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Mittwoch, den 22. November 1893.
tag) auSgegcben.
A. „Ktberal"-voruehme Religion.
öffentlichen Lebens. Wie dieselbe geübt wird, dafür bietet auch I unsere Heimaths-Provinz der Beweise leider nur zu viele. Wir ffnd aber nicht Preußen zweiter Klasse. Als vollberechtigte Staatsbürger wollen wir anerkannt, folglich auch bei Besetzung der Aewter nicht zurückgesetzt werden, wie man uns auch bei Bertheilung der Lasten nicht als minderwerthig behandelt. In keiner Weise können wir anerkennen, daß offen und treu zu ihrer Kirche stehende Katholiken als solche zur gedeihlichen Ber- waltung der Staatsämter, auch in katholischenLandeStheilen, weniger sich eignen. Wir bedauern das hierin hervortretende Mißtrauen gegen die gläubigen Katholiken, und zwar um so mehr, als derartige Zurücksetzungen naturgemäß dem katholischen Volke bedenklichen Argwohn gegen daS Wohlwollen der Staatsregierung nahelegen. — Ebenso verlangen wir die gleichmäßige Berücksichtigung der Interessen unserer Konfession bei Zuwendungen aus Staatsmitteln. Auch die Selbstverwaltung in den kommunalen Verbänden muß bei uns mehr zur Wahrheit werden. Es ist uns nicht gedient mit Männern, welche ohne ausreichende Kenntniß und volles Berftändniß unserer heimath- lrchen Verhältnisse und Anschauungen, also ohne Rückhalt an dem Vertrauen des Volkes, ihre Stellung nur als eine Stufe in der aufstrebenden Leiter der Staatsdureaukratie betrachten, oder welche, für ihren eigentlichen Beruf untauglich erachtet, ein solches Amt als Berforgungsposten erhalten. Wir glauben vielmehr in der Regel unsere berechtigten Interessen besser gewürdigt und gewahrt bei Männern, welche, unserer heimischen Bevölkerung, sowie deren Bedürfnissen und Anschauungen nahestehend und durch das Vertrauen ihrer Mitbürger getragen, in die leitenden Selbstverwaltungsämter berufen weiden und in solchem Wirkungskreise dauernd ihr Genüge finden.
Der Herr Oberpriisident Studt wendet dagegen ein:
Namens der staatlichen Verwaltungs-Behörden der Provinz Westfalen lege ich gegen derartige völlig unbegründete Beschuldigungen entschiedene Verwahrung ein. Es wird nicht gelingen, auch nur einen der angeblich zahlreichen Beweise dafür beizubringen, das innerhalb der nunmehr abgeschlossenen Legislatur- Periode des Hauses'der Abgeordneten Seitens der BeiwaltungS- Behörden der mir unterstellten Provinz Maßnahmen getroffen worden seien, welche eine Verletzung berechtigter Interessen der katholischen Bevölkerung zur Folge gehabt hätten. Letztere Jn- tereffen sind im Gegentheil mit größter Sorgfalt wahrgenommen worden, wie unter Anderem die Fälle darthun, in denen trotz der entgegensteheuden Schwierigkeiten den Wünschen katholischer Schulverbände wegen Uebernahme der Unterhaltung der Schulen auf den Gemeindehaushalt Rechnung getragen worden ist. Der Vorwurf einer Beeinträchtigung der Selbstverwaltung in den kommunalen Verbänden ist, da diese Verbände hinsichtlich der Auswahl ihrer Beamten, abgesehen von dem staatlichen Bestätigungsrechte, freie Selbstbestimmung haben, nicht verständlich. Sollten mit den Andeutungen des Wahlaufrufes die Landräthc und Amtmänner gemeint fein, so genügt es, daraus hinzuweisen, daß die in den vorerwähnten Zeitraum fallenden Anstellungen von Landräthen durchweg auf den einstimmigen Beschluß der Kreisvertretungen, welche die Bitte um allerhöchste Ernennung unter Verzicht auf ihr Borschlagsrecht ausgesprochen haben, erfolgt sind. Was die Amtmänner betrifft, so ist deren mir zu- stehende definitive Anstellung in keinem Falle anders als gemäß den von den Kreisausschüssen mir unterbreiteten Vorschlägen ausgesprochen worden und die konfessionelle Zusammensetzung deS betreffenden Amtes hat dabei die weitgehendste Berücksichtigung gesunden. Die hiernach als völlig haltlos sich kennzeichnenden Verdächtigungen, welche der Wahlaufruf sich erlaubt, werden weder mich noch die mir Nachgeordneten Beamten, welche von dem gleichen Streben beseelt sind, in durchaus unparteiischer Pflichterfüllung den ihnen gestellten, unter den obwaltenden Ber- hältniffen recht schwierigen Aufgaben gerecht zu werden, in der Wahrung der Parität bedachten, den konfessionellen Frieden fördernden Haltung beirren. Ich vermag aber den Ausdruck lebhaften Bedauerns darüber nicht zurückhalten, daß der Wahlaufruf mit demagogischen Schlagworten, wie „Preußen zweiter Klaffe" eine Stimmung in der Bevölkerung wachzuhalten sucht, welche die Keime einer schweren Gefährdung nicht nur der staatlichen, sondern auch derjenigen Interessen in sich birgt, die der Wahlaufruf mit feinen Beschuldigungen zu fördern meint.
