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jy 267 Dienstag, den 21. November 1893, 20. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 17. Novembac.

* Die Centrumsfraktion des Reichstag cs hat außer dem schon erwähntenAntrage auf Aufhchung der Jesuitengesetz er »»ch eine Reihe weiterer Anträge eirgebracht: Zunächst sämmtliche bereits in der vorigen Session erhobenen, welche ab« weg«, de« damal» so­fort «ach Annahme der Militärvorlage erfolgten Schlusses nicht mehr zur Berathung tonen. ES sind das die Anträge auf Abänderung des InvaliditätS- und AlterSversicherungSgesitzrS und der Unfall­versicherungsgesetze; ferner der Antrag auf Tin- führung deS HandwertS-BefähigungSnachweifeS, auf Beschränkung der HausirhandelS, anf Erlaß einer Gesetzes betreffend die eingetragenen Berufs­vereine und betreffend die Abänderung der Kou kurS- ord nung. Außerdem wurde« heute zwei weitere An­träge Hitze eingebracht: 1. auf Errichtung von Arbeiter- kammern und 2. Veranstaltung einer Untersuchung über die Wirkung der gesetzlichen Bestimmungen betr. Be- schränkung der Frauenarbeit in Fabriken. — Die Elsaß-Lothringer brachten mit Unterstützung von Mitgliedern deS CentrumS zwei Anträge auf Aufhebung des Diktaturparagraphen und Einführung des ReichSpreßgefetzeS von 1874 in Elsaß-Lothrivgen ein.

* Dar Tabaksteuergesetz ist von den mit der Borberachung beauftragte» Ausschüssen im Text vielfachen Abänderungen unterworfen worden, eS wird eine völlig unbearbeitete Vorlage dem Plenum des Bundesrath» unterbreitet. An Zoll soll erhoben werden von 100 Kilogramm Tabakblätter 40 Mark, Cigarren 400, Cigaretten 500 und anderem sabrizirten Tabak 250 Mark. — Der BnndeSrath soll ermächtigt sein, Brasilkarotten zur Herstellung von Schnupftabak unter Kontrole 8er Verwendung zum Zollsatz von.180 Mark für 100 Kg. zuzulassen? DerDoll für Roh­tabak kann bis zu 9 Monaten gestundet werden. Nach näherer Bestimm»^ des Bundesraths ist für Halb- und Ganzfabrikate, welche im Jnlande ganz ober zum Theil auS ausländischem Tabak hergestellt sind, bei der Ausfuhr der dafür entrichtete Zoll zurückzuzahlen. — Die Steuer soll betragen für im Jnlande her- gestellte Cigarren und Cigaretten 33*/8 pCt. für Kau- und Schnupftabak 50 Prozent, für Rauchtabak 662/s PrvzM des KcturapreiseS, zu welchem die Fabrikate auWchließlich der Steuer von den Fabrikanten verkauft werden, lieber Kontrole der Pflanzen, des Roh- tabakhandelS, der Tabakfabrikation, des Handels mit Tabakfabrikaten, die Nachsteuer u. s. w. sind die Be­stimmungen meist anders formulirt worden. — § 72 besagt: Fabrikate, welche am Tage des Inkrafttretens deS Gesetzes sich außerhalb der vom Fabrikanten an­gemeldeten Betriebsräume befinden, unterliegen einer Nachsteuer, gleichviel ob der Inhaber ein Handels­oder Gewerbetreibender ist, oder nicht. Die Nach­teuer beträgt für Cigarren 9 .Mark für» THOend, ür Cigarretten 3,50 Mark für» Tausend, füiMau- abak 36 Mark, für Schnupftabak 24 Mark, fMRauch- l abak 46 Mark für 100 Kilogramm netto.

* Ja der offiziösen Presse wird eS zu Gunsten der

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(172. ffortietznng.)

65.

Johanna konnte einigermaßen aufathmen. Jetzt erinnerte sie sich wieder dessen, waS geschehen war, Md waS Lucie an den Rand deS Grabes gebracht hatte. Sie erinnerte sich jetzt wieder der Leute, welche das arme Kind beschimpft und geschmäht hatten. Sie erinnerte sich ebenso wieder, daß sie bei einem Advo­katen gewesen war, nämlich bei jenem Georg Darier, welchem sie die Papiere, welche sie gefunden hatte und welche seinen Namen trugen, zurückgeben wollte.

