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Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(174 Fortsetzung.)
Johanna schwieg.
Bewegt hatte Georg Darier ihrer Erzählung zugehört.
„Aber von wem sprechen Sie eigentlich?" frug er dann.
„Bon wem ich spreche?" erwiderte Johanna. „Ich spreche von Luc'e Portier."
„Ich dachte eS schon, ich habe cS errathen. Aber hat man das alles wi'klich gethan, was Sie da eben gesagt Haber?"
„Hat Ihr Freund, Herr L cian Labrone, Ihnen nichts davon erzählt?"
„Ich weiß, daß eine schmerzhafte Trennung stett- gesunden hat. Aber hat man wirklich die Grausan keit so weit getrieben, daß man ihr ihren Erwerb genommen hat?"
„Ja, dies hat man gcthan."
„Ungeheuerlich!"
„Freilich ist'S ungeheuerlich! Und derartiges soll straflos bleiben?"
„Strafen kann man eS nicht, nur brandmarken?"
„Also, man nimmt diesem Kinde sein Brod, man
Deutsches Reich.
Berlin, 21. November.
* Das Präsidium des Reichstags, Präsident v. Levetzow, erster Vizepräsident Fre Herr v. Buol- Berenberg und zweiter Vizepräsident Dr. Bürklin, wurde gestern Mittag 12 Uhr vom Kaiser und der Kaiserin in besonderer Audienz empfangen. Bei seinem Eintltffen auf der Wildparkstation wurde daS Präsidium von königlichen Hof qv pagen abgeholt und zum Neuen PalaiS gefahren. Dort empfing zunächst der Karser des Präsidium in liebenswürdigster Weise, indem er den Herren die Hand reichte und sie einzeln begrüßte. Mit dem Präsidenten von Levetzow besprach der Kaiser hauptsächlich die nächsten parlamentarischen Arbeiten, nämlich die Handelsverträge, wobei er bemerkte, daß die Verhandlungen über die Handelsverträge wohl längere Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Steuer-Vorlagen berührte der Kaiser nicht. Dem Freiherrn v. Buol-Berenberg gegenüber wieS der Kaiser auf des gesegnete Weinjahr, auch in Baden, hin, und dem Herrn Dc. Bürklin, der bekanntlich Intendant deS Großherzoglich Badischen Hostheate s in Karlsruhe ist, äußerte der Kaiser sein besonderes Interesse an der Aufführung eines Opern-Eyklrs an diesem Theater. Die Audienz beim Karser währte etwa eins Viertelstunde. Sogleich darauf wurde daS Präsidium von der Kaiserin eupfangen, welche die Herren ebenfalls huldvollst begrüßte und an die Hitze der letzten Sommersksston im Gegensätze zur jetzigen rauhen Witterung erinnerte. Die Audienz bei der Kaiserin nahm nur wenige Minuten in Anspruch.
