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JM 272

Sonntag, den 26. November 1893.

20. Jahrgang

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A Des Drinzeu Alerauder von Kattenberg Leiche soll nach Sofia gebracht und dort im ersten Tempel beigesetzt werden. Das ist schön gehandelt von de» Bulgaren, und zugleich klug. Sie schaffen sich in diesem Mausoleum ihrer ersten Fürsten eine Art Nationalheiligrhum. den Anfang von einem bulgarischen Pantheon', eine politische Wallfahrtsstätte, wo die Nation Selbstbewußtsein und Freiheitsliebe lernt

Der plötzliche Tod des Battenbergers hat die Völker ringsum tief ergriffen. Die Herrscher und die Regie­rungen mußten sich zumeist der öffentlichen und amt- s lichm Kundgebungen der Theilnayme enthalten um nicht unr.öthiger Weise die Nerven der Zaren zu reizen. Der Zar hätte übrigens eine billige Gelegenheit gehabt, sich großmüthig zu zeigen. Wenn er beim Tode des ungeliebten Anverwandten irgend ein Zeichen der Theil- nähme oder Ehrung gegeben hätte, so würde die Welt dankbar gewesen sein für diesen versöhnlichen Ausklang eines politischen Trauerspiels. Aber der Zar ist kalt und hart geblieben, und daS hat wenigstens eine gute Seite: man kann ihm nicht vorwerfen, daß er hier mehr Gemüth zeige, als er in Wirklichkeit habe. Der öfter- relchische Hof hat sich erfreulicher Weise durch den Groll des Zaren nicht behindern laffen, dem Batten­berger zu seinen Lebzeiten eine entsprechende Stellung und Beschäftigung tn der Armee und bei seinem Tode die gebührende Ehre zu geben. —

Erst 36 Jahre war der Sieger von Slivnitza alt, alle Welt traute dem hohen, strammen Manne noch ein langer Leben zu. Aber er ist nichts mit der menschlichen Kraft. Ein erbsengroßes Geschwärchen im Darm genügt, um den blühenden Körper in einen Leichnam zu verwandeln. Das Geschwärchen veran­laßte eine Durchlöcherung des Darmes und führte da­mit eine Entzündung deS Bauchfells herbei. Wer ist sicher vor einem ähnlich schnellen Tode? Im lobten« monat November muß uns dieser mahnende Fall be­sonders zu Herzen gehen.

DaS Sehen des Battenbergers war dramatisch, aber der Tod hat des Drama um den rechten Schluß ge­bracht. Als er die bulgarische Krone niedergelegt hatte und das Land verließ, rief er den Bulgaren zu: Auf Wiedersehen! Er hätte wiederkehren müssen zum Ent­scheidungskampf für die bulgarische Selbständigkeit, um in diesem Kampfe zn fallen, oder als siegreicher Held die Vollendung seiner Lebensaufgabe zu erreichen. Der Tod kümmert sich nicht um die ästhetischen Gesetz« und Hoffnung-Phantasien der Menschen, daS Geschwürchen frißt gleichmäßig weiter, ob es im Leibe eines Welt- geschichtlichen Mannes oder unter der schmutzigen Haut eines Landstreichers angesiedelt ist. Die Bulgaren sehen nur eine Leiche wieder.

Zum regelrechten Drama gehört eine vrrhängniß- volle „Schuld" des Helden, die gleichsam das Unglück anslöst. Auch der Battenberger hatte seinen Fehlgriff begangen. ES war daS de- und wchmüthige Tele­gramm, daS er an den Zaren schickte, als er nach seiner Entführung aus Sofia auf russischem Boden ausgesetzt wurde. Die That war durchaus begreiflich. Durch die Gefangennahme mitten in der Rächt, die Ver­schleppung auf daS Schiff, dem tagelangen Aufenthalt in der gluthheißen Kabine unter beständiger höchster Todesgefahr waren die Nerven des Fürsten auf das Aergste angegriffen. Er hatte noch keine Kunde von den Erfolgen der Gegenrevolution und von der prächtigen Haltung seines ganzen Volkes. In diesem kritischen Augenblick machte sich der russische Ursprung seiner Person und seiner Würde mit besonderer Wucht geltend. Er sühlte sich damals unfähig zum Verzweiflungskampf gegen Rußland und machte also einen letzten Versuch, mit Rußland eine friedliche Lösung zu finden.

Die furchtbar grobe Antwort des Zaren, die ohne einen Hauch persönlicher Theilnahme und ohne den geringsten Tadel deS verübten Schurkenstreichs den

Fürsten zum Rücktritt aufforderte, ist gewiß allen Lesern noch in der Erinnernng. Sie wird den Battenberger schon damals schwer getroffen haben, aber nachher wird er wohl selbst eingesehen haben, daß sie zu seinem Besten gereicht hat. Würde 'oct Zar damals graut- tourtet haben, er nehme seine Unterwerfung in Gnaden an, hoffe auf gründliche Befferung und werde ihm einen Bevollmächtigten zur Ordnung der Dinge schicken — fo hätte Alexander als Vasall des Zaren nach Bul- garien heimkehren müssen, wäre er zwischen die russische Anmaßung und den bulgarischen Widerstand gerathen und von diesen Mühlsteinen elend zerrieben worden. Dann würde er nicht bloS dm Thron, sondem vorher auch das Vertrauen und die Liebe seines Volker ver- lorm habm, und statt des ehrenvollen Rücktritts hätte er einen jämmerlichen Untergang gefunden.