Sie hatte aller dies sozusagen ganz vergessen m btn Tagen, in welchen dar Leben ihrer Tochter in Gefahr geschwebt hatte. Jetzt, wo, Gott Lob, jede Gefahr vorüber war, war eS ihre nächste Sorge, wenn möglich diejenigen zu züchtigen, welche die früher gegen die Mutter ausgesprochene Berurthellung bekannt ge­macht und der unschuldigen Tochter so entsetzlichen Kummer bereitet, ihr dar Herz gebrochen und ste dem Elende ü6eranttoortet hatten. ,

Wir erinnern unS, daß die Magd George Darier S der Brodträgerin gesagt hatte, daß er vor fünf oder

Miquel'schen Pläne so dargestellt, als ob die Quelle der indirekten Stenern im Reiche noch nicht ge­nügend auSgebeutet worden sei und deshalb weitere Steuer-Erhöhungen im Interesse nicht bloß de» Reiches, sondern auch der Siuzelstaatm gerechtfertigt erscheinen. Unter dieses Umständen ist eS angezeigt, einen Vergleich anznstellen zwischen den Einnahmen de- Reiches auS Zöllen, Verbrauchs- und Stempel-Steuern im EtatS-Jahre 1878/79 uud im Etats-Jahre 1893/94. 1878/79 1893/94

Mk. Mk.

Kölle.............

Tabaksteuer.....,.....

Zuckersteuer und Materialst-uer. .

BerbrauchS-Abgabe ....

Salzsteuer...........

Branntweinsteuer: Maischbottig- und Materialsteuer........

BerbrauchSabgabe & Zuschlag dazu

Brausteuer..........

Averfa............

Spielkarten-Stempelsteuer ....

Wechsel-Stempelsteuer......

Stempel-Abgabe für Werthpapiere, Kaufgeschäfte und Lotterieloose .

Statistische Gebühr . . . . - - ■

101,140,000 783,900

40,995,200

35,401,300

37,501,300

15,009,100

4,803,800 352,200

5,731,100

341,122,000

10,941,000

66,397,000

41,930,000

17,896,000

99,940,000

24,694,000

60,800

1,297,000

7,455,000

27,171,000

661,000

Summa 241,717,900 639,433,800

Vergleicht man die vorstehenden EiMahmen der Jahre 1878/79 und 1893/94, so ergibt sich in diesen 15 Jahren eine Steigerung der Netto - Einnahmen de» Reiches an» Zöllen und Steuern im Betrage von 298 Millionen Maik.

* Der Ausfall der preußischen Landtagswahlen hat innerhalb der freisinnigen Partei, welche die größte Niederlage erlitte« hat, eine« häusliche« Streit über die Ursachen der Niederlage hervorgerufen, der die Oiffentlichkeit wenig interessirt. Aber auch die Mittel- parteUer, die Nationalliberalen uttb Freikonservativen, welche die „klerikal-konservative" Mehrheit beseitigen wollten, während dieselbe jetzt stärker geworden ist, sind wenig zufrieden; sie haben offenbar Angst, daß die Re­gierung einBolksfchul-Gesetz auf christlicher Grund­lage nach dem Muster deS Zcblitz'schen Entwurfes wieder einbringen und jetzt durchbringen könnte. Allerdings, wenn.es die Regierung ehrlich mit der Losung „Hie Atheismus — hie Christenthurn" meint, wenn ste ehrlich bestrebt sein will, dem Volke die Religion zu erhalten, dann kann und muß sie in dem Ausfall der Landtagswahlen eine Aufforderung erblicken, jetzt der Stimme der Wähler folgend ein christliches BolkSschul- Gesetz einzubringen. Die Nationalliberalen, welche mit ihrer Wahlparole gegen daS christliche VolkSschul-Gesetz eine Niederlage erlitten haben, setzen jetzt ihre ganze Hoffnung gegen die Wiederkehr des Bolkrschul-GesetzeS auf — Finanzminister Miquel, dem sie also neben seiner Eigenschaft al$ Steuer - Minister auch noch die Stellung einer KulturkampfS-MinisterS zuweisen.

* Der Kultusminister hat neuerdings Veranlas­sung genommen, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Frage, ob es sich bei einer Kirche oder Burgruine ober einem andern ältern Bauwerk, das abgebrochen oder irgendwie verändert werden soll, um ein Kunst- Denkmal oder um ein Gebäude von artistischer oder monumentaler Bedeutung handelt, nicht selbstständig bei

der Regierung zu entscheiden ist; eS muß vielmehr in jedem einzelnen Falle daS Urtheil der Central-In­stanz eingeholt werden, unb zwar auch dann noch, wenn schon eine gutachtliche Aeußerung des Provinzial« Konservator» zur Sache vorliegt. Dieses Gutachten ist als Belag für die dem Minister zu machende» Vor- schlüge dem Berichte beizulegen.

* Fürst Bismarck hat eine Anzahl westpreußischer Herren, die im telegraphisch eine Adresse gesandt hatten, geschrieben: „Meine Genesung geht langsam aber doch so stetig vorwärts, daß ich mit Gottes Hilfe hoffe« darf, im Laufe de» Winters Tie frühere Gesundheit wieder zu erlangen, und werde ich mich dann stets freuen, meine politischen und persönlichen Freunde, welche mich mit ihrem Besuche beehre» wollen, hier zu begrüßen." Die „Wallfahrten" nach Friedrichs- ruh können also wieder beginnen.

