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277 Samstag, den 2. Dezember 1893. 2V. Jahrgang

FiildakrMZcitliiig

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8 Der Arbeitslohn und die GmyKltKa.

Als vor zwei Jahrm die päpstliche Encyttika über die Arbeiterfrage erschien, war das sozialdemokratische Lentralorgan in Berlin gleich bei der Hand, um die­selbe bei den katholischen Arbeitern zu verdächtigen, und zwar auf den Gründ hin, daß sie für den Arbeiter nur die LebenSnothdurft fordere. Mr haben damals dem ,Vorwärts' gegenüber wiederholt und ausführlich nachgewieseu, wie wenig die Evcyklika darauf auSgehe, „den Arbeiter am Rande des Hungertuches festzu­nageln." Freilich bezeichnet die Encyklika einen Lohn, welcher nicht einmal zum Unterhalte der Arbeiters hin­reicht, als der natürlichen Gerechtigkeit durchaus wider­sprechend. Aber daraus schließen zu wollen, daß die Sncyklika einen Lohn, welcher eben zur Unterhaltung deS Arbeiters hinreiche, auf alle Fälle als genügend bezeichnen wolle, heißt dem klaren «ortlaute und dem ganzen Sinne der Encyttika widersprechen; denn die­selbe fordert ausdrücklich nicht nur einen gerechten, sondern auch einen billigen Lohn für den Arbeiter, und zwar einen solchen, welcher den Arbeiter und seine Familie gut ernährt und auch einen Sparpfennig zurück- zulegen ermöglicht.

Sehnliche Invektiven gegen die Encyttika finden wir jetzt wieder in einigen untergeordneten sozialdemo­kratischen Parteiblättern. Sie haben von ferne etwas von einigen Erläuterungen gehört, welche von Rom aus, wenn auch nicht offiziell, so doch privatim von maßgebender Stelle aus zu den Ausführungen der Encyttika über die Lohnfrage ergangen sind und suchen dieselben, ohne jegliche nähere Kenntniß, gleich wieder in ihrer Art zu verdächtigen. Infolge MeinungSver- schiedenheiten über die Tragweite der erwähnten Aus­führungen der Encyttika hatte ein belgischer Bischof bei der zuständischen römischen Behörde die Anfrage ge- pellt, ov Ott tn oer entymtu otiuait |iicuHt der Gerechtigkeit dahin zu verstehen sei, daß der Lohn nicht nur zum Unterhalte deS Arbeiters selbst, sondern auch seiner Familie hinreichen müsse. Daraufhin ist nun privatim die Antwort ergangen, daß man eS zwar nicht als eine Pflicht der strengen Gerechtig­keit bezeichnen könne, daß der Lohn auch zum Unter­halte der Familie deS Arbeiters unter allen Umständen hinreiche, daß dies aber im Allgemeinen ein Gebot wie der natürlichen Humanität, so insbesondere der christlichen Nächstenliebe sei. DaS ist der Sinn der römischen Entscheidungen, welche gewiß ebenso wenig wie die Ausführungen der Encyklika selbst über den gerechten und billigen Arbeitslohn An­laß zu Verdächtigungen geben können.

Wären wir nur schon so weit, daß der nach der Encylltka als unbedingte Forderung der strengen Se- rechtigkeit bezeichnete Lohn allgemein gezahlt würde, so wäre schon ein gutes Stück der Arbeiterfrage gelöst. Kämen wir aber erst so weit, daß nicht nur der nüchterne und fleißige Arbeiter immer, so weit das Geschäft eS abwirst, seinen eigenen standtsmäßigen Unterhalt, fonbern auch einen standeSmäßigen Unter»

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(182. Forstetzung.)

72.

Der Präfekt klingelte abermals und sagte zu dem eintretenden Bureaudiener:

„Lasten Sie eben dm Herrn Ronget einmal herein- kommm."

Einen Augmblick später erschien der alte Beamte in dem Kabinet. Er war ein keiner, hagerer Mann, welcher trotz seiner schneeweißen Haare jünger zu sein schim nlS er wirklich war. Seine lebhastm Augen und btochigen sorgfältig rasirtm GefichtSzüge verriethm Schar ffinn.

„Der Herr Präfett haben mich zu fich bestellt?" sagte er sich verbmgmd.

„Ja, Herr Ronget, ich möchte einige Auskunft von Jhnm haben über Jemand, welcher hier in der Gegend geboren ist."

„Ganz zu Dimstm. Um wm handelt es fich?"

„Um eine« gewistm Paul Harmant", antwortete Stephan CastA.