Die Bulgaren haben ihm bekanntlich daS unglück­selige ErgebenheitS-Telegramm an den Zaren nicht übelgenommen, sondern ihm gleich nachher überall den Empfang eines Triumphators bereitet. DaS bulgarische Volk zeigte da wieder seinen gesunden Mmschenverstand. Es begriff, warum der Battenberger wegen seines per­sönlichen Verhältnisses zum Zaren und zu Rußland unter den damaligm Umständen so handeln konnte, eS erkannte seine gute Absicht und vertraute ihm nach wie vor. Ich muß gestehen, daß ich in die bulgarische Nation etwas verliebt bin. Es dürfte kaum ein anderes Volk von junger Selbständigkeit und elementarer Kultur aufzuspüren sein, das eine solche überraschende Fülle von geistiger und sittlicher Gesundheit im politischen Leben bekundet hat. Die Leute wiffen, waS sie wollen, sie haben dm Muth der Selbständigkeit gegenüber Rußland und der ganzm zünftigen Staatskunst Europa'- bewiefm und dabei eine wunderbare Ruhe und Mäßi­gung bewahrt. DaS Berdimst an dieser Entwicklung auf einen einzelne soev einige Staatsmänner zu schiebm, geht in Bulgarien am wenigsten an. Wenn nicht das ganze Volk von einem richtigen politischen Instinkt be- jeelt wäre, würde diefe Einmüthigkeit, diese Ausdauer und diese Selbstbeheuschung der Massen nicht denkbar sein. Eine künstliche Dreffur der Massen hält nicht an­dauernd und unter wechselnden Umständen vor. DaS schönste Ehrenzrugniß für den bulgarischm Volks- charakter finde ich in dem Umstande, daß Kaulbars seiner Zett weder angeschoffen noch durchgeprügelt worden ist. Man bedenke die leidenschaftliche Erregung der Bulgaren und daS rücksichtslose, furchtbar auf- reizende Vorgehen deS russischen Aufwieglers. Wie leicht findet sich da ein fanatisches Gehirn, in welchem der Unwille sich zu dem Plane einer Gewaltthat ver­dichtet. Die Selbstbeherrschung der gesammtm Patrioten Bulgariens ist nur zu erklären aus der klaren Er- kmntniß der gefährlichen Folgen jeder Ausschreitung und dem felsenfesten Vertrauen auf die eigene Wider­standskraft. Wir hätten schon längst einen neuen Kriegs­ausbruch im Südosten erlebt, wenn nicht die Bulgaren ein so ausnehmend vernünftiges Volk wären. Den braven Leuten geht nur Eines ab: sie müßten sich er­lösen ans dem Banne der starren griechisch-schismatifchen Kirche und katholisch werden. Neuerdings wird von Franzosen und Französlingen manchmal davon phanta- sirt, daß Rußland in Folge seiner Annäherung an Frankreich nächstens katholisch werden könnte. Ein un- geheurer Unsinn. Die gegenwärtige Politik Rußlands ist ganz besonders fanatisch-schismatisch und geht rück­sichtslos auf die Ausrottung der katholifchen Kirche wie des Protestantismus aus. An eine allmählige Wiedereroberung der rusfifchen VolkStheile für den Katholizismus kann erst gedacht werden, wenn die jetzige Regierung in Rußland von Grund aus umgestürzt ist. In Bulgarien darf man viel eher auf einen Umschwung zum Guten hoffen. Dort ist daS starre StaatSkirchen- thum schon gebrochen. DaS Land Hot sich einen katho­lischen Fürsten gewählt und hat diesem Fürsten zu Liebe auf die Forderung der schiSmatischen Kinder­erziehung im Herrscherhause verzichtet. Daß der Fürst Propaganda machen ober bet katholischen Kirche be­sondere Vortheile sichem sollte, fällt uns natürlich gar nicht ein. Aber das Verhalten deS Volkes ihm gegen­über zeigt, daß dort nicht der fchismatifche Fanatismus mehr herrscht, wie in Rußland ober Rumänien. Wenn bet Fürst unb seine katholische Familie weiterhin bie Liebe bc8 Landes bewahrt unb steigert, so trägt daS zur steten Abschwächung bet Vorurtheile gegen ben Katholizismus bei. Run braucht nur die russische Herrschsucht wieder einmal bie landeskirchlichen Ein­richtungen zu VerschwörungS- und UnterjochungLzwecken

zu mißbrauchen — dann kann bie Entrüstung bes Volkes leicht zu einem kirchlich-religiösen Umschwung führen.

