Einzelbild herunterladen
 

V « « 8 R B'ä

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten bie einspaltig« Zrile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprecheich« i^batt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psenmg. __——__——— ——-—i■—

seine

den mußten, war herangekommen.

„Einigkeit macht stark," meinte Ovide, „aber das Selo ist noch stärker als die Einigkeit. Hast Du (Selb bei Dir Vetter?"

Paul Harmant nahm seine Brieftasche hervor und entnahm derselben einige Banknoten, welche er seinem Genossen überreichte. Derselbe schob sie rasch in seine Brusttasche und ftug dann, während er langsam ein

Ehartreuse schlürfte:

„Haben wir noch irgend etwas Besonderes uns mitzutheilen?"

„Rein."

„In diesem Falle brauchst Du nicht mehr zu mir zu kommen, wie Du sagtest, als wir uns begegneten. Gcledige die Rechnung und laß noch diese Kiste Cigarren dazu schreiben, die Du mir anbietest, ober bie ich mir vielmehr auf Deine Kosten zulege. Sie sinb ausgezeichnet, eine famose Marke, diese MoraleS. Ich gehe nach Hause, denn ich muß meinen Plan ent­werfen."

Endlich entlarvt!

Roma» von R. von Wollersheim.

(180. Fortsepung.)

Paul Harmant reichte, um zu zeigen, daß Stimmung eine etwas bessere geworden sei, Ovide sein GlaS hin, welcher er dann bis zum Rande mit kost­barem Li queur füllte. — Der Augenblick, wo sie schei-

Deutsches Reich.

Berlin, 28. November.

* Gestern Abend spät verbreitete sich daS Gerücht von einem am Sonntag gegen den Reichskanzler v. Caprivi verübten Attentat, und die eingezogenen Erkundigung bestätigten die Richtigkeit der Meldung. Glücklicherweise ist der schändliche Anschlag vereitelt worden. Herold Bureau stellt die Sache wie folgt dar:

Unter bett für ben Reichskanzler Grafen von Caprivi be­stimmten Eingängen, welche in dem Dienstzimmer des Adju­tanten Majors Ebmeyer Wilhelmftr. 77 abgegeben werden, be­fand sich am Sonntag, den 26. d. M., ein Brief aus Orleans, b. b. 23. 11. 1893, neben einem dazu gehörigen Kästchen in der Größe eines Bifitenkarten-KartonS. Major Ebmeyer, welcher mit der Durchsicht der für den Reichskanzler eintreffenden Sendungen pp. beauftragt ist, öffnete zunächst den Brief, welcher den Inhalt als „an echantillon de grames de radis d'une espfese etonnante“ („eine Probe von Radischen - Samen von einer erstaunlichen Sorte") bezeichnete. Bei dem weiterer Versuch des Majors Ebmeyer, daS Kistchen mittelst eines Taschenmessers zu öffnen, hatte derselbe daS Glück, daß ihm aus den Fugen des zunächst nur leicht angehobenen HolzdeckelS von dem angeblichen Radieschen-Samen einige Körner in die Hand fielen, welche er bei näherer Untersuchung unschwer als Schießpulver fest- ftelle« konnte. Der hierdurch erweckte Verdacht, eine Höllen­maschine vor sich zu haben, fand durch die unter Zuhilfe­nahme der Polizei sofort eingeleitete Untersuchung vollste Be­stätigung. — Nur dem glücklichen Umstande, daß Major Eb­meyer durch das der Schachtel entfallende lose Pulver auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht worden war, ist es zu verdanken, daß eine Katastrophe vermieden worden ist, welche um so beklagenSwerther hätte werden können, als zu jener Zeit sich der Adjutant nicht allein in feinem Dienstzimmer befand.

Wie weiter berichtet wirb, ist eine gleiche Sendung, ebenfalls ans Orleans, mit einem Begleit­schreiben derselben Wortlautes und Datums am ver­gangenen Sonntag unter der Ab resse Se. Maj. der Kaisers in Berlin eingetroffen und an das Ge­heime Civilkabinet abgegeben worden. Auch hier hat eine glückliche Fügung rechtzeitig Argwohn erregt und die Wirkung der ExplosionS-Maschine verhindert.