Ronget fann einige Sekunden nach und sagte bann ohne Zögern : „Paul Harmant ist, wenn ich nicht irre, im Jahre 1831 in Dtjon geboren." «

„Richtig."

halt für seine Familie gewänne, so würben wir min» bestens befriedigende Zustände haben. Dar aber for­dert die Encyklika als billig und erstrebeuSwerth. Sie sagt ausdrücklich: „Gewinnt der Arbeiter einen hin­länglich reichlichen Lohn (satis amplam mercedem), um sich mit Weib und Kindern bequem (commodum) zu erhalten, ist er zugleich weise auf Sparsamkeit be­dacht, so wird er eS, dem natürlichen Drange folgend, auch dahin bringen, daß er unter Vermeidung über­flüssiger Ausgaben noch etwas erübrigt, um zu einem mäßigen Vermögen gelangen zu könum." In dem­selben Sinne sprechen sich die nachträglichen Erläuter- ungen zu diesem teil ügsten Abschnitte der Encyttika aus. Wer wird noch daran nörgeln wollm? Streben wir statt dessen mit allen Kräfte« darnach, daß die Förderungen, welche der Papst im Ramm der Gerechtig- leit und der Billigkeit an dm Lohn der Arbeiter stellt, zur Thal werden! In diesem Streben müssen sich Ar­beiter und Arbeitgeber zusammevfinden. Dann wird's bester werden. Mit gehässigem Nörgeln ist nicht- zu erreichen.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. November.

* Ein ganz neues Steuer - Projekt hat die ,Magdeb. Ztg.', welche sich derUeberzruguug nicht ver­schließen kann, daß Keiner mit den jetzigen Vorschlägen zufrieden sei und sich Alle an Miquel ärgerten. Also fort mit all' diesen unglückseligen Projekten und heran mit der Baumwolle, dem steuerbarsten aller Objekte, wodurch die meisten anderen überflüssig würdm!! Durch einen Zoll von 10 Pfg. auf das Pfund könne der ganze Militär»Aufwand gedeckt werden und es bleibe noch ein schöner Reserve-Groschen übrig. Warum solle man AAaumwolk v«Honen, da man hoch auch Schmalz, eine Prämie!! Nicht zufrieden mit einer Besteuerung der vorzugsweise die unbemittelte Bevölkerung treffen­den Nahrungsmittel möchte er in seiner sozial- politischen Weisheit auch noch die Kleidung der armen Mannes heranziehen!

* Die Sozialdemokraten erweisen sich wieder einmal als „Arbeiterpartei." Der »Vorwärts' erklärt sich gegen die Börsensteuer! Leicht wird eS ihm allerdings nicht, seinen Lesern diese Stellungnahme plausibel zu machen. Die sozialdemokratische Partei sei, so ist da« Hauptargument, gegen die Börsmfteuer, weil sie dem herrschenden Militärsystem alle Mittel verweigere, gleichviel aus welcher Quelle sie kommm. Der wahre Grund ist aber aus dem Artikel auch un­schwer zu erkennen, nämlich die Rücksicht auf die jüdischen Hintermänner. Man glaubt die Börsmintertstenten auf ihrer nenlichm Protestversamm­lung zu hören, wenn man die Befürchtungen über die Schädigungen deS Geschäfts liest, denen das sozial­demokratische Blatt Ausdruck gibt. Und solch eine Haltung nimmt eine Partei ein, die stets von sittlicher Entrüstung über die Börse trieft und sie nicht genug

„Seine Mutter war eine Soliveau, eine Näherin, nicht wahr?"

„Ebenfalls richtig."

„Sein Vater und seine Mutter find tobt, sie find kurz nach einander gestorben, die Mutter zuletzt, er mag etwa vierundzwanzig Jahre her sein. Paul Har­mant war einziger Sohn."

„Er wohnte in Dijon?"

„Nein, mein Herr. Seine Eltern sanden bei dem Knaben hervorragendes latent und schickten ihn in die Schule von ChalonS, wo er sich auSzeichnete. Er war ein wackerer, offener Kopf, wie alle Burgunder. Sr ging später in die Fremde."

„Wo er gestorbm ist, nicht wahr?"

„Bewahre, keineswegs!"

„Was ist benn au8 ihm geworden?"

„Er hat sein Glück gemacht, indem er der Theil- Haber eines großen amerikanischen Industriellen in New-Jork wurde. Ich habe dies Alles aus dm Zeitungm erfahren, Denn eS war in dm Zeitungen die Rede von ihm. Jetzt wohnt er in Paris, wo et, wie es scheint, eine große Fabrik gegründet hat. Ja, er macht seiner Heimath alle Ehre, ich hatte eS seinem Vater immer voranSgesagt, daß er es einst noch zu etwas bringen würde."

„Sie haben Herrn Paul Harmant persönlich ge­kannt ?"

verdammm kann. Werden denn die sozialdemokrattfchen Arbeiter nicht endlich doch einsehen, von wem sie sich am Gängelbande führen lassen?

