J\g §82 Freitag, den 8. Dezember 1893. 20. Jahrgang
Fuldaer WZeittiig
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UachKlänge jur Jesniteudebatte.
* Die Aufhebung des Jesuiten»Gesches ist vom Reichstage, wie bekannt, mit 173 gegen 136 Stimmen angenommen worden.
Mit diesem erfreulichen Beschlüsse ist freilich dar Jesnitengesetz noch nicht beseitigt. Die „verbündeten Regierungen" werden leider wohl zunächst noch — unter Führung Preußen- diesen jämmerlichen Rest der Bi-marck'schen Kulturkampftpolitik aufrecht erhalten. Aber ebenso erging eS im Anfang den Beschlüssen deS Reichstages auf Aufhebung deS Expa« triirungSgefetzeS (PriesterverbannungS - Gesetze-). Auf wiederholte Hiebe erst fiel dieser Baum, und wir dürfen hoffen, daß schon h-t zweite wuchtige Hieb im nächsten Jahre dar welke S wächS des Jesuitengesetzes zum Fallen bringen werde.
Denn wenn Zufall oder Bosheit nicht überraschende Zwischenfälle zu Wege bringen, so darf man sicher darauf rechnen, daß nächstes Jahr die Mehrheit im Reichstage noch größer sein wird. TaS gründet sich auf die deutlichen Anzeichen der Unlust und Muth« losigkeit bei den Bertheidigern deS Ausnahmegesetzes. Nicht bloS die Abstimmung, die ganze Verhandlung in erster und zweiter Lesung war kurz und gut.
Die ehemaligen Kartellparteien, die Mitschöpfer des JesuitengesetzeS, ließen kurze Erklärungen zur Begründung ihres ablehnenden Votums verlesen, wobei zu bemerken, daß die konservative Erklärung nicht für die gejammte Fraktion, sondern nur für die Mehrheit erlassen wurde. Zu solchen Erklärungen pflegt man zu greifen, wenn man die freie and gründliche Aussprache scheut. Wie anders ging eS 1872 zu, wo dieselben Parteien sich in Brandreden gegen die Jesuiten «nd deren Anhang nicht genug thun konnten. Jetzt wagt man die Frage nur mit GlacS-Handschuhen anzufassen.
Vergleicht man die Erklärungen dieser drei Fraktionen, so stehen die Freikonservativen noch am tiefsten im alten Kulturkampfsumpfe. Sie konnten sich noch einen offenen Ausfall auf die sog. „Normen deS Jesuitenordens" nicht versagen, während die Konservativen und die Nationalliberalen sich auf die Ausspielung des „konfessionellen Friedens" beschränkten. Wir müssen anerkennen, daß die Konservativen ihre Ablehnung einzuw ckeln suchten in eine höfliche Absage an den Kulturkampf im Allgemeinen. Aber waS helfen uns diese schönen Worte, wenn man sich an Tha ten vorbeidrückt mit der komischen Bemerkung, dieses schärfste aller Ausnahmegesetze, womit der Kulturkampf eingeleitet wurde, sei „eigentlich" kein Kulturkampf-Gesetz.
Die Konservativen stimmten in ihrer großen Masse gegen uns. Nur zwei Konservative traten sür die Aufhebung deS Jesuitengefitz-S ein, und einige andere enthielten sich der Abstimmung, um „peinlichen Diskussionen" über ihr Ja oder Nein aus dem W'ge zu
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(187. Fortietznnz.)
Als Stephan Castel nach einer Abwesenheit, die seinem Diener nicht wenig auffällig gewesen war, zu- rücktehrte, vernahm er, daß Georg Darier, jeden Tag an seinem Hause gewesen war. Er begab sich deshalb alsbald zu Georg.
Georg selbst stand eben im Begriffe, sich zu dem Maler zu begeben. „Ah, endlich wieder eingetroffen!" begann Georg. „Ich freue mich wirklich sehr, Sie noch einmal zu sehen!"
„Glaubtest Du denn, daß mir irgend etwas BöseS zugestoßen sei?"
„Ich fürchtete eS gerade nicht, aber eS wurde mir doch bereits unheimlich zu Muthe! Ein Unglück ist ja so rasch geschehen! Ihr Diener nahm, wenn er mit mir sprach, die Miene einer Sphynx an. Er hatte offenbar bestimmte Weisungen, und ich wollte auch nicht in ihn bringen — d. h. Sie hätten ihn doch vielleicht ermächtigen können, mir zu sagen, daß Sie sich auf Reisen befänden."
„Ich war allerdings auf Reise."
„War es eine VergnügungStour?"
„Keineswegs, es war eine Geschäftsreise, indeß auch nicht sehr angenehm."
