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20. Jahrgarrß

Sonntag, den 19. November 1893.

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uldacrWZeitlliig

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WM- Erstes

Deutsches Reich.

Berlin, 17. November.

* Bon der gestrigen Ansprache des Kaisers bei der Vereidigung der Rekrut en der Berliner Garnison ist nur ein Theil bekannt geworden. Der Kaiser soll u. A. gesagt haben: „Ihr habt jetzt unter Gottes freiem Himmel mir dm Eid der Treue geschworen und seid somit meine Soldaten und meine Kameraden geworden. Ihr habt die Ehre, in meiner Hauptstadt bei meiner Garde zu stehen, und den Berus, mich und mein Reich gegen äußere und innere Feinde zu be- schützen. Ich brauche christliche Soldaten, die ihr Vaterunser beten. Der Soldat soll nicht seinen Willen haben, sondern Ihr sollt alle einen Willen haben, und das ist mein Wille, es gibt nur ein Gesetz, und das ist mein Gesetz. Nun geht hin und thut Euren Dienst und seid gehorsam Euren Borge- setzten."

* In der ihrem Wortlaute nach mitgetheilten Thronrede steht alles, waS als Aufgabe für die gegen­wärtige ReichStogsseision erwartet wurde, aber auch nichts, was nicht schon seit Monaten den Gegenstand der Erörterung in der Presse gebildet hat. Die Thron­rede gibt daher zu besonderen Betrachtungen keinen An­laß. Die parlamentarische Diskussion wird an den Inhalt der einzelnen Vorlagen anknüpfen, und auch hier ist durch die voraufgegangenen Kundgebungen der offiziösen Presse einerseits und der bei den Steuervor- lagen und den Handelsverträgen zunächst betheiligten Kreise anderseits schon sehr viel vorweggenommen. — Unmittelbar nach der Eröffnung des Reichstages brachte das Centrum den Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes wieder ein. Diesem CentrumS- antrage soll damit die Priorität der Verhandlung im Plenum des Reichstags an den „Schwerinstagen" vor den übrigen Anträgen gesichert werden, die sonst noch vom Centrum und von anderen Parteien des Reichs­tages beim Beginn der Session eingebracht werden. ES steht demnach zu hoffen, daß der Antrag auf Auf­hebung deS Jesuitengesetzrs noch vor Weihnachten im Reichstage zur Verhandlung kommt.

* Der Reichstag, dem die Verordnung, betr. den Zollzuschlag gegen Rußland, zugegangeu ist, wählte heute sein bisheriges Präsidium (v. Levetzow. Präsident, Frhr. v. Buol und Dr. Bürcklin, Vizepräsidenten), so­wie die bisherigen Schriftführer durch Zuruf einstim­mig wieder. Anträge auf Einstellung der gegen die Abgeordneten Frhr. v. Hammerstein, Dr. Förster und Ahlwardt schwebenden Strafverfahren für die Dauer der Session wurden debatteloS angenommen. Der Präsident schlug vor, die nächste Sitzung am Montag mit der Tagesordnung schleuniger Anträge (Einstellung der gegen bte sozialdemokratischen Abgeordneten Herbert und Bueb schwebenden Strafverfahren) und erste event. zweite Lesung der Handelsverträge mit Serbien, Ru­mänien und Spanien abzuhalten. Darüber entspann sich eine längere Geschäftsordnungs-Debatte, welche mit dem Beschluß endete, die nächst- Sitzung mit der an­gegebenen Tagesordnung erst am Donnerstag abzuhal­ten, nachdem Abg. Dr. Bachem erklärt hatte, daß seine Freunde vom Centrum nicht in der Lage seien, schon bis Montag zu dem umiassendm Material, das hier in Frage stehe, feste Stellung zu nehmen.

♦ Die Konservativen brachten im Reichstage den Antrag wegen Beschränkung der Einwanderung von Juden wieder ein.

* Dar Weinsteuergesetz wurde heute in den zu­ständigen Ausschüssen der BundeßrathS berathen. Ueber die Tabaks steuer find die AuSschußberath- ungen abgeschlossen.

* Für dre für 1896 in Aussicht genommene Ber­liner GewerbeanSstellnng ist jetzt ein ausführliches Programm aufgestellt, wonach dre Ausstellung keines­wegs bloS auf in Berlin hergestellte Gegenstände be­schränkt sein soll. Dagegen find reine Handelswaaren, sofern sie nicht eigenes Fabrikat sind, von der Aus­stellung ausgeschloffen. Bereinigungen, deren Sitz oder Borort Berlin ist, können Kollektivausstellungm aller ihrer Mitglieder, gleichviel ob dieselben in Berlin wohnen oder nicht, vorführen. Der Reichskanzler so­wohl wie Ministerpräsident Graf Eulenburg hüben das Programm gebilligt und der Ausstellung förderndes