* Nachdem auf morgen (Donnerstag) die erste Lesung der Handelsverträge auf die Tages-Oldnung deS ReichriagS gesetzt, für diese Woche also auf den freien Tag für Initiativ-Anträge verzichtet ist, wird der erste sogen. SchwsrinStag am 20. fein. An diesem Tage wird also voraussichtlich der Jesuiten Antrag deS Centrums endlich zur Verhandlung kommen. Leider hat sich seit dem ersten Einbringen dieses Antrages die Stimmung der andern Parteien ihm gegenüber sehr geändert, und man muß fast glauben, daß mit der entschiedenen und nachdrücklichen B rtretung der staatsbürgerlichen Freiheit aller Deutschen rhne Ausnahme daS Centrum fast allein stehen wird. Ein'ge mehr oder weniger platonische Sympathie-Erklärungen, die mit unterschiedlichen „aber" verbrämt sind, werden daran kaum viel ändern. In der Sache selbst macht daS nichts, denn schon mehr wie ein richtiger Gedanke und eine gerechte Sache ist lange Zeit vom C ntrum allein verfochten worden. Auf einen langen Kampf ist das Centrum gefaßt. Dagegen wird dadurch die Stellung des Cent rums in der D-batte ganz erheblich erschwert. Wenn bei der demnächst gen Verhandlung die alte Pr x S eingehalten wird, wonach die Redner aller Parteien rach einander das Wort bekommen, so würden leicht auf einen Redner für den Antrag fünf oder noch mehr Redner gegen den Antrag kommen. Es wäre darum zu wünschen, schreibt die ,Köln. BolkSztg/, daß bei dieser Gelegen
heit immer ein Redner für und ein Redner gegen den Antrag abwechselnd das Wort bekäme, damit nicht die Redner für den Antrag unter der Last unendlicher Reden einer vielfachen Mehrzahl von Gegnern erdrückt werden. Im Abgeordnetenhause ist es gefchäftsordnungS- mäßige Bestimmung, daß die Freunde und Gegner einer Sache immer abwechseln. Jm R-ichStag bestimmt der Präsident nach eigenem Gutdünk n die Rednerliste. Wenn dort die Praxis sich einbürg rte, daß der Präsident die Redner aller Parteien nach einander zum Wort läßt, so daß z. B. eine Partei wie daS Certrum mit mehr als 100 Mitgliedern bei großen Debatten immer nur gerade oder fast gerade so ost einen Platz erhält, wie kleine Gruppen, Freisinnig-, Antisemiten, BolkSparteiler usw., so beruht das auf der Konnivenz der großen Parteien und auf einem vielleicht etwa- übertriebenen Billigkei'.sgefühl gegenüber bi tt kleinen Gruppen. Inzwischen ist aber nun die Zahl der kleinen Gruppen immer mehr angewachsen. Ein Festhalten an der alten ProxiS ist daher auf die Dauer nicht mehr möglich. Beim Jesuiten-Antrag wird gewiß Niemand eine Unbescheidenheit darin finden, wenn der Wunsch aufgetaucht ist, die Redner für und gegen abwechselnd zum Wort zu verftatten, und bei dem bekannten Billigkeitsgefühl des P äsidenten v. Lev-tzow darf man auch wohl auf die Erfüllung dieses Wunsches hoffen.
* Die Centrumfraktion deS Reichstages hat zu ihrem Vorsitzenden den Abg>ordneten Graf Hompesch, zum Stellvertreter deS Vorsitzenden den Abgeordneten Reindl gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder der CentrumSfrastion in der letzten Session wurden ebenfalls wiedergewählt.
* Der Buudesrath hat gestern die drei Steuergesetze (Tabak-, Wein- und Stempelsteuer), die Vorlage über die Neugestaltung deS Finanzwesens des Reich s, ♦w- Ätf'fceirtrowfr *<«•*■■ u-:i>-!*•*»•»•’» vvv V..—rro... auS dem Kriege von 1870, die Novelle zum Unter- stützungSwohnsitz-Gesetz und den Entwurf, betr. die Ergänzung deS Strafgesetzes, genehmigt. Alle di.se Vorlagen sind bereits heute dem Reichstage zugegangen.
* DaS vom 15. d. MtS. abgeschlossene deutschruffische Abkommen über die Abgrenzung der beiderseitigen Jutenssensphären in den vom Golf von Guinea nach dem Innern sich erstreckenden Gebieten wird amtlich veri fsintlich^. Jede der beiden Mächte wird sich jeglicher Einwirkung in der Jaterrssensphären der anderen , Inhalten, und keine Macht wird in der Interessensphäre der anderen Erwerbungen machen, Verträge abschließen, Souveränetätsrechte oder Protektorate übernehmen ober den En fluß ber andren Hinbern ober streitig machen.
* Der Reick skanzler wird bem Reichstage eine Denkschrift über die Cutwickelung von Deutsch- Ostafrika und Südwest-Afrika zugehen losten.
