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JW 274

Mittwoch, den 29. November 1893.

20. Jahrgang

FulixiklM Zeitung

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e-e Gemetudeläudereten und die Lage -er ländlichen Arbeiter.

Im Anfänge unseres Jahrhundert galt eS meist als eine unumstößliche Wahrheit, daß Ländereien in gemeinschaftlichem Besitze oder in gemeinsamer Benutz- ung für die landwirthschaftliche Produktion nicht vor- theilhaft seien. Von diesem Gesichts punkte ging auch die preußische GemeinheitS.THeilungS.Ordnung vom 7. Juni 1821 aus. Dieselbe verordnete, daß die von mehreren Einwohnern einer Stadt oder einer Dorfes, von Gemeinden und Grundbesitzern bisher gemein* fchaftlich ausgeübte Benutzung ländlicher Grundstücke zum besten der allgemeinen Landeskultur, so viel als möglich aufgehoben werden sollte. ES handelte sich dabei um gemeinsame Weidenberechtigungen auf Aeckern, Wiesen, Forsten, um Forstberechtiguvgen zur Mast, um den Mitgenuß von Holz, Streu u. s. w. Durch daL Gesetz vom 2. März 1850 wurde dann weiter be­stimmt, daß Berechtigungen zur Gräserei und zur Nutzung von Schilf, Binsen und Rohr auf Ländereien und Privatgewäsiern zum Pflücken der Graser und Unkrautes in bett bestellten Feldern, zur Nutzung frem­der Aecker gegen Hergebung der Düngers, zur Torf­nutzung u. f. w. auf den Antrag des Berechtigten wie des Verpflichteten ablösbar sein sollten.

Der größere Theil dieser Berechtigungen war für grundbesitzende Tagelöhner, wie der bekannte Professor von der Goltz sagt, (Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische Staat 1893. S. 260) von hohem Werthe, weil dieselben er ihnen möglich machten, dar Futter und die Streu zu gewinnen, um eine Kuh oder andere Rutzchiere zu halten. Wenn die Besitzer von Bauern­höfen im ganzen auch Bortheil von der Aufhebung dieser Berechtigungen hatten, und die GemeivheitStheil- ung vielfach nöthig war, so schadete dieselbe doch den Taglöhnern. Die grundbefltzeuden Landarbeiter wurden eben mit einem Stückchen Land oder mit Geld abge­funden. Dar elftere nützte ihnen nicht viel, da! Geld aber war bald verbraucht.

Wenn demnach die staatliche GemeinheitS-Theilung dar Jntereffe der ländlichen Arbeiter wesentlich ge­schädigt hat, so ist eS wohl eingehender Erwägung werth, ob dem nicht in irgend einer Weise adgeholfen werden kann. Professor von der Goltz fordert nun in der Beziehung, daß den ländlichen Arbeitern, besonders den grundbesitzenden, die Möglichkeit gewährt werde, „Weide, Winterfutler und Einstreu" zu gewinnen. ES

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(179. Fortfetzrmg,)

„Freilich, wenn man keine Vorkehrungen träfe."

„Hast Du denn ein Mittel zur Hand, sie daran zu hindern?"

„Natürlich, und so einfach wie möglich."

„Welches ist dieses Mittel? Schnell heraus damit, denn ich glaube, wahnsinnig zu werden."

„Wirklich, auf Ehre, Du thust mir leid, mein Bester! Nun, mache Dir keine Kopfschmerzen und ver­loste Dich auf mich. Johanna Portier ist in Paris, das steht fest, denn Du hast sie gesehen. Jedenfalls führt sie einen andern Namen."

„Ja."

„Wie heißt sie denn?"

„Life Perrin."

„Wo wohnt sie?"

„Ich weiß eS nicht, aber man kann sie bei ihrer Tochter Lucie staden."

„Quai Bourbon Nr. 9, nicht wahr? Mir bekannt. Sie lebt wahrscheinlich nicht von ihren Renten; was thut sie?"

„Sie ist Brodträgeriu-"

„Wodurch sie genöthigt ist, von Morgens früh bis spät Abends auf den Beinen zu sein. Nun, ihr Sig.

ist gewiß nicht zufällig, daß im ganzen dort, wo die landwirthschaftlich nutzbaren Flächen im Besitze der Gemeinde sehr gering find, im preußischen Osten, der Mangel an Landarbeitern am größten ist. Denn die Gemeindeländereien ermöglichen eS den Tagelöhnern, sich durch Benutzung derselben allmählich emporzuar­beiten, während beim Fehlen derselben die Möglichkeit deS AufsteigenS zu einer besseren Lebenshaltung meist unmöglich ist.

