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JV 279

Dienstag, den 5. Dezember 1893.

20. Jahrgang

uld »er W Zeitung

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ö Die Handelsverträge mit Serbien, Spanien, Rumänien.

Bis jetzt haben die KommiisionSberat',ungen hin­sichtlich Serbien und Spanien Nichts von Bedeutung zu Tage gefördert. Dagegen zeigt sich der Vertrag mit Rumänien nunmehr in ganz anderem Licht.

Während die deutsche Gesammt-Einfuhr an Weizen, Roggen, Gerste und Mair sich wie folgt stellte:

lieferte davon Rumänien allein: Doppel-Centner Doppel-Centner

1890 28,600,000 1890 1,800,000

1891

28,900,000

1891

1,790,000

1892

31,500,000

1892

2,600,000

1893 20.500,000 1893 5,700,000

(10 Monate)

Die rumänische Einfuhr betrug also in Prozenten der Gesammt-Einfuhr: 1890 6°/0, 1891 6°/0, 1892 8 %, 1893 28%!!

Unter der 1893er Einfuhr befanden sich allerdings 2,960,000 Doppel-Centner Mais, etwa gerade soviel, als aus allen übrigen Ländern der Erde zusammen nach Deutschland eingeführt worden ist.

Rumänien hat deshalb ein großes Interesse daran, sich den deutschen Markt als Absatzgebiet für sein Ge­treide zu erhalten, um so mehr muß eS auffallen, daß für die Einfuhr deutscher Erzeugnisse nach Rumänien so außerordentlich ungünstige Zollsätze vereinbart worden sind, daß die Einfuhr deutscher Maaren durch den Ver­trag theilweise so gut wie ausgeschlossen wird. Mit Recht sagt deshalb auch die rumänische Thronrede, die Konvention mit Deutschland werde die Volksvertreter überzeugen, daß eS der Re­gierung gelungen sei, den rumänischen Ackerbauprodukten neue Absatzgebiete zu erschließen, ohne Beeinträchtigung des durch de« autonomen Taris gewährten Schutzes."

Rumänien sieht also wohl ein, daß eS durch den Vertrag mit Deutschland ausschließlich den Bortheil hat, während unsere Landwirthschast und unsere Industrie die Zeche bezahlen sollen.

Rumänien dürfte sich wohl täuschen, wenn ks glaubt, der deutsche Reichstag würde diesem Vertrag zustimmen!

Erfreulich war eS aus den KommissionSberichten zu ersehen, daß die Gesammt-Einfuhr an Roggen und Weizen von 18,447,000 Doppel-Centner in 1892 auf 7,725,000 Doppel-Centner in 1893 (10 Monate) trotz der ermäßigten Einfuhrzölle abgenommen hat.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Dezember.

* Die Handelsvertrag - Kommission genehmigte den deutsch-spanischen Handelsvertrag mit 15 gegen 6 Stimmen. Unter letzteren befanden sich vier Konfer-

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(184. Fortf-tznng.)

74.

„ES ist schon länger als vierzehn Tage, daß dieses Schriftstück hier entnommen worden ist," ergriff jetzt der Maler das Wort.

„Können Sie vielleicht den Zeitpunkt näher be­stimmen?" frug der Bürgermeister.

„£) ja, er ist etwa einen Monat her."

„Also bekleidete Duchemin noch seinen Posten," sagte der Sekretär, „gerade um diese Zeit hat er seine Schulden bezahlt, ohne daß man weiß, woher er die Mittel genommen hat.

„Sie klagen ihn also an?"

„Rein, ich hege nur Verdacht gegen ihn. In Folge eines Zusammentreffens mit einem Fremden in einem Hotel, in welchem der Letztere abgestiegen war, ist er plötzlich reich geworden; wenigstens hat mir ein Kellner des Hotels gesagt, daß er gesehen habe, daß der Fremde ihm Banknoten zugesteckt habe."

„Ich halte ihn auch zu vielen Dingen fähig," sagte der Bürgermeister, „und deshalb habe ich lhn entlassen. Wissen Sie, wir der betreffende Fremde hieß?"

„Im Hotel hat er den Namen Baron de Reiß an­geben."

„Sennen Sie den Baron de Reiß?" frug der Bürgermeister den Künstler.

vative und die beiden Centrumsmitglieder Klose und Pezold. Ein Antrag, den Vertrag nur auf drei Jahre zu genehmigen, wurde gegen vier konservative Stimmen abgelehnt.