* Der Reichstag führte heute die erste Berathung des ReichShauShaltS für 1894/95 zu Ende. Abg. Zimmermann (Antif.) sprach sich sehr entschieden gegen die neuen Steuervorlagen aus, die nur den Mittelstand noch mehr bedrückm würben, und empfahl bafür schärfere Heranziehung ber Börse, eine Divibmbm- und eine Reichs-Einkommensteuer. Wenn die Steuer­vorlagen durchgehen sollten, werde man im Volke fragen: wie ist eS möglich, daß der Wortbruch ge­heiligt und die Militärvorlage durch falsche Versprech­ungen erschlichen werden konnte. Redner wird deshalb zur Ordnung gerufen. Abg. Liebknecht (Soz.) sprach gegen den Antisemitismus und den Militarismus, er­klärte, daß für die Sozialdemokraten kein Anlaß vor­liege, eine Verantwortung für anarchistische Attentate abznwälzm, da gerade die herrschmde Gesellschaft anarchistisch sei, und kritifirte abfällig den Erlaß deS preußischen Ministers deS Innern gegen die Sozial- demokratie. Reichskanzler Graf Caprivi erwiderte, die Sozialdemokratie zeuge den Anarchismus und trage die Verantwortlichkeit dafür. Die antisemitische Beweg­ung nütze nur der Sozialdemokratie; der Kampf gegen das jüdische Kapital verallgemeinere fich in einen Kampf gegen da? Kapital überhaupt. Zimmermanns Vorwürfe gegen die Regierung wegen Duldung der Unterdrückung der Deutschen in den Ostseeprovinzen Rußlands und in Oesterreich onlangenb, so habe sich gerade Fürst Bismarck sorgfältig gehütet, sich in die inneren Verhältnisse anderer Staaten einzumischm. Abg. Dr. Förster (Antis.) vertheidigte den «ntisemi- tiimuS. Abg. Zimmermann erklärte, der Reichskanzler habe ihn nicht verstanden, und werfe ihm unehrliche Hintergedanken bei feiner Erttäruna über hie Kotten- vor. Redner erhielt deshalb einen zweiten Ordnungs­ruf. Schließlich wurde die Debatte geschlossen und der Etat theilweiS an die Budgetkommission verwiesm. Morgen Jesuitenantrag.

* Der Kaiser hat sicherem Vernehmen nach die Nachricht von dem Eintreffen der Höllenmaschine erst am Dienstag Morgen, als er sich zur Jagd in Neu­gattersleben befand, dmch den Chef deS CivilkabinetS, Geheimrath v. LucannS, erhalten. Dem Reichskanzler oder dem Auswärtigen Amte war bis dahin eine be­zügliche Nachricht des CivilkabinetS nicht zugegangen. Gestern empfing der Monarch den Reichskanzler und desien Adjutanten, Major Ebmeyrr, zu einer Erörterung der AttentatSversuche. Wie ein Berichterstatter meldet, soll die Meinung dis Kaisers dahin gelautet habm: die Urheber seien reif für daS Irrenhaus.

• Bekanntlich hat Preußen beim BundeSratb einen Antrag gestellt über die Vorbildung der Thier« ärzte, Zahnärzte und Apotheker, desien Folge eine Herabsetzung Der gegenwärtig erforderlichen Schulbild­ung ist. Gegen diesen Antrag veröffentlicht der ständige Ausschuß deS deutschen VeterinärratheS, der Gesammt-

„Jch habe ihn gekannt, als er noch ganz jung war . . . Damals berechtigte er schon zu ber Hoffnung, daß et ein tüchtiger Mensch werden würde — er hat Wort gehalten."

„Und Sie find gewiß, daß der Paul Harmant von Paris derselbe ist, welchen Sie gekannt haben?"

„Ganz sicher, denn er war nur der Einzige seiner Namens."

„Hatte er nicht in Dijon oder vielleicht anderswo Verwandte?"

„Er hatte einen Vetter, einen Riffen seiner Mutter Desiiöe Soliveau."

Stephan Castel wurde sehr aufmerksam.

„Und dieser Vetter?" frug er weiter.

„Ovide Soliveau war schon ein eigenchüntliche» Pflänzchen, lieber Herr, er ist in contumaciam zu drei Jahren Gefängniß wegen Diebstahls verurtheilt wor- Den — es war vor vierundzwanzig Jahren — feit« dem ist er sicher in den Bagno gewandert. Das ist seine einzige Verwandtschaft, allerdings keine sehr ehren- werthe, nicht wahr? Hat man Ihnen gesagt, daß Paul Harmant tobt sei?"

„Man hat eS mir gesagt."

„Dann hat sich gewiß derjenige geirrt, der et Ihnen sagte."

In dem Augenblicke, in welchem der Beamte diese Worte auSsprach» kehrte der Diener zurück. Er hatte