Vielleicht hat man ben Vorfall absichtlich bis gestern Abend verheimlicht, um inzwifcheu um so sicherer mit Aussicht auf Erfolg Nachforschungen nach dem Urheber anstellen zu können. Die Entdeckung desselben ist um so dringender zu wünschen, als man sich des Gedankens schwer erwehren kann, daß wir es mit einem Akt bet internationalen Anarchistenbande, deren Sreuelthaten in Spanien noch in frischer Erinnerung sind, zu thun hat. Mit der Führung der Untersuchung ist einer der bewährtesten Beamten der politischen Polizei, Herr v. Tausch, betraut. Seitens der telegraphisch be- nachrichtigtm französischen Regierung ist als- bald die weitgehendste Unterstützung zur Entdeckung des Urhebers des nichtswürdigen Bubenstreichs zugesichert worden. Die Ermittelungen sind jedoch außerordentlich schwierig, da jeglicher Anhalt zur Entdeckung des Ab­sender- fehlt. Sicher ist jedoch, daß der Thäter die Lieblingsbeschäftiguvg Capcivi'S, Blumenzucht, genau kannte, dagegen von oerThatsache, daß keine Sendung durch den Reichskanzler selbst geöffnet wird, nichts wußte. Die .Germania' weist noch auf eine gewisse

Dr. v. Freye (kous.) erkannte an, daß der Militär- und Marineetat unter weiser Beschränkung aufgestellt sei, empfahl als neue Einnahmequellen RohfpirituS- Monopol, Inseraten- und hohe Börsen- und Emissions­steuer und trat schließlich für Wiedereinführung der Doppelwährung ein. Weiterberathung morgen.

* Der Jesuitenantrag kommt erst am Donners­tag zur Berathuug, da die Etatsberathung, für welche drei Tage in Aussicht genommen sind, nicht unter­brochen werden soll. Der Antrag wirb dem Verneh­men nach durch den Vorsitzende der CentrumSfraktion, Abg. Graf Hompesch, begründet werden.

* lieber den russischen Handelsvertrag wird noch immer nichts Bestimmtes bekannt. Allgemein wird aber angenommen, daß die Unnachgiebigkeit der russtschen Regierung so groß ist, daß man in unfern leitenden Kreisen selbst nicht mehr an einen Erfolg der Verhandlungen glaubt. Wenn die Reichsregierung mit einem Handelsverträge herauSrückt, bei dem bie Zuge­ständnisse fast ausschließlich auf unserer Seite find, so hat daS auch seine Bedenken. ES wird sich ein Sturm der Entrüstung im Lande erheben, und die Klagen der Landwirthschaft verdienen doch auch Beachtung. Wer die Verhältnisse deS Ostens kennt, muß zugeben, daß die dortige Landwirthschaft durch eine Verbilligung des russischen Roggenzolls sehr schwer getroffen wird. Die Landwirthe deS OstyiS haben bisher schon viel gelitten durch die zahlreiche Einfuhr russischer Pferv e. Diese kleinen Steppenthiere sind häßlich, aber zähe und sie wurden wegen ihrer großen Billigkeit viel gekauft. Die Landwirthe klagen, daß durch die Kreuzungen russischer und deutscher Pserde zudem noch unsere Pferde-Race verdorben sei. Die russische Roggen- Konkurrenz wird sich bei der Geringfügigkeit der dortigen ProduftionSkosten und der Vermehrung der russischen Eisenbahnen noch viel empfindlicher gestalten. Rußland hat einen solchen Ueberfluß an Roggen, daß eS verkaufen muß, und bei den russischen WährungS- Verhältnissen kann eS bei einem Zollsätze von 31/» Mk. — je nach dem Rubelcourse — unter Umständen noch gut verdienen. Da erscheint eine Zollermäßigung nur erörterungSfähig, wenn wir auf industriellem Gebiete wirklich ganz bedeutende Zugeständnisse dafür ein­tauschen, die unS einen neuen Aufschwung unseres russischen Export» sichern. WaS aber Rußland bis jetzt angeboten hat, sind fast werthlose Scheinkonzessionen, die eS nicht rechtfertigen würden, deshalb unsere Landwirthschaft mit einer so empfindlichen Konkurrenz zu belasten, die doch wohl deS Schutzes eher bedarf, als die Industrie, welche sich andere Absatzgebiete schaffen kann.