Einzelne Gutsbesitzer haben nun schon mit Erfolg versucht, ihren Arbeitern Weide und Winterfutter für eine Kuh zu gewähren. Doch daS reicht keineswegs aus. Die ländliche Arbeiterfrage ist aber keineswegs eine Frage, welche bloß die landwirthschaftlichen Be- sitzerangeht, sondern sie ist von der größten wirthschaftlichen, sozialen und politischen Bedeutung für den ganzen Staat.

Deshalb ist Prof. v. d. Goltz der Ansicht, daß der Staat dazu helfen müsse, daß die Gemeinden wieder Gemeindeländereien erwerben können, d. h. der Staat soll den Gemeinden das nothwendige Geld leihen, welches diese dann verzinsen und omortisiren müssen. Die Entscheidung über die Gewährung von Darlehen zum Ankäufe von „Allmenden" will v. d. Goltz den Generalkommissionen überlassen, welche dabei unter Mitwirkung der Rentenbanken ähnlich wie bei der Er­richtung von Rentengütern zu verfahren haben. (S. 267.)

Die Benutzung der Allmenden (Gemeindeländereien) soll dann natürlich nicht unentgeltlich, sondern gegen eine Entschädigung gewährt werden, die so groß ist, daß Verzinsung und Amortisation gedeckt werden können. Auf diese Weise kommen dann die Gemeinden mit der Zeit auch wieder in den Besitz von schulden- freiem Grundeigenthurn, das sie niemals hätten ganz aufgeben sollen. SS muß auch deshalb dahin gestrebt toevben, daß di» «Semetttbw wieher »ine» «rftpif h»$ GrundeigenthumS erhalten, damit sie im Stande sind, aus bett Einkünften zum Theile bte Gemeindeabgaben zu decken. Dann kommt der steigende Werth des Bo­dens der Allgemeinheit zu Gute, ohne daß sich die schweren Nachtheile einstellen, welche mit einer allge­meinen Verstaatlichung des BodenS verknüpft sein würden.

Deshalb ist eS sehr zu begrüßen, daß die Ausiedel- ungS-Kommissionen die nett gegründeten Ansiedlerge­meinden mit Gemeindedotationen auSstatten. Dazu ge­hören das Schulzendienstland, Sand-, Kies- und Lehm­gruben für die Gemeinde, eine Armenstelle mit Armen­haus und, wenn ein Bedürfniß vorliegt, Lehrerdienst- land und Land für die Kirchengemeinde. Ferner wird auch Gemeindeland auSgefondert, das an die Ansiedler verpachtet wird, um fo der Gemeinde die Mittel zur Bestreitung ihrer Ausgaben, vornehmlich für die Schulen zu gewähren.

Es handelt sich hier unstreitig um eine Frage von weittragender Bedeutung und ist dieselbe daher wohl einer eingehenden Erörterung werth, welche wir hier­mit gerne anregen möchten.

nalement ist ja nach allen Richtungen hin bekannt ge­macht worden und der erste beste Agent kann sie zur Polizei bringen, von wo man sie ohne Kossen wieder in'S Centralgefängniß schaffen wird. Zittere also nicht, mein Bester und beruhige Dich im Gegentheil. Trin­ken wir zusammen eine gute Flasche auf daS Wohl der ProvinzBurgund, unserer gemeinsamen Heimath. Mor­gen wird Dir Johanna nicht mehr im Wege sein."

„Was gedenkst Du zu thun?"

„Ich? Nichts! Aber Du!"

„Ich?" wiederholte der Millionär unruhig.

„Natürlich! Du wirst im feinsten Style an ben StaarSanwalt der Republik schreiben, baß eine gewisse Johanna Portier, die früher auS dem Gefängnisse von Clermont entwischt ist, sich unter bem Namen Life Per­rin in Paris aufhält unb daß man sie selbst ober wenigstens ihre Spur sicher bei ihrer Tochter Lucie in einem Hause Nr. 9 Quai Bourbon finden kann. Du brauchst ja nicht zu unterzeichnen."

„Dies kann ich nicht thun," versetzte Jakob Garand, „ich werde dies nicht schreiben."

„WeShalb nicht?"

„Weil man mir sofort die Beranlaffung zu der Verhaftung Johanna'- zuschreiben würde."

„Wer denn?"

„Georg Darier. Ich wollte sie bei ihm verhaften lassen, aber er hat sich dem widersetzt."

Deutsches Keich.

Berlin, 27. November.

* Wie man der ,Pol. Korr.' aus Rom meldet, wird für das Fest Mariä Empfängniß — den 8. Dez. — die Publizirung einer päpstliche« Cncyklika über daS Bibelstudium erwartet.