„Es handelt sich nicht um m?ch, sondern um eine arme unglückliche Waise."
„Ich bin bereit, zu Helsen, soweit ich kann," antwortete Georg, immer mehr bewegt durch die Stimme
Tempel gesessen, ihr thatsächlicher Verbrechen, vom „liberalen" Standpunkte betrachtet, ist, daß sie die
welch; ein derartiges, ungemein feiges B;rbcechn de- gehen, fallen nicht unter Oie Strafe des Gesetzes. Wofern sie nicht die Unwahrheit sagen, kann man ihnen eben keine Verleumdung nachweisen."
„Hören Sie," fuhr Johanna erregt fort, „ein Kind erblickt dar Licht der Welt, es ist kaum einige Monate alt, als man ihm feine Mutter raubt, welche wegen eines fchrecklichen Verbrechens zu lebenslänglicher Haft verurtheilt wird. Das kleine Mädchen, für welcher man die Pflege kssten nicht mehr bezahlt, wird dem Findel- Haus; übergeben; sie wächst heran, ohne daß ihr das fchrickliche Geheimr.iß enthüllt wird, ohne daß sie erfährt, daß unverdiente Schande auf ihr ruht. Sobald sie erzogen ist, wird sie in den Strudel der Welt hin- eingeworfen, in welchem sie mit ehrlicher Arbeit ihr Brod verdient, stets rein wie ein Engel und der größten Hochachtung werth. Auf ihrem Lebenswege lernt sie einen ehrenhaften jungen Mann kennen, ebenso arm wie si; selbst. Sie lernen sich lieben — sie verloben sich — eine glückliche Zukunft wink: ihnen trotz ihrer Armuth. Leider haben sie daS böse Berhäagniß und die Boshaftigkeit der Menschen nicht in Betracht gezogen. Hören Sie, lieber H-rr, noch einen Augenblick und dann urtheilen Sie."
E it Industrieller, ein Millionär ist Vater einer einzigen Tochter. Diese Tochter verliebt sich in den Verlobten des armen, im Findelhause erzogenen Kindes;
„Ihre Worte ermuthigen mich, mein Herr," antwortete Johanna, „ich nehme mir also die Freiheit, Sie um einen Rath zu bitten."
„Bitte, stehe gerne zur Verfügung. Um was handelt es sich?"
Alle diese Religionen für die „gebildeten Liberalen" sind in ihren Grundzügen ganz gleich: ob es einen Gott gibt, wissen wir nicht, ob wir unsterblich sind, wissen wir nicht, ob eS ein Himmel gibt, wissen wir nicht (eine Hölle gibt's aber ganz sicher nicht), überhaupt kümmern wir uns um das Uebersinnnliche nicht. Aber die Tugend müssen wir üben, soweit wir etwas als Tugend ansehen, das sind wir uns und der Gesellschaft schuldig, eine sonstige Triebfeder dafür gibt es nicht. Wenn aber Jemand in seiner Schwäche vom Pfade abirrt, — nun, sofern es nicht zu öffentlich geworden ist, deckt man den Mantel der Liebe darüber, es ist nicht an sich schlimm, des wird cs nur dadurch, daß Jan und Allemann davon erfahren und man auf diese Weise seine R-putation einbüßt.
