278 Sonntag, den 3. Dezember 1893. 20. Jahrgang
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MU- Drittes Blatt.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(183. Fortfetzuug.)
Ovide ging ans dem Trottoir dahin, welches demjenigen gegenüber lag, welches Johanna benutzt hatte. Er besah die Leute, die in der Grube arbeiteten. Etwa in der Mitte der Straße blieb er stehen, um dem Gesänge eines Malers zuzuhöien, welcher sich auf einem beweglichen Gerüste befand, das an der Mauer der ihm gegenüberliegenden Hauses angebracht war.
Dieser Maler sowie seine beiden Kameraven waren damit beschäftigt, die Fassade deS Hauses zu renoviren. Sie befanden sich in ver Höhe des zweiten Stockwerkes. DaS ganze HauS schien von oien bis unten leer zu sein, wenigstens sah man zu den offenstehenden Fenstern hinein Arbeiter beschäftigt.
il Nur der Laden im Erdgeschosse schien bewohnt zu sein. Es war ein kleiner Spezereiladen. In diesem Augenblicke glitt ein Zug der boshaften Befriedigung über den lebhaften Gestchtsausdruck OvideS.
Die Leser kennen gewiß diese beweglichen Gerüste, wie man sie bei den in Reparatur begriffenen Häusern verwendet und die man mittels Seilen und Flaschenzügen befestigt. Die Arbeiter können bekanntlich ungestört derartige Gerüste fortbewegen aufwärts sowohl als abwärts, aber ek bedarf nur eines falschen Griffe- und Aller stürzt zu Boden, und wehe dann Demjenigen, welcher sich gerade unterhalb deS Gerüstes befindet.
Die Stricke, welche das Gerüst an jedem Ende in eiserne Krampen hielten, waren an den Fensterbrüstungen deS fünften Stockes befestigt. Sobald etwa eine verbrecherische oder ungeschickte Hand die Stricke loslöste, mußten dieselben tose in ihren Rollen lausen und das ganze Gerüst mußte alsdann zufammenbrechen.
Der singende Maler hatte eine schöne Stimme und einen unerschöpflichen Liederschatz. Einige Vorübergehende mochten eS wie Soliveau und blieben stehen, um ihm zuzuhören. Der Maler war anscheinend nicht wenig stolz aus diese stumme Beifalls-Bezeugung und ließ jetzt seine Lieder mit noch größerem Schwünge ertönen.
Plötzlich hielt er mitten in einer.Strophe inne und sah nach der Uhr. „Bier Uhr," sagte er vor sich hin, seinen Pinsel weglegend, „nun, es ist jetzt gewiß Zeit, eine Stärkung zu sich zu nehmen." Bereits hatte er die Fensterbrüstung ver leeren Zimmer erklettert und schwang sich in das Innere hinein, worauf seine beiden Kameraden dasselbe thaten. Alle drei erschienen dann nach wenigen Minuten mit den drinnen arbeitenden Leuten auf der Thür schwelle deS HanseS?
Ovide sah, wie sie auf den Quai zuschritten und eine Weinschänke betraten, welche sich an der Straßenecke befand. Abermals besah er dasHauS und erschien von seiner Umschau sehr befriedigt zu fein.
Heute kehrte er sehr spät nach Hause zurück, unter den Armen ein kleines Packet tragend, dar er in einem Schranke verschloß.
73.
Am folgenden Morgen war Ovide Soliveau ebenso ftüh auf den Seinen wie am vorhergehenden Tage.
Er kleidete sich auch heute als Lumpensammler und begab sich eiligst zu dem KreuzungSpunkle der beiden Straßen Saint Andre des ArtS und Gu-le-Cosur.
Bald sah er Mutter Sifon auftauchen, ihren mit Brod beladenen Räderkorb vor sich her schiebend. Ov de sah auf seine Uhr; sie zeigte 6 Uhr und 10 Minuten.
Er begab sich m die Straße G>t-le- Coeur und trieb sich gegenüber dem in der AuSbi fferung begriffenen Hause umher. Auch Johanna erschien bald und fetzte ihren Weg auf dem rechts gelegenen Trottoir fort.
Sie blieb vor mehreren Häusern stehen und schritt dann, in gleichem Schritte einyergehend, niemals lang- samer oder schneller einher schreitend, unter dem Gerüste weiter.
Zum zweiten Male sah der Schurke auf feine Uhr: sie zeigte halb sieben Uhr. „Ganz wie gewünschi!" murmelte er vor sich hm. „Man sollte sagen, daß Alles so eingerichtet ist, als.wenn ich es selbst bestellt hätte! Die Maler beginnen ihre Arbeit um 7 Uhr — dann ist Alles zu Sude." Ohne länger zu warten — denn er wußte, was er wissen wollte — ging er wieder die Avenue de Clichy hinauf, wechselte hier seine Kleider und gab seinem Haupte ein anderes Aussehen.