* Am 14. November b. I. fanb in Köln bie halbjährige Versammlung beS Centalvorstandts des Afrika Vereins deutscher Katholiken unter dem Vorsitze bis Ehrer.präsibenten, deS Hochwürdigsten Herrn KarbinslS unb Erzbischofs von Köln, statt. Der tödtet sie gleichsam, inb m man ihr ihren Erwerb raubt, nnb diese Mörder kann man nicht fassen?"
„Leider, nein."
„Aber sie wird eines langsamen Todes sterben, die arme fircie. Sehen Sie, mein Herr, Sie sind jung unb guten Herzens, ich lese Ihre Güte in Ihren Augen. Vermöchten Sie nicht ein Mittel zu fioben, um biefern Kinbe sein Glück Wiederzugeber? Sie finb ber Freund, ja ber beste Freund ßi cian's, er hat eS mir selbst gesagt. Sie find ber Anwalt beS Herrn Harrnant, ich weiß eS. Sie kommen mit Selben in Berührung unb können Ihren Eiifluß zu Gunsten Lucie'S gelteub machen, dahin arbeiten, daß Fräulein Harrnant Sitcie wieder zu ihrem Erwerbszweige verhilft, den sie durch sie verloren har! Ich bitte Sie, dahin zu arbeiten, daß Sudan wieder zu ihr zurückkehrt und >hr einen Fehltritt verzeiht, den sie gar nicht begangen hat — dann wirb sie gerettet fein! Dos arme Kind ist ja nicht verantwortlich zu machen für bie Vergangenheit ihrer Mutter, meine ich? U briqenS könnte ja ihre Mutter auch ohne Schulb fein! Retten Sie si-, mein Herr, retten Sie sie! Er scheint mir, daß ich wohl ein Mittel finden könnte, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!"
Verwundert hatte Georg die Brodtragerin fest angeblickt: er schien ihre Gesichtszüge aufmerksam zu ftubirer.
Vorsitzende des Verwaltungsausschusses, Herr Land- gerichtrdirektor Reichens Perger, schilderte in warmen Worten bie Nothwenbigkeit, bei ber stets wachsenden Anzahl ber Mi sionSstationen in bett deutschen Schutzgebieten bie Einnahmen beS Vereins, welche mit ber Vermehrung ber Missionare unb ihrer so segensreich wirkenben Anstalten nicht gleichen Schritt hielten, durch eine erhöhte Thätigkeit ber Zweigvereine zu steigern. Nach bem Kassenbericht, welchen Herr Heinrich Horten erstattete, betrugen bie Engärge vom 1. Januar bis 12. November 103,574 Ma k. Davon fallen auf bie Erzdiözese Köln 45 825 Mark, auf die Diözese Münster 21,590 Mark, auf Paderborn 12,099 Mark, Erzd öz.se Freiburg 3300 Mark, Diözefe Limburg 3060 Mark, Fulda 2706 Mark, Trier 2650 Mark, Apostolisches Vikariat Süchsen 2500 Mark; bie übrigen Einnahmen vertheilen sich auf Ermelanb, Kulm, BreSlan, Bamberg u. s. w. Die Ausgaben betrugen bis zum 14. November 101,000 Mark, welche in ber Sitzung vom 18. April den verschiedenen Missionen waren bewilligt worden. Herr Kanonikus Prof. Hespers berichtete sodann Über die Arbeitet und bie Fon schritte ber katholischen Mssionen in bett brutschen Sch; tzgebieten.
