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./M 271 Samstaa, den 25. November 1893. 20. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 23. November.

♦ Die BerfastungSurkunde sowohl des preußische« Staates wie der deutschen Reichs sichert der Bolls- Vertretung dar Recht zu, Gesetzentwürfe vorzuschlagen, In Preußen sah eS aber lange Zeit mit der Hand- habung dieses Rechtes übel aus. SS wurden von den Mitgliedern Anträge auf Erlaß von Gesetzen einge­bracht, aber sie kamen nicht zur Verhandlung. So- lange Vorlagen der Regierung aaszuarbeiten waren, räumte man diesen den Vorrang ein, und tvotit sie aufgearbeitet waren, hatte daS HauS keine Lust mehr, zusammenzubleiben, und in der Uebersicht, die der Bureaudirektor am Schlüsse der Tagung zusammen stellte, hatten die Privatanträge regelmäßig ihren Platz unter den unerledigt gebliebenm Sachen. Diesem Zu­stande der Dinge machte ein Vorschlag des Grafen Max Schwerin, des Kultusministers von 1848 und Ministers des Innern während der neuen Aera, ein Ende. In die Geschäftsordnung wurde ein Paragraph aufgenommm, wonach ein Tag der Woche für die Privatanträge und Petitionen bestimmt wurde; die Vorlagen der Regierung müssen an diesem Tage zurück- stehm. AlS der deutsche Reichstag geschaffen wurde, nahm man diese Bestimmung in seine Geschäftsordnung auf und bestimmte den Mittwoch für diese Tage, der seitdem einfach „Schwerinstag" genannt wird. Auch die Anträge, die an diesem Tage zur Verhandlung kommen, nennt man wohl die Schwerinsanträge und unterscheidet sie von den Anträgen, die bei Gelegenheit der Budgetberathung gestellt werden, aber sie könne« sich in die Form eines Gesetzentwurf- kleiden. Für die Reihenfolge der Berathung stellt die GefchästSord- nung sehr feste Bestimmungen auf. In derselben Folge, in der sie eingehen, müffm sie zur Verhandlung ge­bracht werden. Zuerst kommen sie zur ersten Lesung in der Reihenfolge, in der sie eingebracht sind. Ist die erste Lesung eines AnttageS erledigt, so erwirbt er für seine zwette Lesung einen festen Platz. Wird er hier in eine Kommission verwiesen, so erwirbt er ei« An­recht auf einen Pkws für die dritte Lesung erst in dem Augenblick, wo der KommisfionSbericht herausgegeben ist. Weder der Präsident noch die Mehrhett deS Hauses kann an dieser Reihenfolge etwas ändern. Wohl aber kann die Mehrheit beschließen, einem solchen Anträge einen Platz außer der Reihe an einem anderen Tage «IS dem Mittwoch einzuräumen. So geschah eS in den Jahren 1887, 1888 und 1889 mit dem Arbeiterschutz­gesetz, über das sämmtliche Parteien sich geeinigt hatten, und unter diesen Umständen erwieS sich haS Initiativ­recht des Reichstages als ein Fels, an deüi sogar daS Schiff des Fürsten Bismarck scheiterte. Zur Zeit liegt lieber eine ganze Menge von Anträgen vor für die SchwerivStaqe, es ist daher sehr fraglich, ob viele von ihnen ihre Erledigung finden. Feststehend dagegen ist, daß der CentrumSantrag betreffend die Aufhebung des JesuitengefetzeS am nächsten, spätestens am

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(175. Fortjt-nua.)

Schon war er auf die Thür zugeschritten. Georg indeß ihm zuvorkommend, sperrte ihm dm Weg und rief:

„Einen Augenblick, Herr Harmaut, ich bitte!"

„Sie widersetzen sich, daß ich diese Gefangme, welche ihrem Gefängnisse entflohen ist, der Polizei überliefere?" ftug der Millionär sehr überrascht.

„Ja, ich widersetze mich!"

„Weshalb?"

„Diese Frau heißt Lisa Perrin. Ich weiß nicht, daß He einen andern Namm hat und will es nicht wiffm. Aber wmn sie auch die unglückliche Frau wäre, von welcher Sie sprechm, wenn sie anch wirklich Johanna Porüer wäre, fie steht unter meinem Schutze. Frei ist sie hier hereingekommen, frei foll sie auch hier Hinau-gehm. Mein Kabinet ist keine Mausefalle."

Dann fetzte er, sich an Johanna wmdend, hinzu:

„Sie können gehen, Frau, gehm Sie ohne Furcht!

Vott geleite Sie und schütze Sie."

Johanna chat einige Schritte vorwärts, während He zugleich vor Erregung zitterte und die Hände gegm Georg auSstreckte, gleichsam nm ihm zu braten und ihn zu segnen.

darauf folgmdeu SchwerinStage in erster Lefung vor- genommen werdm wird.

