingebracht: „Der Reichstag wollte beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen: 1. beim Abschluß vou Handels-Verträge« oder im Anschluß an solche nicht nur aus Vereinbarung der vom Reichstage schon am 22. Januar 1892 einstimmig befürworteten Schiedsgerichte über alle aus diesen Ver­trägen etwa entspringenden Streitigkeiten, sondern auch auf die Erlangung einer für die Kulturstaatev gemein­samen Regelung des Währungssystems, des Börsen- wesens und der Arbeiterschutz-Gesetzgebung Bedacht zu nehmen; II. die beruftgenossenschafiliche Organisation der deutschen Landwirthschaft mit allem Nachdruck zu fördern; III. im Wege der Reichsgesetzgebung für die Schaffung eines den eigenartigen Verhältnissen der ländlichen Grundbesitzes entsprechenden Agrarrechtes Sorge zu tragend

* Die Budget-Kommission des Reichstags nahm die Novelle betr. der Jnvalideo-Pension mit einig« Aenderungen, wie Eröffnung des Rechtsweges u. a. an. Sie machte ferner die Unterstützung der Hinterbliebenen obgligatorifch.

* Der Reichstag führte heute die erste Berathung des Stempelsteuer-Gesetzes zu Ende und überwies das­selbe an eine Kommission von 28 Mitgliedern. Abg. Dr. Hahn (nat.-lib.) stimmt der Börsensteuer zu, wird mit einem Theile seiner Freunde dem Vorschläge einer Quittungs-Steuer aber nur dann näher treten können, wenn zu einer Abstufung übergegangen wird. Für aus- ländische Emissionen wünschte er eine amtliche AuSkunstS- Stelle. Durch die P reffe werde dar Publikum leider häufig irre gesthrt. Abg. Liebermann von Sonnenberg (deutsch-sozial) forderte eine schärfere Heranziehung der Börse zur Steuer, als es in der Vorlage geschieht, vor Allem aber ein wirksames Börsm-OrganisationS-Gesetz. Zwischen dem Redner und dem Abg. Singer kam er zu einer stürmischen Scene. Abg. Liebermann hatte dem Abg. Singer den verurtheilten Bankier Löwy quasi an die Rockschöße gehängt, worauf Singer erwidert hatte: Ein Mann, der Ehrenscheine unterschreibt und nicht bezahlt, steht Löwy näher. Abg. Liebermann wies die darin liegende Insinuation scharf zurück; Sin­ger mache sich damit zum Genoflen von Wucherern. Singer rief: Unverfchämtheit! Frechheit! Daran schloß sich großer Lärm auf der Linken. Später rief der Prüsirent auf Grund des stenographischen Berich­tes den Abg. Liebermann zur Ordnung und ertheilte dem Abg. Singer eine Rüge. Aus Wunsch des Abg. v. Komierowski (Pole), der sich im Allgemeinen für die Vorlage auSsprach, sagte Staatssekretär v. Bötticher die Vorlegung der Materials der Börsen-Enqnete zu. Abg.v.Ploetz (kons.) befürwortete schärfereBesteuerung der Differenzgeschäfte, prozentuale Checksteuer und besondere EmrsfionSsteuer. Stastsekretär Graf Posadowski er­klärte, daß die Regierung sich einer Abstufung deS OuittungS- und CheckstempelS gegenüber nicht ablehnend verhalte. Abg. Dr. Osann (natl.) trat für Reichs-

Endlich entlarvt!

Roma» vou R. von Wollersheim.

(188. Fortsetzung.)

Kehren wir wieder zu Raoul Duchemin zurück.

Aus Anlaß der Anwesenheit der Malers in Bois- le-Roi toiffen wir, daß der ehemalige Bürgermeister- beamte von Joigny «ach Paris abgereist war. Voll­ständig geheilt nnd im Besitze feiner fünftausend Franken Entschädigung befand sich Duchemin in der fröhlichsten Stimmung von der Welt und war wohlgemuth der schönen Seinestadt zugedampft.

Am Tage vorher hatte er Amanda mitgetheilt, daß er von ihrem freundliche« Anerbieten, ihm ein Zimmer zur Verfügung zu stellen, Gebrauch machen werde. Bei seiner Ankunft in Paris hatte er sich denn auch alsbald nach der Rue des Dames, im Viertel der BatignolleS, begeben, wo die Anprobirerin der Madame Augustine ihn erwartete.

Weder das junge Mädchen noch er selbst hatten die Rachepläne vergessen, welche sie Beide gegen Ovide Soliveau, den angeblichen Baron de Reiß, hegten. Sie brannten vor Begierde, den Aufenthaltsort dieses Man­nes kennen zu lernen und seinen Händen die Schrift- ; stücke zu entreißen, welche ihnen keineswegs angenehm ;

einkommensteuer ein und führte unter dem Beifall der Linken aus, daß die Steuervorlagen mit den Ber- fprechunge« des Reichskanzlers vor der Abstimmung über die Militärvorlage in Widerspruch ständen. Staatssekretär Graf Posadowsky bestritt dies. Abg. Weist (Soz.) sprach gegen die Vorlage, Abg. Graefe (Reformp.) Namens feiner Freunde gegen den Quittungs­stempel, Abg. Graf Arnim (Rp) befürchtete, daß bei der Haltung der Regierungsvertreter in der Börfen-, Enquete-Kommission keine besonderen Hoffnungen zu hege« seien. Staatssekretär v. Bötticher widersprach dem. — Sonnabend: Anträge.