* Der Vorstand deS Reichstags hat in Ueber- einftimmung mit den Vorsitzenden der Abtheilungen einstimmig beschlossen, einen Initiativantrag zu veran­lassen, welcher bezwecken soll, den Eisenbahnfrei, karten, welche gegenwärtig nur für bie beschränkte Strecke zwischen Berlin und dem Wohnort der Abge- ordneten Geltung haben, Ausdehnung zu geben auf hereinbrechen könnte. Vor allen Dingen handelt eS sich darum, das Nest der Brodträgerin auszuforschen. Dies hoffe ich morgen zu erfahren — dann werden wir weiter sehen. Weil Johanna Portier ihre Tochter wiedergefunden hat, so ist Hundert gegen ein« zu wetten, daß ich am Quai Bourbon, in der Nähe von Lucie daS Nöthige finden werde. Freilich werde ich mich von Kopf bis zu Füßen umkleiden müssen, um noch ein Mal dieses Viertel zu betreten, wo ich schon so viel umhergeschweift bin und wo man mich vielleicht wieder« Sennen könnte. Nun, glücklicherweise habe ich eine reichhaltige Garderobe zur Verfügung, und so wird sich die Sache sehr leicht machen."

Diese und ähnliche Gedanken hielten Ovide So- liveau einen guten Th eil der Nacht wach. Gegen drei Uhr Morgens sprang er aus dem Bette, zündete eine Kerze an, wühlte in einem alten Koffer umher und nahm dann schließlich einen abgetragenen, gänzlich ver­blaßten Anzug hervor, welcher au8 einer Hose von rippenartigem Velours, einer zerrissenen Weste und einer alten fehlerhaften Joppe bestand. Er bekleidete sich mit diesen Lumpen, zog darüber eine schlechte Blouse an, deren Bermel ihm viel zu kurz waren, färbte sich die Wangen mit Ziegelroth und die Augen­brauen tiefschwarz, fuhr mit einem dicken Bleistifte mehrere Male über den Mundwinkel, setzte sich eine glatte Mütze, deren Schirm er sich tief in’8 Gesicht drückte, auf ben Kops, nahm einen ziemlich großen

liebereinftimmung zwischen biefen und der Spandauer Höllenmaschine hin, obgleich zwischen ihnen keine Ber- binbung besteht. Die Aufschrift auf dem Spanbauer Packet war in deutscher Sprache inkorrekt gefaßt, währenb auch hier bie Fassung nicht auf einen Fran­zosen schließen läßt. Zahlreiche Glückwünsche vom AuS- lanbe und Julande sind bereits eingegangen. Seitens der französischen Botschaft wird Alles aufge» boten, um den Eindruck dieses Attentats zu verwischen.

* Bon einer Auflösung des Reichstags im Falle ber Ablehnung ber Handelsverträge sprechen verschiedene Blätter. DaS nennt man, sich etwas zu früh Sorge machen, da dar Schicksal der Verträge noch ganz un­bestimmt ist. Aber selbst, wenn dieselben abgelehnt Werden sollten, Würde eine etwaige Neuwahl nicht unter dem Zeichen dieser, sondern der Steuerprojekte stehen. Und ob bei einer Parole: Wein- und Tabak- steuer oder nicht! die Regierung sich gut stehen würde, wird diese selbst nach der im Laude herrschenden Stimmung beurtheilen können.