• Der Reichstag genehmigte die Aufhebung der gegen die Abgeordneten Bueb nnd Herbert schwebenden Strafverfahren für die Dauer der Session und trat bann in bie erste Lesung der Handelsverträge mit Spa­nien, Rumänien und Serbien ein. Abg. Graf Lim- burg-Stirum (konf.) machte der Regierung zum Borwurf, bei dem Abschluß der Handelsverträge eine zu große Hast an dm Tag gelegt und die Kosten der Verträge der Landwirtsscbaft aufgebürdet zu habm. Die Währungs-Verhältnisse würden dabei auch nicht berücksichtigt. Er beantragt Verweisung der Verträge an eine Kommission und erklärt, daß seine Freunde keinem Vertrage zustimmen würden, welcher der Land- wirthschaft neue Opfer auferlege, denn eS habe sich immer mehr die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß die früheren Handelsverträge ein schwerer polittscher Fehler waren. (Beifall rechts.) StaatssekretärFrhr. v.Mar­schall vertheidigte die BertragS-Politik der Regierung, deren günstige Wirkungen sich in der allmählich stei­gernden Handels • Bilanz äußerten. In den ersten 9 Monaten d. I. sei die Einfuhr um 50 Millionen ge­fallen, die Ausfuhr um 187 Millionen gestiegen. Wir stände« mit unserer Handels-Bilanz bester da, als bie Staate«, mit bene« wir Verträge abgeschlossen haben. Oesterreich-UngamS Setreibe-Einfuhr nach Deutschlanb sei seit Abschluß deS Vertrags ganz bebeutmb gesunken. Die Handelsverträge hättm gehaltm, waS man sich davon versprochen hatte: sie haben unS dm Markt für eine längere Reihe von Jahren gesichert. Wir standen vvr dem Erlöschm der laufenden Verträge und wäre nicht Vorsorge getroffen worden, so stand unser Absatz­markt auf dem Spiele. Ohne Herabsetzung der Ge- treidezölle war der Abschluß neuer Verträge nicht mög­lich. Redner wandte sich ferner gegen die Agitationen des Bundes der Landwirthe, durch welche gesunde Re- formen nur verhindert würden und schloß mit der Hoff­nung, daß die vorliegenden Verträge die Zustimmung deS HauflS und deS Landes finden würdm. Abg. Rickert (freis. Verein.) trat für die Genehmigung der Verträge ein, deren Annahme nur die logische Konse­quenz der früheren Verträge sei. Abg. Dr. Lieber befürwortete Verweisung der Verträge an eine Kom­mission, da sie der Prüfung dringend bedürften und eine stürmifche Debatte im Plenum leicht dem AnSlande gegmüber Schwächen offen legen könnte, die dann zu unserem Nachtheil auSgenntzt würden. Abg. Graf K a n i tz (konf.) vertrat den Standpunkt autonomer Tarife und wünschte, daß man sich mit Österreich wegen Wieder­aufhebung deS Vertrag- verständige. DieAmßerungm deS StaatSfekretärS v. Marschall über den Bund der Landwirthe erklärten sich nur dadurch, daß er als Nichtpreuße die Stimmung im Lande nicht kenne. Reichs­kanzler v. Caprivi bedauerte diese Bemerkung, hier int Reichstage seien sie Alle nur Deutsche. Weiterbe- rathung morgen.

* Die Novelle zum Viehseuchen-Gesetze, welche im April d.J. im Reichstage eingebracht wurde, wegen

„Aber," ries der falsche Harmaut auS, „das ist ja wahnsinnig, daS ist . . ."

Ec vollendete seinen Satz ni-tt.

„Sie befinden fich in meinem Hause, mein Herr," fiel Georg ihm ins Wort, „ich werde keinesfalls ge- statten, daß Sie mein Verfahren zum Gegenstand Ihrer Kritik machen — ich allein habe darüber zu richten. Gehen Sie, Life Perrin, gehen Sie in Frieden!“

Johmna Portier eilte auf Georg zu, ergriff feine Hand, welche sie inbrünstig und mit dem Gefühle un­begrenzter Dankbarkeit küßt^, dann eilte fie hinaus.

Paul Harmaut wollte ihr nachgehen.

Zum zweiten Male versperrte ihm Georg den Weg.

„Sie find gewiß in GeschäftSangelegenheiten zu mir gekommen?" sagte er dann lachend.

„Weshalb haben Sie diese Frau entkommen lassen?" frag der Millionär heftig.

„Aber, mein lieber Herr, welche- Jntereste habe« Sie an ihr? Sollten Sie etwa Furcht haben?

Diese Worte ließen endlich Paul Harmant ein­sehen, welch' große Unvorsichtigkeit er begangen hatte, indem er gegen Johanna eine Erbitterung an ben Tag legte, bie scheinbar durch nicht- gerechtfertigt war.

„Furcht!" wiederholt er.

Auflösung de-Reichstag- aber nicht mehr zur Berhand lung gelangte, ist nunmehr dem Reichstage a us'S Reu unterbreitet worden.