* Er werden gegenwärtig, wie verlautet, vou der Unterrichtsverwaltung Ermittelungm über die im höheren Lehrfach eingetretme Ueberfülluug vo« an- stelluugsberechttgte« Lehrkräfte« angestellt. Es foll außer der Z ihl der in Betracht kommenden Kandidaten auch festgeftellt werden, wie viele erledigte Oberlehrer­stellen vom 1. April 1892 bis Ende März 1893 durch kommissarisch angestellte Hilfslehrer versehen wurden und wie viele dieser Stellen als dauerndes Bedürfniß anzusehen sind. ES scheint also endlich einmal etwas zur Abstellung oder wenigstens Milderung des Kandidatenelender geschehen zu sollen. Allzuviel wird eS aber wohl nicht werden, da wir sür solche Dinge kein Geld haben, trotz der schönen Wortes: „Kulturaufgaben leiden nicht".

* Heftet die Täuschung der Wähler durch die antisemitische« Abgeordnete« der Böckel'schm Frak­tion lieft mau in dm ,DreSd. Nacht.' Folgendes: SS sind erst 4 Monate her, da ertheilte« die Parlaments- rischen Führer der Reform-Partei vor der Abstimmung über die Militär-Borlage dem Reichskanzler ein Ver­trauens-Votum in optima forma, wie es dieser sich nicht bester wünschen konnte. Nun vergegenwärtige man sich aber fte« Gang der Dinge! Die im Juli von dem Reichskanzler hinsichtlich der DeckungS-Frage ab­gegebenen Erklärungen wurdm vo» dem einen Führer der Reform-Partei für nicht ausreichend erachtet und sichere Garantien für die Kostendeckung verlangt; der andere Führer ließ feine Anhänger in Dresden wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung auch dm Be­schluß fassen, daß zwischen der zweiten und drittm Lesung noch weitere Sicherheiten bezüglich der DeckungS- kosten von der Regierung gefordert werden müßtm. Ohne daß nun von dem Reichskanzler aber irgend welche der beanspruchten Garantien geleistet worden wären, stimmten die Reformer zum Staunen von ganz Deutschland und besonders der Kerntruppen ihrer Wäh­lerschaft für dieMilitär-Borlage, gegen die sie eben noch Front gemacht hatten. Es steht in der Ge­schichte des Parlamentarismus vielleicht einzig da, daß die Wähler einer Partei von ihren Abgeordneten in so unverfrormer Weise getäuscht worden sind. Und heute beschweren sich dieselben Herren darüber, daß nunmehr die Konsequenzen ihrer damaligen Abstimmung gezogm werden und Graf v. Caprivi sein ganz allgemein ge­haltener Versprechm bezüglich der DeckungS-Frage ebm nur so weit hält, als er eS gegeben hat. Vor vier Monaten schenkten die Reformer dem Kanzler ihr vol­les Vertrauen; heute ertheilen ifte ihm ein un­

warm und die er sich gegen klingende Münze zu ver­schaffe« gewußt hatte. Duchemin hatte, obwohl ein wenig spät, eingesehen, daß der von ihm in den Ar­chiven der Bürgermeisterei begangene Diebstahl ihn doch thatsächlich nicht wenig bloSstelle, und so war eS ihm natürlich ebenfalls darum zu thun, wieder in den Besitz der Bescheinigung über die Abgabe eines KindeS an das Findelhaus, sowie der von ihm unterschriebenm gefälschtm Wechsel zu gelangen.

^Nicht weniger lebhaft wünschte Amanda ihrerseits die von ihr unterschriebme seltsame Erklärung zurück, welche sie Madame Delion hatte abgeben müffm. Dos junge Mädchen besaß einen sehr rachsüchtigen Charakter. Ovide hatte eS versucht, sie zu vergiften, außerdem schien er Verdacht gegen sie zu hegen — möglicherweise konnte er sie eines schöne« TazeS verderben. Diese beiden Punkte konnte sie ihm nicht verzechen und nichts in der Welt hätte Amanda bewogen, auf ihre Rache­pläne zu verzichten.

Roch am Tage der Ankunft Duchemin'S in Paris brachte sie das Gespräch auf die Frage, welche einst­weilen für sie das g'ößte Jntenffe hatte. „Bist Du bereit, gegen unfern Fe>nd vorzugehen?" hatte sie ihn gefragt.