* Die von der Börse« Enquete Knmmiffio« sür statistische Erhebungen eingesetzte Unterkommisfion hat am 25. d. M. unter Leitung deS Vorsitzenden ihre Schlußsitzung abgehalten. Die vorgelegten, einen starke« Band bildenden statistischen Arbeiten wurden definitiv genehmigt. Zugleich wurde beschlossen, den Reichskanzler um Fortführung bezw. Erweiterung der begonnenen Erhebungen zu bitten.

* Der Reichstag trat heute in die erste Berathung des Reichshaushalts - Etats für 1894/95 ein. Der Staatssekretär des Reichs-Schatzamtes, Graf PosadowSky, leitete die Debatte mit dem üblichen Finanz - Resnm« ein. Danach verspricht daS laufende EtatS-Jahr (1893/94) einen Ueberschuß von l1/« Millionen, wovon Mil­lion indeß durch den Nachtrags-Etat für Kolonien bean­sprucht wird. Der neue Etat erfordert eine Erhöhung der Matrikular - Beiträge um 39'/» Millionen Mark, der nur 6'/« Millionen an Mehr-Ueberweisungen gegen­überstehen, so daß die Mattikular-Beiträze die Hebet» Weisungen um 53'/s Millionen übersteigen. Gegen 1891/92 werden die Einzelstaaten überhaupt in Zukunft um 109 Millionen schlechter gestellt sem. Der Staats­sekretär begründete im Anschluß daran die Nothwendiz- keit einer Vermehrung der Einnahmen deS Reicher. Ohne Eröffnung neuer Einnahme - Quellen könne daS Reich gegenüber dem vorhandenen Mehrbedarf nicht aus» kommen, während die Einzelstaaten bei dauerndem Fort­fall der Heberweisungen in finanzielle Bedrängniß ge- Milien. Aba dritten sCentr.l bemänaelte wShefnnbn-» ine Forderungen für dre Schutzgebiete und ote Manne, empfahl angesichts des hannoverschen Prozesses eine Einschränkung des Totalisators und behufs Reichsschul­den-Tilgung die Ausgabe verloosbarer Staatspapiere und erklärte schließlich, daß das Cevttum zwar, nach­dem es gegen die neuen Ausgaben gestimmt, der Steuer- Reform mit verschränkten Annen zusehen könnte, dies aber ans patriotischen Gründen nicht thun werde. Abg. Bebel (Soz.) bestritt, daß die dem Kaiser zu Theil ge­wordenen Sympathie - Kundgebungen für die Militär- Vorlage sprächen, besprach bann unter Angriffen auf einen Theil dcs Offizier-Korps den hannoverschen Pro- zeß und bekämpfte dann die neuen Steuer-Projekte, welche nur den kleinen Mann belasten sollten. Der Minister, der dieselben heute vertrete, sei vor 40 Jah­ren ein Freund der Kommunisten gewesen. Redner empsahl eine Reichs-Einkommensteuer, eine Reichs-Ver­mögenssteuer und eine Reichs-Erbschaftssteuer, die zu­sammen 237 Millionen einbringen würden. Krieg-- Minister Bronsart von Schellendvrff wies die Angriffe auf daS Offizier-Korps, Staatssekretär Hollman» solche auf die Flotte zurück. Finanzminister Dr. Miq ael legte dar, wie ihn seine Studien gerade zu dem emgegenge»

„Ah — dieser verfluchte Advokat nimmt sich ihrer an. Seltsam in der Thar. Erzähle mir bte Sache genauer."

Paul Harmant erzählte Ovide AüeS, was wir be­reits wfffen.

Ooide schaute verdrießlich drein, während Harmant erzählte.

„Du begreifst jetzt," fuhr der Millionär fort, „daß Wir nicht in dieser Weise vorgehe« können, wofern wir nicht einen schweren Fehler machen wollen. Georg Darier würde, sobald er die Verhaftung Johanna'S vernimmt, die in den Zeitungen jedenfalls zu lesen wäre, sofort vermuthen, daß ich dazu Veranlassung gegeben habe. Ohnehin wird er eS schon sonderbar gefunden haben, war ich bei ihm thun wollte. Ganz sicher würde er Verdacht schöpfen, Johanna selbst könnte sich den Rach- forschungm entziehen, denn sie wird auf ihrer Hut sein, zu ihm gehen und ihn um seinen Schutz bitten. Lucie geht vielleicht zu Lucian Labroue, ihrem früheren Ver­lobten, Beide dann zum Advokaten. Ich wittere irgend eine Gefahr und meine Ahnungen pflegen mich selten zu täuschen. Es will mir scheinen, als ob sich um mich herum und gegen mich so eine Art Verschwörung zusammenzieht, die mit jedem Tage immer drohender und gefährlicher wird. Lucian ist von der SchuldlJo- hanna's nicht überzeugt, ebenso wenig von dem Tode Jakob Garand's, der Advokat Georg Darier, derNffe