Rach einiger Zeit nahm er einen Wagen und gab dem Kutscher Befehl, ihn nach der Straße Git-le-Coeur zu bringen. Er traf hier genau in dem Aagenvlicke ein, wo die Arbeiter sich zu ihrem Frühstück begeben hatten.
Ovide war sicher, daß er eine ganze Stunde vor sich habe, überschritt eine der über die Grube in der Straße geschlagenen Nachdrücken, nahm eine Brieftasche aus der Tasche, spielte mit einem Bleistift zwischen den Fingern, während er sich zugleich den Anschein gab, als lese er irgend welche Notizen m seinem Notizbuche aufmerksam durch und überschritt dann entschlossen die Schwelle der Hause-, welches man vom Speicher bis zum Keller einer Erneuerung unterzog. Die Loge de- Schließers befand sich in einer Art Verschlag hinter der Treppe. Ovide wollte keineswegs unbemerkt bleiben und stieg darum langsam die Treppe hinan. Der Schließer sah ihn und verließ seine Loge.
„Sie irren sich gewiß, mein Herr," sagte er, „eS wohnt Niemand im Hause."
„Ich weiß dies sehr wohl," antwortete Ovide.
„Aber weshalb wollen Sie denn hinauf gehen, wenn Sie die- wissen?"
„Ganz einfach, um die Arbeiten in Augenschein zu nehmen."
„ Sind Sie vielleicht ein Angestellter des Baumeisters ?" „Sein Bauführer, mein lieber Mann."
„In diesem Falle bitte ich um Entschuldigung." „O, eS ist nicht schlimm."
„Die Arbeiter sind beim Frühstück."
„Ich komme gerade absichtlich während ihrer Abwesenheit, nm ocho genauer Alles besichtigen zu können."
Ovide stieg nunmehr die Treppe hinan, während der Schließer in seine Loge zurückging und sein unterbrochenes Frühstück fortsetzte. Soliveau stieg sogleich bis zu dem Stockwerk hinauf, in welchem das Gerüst befestigt war.
Die Stricke waren an den eisernen Stangen angebracht, welche als Stützpunkte dienten, wenn man zum Fenster hinaussehen wollte, und waren sehr fest ge- knüpft. Nur die Stricke, welche auf den Rollen liefen, waren ein wenig nachlässiger zusammengebunden.
Ovide lächelte. Nachdem er alles dies genau untersucht, schritt er zur Besichtigung deS Zimmers. Alle Schlüsseln steckten auf den Thüren. In einem Zimmer des vierten Stocks bemerkte er einen geschlossenen Aikoven. Hier waren die Malerarbeiten beendet, die Tapeten aufgekledt und der Fußboden gereinigt und gewaschen. Die Arbeiter hatten nur noch in den unteren Stockwerken und in der Treppe zu thun.
All' diese seine Wahrnehmungen schienen Ovide auf'- Höchste zu befriedigen, denn ein freudiges Lächeln umspielte seine Lippen. Er stieg die Treppe wieder hinunter und verließ das Haus, ohne sich weiter nach der Loge des Portiers umzusehen. „Bis morgen früh," dachte er bei sich, während er nach Hause zurückkehrte.
Zu Hause angelangt, öffnete er das Packet, welches er am vorhergehenden Tage mitgebracht hatte: er entnahm demselben einen vollständigen Anzug, wie ihn die Maler und Anstreicher tragen, zog denselben an und begab sich gegen fünf Uhr abermals in die Straße Git-le-Coeur. Im Borbeigeyen bl ckce er aufmerksam nach dem Gerüste, welches nnveländert geblieben war und sich noch immer in der Höhe der zweiten Etage befand.
Nachdem er in einem nahen R staurant gespeist hatte, kehrte er gegen ein Viert, l vor sieben Uhr zurück, anscheinend zwecklos umherschlende>nd, in Wnk.ichkeit ir-deß genau auf das Heraus kommen der Maler achtend, deren Tagewerk um sieben Uhr endigte.
Punkt sieben Uhr entfernten sich die Arbeiter von dem Gerüste und verließen dann das Haus. Es waren ihrer sechs: am Tage vorher hatte Ovide gegen 4 Uhr ebenso viele bemerkt.
Rasch überschritt er jetzt die Straße, schlich sich in dar Haus hinein, ohne daß der Schließer weiter auf ihn achtete, und st'.eg zum vierten Stock hinan. Die Thüren waren gefchlrssen, aber die Schlüffe! steckten aus denselben. Soliveau überschritt die Schwelle des Zimmers, in welchem er einen geschlossenen Alkoven bemerkt hatte, und verbarg sich in dusem Alkoven, während er bei sich dachte:
„Ich bin jetzt im Herzen der Festung! Tine schlechte Rächt wird bald vorbei fein! Morgen gehr'- an die Arbeit!"