„Weshalb?"
gehen. Die Haltung dieser kleinen Minderheit, in deren Namen der schlesische Abg. Landrath von Holl« euffer sprach, finden wir nicht imposant, aber immerhin ein wenig hoffnungerweckend. Cs ist ein altes Manöver der Offiziösen, bei den Wahlen alle die Wähler sür die Regierung in Anspmck zu nehmen, die nicht gestimmt haben. Mit mehr Recht können wir einen starken Theil der Abgeordneten, die über den Jesuitenantrag nicht gestimmt haben, sür denselben in Anspruch nehmen. Abgesehen von den Hollen ff-r'schm Konservativen, ist die schwache Besetzung des Hauses gerade bei den Parteien, die sich gegen den Antrag erklärten, namentlich auf der Rechten, allgemein auf- gefallen. Es hat sich also eine Menge Abgeordneter gedrückt, ohne dies vorher angekündigt zu haben. Wären diese ernste Gegner der Jesuiten, so würden sie gewiß zur Stelle gewesen sein, um mit Nein zu stimmen. Sie haben sich absichtlich gedrückt auf die Gefahr hin, daß der Antrag alsdann eine Mehrheit finde. Sie können demnach kaum glauben, daß die Rückkehr der Jesuiten die prophezeite große Beunruhigung der protestantischen Bevölkerung und Störung des konfeffio- uellen Friedens zur Folge haben werde. Diese Leute werden meist sehr wohl das Unrecht fühlen, welches den Jesuiten und dem katholischen Volke mit dem Jesuitengesetze geschehen ist, aber sie scheuen die Hetzer, die sich den Schein zu geben wissen, als stehe oas ganze proiestantische Volk hinter ihnen.
WaS die Antisemiten angeht, so dürfen die Katholiken nicht übersehen, daß diese ß ute, die auch gern in unsern Teichen fischen möchten, nur eine Stimme gegen das Jesuitengesetz abgegeben haben. Drei Antisemiten enthielten sich der Abstimmung, der Rest ging mit den Kulturkämpfern.
Bei den Freisinnigen und Demokraten herrschte eine jämmerliche Verwirrung. Die Freisinnige Bereinigung ist kulturkämpferisch durchsäuert; auf ihre Stimmen hatten Wir nicht gerechnet. Wir hatten aber auch nicht erwartet, daß die Winzige Fraktion noch in drei Theilchen zerfallen Würde. Die Mehrheit ließ den Protestantenvereinler Schröder eine regelrechte Kulturpauke halten, die vor 20 Jahren recht zeitgemäß gewesen Wäre. Der Abg. Barth war so vernünftig, einfach zu erklären, daß er die Jesuiten zwar nicht möge, aber ein Ausnahmegesetz auch nicht. Der Abg. Rickert, der Anführer der sogen. „Juden-Schutztruppe", endlich schloß sich einem verzwickten diplomatischen 83er» legenheitifeldzuge des Abg. Richter an.
Herr Eugen Richter konnte nämlich seine junge Fraktion, die „Freisinnige Volkspartei", nicht zu einem einrnüthigen Ja ober Nein bringen. Er zog nun brei Abschleifungen zu Hilfe, um bie Uneinigkeit zu bemänteln. Zunächst sollte zwischen § 1, bet ben Orden im Ganzen verbietet, und § 2, der die Aufenthaltsbeschränkungen für die einzelnen Jesuiten verhängt, unterschieden werben. Den § 2 wollte die ganze Bolks- p artet preis geben, aber nicht alle ben § 1, Weil einige zu behaupten wagten, baS sei kein Ausnahmegesetz.
„Ich habe mancherlei Et tiäuschungen erfahren müssen. Ich bin gar nicht in persönlichen Angelegenheiten umhergereist, sonbern in fretnbett Angelegenheiten. ES hanbelte sich um Lucian Babtone, Johanna Portier, finde Portier unb Paul Harmant."
„ES hanbelte sich um Johanna Portier!" Wteber« holte Georg sehr verwunbert. „Gerade Wollte ich zu Ihnen kommen, um mit Ihnen über sie zu sprechen, unb aus bem nämlichen Grunde war ich mehrere Male an Ihrem Hause."
„Hast Du denn irgend etwas Neues entdeckt?" ^Jch habe Johanna Portier selbst gesehen." „Du hast Johanna Portier gesehen?" rief der Künstler in leicht begreiflichem Erstaunen auS.
»Ja."
„Wo denn?"
„Sie war vor etwa fünf Tagen hier in diesem Zimmer."
„Hier? Aber wie ist dies denn gekommen? Wer hat Der.'- gesagt, daß sie eS war?"
„Der Zufall."
„Ich kann keine Räthsel lösen — erkläre Dich deutlicher."
Georg erzählte jetzt dem Maler von dem Besuche der Brodträgerin, welche ihm die verlorenen Papiere zurückgebracht hatte und die ihn um Rath fragen wollte, bezüglich des Verfahrens Paul Harmant'S und ! Maty's der armen finde gegenüber.
