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„V 266 Sonntag, den 19. November 1893, 20. Jahrgang

FilldierWZkitüng

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MU- Zweites Blatt. »WD

St. Elisabeth.

/gyie ist die schönste Rose

Vom fernen Donaustrand, CjO AuS stillem Heimathgarten

Verpflanzt in's deutsche Land.

Daß sie zu Gottes Ehre, Zu seinem Lob und Preis Veredelnd sich vermähle Thuringia's starkem Reis.

Wie ist sie licht erblühet Der Rose holde Pracht, Bieltausend hat erquicket Des Duftes Wundermacht.

O welch' ein herrlich Sprossen, Bon Blüthen welch' ein Meer, Entquoll dem frommen Samen, Ein Frühling rings umher!

Welch' Duften, welch' Gestalten Bon Tugenden so reich, Bon Liebe welch' Entfalten So schön, so rosengleich!

Elisabeth, Du süße, Du heil'ge Rosenzier, Dich schauend, Dich bewundernd. Zu Füßen knie ich Dir.

Laß auch in meinem Herzen

Viel rothe Rosen blüh'»:

Für Kummer, Roth und Schmerzen

In Liebe es erglüh'n. Sch.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(171. Fortsetzung.)

64.

Wenn auch Paul Harmant sich so gut, als er ver­mochte, zu beruhigen suchte, so wollte er doch nicht recht gelingen und düstere Bilder und Träume störten seinen Schlaf.

Lucian hatte am Arme seiner Freunder, der Malers, das HauS der Rue Murillo verlassen.

»WaS haben Sie eigentlich gethan, mein Freund?" frug Lucian den Maler, als sie sich draußen befanden. .Wohin haben Sie mich geführt?"

.Wohin Sie nicht gehen wollten, mein lieber Freund und wohin Sie das Glück ruft ..." antwortete der Künstler ruhig.

.Aber ich kann doch nicht dieses sterbende, sozusagen tobte Kind heirathen."

.Fräulein Harmant kann noch genesen . . ."

„Sie wiflen selbst sehr wohl, daß das Gegentheil wahr ist."

„Sie kann genesen," wiederholte der Maler, ohne auf die Worte des Freundes zu achten. „Sie werden reich sein, Sie find einsichtsvoll, die Zukunft gehört Ihnen, eine herrliche Zukunft!"

„Sie haben jedenfalls einen Grund, wenn Sie diese Heirath so sehr beschleunigen, wie Sie er zu thun scheinen."

„AllerdinqS."

„Einen Grund, den Sie mir verheimlichen."

»Ist Ihnen mein Wunsch, Ihr Glück zu sichern, nicht hinreichend?"

„Sie lassen sich, glaube ich, nicht von diesem Ge­danken leiten."

„Sie können versichert sein, daß ich nur in Ihrem Interesse handele, Haden Sie Bertrauen auf mich und ich bitte Sie, fragen Sie mich nicht weiter. Sie können sich sagen, daß Sie wie mein früheres Mündel Georg in mir einen auftichtigen und treu ergebenen Freund haben. Wir wollen Beide dieselbe Bahn verfolgen - lasten Sie sich leiten, eS wird Sie nicht gereuen. Wir find, glaube ich, an Ihrem Hause angelangt."

„Ja, hier wohne ich," antwortete Lucian.

„Ruhen Sie also sanft u»d gute Nacht! Apropos, vergesten Sie nicht, mir das Schriftstück ganz zu brin­gen oder zu schicken, um welches ich Sie gebeten habe. Ich möchte eS für einige Z-it in memen Händen haben."

„Ich werde daran denken."

Stephan und Georg drückten Labrone herzlich die Hand und verabschiedeten sich von ihm.

„Ich muß Ihnen sagen," bemerkte der Advokat dem Maler, während sie Arm in Arm auf die nächste Droschken - Haltestelle zuschritten, denn sie hatten bis hierhin den Weg von der Rue Murillo zu Fuß zurück- gelegt, ich muß Ihne» sagen, daß ich ftlbst, der ich ja

an der ganzen Sache kein Interesse habe, von Allem, was vorgeht, nichts begreife."

Der Künstler lächelte.

„Ah! . . .," sagte er. „Was begreifst Du nicht?"

„Ich habe gehört, wie Sie im Romen Lucians mit Fräulein Harmant sprechen, ich habe gesehen, daß Sie bei dem Millionär sozusagen stets die Hauptrolle spielen und im Namen Labrone'S um die Hand seiner Tochter

anhielten."

„Freilich . . ."