* Das Hans Blum'sche Buch „Das Deutsche Reich zu Zeit Bismarcks", welches auch die von uns bereits mitgetheilten Vorgänge vor der Entlassung des Fürst Bismarck schildert, hat der ,Rhein. Wests. Ztg.' zufolge, an h ö ch st e r Stelle großen Unwillen hervorgerufen. Namentlich soll wie die .Polemische Korrespondenz' zu versichern in der Lage ist, die an­geblich historisch unrichtige Darstellung jenes denk­würdigen Besuches des Kaisers im damaligen Palais Bismarcks besonders mißfallen haben. Der Kaiser habe denn auch seinem Unmuth über die Veröffentlichung in einer recht drastischen Kritik Luft gemacht. Es sei nicht unmöglich, daß die Veröffentlichung noch unlieb­same Folgen für den Verfasser nach sich ziehen werde.

* Der Reichstag überwies heute den Gesetzentwurf betr. die Gewährung von Unterstützungen an Invalide aus den Kriegen von 1870 und an deren Hinter­bliebene an die Budgetkommission. Redner aller Par­teien befürworteten die Vorlage, äußerte aber vielfach weitergehende Wünsche. Am weitesten ging Abg. Böckel (Resorwp.), der Jeden, welcher einen Krieg mitgemacht und bedürftig ist, einen Ehrensold aus dem Invaliden- fondS ausgesetzt wissen wollte. Die Verordnung betr. die Erhebung eines 5Oprozentigen Zollzuschlags gegen Rußland wurden in erster und zweiter Lesung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Freisinnigen angenommen. Hierzu lagen zwei Resolutionen vor, eine der Abgg. v. Heeremann und Müller, wonach auch diejenigen Maaren, deren Lieferung durch rechtsver­bindliche nachweislich vor dem Inkrafttreten der Ver­ordnungen in gutem Glauben für deutsche Rechnung abgeschlossenen Verträge bedungen war, ohne Kampf­zollzuschlag eingelassen werden bezw. schon i gezahlte Zuschlagszölle zurückerstattet werden sollen — sowie eine Resolution des Abg. v. Salisch (kons.), wonach auf die aus Rußland zollfrei eingehenden Maaren eine Steuer gelegt werden soll. Die Abstimmung über die Resolutionen erfolgt in dritter Lesung. Der Handels­vertrag mit Columbien wurde angenommen, die Marken- und Musterschutzkonvention an die Kommission für die Handelsverträge verwiesen. Das Zusatzprotokoll und daS Ausführungsgesetz zum internationalen Vertrage zur Unterdrückung der Branntweinhandels unter den Nordsee- fischern auf hoher See wurden in erster und zweiter Berachung genehmigt. Montag: Novellen zum Unter- stützungSwohnsitz- und zum Biehseuchengesetz.

* Der Vorstand des Reichstags hat bekanntlich einstimmig beschlossen, daß die Eisenbahn-Fahrkarten der Reichstags-Abgeordneten , wieder für dar ganze Reichsgebiet Geltung haben sollen. Durch die Ver­wirklichung dieses Antrags würde eine Maßregel rück­gängig gemacht werden, die s. Z. vom Fürsten Bis­

marck im Zorne über die Opposition im Reichstage getroffen worden ist und allgemein einen kleinlichen Eindruck machte. Während 1874 nach dem Muster anderer Staaten den Reichstags-Abgeordneten Eisen­bahn-Fahrkarten für daS ganze Reich gewährt wurden, weil den Abgeordneten Gelegenheit geboten werden müsse, sich möglichst viel mit eigenen Augen im Lande umzusehen, um die Bedürfnisse der einzelnen Landes- theile kennen zu lernen, schränkte Fürst Bismarck 1884 die freie Eisenbahnfahrt der Abgeordneten dahin ein, daß sie nur noch zwischen Berlin und dem Wohnort des Abgeordneten Geltung behielten. Das war zu der Zeit, als Bismarck bei Gelegenheit eines freisinnigen An- rags auf Gewährung von Diäten erklärte: er lasse sich vom Reichstage nicht imponiren! Seit­dem ist die freie Eisenbahnfahrt den Reichsboten be­schränkt geblieben, obwohl dieselben nicht wie in andern Staaten Diäten erhalten, sondern in dem theuren Berlin auf eigene Kosten leben müssen, und obwohl die eigentlichen Berfassungs - Ausgaben (Reichstag und Reichskanzlei) in keinem europäischen Großstaat so gering sind, wie in Deutschland. Frankreich gewährt seinen Parlaments-Abgeordneten außer einem Jahres- gehalt von 10,000 Frcs. freie Fahrt in der ersten Wagenklaffe auf allen Staatslinien und auch auf den Linien der Privatbahnen gegen die rein nominelle Vergütung von 10 FrcS. monatlich. Ungarn ge­währt ein billiges AbormementSbillet auf den StaatS- linien und dar Privilegium, daß der Abgeordnete auf den Privatbahnen eine höhere Klaffe benutzen darf, als sein Billet lautet. Freifahrtkarten gewähren noch die Schweiz, Bulgarien, Rumänien, Spanien, Portugal, die skandinavischen Staaten, Italien u. s. w. Die Ber­einigten Staaten gewähren Reisekosten von 50 Pfg. per Kilometer, was bei den dortigen Ungeheuern Ent­fernungen unter Umständen viel ausmacht. Wenn man bedenkt, daß die Bereinigte« Staaten ihren Abgeord­neten außer jährlich 5000 Dollar?, zahlbar in Monats­raten, und 500 Mark „für Porti- und Papier-Aus- lagen" gewähren, daß den dänischen Abgeordneten so­gar ein Freisitz «m Theater in Kopenhagen eingeräumt ist, und daß Norwegen seinen Parlamentariern in Krankheitsfällen sogar freie ärztliche Behandlung, Arznei, Bäder, Massage und freie Zahn - Operation bewilligt, dann ist unfein Reichsboten die freie Fahrt auf allen Eisenbahnen Deutschlands wohl zu gönnen.