Stephan Castel war, wie wir bemerkt haben, in Joigr y in dem nämlichen Hotel abgestiegen, in welchem auch ter angebliche Baron de Reiß vor einigen Wochen abgestiegen war. Die Bürgermeisterei war, wie wir hier wiederholen, nicht weit von diesem Hotel entfernt.
Am folgenden Morgen begab sich der Künstler nach der Pcivatwohnung des Bürgermeisters von Joigny, gab feine Karie ab und ließ zugleich um eine Unterredung bitten, die ihm auch sogleich gewährt wurde.
„Wenn ich mir erlaube, Sie zu stören, mein Herr, ohne die Ehre zu haben. Ihnen persönlich bekannt zu sein," begann der Künstler, „so thue ich dies, weil ich das größte Interesse daran habe, zu wissen, welche Person auf der Bürgermeisterei von Joigny hier dieser Schriftstück entnommen hat."
Zu gleicher Zeit nahm er au8 seiner Brieftasche das uns bereits bekannte Schriftstück, die Bescheinigung über die Uebergabe Lucie Portiers an das Findelhaus und legte es dem Bürgermeister vor.
„Aber wie kommt dieses Schriftstück in Ihre Hände?" rief der Beamte, die Stirne runzelnd. „Die- ist eine Originalurkunde, welche die Bürgermeisterei niemals verlassen darf."
„Niemals verlassen darf?" wiederholte der Künstler verwundert.
„Nein."
„Weshalb?"
„Angenommen, daß die Mutter oder jede andere dabei interesstrte Person käme und unter Vorlegung der nöthigen Legitimation dieses Schriftstück verlangte, so würde ihr doch nur eine Abschrift verabfolgt werden können. Die wirkliche Originalurkunde, wie diese hier, muß durchaus im Register bleiben. Noch einmal, mein Herr, wie kommen Sie zu diesem Schriftstücke?"
„Nun, auf sehr indirekte Weise, eS ist mir gegeben worden von Jemand, dem eS sehr großen Kummer bereitet hat . . . und da man sich desselben bedient hat, um eine unehrenhafte That zu begehen, so möchte ich Sie eben um Auskunft bitten, wer dieses Schriftstück hier gefordert hat und wem es verabfolgt worden ist."
„Da dieses Aktenstück das Archiv verlassen hat, so ist eS jedenfalls entwendet worden."
„Durch wen?"
„Ich will versuchen, es zu erfahren. Angenommen, daß man irrtümlicher Weise dos Originalschrifistück anstatt der Abschrift verabfolgt habe, fo hat man ei jedenfalls doch nur gegen Empfangsbescheinigung ge- than. Gehen Sie eben mit mir, ich muß mich unverzüglich vergewissern, ob hier ein Versehen ober ein Vergehen vorliegt."
Der Bürgermeister begab sich in Begleitung Stephan Castel's zum Bürgermeistereilokal und dann zum Sekretär, welchen er in ziemlich barschem Tone anfuhr:
„Lassen Sie augenblicklich im Archive dar Register nachs.hen, in welchem sich die Erklärungen der Ammen bezüglich der Uebergabe an die Findelhäuser besuchen, Jahrgang 1862."
„Ich werde das Register selbst holen gehen, Herr Bürgermeister," sagte der Sekretär, welchem der Ton und das Wesen seines Vorgesetzten sagten, daß eS sich um etwas Wichtiges handele.
Die Abwesenheit des Beamten dauerte nicht lauge. Nach Verlauf von drei Mmuten erschien er wieder mit dem Rgisterdande.
„Suchen Sie auf Blatt 2 des Jahrgangs 1862," sagte der Bürgermeister.
Mit zitternder Hand durchblätterte der Sekretär den dünnen Band.
„Hiernst's," fegte er.
„Wo ist das Protokoll, welches hier augeheftet fein müßte?" frug der Bürgermeister, mit dem Finger auf die Seite des Registers deutend.
„Ich weiß es nicht," stammelte der Sekretär.
„Wie, Sre toiffen es nicht?" rief der Bürgermeister. „Tragen Sie eben nicht dafür die Verantwortlichkeit ? Es fehlt ein Originaldokument und Sie wissen -nicht, wo eS sich befindet."
„Nun wohl, mein Herr," setzte der Bürgermeister hinzu, indem er das Schriftstück dem erstaunten Sekretär hinschob, „hier ist es! Anstatt eine Abschrift hat man das Original verabfolgt. Zeigen Sie die Empfangs- befchnnigung über das Aktenstück, denn ohne diese Be- scheinigung dürfen Sie es nicht anSliefern!"
„Ich habe Niemanden das Schrisrstück gegeben, ich kann Ihnen also auch keine Empfangsbescheinigung vor- zeigen," versetzle der Sekretär. „Es hat sich Niemand an mich gewandt, ich versichere ei Ihnen auf Ehren-