„DaS ist mir dar erste Räthsel — kommen wir zum zweiten. Andererseits habe ich Lucian mit ver- zweiflungSvollem Gesichte auSrufen hören: Was haben Sie gethan? Wohin haben Sie mich geführt? Er bestürmt Sie mit Fragen, um zu erfahren, von welchen Hintergedanken Sie bei dieser ganzen Angelegenheit sich haben leiten lasten und Sie entschlüpfen ihm stets, in­dem Sie in geschickter Weise immer einer bestimmten Antwort auSweichen und ihm Gründe angeben, die so geheimnißvoll und dunkel sind als möglich. Was hat dieser Alles zu bedeuten?"

„Ich habe eS ja Lucian gesagt, ich will nur sein Glück."

„Dies weiß ich."

„Run wohl, ich habe das gethan, was mir gut dünkt, um ihm eben diese- Glück zu sichern."

„Gestatten Sie mir, zu bemerken, daß das Orakel zu Delphi selbst weniaer geheimnißvoll war, als Sie in Ihren Antworten sind. Sie haben ein bestimmter Ziel im Auge."

„Ich will es nicht leugnen."

„Können Sie mir nicht Verratheu, welches dieieS Ziel ifi — wenigstens mir, dem besten Freunde LucianS?"

„Ich suche den Mörder deS BaterS Deines Freun­des," sniworlkte der Künstler in ernstem, fast feier­lichem Tone.

Georg blieb stehen.

„Ich begreife noch immer nicht," sagte er dann. „Sie suchen den Mörder, saaea Sie: haben Sie denn den BewerS, daß Johanna Portier unschuldig war?"

„Der Beweis fehlt mir allerdings noch, aber ich bin davon überzeugt."

„Und indem Sie die Verbindung mit Fräulein Harmant beschleunigen, hoffen Sie nach Ihrer Ansicht, denjenigen zu entdicken, welcher Julius Labrone ge- tödtet und an seiner Stelle Johanna Portier unschuldig hat verurtheilen lassen?"

„Vielleicht."

„Aber gegen wen hegen Sie Verdacht?"

„Sachte, sachte, mein theurer Sohn! Ich beschuldige Niemanden, ich suche und kann nicht finden, indeß habe ich wenigstens alles gethan, was in meinen Kräften steht, um zu irgend einem Ergebnisse zu gelangen."

„Unb Ihre Nachforschungen führen Sie in die Rue Murillo, in das HauS der Millionärs?"

»Sa."

„Sie haben also Paul Harmant im Verdacht?"

„Roch habe ich Niemandelt im Verdacht," ant­wortete der Maler.

„Ihre Geheimthuerei ist mir etwas unangenehm — glauben Sie mir kein Vertrauen schenken zu können?"

„Nein, theurer Sohn! Du bist Advokat, ein durch­aus einsichtsvoller Mann. Du mußt also wissen, daß eS bisweilen nur einer Kleinigkeit bedarf, um oft ganz dunkle Dinge in das hellste Acht zu fetzen. Ein Wort, eine Geberde, ein Schweigen, eine gewisse Haltung, ein Zucken der Augenbrauen, ein verstohlener Blick zeigen oft die Fährte, die man vielleicht lange Der» gebens gesucht hat. Diese Fährte glaube ich gefunden zu Haden, sicher bin ich freilich nicht. Ich glaube fest, daß Jakob Garand nicht tobt ist, und daß er in New- Iork gelebt hat. Wenn dies richtig ist, dann hat Paul Harmant ihn kennen müssen."

„Ader die« Alles bat doch keinen Zusammenhang mit Der Heirath Lucian'S und Maiy's?"

„Alle Wege find gut, wenn sie uaS an dm Ort führen, wohin man sich begeben will."

„Nun," murrte Georg, etwas entmutigt, „ich will nichr weiter in Sie bringen. Sie mögen also ihr @e» heimniß für sich behalten, lieber Freund. Das Einz'g', was ich wünsche, ist, daß eS Ihnen vergönnt lei, dieses arme unschuldige Kind zu retten, Lucie Portier, welche ihren zerstörten Traum, ihre verschmähte Liebe beweint und vielleicht vor Beizwelflung stirbr, sobald sie von der Heirath Lucian's mit Mary hört. Hoffen Sie, dieses zu erreichen?"

„Wir wollen sehen, kommt Zeit, kommt Rath," antwortete der Künstler dunkel.

Beide waren inzwischen an einer Droschken-Halte- stelle angekommen.