Das sind die Grundzüge der modern - „liberalen" Religion, wie sie für „Gebildete" und „Vornehme" dienen soll, während die alte, „grobe" Religion gut ist, um die Massen im Zaume zu halten, sie zu hin- dem, daß sie ihre Hände begehrlich nach den Tischen der Besitzenden auSstrrcken. Und da wundert man sich, daß die Sozialdemokratie an Boden gewinnt! Die sozialdemokratischen Lehrmeister haben ja selbst auf den
Endlich entlarvt! feineF Besucherin. „Inwiefern kann ich dieser Waise
Roman von R. v°n W°Uersheim. "^Vr Augenblick war für Johanna gekommen, dem
av r-v < • t" Fortsetzung.) I fte mtf f0 großer Ungeduld sechs Tage lang entaeaen-
?ie b?!'e.r Frau machte auf Georg, während | gesehen hatte. Ihre innere Bewegung lähmte sie joiit«
er sie sprechen hörte, einen seltsamen Eindruck: sie I sagen, und wirr lief eS ihr im Kopfe umher.
'n seinem Gedächtnisse eine dunkle Erinnerung. „Mein Gott," stammelte sie, „als ich hierhin kam, t £ ? imme Dor *QK8er' l<mser Zeit ein- hatte ich mir alles genau zurecht gelegt, was ich sagen Krt zu haben, wollte, und jetzt weiß ich Lichts mehr, und alles geht
willnicht in Sie bringen, Madame," sagte I mir durcheinander."
er, ich befürchte, em Zartgefühl zu verletzen, das viel- „Beruhigen Sie sich, liebe Frau sammeln Sie a$tcn rann- 3hre Gedanken, und Sie werden sich dann leichter und
Ich will sogleich hinzufügen, daß ich sehr gerne bereit besser ausdrücken können "
dm Ihnen meine Schuld abzutragen, wenn ich Ihnen Johanna sammelte sich einige Minuten lang und irgend einmal, in welcher Weise eS auch immer fein frug dann plötzlich: 9
S' sem kann Wendm Sie sich sofort an „Kann man, ohne das Gesetz zu verletzen, einem b.'"« Sie, ich werde Ihnen stets gerne zu Kinde das Verbrechen seiner Mutter zum Vorwurfe Luenflen sem. I machen? Hat man das Recht, ihr das Herz zu brechen,
ihr Leben zu vergiften, ihren einzigen Ecwetbszweig zu nehmen, die Arbeit, indem man die Vergangenheit ihrer Mutter bekannt macht! Hat man das Rich', dies alles zu thun, ohne gestraft zu werden?"
Georg blickte mit ebenso großer Neugier als Verwunderung seine Besucherin an. Dann antwortete er: „Es ist allerdings ein gehässiges Verbrechen, eine unschuldige Person moralisch zu vernichren, indem man ihre Familiengeheimviffe offenbart; aber diejenigen,
---20. Jahrgairx
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Nach „modernen" Begriffen muß der Gebildete „liberal" sein, das versteht sich. Freilich darf er dabei lern armer Lazarus sein, das ist nicht nobel; zur Bildung gehört Besitz und Besitz giebt sogar Bildung, daher die Bezeichnung: „Die Kreise von Bildung und Besitz." Die Bildung verlangt ober, daß man die alten Begriffe von Religion, speziell von Glaubens'-' sätzen bei Seite wirft, die fortgeschrittene Bildung qe- stattet eS, über die „Pfaffen" sich lustig zu machen, dann wird man „geistreich" und schließlich der Löwe des Tages. Selbstverständlich nur gegen die „Pfcffm" und war damit zusammenhängt, darf man sich als „gebildeter" Mensch wenden, ober bei Leibe nicht gegen ; bie Religion — man ist jo selbst religiös, viel reli- ! Möser olS Kirchenbesucher, Wallfahrer und ganz be- sonders zehnmal religiöser als dir „Pfaffen", welche ton dummen Volke „allerlei" vormachen. Nein, . - ----- ----- --------- —
Religion ist nothwendig, aber nicht die grobe, bäuerische I Kirchenbanken dieser modern • vornehmen ReligionS- »»höfliche Religion, welche den Menschen mit Bn- —
»eltung im Jenseits, mit dem Feuer der Hölle, Teufel .... „ ■ ......