* lieber die Entstehung des deutsch-österreichischen Bündnisses im Jahre 1879 bringt ein in diesen Tagen es scheinendes Buch von Ha s Blum „Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks" neue Aufschlüsse. Da diese Ausschlüsse kaum 'twas Neues bieten, verlohnte eS sich nicht, davon Notiz zu nehmen, wenn nicht eine Mit- arbeitet schäft deS Fürsten BiSmarck daran behai ptet würde. Aus diesem Grunde geben wir nachstehende Stelle aus bem Werke:
Im Jahre 1879 w-r, gemäß der Abrede im Berliner Frieden, eine von den Großmächten und beteiligten Staaten beschickte Kommission in Nopibazar zusammengetrcten, um die drrtigen den widerstreitenden Interessen aller Betheiligten besser das Richtige treffen. Da verlangte Rußland Plötzlich in drei persönlichen Briefen des Zaren (des ermordeten Alexander II.) an den Kaiser Wilhelm, daß der deutsche Vertreter in dieser Grenzregulirungs-Kommission immer thun müsse, was der russische Vertreter wolle und verlange. Bismarck gebrauchte damals die Gasteiner Kur, welche bekanntlich ohnehin eine erhebliche Erregung der Nerven erzeugt, und kam in Folge der außerordentlichen Aufregung und NrbeitSsülle, welche diese Zaren-Briefe und die daran sich schließenden weiteren Ereignisse verursachten, fast ganz um seine Kur. Obwohl er seine beiden Söhne bei sich hatte und mit ihnen von früh bis spät arbeitete, um die Sache zu bewältigen, warteten dab i immer noch 3—4 Feldjäger auf Abfertigung. Kaiser Wlhelm theilte feinem Kanzler die Briefe sofort mit und lehnte auf Bismarck's dringenden Rath die Zumuthungen dcS N-sfen in der That auch ab, obwojl diese Zumuthungen in immer schrofferer und drohe: derer Form auftraten. Denn schließlich schrieb der Zar elwa: Die Einwilligung des Kaisers Wilhelm in das Verlangen des Zaren Alexander fei die Voraussetzung für das fernere Fortbestehen des Friedens zwifchen beiden Völkern. Fürst Bismarck erklärte darauf dem Kaiser ungefähr: Wenn diese Worte in einer amtlichen russischen Staatsschrrst stünden, so würde für ihn nichts übrig bleiben, als Sr. Maj zu rathen, die deutschen Heerkräfte gegen Rußland mobil zu machen. Er bitte daher Se. M siestät, den Zaren ersuchen zu wollen, diese Angelegenheit fernerhin aus amtlichem Wege zu behandeln. Kaiser Wilhelm hat auch dieser Bitte feines Reichskanzlers stattgegeben. Wie schwer ihm aber dieses erste Zerwürsniß m-t seinem russischen Neffen auf der Seele
„Kennen Sie Fräulein L. cie bereits feit langer Zeit?" f ug er bann.
„Nein, mein Herr."
„Sie heißen Life Penin, nicht w.hr?"
„Ja, unb ich liebe St cie, als wenn sie mein leib* liches Kind wäre. Um sie zu retten unb sie glücklich zu machen, würbe ich ohne Bedenken mein Blut bis zum letzten Tropfen hingeben."
In, tiefem Augenblicke klopfte es leise an bet Thüre beS Kabinets
„Herein!" rief ber Advokat.
Wiübtleine ersch'en auf ber Thürschwelle.
„Es ist I minb ba, welcher Sie zu frechen wünscht," fegte bie M g^.
„Wer ist er?"
„Herr Paul Harrnant!"
„Et!" rief bie Brodtlägerin bestürzt.
„Also ihn müßte ich bitten," fugte Georg, inbem er Johanna bei ber Hand nahm urb sie mit in ben Salon zog. „Ihn soll ich alfo bitten, baß er das Kind leben lasse, bem Sie zngethan find."
Als Paul Harrnant, welcher im Salon wartete, Georg in Begleitung einer offenbar bem Arbeiterstunde ang,hörigen Frau eintreten sah, war er ein wenig über- rafcht, aber fein Erstaunen wuchs noch mehr, als biefe Frau, welche wie wahnsinnig zu fein schien, auf beide
20. Jahrgang
den 24. November 1893.
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