Stephan Castel nahm einen Wagen, setzte Georg in der Rue Bonaparte ab und ließ sich selbst nach Hause, zur Rue d'AflaS, bringen.

Am folgenden Morgen überreichte ihm bereits ziemlich früh fein Diener einett versiegelten Brief, welchen ein Dienstmann überbracht hatte. Der Um- I schlag enthielt daS Protokoll, welches Raoul Duchemin, der Beamte von der Bürgermeisterei in Joigny dem Ovide Soliveau übergeben ober vielmehr verkauft hatte.

Der Künstler studirte dieses Schriftstück mit großer Aufmerksamkeit.

„Um dieses Dokument zu erhalten," sagte er sich, nachdem er lange nachgedacht hatte, „mußte er genaue Daten und Namen angeben, sonst hätte er keine Nach­forschungen anstelle» können. Paul Harmant kannte diese Namen und Daten, well er sie angeführt hat. Dies ist sehr belastend für ihn. Er hat weiter Pari- nicht verlaffen, also hat er Jemand nach Joigny ge­schickt, und dieser Jemand ist jedenfalls ein Mitwiffer, vor welchem er keine Geheimnisse hat. Dieser Jemand muß gefunden werden."

Stephan kleidete sich rasch an, verließ seine Woh­nung und begab sich zum Ministerium des Innern, wo er durch einen Diener dem Privatsekretär deS Ministers seine Karte übergeben ließ. Da er mit dem Minister sehr befreundet war, so wurde er auch von diesem auf der Stelle mit der größten Hochachtung und Bereitwilligkeit empfangen.

Eine halbe Stunde später verließ er das Kabinet, zwei mit dem ministeriellen Siegel geschlossene Briefe in der Hand haltend. Er steckte sie in feine Brieftasche und kehrte «ach seiner Wohnung in der Rue d'AffaS jurflcE.

Dann frühstückte er rasch und sagte zu dem Diener: „Rehmen Sie die kleinste Reisetasche und thun Sie nur so viel an Kleidungsstücken und Wäsche hinein, als für zwei ober drei Tage dringend noth- wendig ist."

„Gut. Muß ich auch für mich Gepäck zurecht machen? Muß ich mit Ihnen reisen?"

„Stein, Sie bleiben hier, und wenn Jemand kommen und nach mir fragen sollte, werden Sie einfach ant­worten, daß ich verreist bin."

„Auch wenn Herr Georg Darier kommt?"

„Ja, für ihn ebenso wie für sonst Jedermann."

„Gut."

Stephan vollendete sein Frühstück, begab sich in fein Zimmer, nahm hier verschiedene Papiere, sah bett Inhalt seiner Re setasche nach, verschloß bieselbe und gab Befehl, einen Magen zu holen. Ais derselbe vor- gefahren, ging er hinunter und ließ sich zum Bahn­hofe der Eisenbahn Paris-Lyon-Mediterranee bringen.

Nach der Scene, welche zwischen Fräulein Har­mant und Lucie tu dem Ankleidezimmer der Madame Augustine vorgefallen war, hatte die junge Arbeiterin, wie unsere Leser sich erinnern, wie gebrochen durch den letzten heftigen Schlag, der sie gleichsam mit voller Wucht getroffen hatte und nur der letzte Schlag in der Kette einer ganzen Reihe heftiger Erschütterungen war, sich zu Bette begeben müssen, da ein derartig starkes Fieber auSgebrocheu war, daß Mutter Lison, die Brodträgerin, sich veranlaßt gesehen hatte, einen Atzt zu holen.

Dec Arzt hatte die Krankheit für nicht unbedenk­lich erklärt. Bor Schrecken war Johanna Portier bei diesen Worten zusammengefahren. Ihre Tochter, ihre Sc cif, ihr heißgeliebtes Kind, schwebte also in Todes­gefahr !

Sollte sie sie wiedergefunden haben, nur um sie wieder zu verlieren? Für sie begann jetzt ein schreck­liches leidenSvolleS Dasein, welches menschliche Kraft zu übeisteigen schien. Wenn sie deS Morgens Lucie umarmte und ihr die vorgeschriebene Arznei gegeben hatte, so eilte sie zur Bäckerei in der Rne Dauphine.

War ihre Arbeit beendigt, so kehrte sie in aller Eile zurück und ließ sich am Schmerzenslager der jungen Kl an km nieder, ängstlich jede ihre Bewegungen veodaÄtend und überwachend, brS ihr abendlicher Rund­gang sie wieder rn'S Geschäft rief. Während ihrer Ab­wesenheit vertrat Fra» Dominique, die Schließerin