Aber baS ist Zukunftsmusik. Kehren wir nach diesem Lobspruch auf die Bulgaren, der mehr ein HerzmS- erguß, als ein politifcher Leitartikel sein soll, zu dem tobten Helben zurück. Er machte seinen Triumphzug burch Bulgarien trotz seines Unglücks-Telegramme-; aber dann legte er seine Krone nieber. DaS habm Manche als Schwache beuten wollen. Ich glaube, der Battenberger hat durch den Rücktritt eine weise, segensreiche That gesetzt. Seine Mission in Bulga­rien war damals erfiillr; was nun zu leisten war, konnte ein Nachsolger ohne russische Eierschalen bester leisten.

Wer den erstm bulgarischen Fürsten bmrtheileu will, darf nie diese „russische Eierschalen" vergessm. Alexander war verwandt mit dem Zarenhause, er war von Rußland auf ben bulgarischen Thron gesetzt, er war von Anfang an ans bie Vormundschaft deS Zar- Befreiers angewiesen. Seine Person war auf baS Zu­sammenwirken mit Rußland zugeschnitten. Nun trieben ober die Russen in Bulgarien eS geradezu maß­los und im Volke erhob sich allmählich die russenfeind­liche Strömung, derSelbstständigkeitStrieb. DaS führte zu schweren Mißverständnissen nnd Wirren, der Fürst konnte sich nicht sofort mit der gährenden Volksseele znsammenfiuden, weil fein Urfprnng und daS Herkom­men ihn den Bruch mit dem russischen Einfluß sehr erschwerten. Er versuchte eS mit der Aufhebung der Verfassung, die wirklich für ein halbcivilisirteS Land viel zu liberal erschien. Aber bald zeigte sich, daß nicht die übermäßige BolkSfreiheit, sondern die über- mäßige Ruffenfrechheit bie Krankheit herbeiführe. Der Fürst bahnte nun bie Säuberung deS Landes von dm russischen Schmarotzern an. Wie schwierig daS sür ihn gewesm, ersieht man besonders daraus, daß sogar Fürst Bismarck, der ihm seiner Zeit die Annahme der Krone angerathen, diese Schwenkung tadelte, ben Fürsten Alexanber als „englischen" Helfershelfer schalt unb ihm bei jeber Gelegenheit Schwierigkeiten machte. Offenbar ist bem Fürsten BiSmarck niemals bas rechte Verstäub- niß aufgestanden für ben Charakter unb bie Kraft bei bulgarischen Volkes, sonst hätte er einsehen müssen, baß in Bulgarien nur ein Volksfürst, kein russischer Statt­halter sich haltm kann. Fürst Alexanber hat gegenüber ber antirussischen SelbstftänbigkeitS - Bewegung zuerst bremfenb gewirkt, unb das war gut zur Vermeidung aller Uebersiürzungen. Als nun ohne ihn die ostrume- lischr Erhebung eingeleitet war, stellte er sich trotz aller russischen Eierschalen entschlossen an die Spitze deS Un­ternehmens, um den Frieden unb bie Orbnung zu retten. Daraus mtwickelte sich der serbische Krieg, dar größte Glück, waS den Bulgaren unb ihrem Fürsten befchieden werben konnte. Der Sieg, ben die Balgarm unter AlexanberS Führung errangen, verschaffte ihnm mit einem Schlage die Hochachtung ber Welt und brachte ihr nationalesSelbstbewußtsein zur vollmBlüthe. Mit diesem Siege hat Alexanber den festen Grund- und Eck­stein für die Selbstständigkeit Bulgarien- gelegt, ober zugleich den Haß de- Zaren auf eine fast krankhafte Höhe gesteigert. Rach dem Telegrammwechfel lag die Gefahr vor, baff der Zar burch ben Widerwillen gegm dir Person de-Fürsten zu gewaltsamem Einschreiten sich hinreißen ließe. Um bie Gefahr vom Lande und von Europa abzuwenden, trat Alexander zurück. Diese weife Selbstverleugnung wird ihm stet- zur Ehre gereichen, nicht minder wie sein Sieg auf dem Schlachtfelbe. E- war ein braver Mann im vollen Sinne de- Worte-.

Deutsches Reich.

' Berlin, 24. November.

* In ben Unterhaltungen ber ReichstagS-Abgwrd- netett werben Berechnungen über die parlameutarischm AnSfichten des Centrums - Antrages auf. Ans- hebnng des Jesniten-Gesetzes angestellt. Diefelbm kommen nach ber Rechnung ber ,Natl. Korresp. zu fol­genden Ergebnissen: Für dm Antrag werben bnvoll- besetztem Hanse sicher stimmen bas Centrum mit 99 Mitgliebern, dazu etwa 14 Fraktionslose (8 klerikale Elsaß-Lothringer), 19 Polen, 44 Sozialdemokraten, waS zusammen 176 Stimmen für dm Antrag ergibt. Gegen -ben Antrag stimmen sicher die Nationallwe- ralen und die Reich-Partei, zusammen 81, etwa 8 Fraktionslose, die freisinnige Bereinigung mit 13 Mit­gliedern, insgesammt 102. Mit Sicherheit glaubt man auch bie Deutschkonservativen, vielleicht mit ganz ver-