«nd derartigen drastischen Mitteln droht. Hölle und ^ube.issatze dieser „Religion" den besitzlosen, unge- und Teufel passen in die modern-liberale Religion des 6ltoet®? Massen predigen, statt sie fein für die Herren
„Gebildeten" nicht hinein, wer wollte'ftir die kleinen 00n Bildung und Besitz zu reserviren!
Schwächen", welche Jugend, Stellung u. s. w. leicht entschuldigen, später in der Hölle brennen? Aber eben DltttfdltS
deshalb ist man nach „liberaler" Lehre erst recht religiös, denn man lobt dar Gute, behauptet auch er! Berlin, 20. Novemb«.
zu thun, ohne jeden Anspruch auf Belohnung im Jen- * Das Präsidium des Reichstag» wurde heute seitS; im Diesseits will man allerdings den Lohn der I Mittag 12 Uhr von der Kaiserin Fiedrich empfangen. Tugend im guten Gewissen und — guten Weinkeller I Die erbetene Audienz beim Kaiser ist morgen Mithaben; daS versteht sich! I tag 1 Uhr gewährt worden.
Auch eine äußerliche Religion eleganter Art wcist * Die polnische Reichstag»«Fraktion hat sich man nicht von der Hand, aber eine solche, in der man neu konstitairt; Vorsitzender ist Fürst Ferdinand Rad- ganz „unter sich" ist, z. B. in der Loge, diesem S'will.
Tempel, der für die modern-liberal-vornehme R-ligiou I * Der Reichskanzler empfing in letzter Zeit wie geschaffen ist. Da findet kein profaner Pöbel, keine I wiederholt den Afrika«Reisenden Eugen Wolf, um schmutzige Arbeitsschjirze, obwohl mit der Schürze „ge- M über afrikanische Verhältnisse unterrichten zu lassen, arbeitet, wird, nur einige „dienende Brüder" ans dem * Eine Neuregelung de» Schankgewerbe» Mittelstände werden in das Heiligthum zugelassen, täeint 'n Aussicht genommen zu sein. Es sind nämlich sonst ist aller nobel und standeSaemäß beim Kultus neuerdings Erhebungen ongeordnet worden über die des ^„Weltenbaumeisters". Die Freimaurerei bildet I SW der Gast- und Schankwirthschaftkn mit und ohne die „erste Garnitur" dieser feinen, eleganteren Religion Branntweinausschank, sowie über die Zahl der Brannt- ober da sie nicht auf alle „Gebildeten" berechnet ist wein - Kleinhandlungen, wie sie gegenwärtig bestehen sondern nur auf die Spitzen derselben, die auserkorene und im Sabre 1879 bestanden.
Schaar, hat man versucht eine „zweite Garnitur" zu * ®ine Entgegnung auf den Wahlaufruf der schaffen, etwas weniger luxuriös auSgestattet, aber westfälischen Centrnmtpartei zu dm preußischen immerhin doch etwas ganz anders, als die brutale" I LcmdtazSwahlen hat der Oberpräsident von West- Religion, welche mit dem „Gottseibeiuns" schreckt- in f°Ien om 22 Oki ober d. I. an den Vorsitzenden der Deutschland nennt man sie die „Gesellschaft für ethische WahlkomiteeS, Grafen Landsberg-Behlen, gerichtet. Kultur", in Amerika hat sie verschiedene Namen der I Dieselbe richtet sich gegen folgende Sätze des Wahl- neueste ist „Idealismus", wie kürzlich ein Dr. Brodbeck als I "uscufs: Prophet dieser „neuen Religion", wie et selbst saate t Geuugthuung begrüßen wir in dem Wahlauf-
M Cb'caao auSeirranderietite 1 8 ' | rufe unserer Fraktion die ent chredene Betonung der vollen
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