* Die Uniformen der Einjährigen betreffend schreibt man der .Köln. Bolksztg.': Wir kennen fast alle Garnisonen Deutschlands, von einem Luxus in Extrasachen ist uns aber nichts bekannt. Man kann es doch nicht als solchen bezeichnen, wenn der besser gestellte Soldat am Sonntag eine Extrahose und Extra­mütze trägt, denn hierauf beschränk! sich in den aller­meisten Fällen da) Tragen von Extcasachen. Dagegen, daß Einjährige, welchen ihre Mittel eS erlauben, außer Dienst eine bessere Uniform tragen, ist doch wohl auch

„Rein."

„Lassen Sie sich durch einen Bureaudiener den Pförtner der Bürgermeisterei holen," befahl der Bürger­meister dem Sekretär.

Der Sekretär richtete den Befehl seines Vorgesetzte« aus, und der Pförtner erschien nach wenigen Minuten.

„Sie haben ein gutes Gedächtniß, Binet," sagte der Bürgermeister zu ihm, „ich will Sie heute auf die Probe stellen. Man hat ihnen ben Schlüssel zum Archiv übergeben?"

„Ja."

„Man setzt Sie jedesmal, wenn man ihn nimmt, in Kenntniß?"

„Man bittet mich darum, und ich gebe ihn."

„Immer?"

„Ja, immer."

„Sie erinnern sich vielleicht, ob der Beamte Duche­min ihn von Ihnen kurz vor seiner Entlassung ge­fordert hat?"

„Ganz genau, eS ist etwa ein Monat her, daß er ihn mir abverlangt hat."

„W."

„ES war eines Morgens, er kam eine Stunde früher als sonst auf daS Bureau, was mir sehr sonder­bar däuchte, da er ja immer sehr träge war und stets später erschien als die Uebrigen."

„Was hat er Ihnen gesagt?"

„Er müsse etwas suchen."

„Ist er lange im Besitze der SchlüffelS gewesen?"

„Etwa eine halbe Stunde."

„Es ist kein Zweifel mehr," fiel der Sekretär ein, „er ist es jedenfalls gewesen, der das im Register be­findliche Blatt weggenommen hat. Ich würde darauf schwören."

„Sie können gehen, Binet," sagte der Bürgermeister I zum Pförtner. „In Zukunft werden Sie die Schlüffe! zum Archiv nur dem Herrn Sekretär in eigener Per­son übergeben."

„Ich werde es so thun, wie der Herr Bürger­meister befehlen."

„Was für ein Mann war Duchemin?" frug der l Maler.

„Ein junger, sehr intelligenter, aber etwas leicht­finniger Mann; gewisse schwerwiegende Thatsacheu, I deren man ihn beschuldigte, haben seine Entlassung i nothwendig gemacht."

„Es würde nicht ohne Interesse sein, ihn zu be- i fragen. Vielleicht würde man aldann erfahren, wem - er das gestohlene Schriftstück ausgeliefert hat."

„Duchemin ist nicht mehr in Joigny," versetzte der t Sekretär, „er hat sich nach Paris begeben, — eS war ; vor acht bis zehn Tagen, — aber es ist ihm diese ; Reise sehr schlecht bekommen, denn er war in dem - Zuge, welcher mit einem andern Zug in BoiS-le-Roi j bei Meline zusammen stieß, ich habe seinen Namm in ; ben Listen der Verwundeten in den Zeitungen gelesen."

„Ist er teilt!" rief der Maler aus'

„Er war sehr schwer verwundet, wie eS hieß; viel- - leicht ist er seiner Verwundung erlegen."

1 „Andere Mitheilungen kann ich Ihnen nicht geben,