Raoul, ohnehin ein schwächlicher Charakter, bedurfte

zweideutiges MitztrauenS-Votum, indem sie ihm Wortbruch vorwerfen und audeutm, daß dieMili­tär-Borlage erschlichen worden sei. Ei« Rückgrat vo« unbeugsamem Esten rühmten sich die Reformer zu haben- In Wirklichkeit haben sie ein solches von dünnem Fisch­bein, welches jede Biegung macht, die ihnen zur För­derung ihrer persönlichen Zwecke dienlich scheint. Den» wo kann von Charakterstärke die Rede sein» wmn eine Partei erst Rein, dann Ja und schließlich wiederum Rein sagt? Eine große Versammlung deS Dresdener konservativen Vereins, zu der auch Gäste Zutritt hatte», hat eine scharfe Resolution gegen den ReichStagS-Ab- geordneten Zimmermann angenommen.

* Das Thema der Maul- und Klauen-Eeuche, welches im Reichstag erörtert wurde, wird auch m einem Artikel des .Reichs-Anzeigers' behandelt. Der­selbe wendet sich gegen eine Erklärung der Pommer- schen ökonomischen Gesellschaft und hält die vom Reichs­kanzler bei Bertheidigung der Handelsverträge er­hobene Behauptung aufrecht, daß die Verbreitung der Seuche nicht als Folge deS erleichterten GrenzverkehrS dargestellt werde» könne, daß sie namenttich nicht eine Folge der an vier Stellen der russischen Grenze zuge- laffenen Schweine-Einfuhr sei. ES wird darauf hinge- wiesen, daß daS Schlachthaus in Tarnowitz 1891, die in Thorn, Beuthen und Myslowitz im November 1890 eröffnet worden sind, während die Seuche schon im September 1890 in 1186 deutschen Gemeinden ver­breitet war.

* flöht, 2. Dez. Eine Frage von großer sozialer Bedeutung für jedes Gemeinwesen wurde von dem bei- geordneten Bürgermeister Sugg in der Jahresver­sammlung der städtischen Armenpflege und Armen­bezirksvorsteher berührt. Der Redner wies daraus hin, daß die soziale Gesetzgebung, besonder- die Alters- und JnvaliditätSverficherung, der städtische» Armenpflege die Erleichterung nicht gebrachthlwe, welche die städtischen Gemeinwesen vo« ihr erwartet hätten, vielmehr seien die Ausgaben in der offene« und geschloffene» Armen - und Krankenpflege noch immer gestiegen. Die Gemeinden hätte« mit Bestimmt­heit darauf gerechnet, daß die Alters- und Invaliditäts- Versicherung eine Reihe von alten Leuten, besonder- diejenigen, die bei ihren Familien bezw. Kindern wären, der Armenunterstützung nicht mehr. Dieser Fall sei nicht eingetreten. Erfahrungsgemäß sei eS ein hartes Brod, welches alte, arbeitsunfähige Elter« in der Familie ihrer unbemittelten Kinder genössen. Hätten diese Leute nur eine kleine Rente, so werde ihre Stellung sofort gebeffert, daS Familien« lebe« werde einträchtiger und gegen die Liebe der Kinder zu ihren Eltern nicht so sehr gefehlt. Leider unterließen ei viele aber, dafür zu sorgen, daß sie i« den Genuß der Reute kämen, theilS aus Vorurtheil, theilS aus Nachlässigkeit. Der Redner richtete schließlich an die Armenpflege die dringende Bitte, den arm« Leuten bei der Beschaffung der Nachweise, welche vor Verleihung der Rente an die Versicherungsgesellschaft eingereicht werden müssen, behüfl ch zu Jein und alle BerficherunzSpflichtigen auf die Wichtigkeit der Rente aufmerksam zu machen. Einmal sei dies im Jntereffe

kaum dieser Anregung. Ec antwortete also: „Weshalb sollte ich es nicht sein?"

„Gut," versetzte Amanda, „so werden wir also handeln."

„WaS sollen wir thun?"

„Zunächst diesen Menschen zu entdecken such« dann sich an seine Fersen heften, ihm Schritt für Schritt folgen, »wie sein eigener Schatten, damit wir endlich erfahren, wo er wohnt."

„Und wann werden wir alles dies wiffen?"

„Wir werden schon Mittel und Wege find«, un- bei ihm einzuschleichen, seine Möbel zu untersuchen und uns dann der Papiere zu bemächtigen, die uns intet« effiten. Wirst Du thun, was ich Dir zu thun gebiet« werde?"

„Ja."

„Wirst Du gehorchen ohne Widerrede?"

„Wie ein Soldat feinem Unteroffizier."

„Dann wird unsere Sache gut gehen. Ich bin über­zeugt, daß dieser Ovide Soliveau zu dem Vater Mary Harmant's in irgend einer Beziehung steht — Bewei- dafür ist, daß er dem Millionär von Courbevoie da- Schriftstück ausgeliefert hat, welches Du ihm verschafft hast. Wir müffen uns also in Courbevoie, in der Nähe ' bet Fabrik oder in Paris in der Nähe seines Hauses