* Herr Thümmel hat wieder einmal von sich hören taffe«, dies Mal in Kreseld, wo er am Freitag der von dortige« Protestanten veranstalteten Luther- feier beiwohnte unb bei derselben eine Rede hielt. Der vorn heftigsten „Lutherzorn" erfüllte Remscheider Pre­diger scheint der Ansicht zu sein, daß seine Ausfälle gegen Rom und den Katholizismus um so wirksamer seien, je kräftiger und derber er sie ausgrstalte, den« er trieb es arg in Krefeld, so arg, daß ein Unbe­fangener, der seine neueften Tiraden lieft, leicht auf be» Gedanken kommen könnte, es existirten in Preußen keine Gesetze, welche, auch der katholischen Kirche und ihre» Einrichtungen Schutz gegen Beschimpfungen gewähren. Wenn Herr Prediger Böppler den Katholiken den Rach ertheilt, sie möchten, um den konfessionellen Riß, welcher durch Deutschland gehe, zu beseittgen, protestantisch werden — so kann man daS ja allenfalls als einen Jugerckscherz hingehen lassen. Anders aber Herr Thümmel. Er fing mit Johannes von Nepomuk an, welchen er als einen von den Jesuiten ersundenen Helligen bezeichnete. Dann spottete Thümmel über daS Fegfeuer; dasselbe brenne nur in dem Gehirne einiger römischer Priester. Ueber dss Wesen deS allerhelligsten Altarssakramentes äußerte sich Thümmel in einer nicht wiederzugebenden Weise. Auch die Seelenmessen mußten natürlich herhalten. Ueber die Muttergottes-Berehrung, insbesondere über Kevelaer und LourdeS äußerte sich Thümmel gleichfalls in einer kaum wiederzugebeuden Weife. Der Papst wurde nicht verschont; man solle den Papst mit seinem ehrlichen Namen, wenn er einen solchen habe, Graf Pecci, anreben. Zum Schluffe rief Thümmel auS: Ich glaube, daß die Zeit bald komm« wird, wo wir zufammen im Kölner Dom singen werden: „Eine feste Burg ist unfer Gott!" Da kann man ver­stehen, wie es gemeint war, wenn Thümmel an einer anderen Stelle seiner Rede sagte: Kürzlich habe man ihn gefragt: „Werden Sie den jetzt in Ruhe gelaßen? Greift man Sie nicht mehr an?" Daraus habe er reagirt: „Mich läßt man in Ruhe, mich greift man nicht an, aber ich lasse nicht in Ruhe, ich greife an."

* Trier, 18. Nov. Vorgestern traf der hoch«. Herr Bischof Korum mit seinem Kaplan, Herrn Ge­heimsekretär Dr. Willems, von seiner Romreise wie- der hier ein. Morgen (Sonntag) wird dem Oberhirten

sechs Tagen nicht zurückgekehrt sein werde. Johanna hatte sich, nachdem sie die verflossenen Tage gezählt hatte, gesagt: „Montag werde ich zu Herrn Darier gehen, ich werde Alles versuchen, um meine Tochter zu rächen."

Nachdem sie also am Montag daS Brod auSge- tragen und rasch mit ihrem Meister abgerechnet hatte, kehrte sie eiligst nach Hause zurück, umarmte Lucie, steckte die von ihr damals auf dem Quai gefundenen Papiere zu sich und machte sich auf den Weg zur Rue Bonaparte.

ES war kurz nach zehn Uhr, als sie an der Wohnung Georg Darier'S klingelte. Madeleine kam und öffnete ihr.

„Ist Herr Darier wieder zurück?" frug die Brod­trägerin.

„Ja, Madame."

„Ich war bereit» einmal vor sechs Tagen hier."

„Ich erinnere mich Ihrer sehr gut."

„Heute komme ich abermals, um denselben zu sprechen."

„In geschäftlichen Angelegenheiten jedenfalls nicht wahr?"

„Sa." •

„Treten Sie ein, Madame. Herr Darier ist in seinem Kabinette, ich will Sie anmelden."

Madeleine führte jetzt Johama in den an da» Kabinet des Advokaten stoßenden Salon. Eine höchst sonderbare Erregung bemächtigte sich der Brodträgeri», als sie die Schwelle der Salons betrat. Ihr Herz klopfte so gewaltig — weshalb? Sie wußte eS selbst nicht.

Sie zitterte an allen Glieder».

Madsleine klopfte an dem Kabinet ihres Herm leife an, trat dann ein und verschloß die Thüre leise wieder.

Der Advokat wär eben damit beschäftigt, ver­schiedene Aktenstücke durchzublättern. ,

„Was gibt's. Madeleine?" frug der junge Mann ausblickend. , , , . . _ ,,

Während Ihrer Abwesenheit war eine Frau hier, die jetzt wieder gekommen ist. Sie wollte Sie in ge- schäftlichen Angelegenheiten sprechen, sie scheint nicht rnch zu sein."

„Ein Grund mehr, um sie nicht warten zu lassen. Lasten Sie sie also gleich emtreten."

Die alte Magd verließ daS Kabinet.

„Kommen Sie, Madame," sagte ste zu Johama, „Herr Darier erwartet Sie."