Schön, bann wollen wir nächstens einmal alle freisinnigen Vereine verbieten und zugleich j-bem gewesenen Mitgliebe bie Thätigkeit im Geiste bes Vereins bei Strafe untersagen; dann wirb Herr Richter wohl merken, baß auch § 2 ein Ausnahmegesetz ist. Zweitens sollte mit ber Jesuitenfrage bie allgemeine Be^einSgesttzzebung verbunben werben, unb drittens gar noch bie Aufhebung des Strafparagraphen wegen Religions- und Kirchenbeschimpfung. Komische Ausflüchte, bie nur als Zeugmß bes eigenen Schwächegefühls Werth haben.
Die südbeutschen Demokraten hatten Herrn Richters „Taktik" unterstützt; aber schließlich fanden sie doch ben rechten Anschluß, indem sie für die Aufhebung des ganzen Gesetzes stimmen. Hoffentlich folgen nächstens alle VolkSparteiler diesem Beispiel.
Kurz: die Gegner sind schwach und zerfahren, die Sache deS Rechts wird nächsten- noch glänzender siegen.
Im Bundesrathe sollen der MagdeburgerZtg.' zufolge dem Anträge manche gewichtige Stimmen zur Seite stehen. Dahin wird vor Allem Boyern zu rechnen sein. Zunächst hat noch die dritte Lesung st attzri finden, was sehr wohl noch vor Weihnachten geschehen kann, da ter Antrag nun nicht etwa zu warten hat, bis alle anderen Initiativanträge desgleichen die beiden ersten Lesungen passirt haben (dann würde die dritte Lesung in dieser Session nicht vorgenommen werden, überhaupt kaum je ein Antrag zur Verabschiedung kommen können), sondern demnächst wieder auf die Tagesordnung gesetzt werben muß. Die abermalige Annahme ist zweifellos. Was bann der BundeSrath thun wird, wollen wir abwarten. Wir sind ganz ohne Sorge. Es ist einmal Bresche gelegt. Der Reichstag, der sich vor 21 Jahren mit 181 gegen 93 Stimmen für die Einführung des JesuitengefitzeS erklärte, hat sich jetzt mit 173 gegen 136 für bie Aufhebung ausgesprochen. Die Mehrheit wird mit der Zeit nur größer werden. Die Aufhebung des Gesetzes ist nur noch eine Frage ber Zeit. Der Augenblick wirb schon kommen, wo auch ber Bunbesrath gern bie Hanb dazu bietet.
Deutsches Keich.
Berlin, 6. Dezember.
* Au- Anlaß bes Anschlages ans de» Kaiser wurde, wie schon mitgetheilr, cm Sonntag in ben Berliner Kirchen auf höhere Anorbnung in das allgemeine Kirchengebet ein besonderer Dank mit Fürbitte eingelegt. Auch an die Provinzial-Konsistorien ist, der .Kreuzzeitung' zufolge, die Anweisung dazu ergangen; bei der Kürze der Zeit wird aber in den meisten Orten bie entsprechende Anweisung nicht schon am Sonntag bekannt gewesen sein. Beim Empfang einer Kommission ber hannoverschen Landessyuove hat der Kaiser, Wie ber Borsitzenbe ber Sy iode mittheilte, die Ueberzeugung ausgesprochen, baß die anarchisttschen
„Ste weiß, daß Lucie ihre Tochter ist?" fcug Stephan.
„Dafür bärge ich."
„Sie hat Dir's gesagt, daß sie Johanna Portier sei?" , L r ,
„Nein, aber ich habe e- errathen, gerade so Wie Paul Harmant es errathen hat."
„War denn Paul.Harmant zugegen?" frag der Maler mit wachsendem Erstaunen.
„3a."
„Unb er hat sie wiedererkannt? Woran?"
„An> ber Art unb Weise, in welcher sie für Lucie eintrat. Nur eine leibliche Mutter konnte in solchem Tone für ihre Tochter bitten unb flehen."
„Hat denn Johanna Portier ihrerseits auch Paul Harmant wieheret fannt ?" „ , ,
„Davon konnte keine Rebe sein; benn sie sah Paul Harmant damals zum ersten Male."
Sinnend blickte ber Künstler vor sich hin.
„Ich glaube ganz sicher," murmelte er bann, „daß ich mich in meinen Muthmaßungen täusche. Was Sie mir ba sagen, sagt es mir auf'S Neue."
„In welchen Muthmaßungen?"
„Nun, ich hatte Paul Harmant im Verbacht."
„Ich ahnte eS wohl. Ihre geheimmßvollen AuS« brücke legten mir biese Bermutyung nahe. WaS meinten Sie benn?“
„Ich glaubte, daß Paul Harmant Niemand an«