* Der Reichskanzler sollte kürzlich zu einem Führer der konservativen Partei gesagt haben: „Ja, die Landwirthe müssen eben abschreiben, wie daS jeder industrielle und kaufmännische Unternehmer heute thut, und zwar gleich fünfzig Prozent!" Und als ihm erwidert wurde, bie unmittelbare Folge solcher Abschreibungen würbe der Bankerott fein, meinte et: „Nun, bann gehen die jetzigen Besitzer eben zu Grunde; es werden neue billig kaufen und leben können." DaS Volk hatte dann als den erwähnten konservativen Führer bett Abg. Frhrn. v. Manteuffel bezeichnet. Jetzt schreibt bie ,Kreuzzeitung': „Es ist richtig, baß bet Reichskanzler in einem Gespräch über bie Lage bet Lanbwirthschaft sich bezüglich beten Zukunft in ähn­lichem Sinne zu Herrn v. Manteuffel geäußert hat. Snbeffen ist bet Wortlaut dieser Aeußerung von der Zukunft untichttg wiedergegeben, insbesondere ist die Bemerkung von „fünfzig Prozent Abschreibung" nicht gefallen."

* Der ,Reichsanzeiger' schreibt: „In der Dar­stellung Han- Blum'S übet bie Entlastung Bis­marcks beffnbet sich neben manchen anberen, bem wirklichen Hergänge nicht entsprecheubm Angaben, bie Behauptung, Minister von Boetticher habe dem Kaiser gegenüber geäußert, wenn et bem große« Friedrich vachstrebe, müsse er vor allem den Fürsten Bismarck beseitigen. Wir sind zn der Erklärung ermächttgt, baß Minister Boetticher eine solche ober ähnliche Aeußerung niemals gechan hat. — AuS FriedrichSruh liegt z« der Angelegenheit noch keine Aeußerung vor, doch darf man nunmehr, zumal die ,Hamb. Nachrichten' bie zunehmende Gesundung de- Fürsten konstatirt haben, eine solche wohl erwarten.

* Heber ben Totalisator auf ben Rennbahnen Deutschlanb- veröffentlicht Major Richarb Henning in bet Zeitschrift .Ethische Kultur' einen Aufsatz, worin er nachweist, wie hier die Wette einfach in Hazard * spiel übergeht und wie insbesondere auch die gegen« wärtigen „Platzwetten" unvernünftig seien. Weiterhin heißt eS: „Die Form, wie heute die Rennen gehand­habt werden, führt zur Kortvptiov, da nirgends trei­bende Faktoren mitwirken, um die Konkartenten zu zwingen, ihr bestes Können zu zeigen.....Die

durch ben Totalisator leicht zu beftiebigenbe Anregung zum Spiel, bem mühelosen Gelderwerb, schleicht wie ein sichet tödtendeS Gift durch fast alle Provin­zen deS deutschen Vaterlandes. ES ist daher die vor­nehmste Aufgabe der Regierung, diesem Treiben ein Ende zu machen."

* Die Betheiligmtg bei den Landtagswahlen hat in Berlin nach der amtlichen Statistik, welche im Semeindeblatte veröffentlicht wird, diesmal nur 14,48 pCt. betragen gegen 25,10 pCt. im Jahre 1888. Im Einzelnen beteiligten sich in der ersten Abtheilung 58,72 pCt. (65,53), tu der zweiten Abtheilung 38 65 pCt. (48,89), in der dritt?« Abtheilung 11,46 pCt.

„Ja, man follte eS fast anuehmen! Wenn die arme Frau wirklich Johanna Portier ist, fo hat sie wohl ihre unglückliche sterbenskranke Tochter wiedergefunden, und die Verzweiflung hat ihr den Gedanken einge­geben, bet gewiß wahnsinnig, aber nicht minbet rührend ist, zu mit zu kommen und mich zu bitten, mich bei Ihnen im Jntereste bet Rettung ihres Kindes zu vet- wenden. Einen berartigen Schritt muß man ihr gerne verzeihen, auch wenn sie etwa ein Verbrechen begangen hätte. Wenn sie bogegen gar nicht Johanna Portier wäre, wa- vielleicht ..."

„Der Schrecken, welcher sich auf ihrem Gesichte malte, als ich ihren Ramm nannte," fiel Harmant ihm in'- Wort, „war mit Beweis genug, daß ich mich nicht getäuscht habe!"

Scheinbar ohne auf diese Worte weiter zu achten, fuhr Georg fort:

„Wenn fie also in Wirklichkeit nicht Johanna Pot- fier, sondern Lise Petrin ist, so dürfen wir dm Schritt dieser armen Frau, welche« sie auS Etbarmm und Liebe zu einem alleinstehenden, leidenteil und kämmet- vollen Kinde unternommen hat, nicht allein nicht tadeln, sonder« wir müssen ihr unsere Bewunderung zollm. Sie scheint ein edle- Hetz zu haben. Sie habm ge- handett, wie es Jhnm Ihr Sewistm eingab, zu han­deln, um Fräulein Mary daS Glück zu sichern. Dies ist lediglich Ihre Sache: was indeß unS Beide ra-