* Der Reichstag setzte die erste Berathnng deS ReichShauShaltSetatS für 1894/95 fort. Firanzminister Dr. Miquel legte bie Gesichtspunkte dar, von benen sich bie Regierung bei ihren Finanzvorlagen leiten ließ. Die Einführung einer Reichs-Einkommensteuer halte er für unzulässig unb undurchsürbar. Man würde damit die Selbstständigkeit der Einzelstaaten vernichten. Auch eine Wehrsteuer sei ohne Schaffung eines besonderen großen Apparats nicht durchführbar. Eine Reichs-Erb- schastSsteuer, bie man Arcendeuten, DeScendenten unb Ehegatten auferlegen müßte, würbe äußerst drückenb fein. Die vorgeschlagenen Steuern treffen Genußmittel, so daß sich Jeder der Steuer entziehen kann. Die vorgeschlagene TabakS-Werthsteuer erleichtere gegenüber der bestehenden brutalen GewichtSstmer den Tabakbau und die Tabakindustrie. Abg. Richter (fts. VolkSp.) polemisirte gegen den PaffnS der Thronrede über die dem Kaiser bei seinen Reisen bereiteten Ovationen, berührte den Hanvover'schen Prozeß und die staatliche Förderung des Lotteriespiels und bekämpfte dann in längerer Rede die Fivanzvorlagen. Er bestritt, daß für die geforderten neuen Einnahmen ein Bedarf vor­handen sei. Im Etat seien die Einnahmen zu niedrig, die Ausgaben zu hoch eingestellt. Man wolle Ein­nahmen auf Borrath schaffen, WaS nur zu leichtfertigen Ausgaben anreize. Die Finanzlage der Einzelstaaten erfordere keine ReichShülfe. Auch könne am Etat gespart werden. Seine Freunde lehnen überhaupt jede neue Steuer ab, so lange nicht die Liebesgabe für die Brenner aufgehoben sei. Staatssekretär Graf Posa- dowsly sagte, daß sich Richter mit seiner Dar- stellung der Finanzlage mit sich selbst im Widerspruch befände. Wenn Herr Richter die Verhältnisse der Land­wirthschaft im Osten praktisch kennen gelernt hätte, würde er nicht die Vernichtung der Branntweinindustrie empfehlen. Finanzminister Dr. Miquel wies u. A. darauf hin, daß die Matrikularbeiträge eben gerade Einnahmen seien, die zu Ausgaben verlockten. Abg.

Ovide Solivean drückte dem Millionär die Hand und ging. Wie wir gesehen haben, war er entschlossen, die Absichten Jakob Garand's vollständig zur Ans- sührung zu bringen. Er vertraute dem Sterne deS Letzteren, und er sagte sich, daß eS ihm so leichter sein werbe, Harmant zu beherrschen und sich die ge­leisteten Dienste nach ihrem vollen Werthe vergüten zu lassen, je schwerer die Kette der Verbrechen sei, welche sie an einanderkoüfte. Ovide war vor allen Dingen ein Mann ber That; dazu gefiel er sich in ben verwickelsten, dunkelsten Verzettelungen, welche ihm an bie Genüsse erinnerten, bie er in seiner Jugend in Theatern dritten unb noch niederen Ranges gekostet hatte.

Zu Hanse angelangt, begab er sich alsbald zu Bette, nicht zwar um zu schlafen, sondern um nachzu- finnen „Keinen Mord," dachte er bei sich, „ich bin ebenfalls dieser Meinung. Freilich ist eS schwieriger, einen einigermaßen wahrscheinlichen Unglücksfall vor­zubereiten und herbeizuführen, als einfach ein Mefser zwischen beiden Schultern zu versenken. So schlau ich bin, und ich darf mich Wohl rühmen, es zu sein, so habe ich dennoch mit großem Ungeschick in dieser An­gelegenheit mit der Lucie verfahren, indem ich diese leichisinnige Amanda nur in die Karten blicken ließ Jetzt handelt eS sich darum, etwas mehr Takt unb Klugheit zu zeigen, besondels aber schnell zu handeln, da bie Gefahr, die im Anzuge ist, mit einem Male

20. Jahrgang

Donnerstag, den 30. November 1893.

JV 275

lMerMZkitllng