thellt haben. AlS ihre Opfer erscheinen der Premier- Lieutenant a. D. von Lüttichau zu Großenlüder und der Premier-Lieutenant a. D. Hermann v. Pieschel zu Berlin, welche je für 80,000 Mark Wechsel aus­gestellt hatten. In einem Falle soll Lieutenant v. Pieschel der Suhl bei einem Darlehn von 7009 Mark einen Wechsel von 15,000 Mk. haben ciuSstellen müssen. Der Angeklagte Krain soll gleichfalls mit der Lehmann- Unger in regem Geschäftsverkehr gestanden haben. Krain soll neben reinen Wuchergeschäften, d. h. durch Berech­nung unverhältnißmäßig hoher Zinsen, auch verschleierte Wuchergeschäfte betrieben haben, indem die DarlchnS- sucher theilweise minderwerthige Pferde zu hohem Preise mit übernehmen mußten. Die von dem Angeklagten Hollmann betriebenen Wuchergeschäfte waren kleinerer Art. In näheren Beziehungen soll er zu Abter ge- standen haben. Hollmann verschaffte sich meist von kleinen Leuten Geld gegen 6 pCt. Zinsen, das er gegen 40—80 pCt. auf Wechsel an Osfiziere weiter verlieh. In sehr arger Weise soll Hollmann in Gemeinschaft mit d.m Angeklagten Hirsch den G-ndarmerie-Major a. D. Frhrn. von Wechmar zu Hannover ausgebeutet haben. Die Angeklagte Schwietzer soll mit Abter in Verbindung gestanden haben. Ganz besonders soll fie ihm mehrfach zu Darlehen an den Prinzen Alexander von Sachsen-Weimar usw. hohe Summen überlassen haben. Außerdem soll sie mehrfach direkt an Offiziere gegen Wechsel und Wacherzinsen Darlehen gegeben haben. t ,

* Mainz, 16. Nov. Die Petition des landwirth- schaftlichen Vereins von Rheinhessen gegen die Wein­st euer ist von 151 Bürgermeistereien der Provinz Rheinhessen unterzeichnet worden.

Ausland.

* Alexander v. Battenberg, der schicksalreiche, ftühere Fürst von Bulgarien, der nach seiner Vertrei­bung aus Bulgarien den Namen Graf Hartenau annahm und als Oberst der Kavallerie in österreichische Dienste trat,' ist nach kurzer Krankheit in Graz an einer Blinddarm-Entzündung gestorben. Seine Person ist von romantischem Schimmer umwoben, der sich noch erhöhte, als er, dem alle Herzen entgegenschlugen und der um die Gunst von Kaisertöchtern werben konnte, Herz und Hand einer Bühnensängerin, einer Dame von tadellosem Rufe, schenkte, mit der er in glücklicher Ehe lebte. Nun ist er in der Blüthe seiner Jahre dahin- gerafft. Man setzte in militärischenKreiien auf ihn die Hoffnung einer tüchtigen Armeeführers!

* Marseille, 16. Nov. Gestern Abend um 11 Uhr 50 Mm. explodirte innerhalb eines in der Wand einer HauseS eingebauten Schilderhauses am Divisionsgebäude des 15. Korps eine 30 Zentimeter hohe wahrscheinlich mit Dynamit gefüllte Blechbüchse und zerstörte die Wand des anstoßenden Ordonnanz- ■ raumes, die dortigen Geräthschaften, sämmtliche Fen­ster und Spiegelscheiben auch in der Nachbarschaft. Menschen wurden nicht verletzt. Der KorpSkomman- deur ist gegenwärtig in Paris, daher befand sich keine Schildwächs vor dem Hause, was den Attentäter die Vorbereitung ermöglichte. Die Dewnation wurde kilometerweit gehört. Die Bevölkerung ist sehr er­regt und strömte schaarenweise herbei. Die Polizei ist einem Individuum auf der Spur, welches eine Viertelstunde vor der That im Thorwege des Gebäude- gesessen hat.

* Rom, 16. Nov. Der Papst laS heute Morgen, wie schon kurz erwähnt, in der PeterSkirche, wo die Pilger Oberitaliens sowie 6000 Römer und Fremde, 20 Kardinäle, die Großfürstin Katharina von Ruß­land, daS diplomatische Korps und 40 Bischöfe an­wesend »baren, eine hl. Messe und setzte sich dann auf den Thron. Die Adresse der Pilger verlas Msgn. Spigardi, der Führer deS PilgerzugeS. Die Antwort des Papstes wurde durch Mfgn. Marini verlesen. Hierauf wurde vom bl. Vater, überall vernehmbar, der Segen gesungen. Unter dem lebhaften Beifall der Menge verließ sodann der Papst aus dem Tragstuhl die PeterSkirche. Die Antwort deS Papstes empfiehlt in der Hauptsache bei den Kommunal- und Provinzial- Wahlen Einigkeit, und richtet eine scharfe Spitze ge­gen die Sekten. Die Gesundheit deL hl. BaterS ist gut. Die Feier endete IV/e Uhr.

* Der englische Botschafter am russischen Hofe Morier, dessen Name s. Z. in Folge einer Diplo­matischen Fehde mit dem Grafen Herbert BtSmarck in Deutschland viel genannt wurde, ist in Montreux ge­storben

z Wohlwollen zugesichert. Hoffentlich wird nun auch der i Berliner Magistrat nickt zurückbleiben.

• Der preußische Aerztekammer-AuSschuß der, durch Entsendung von Vertretern der provinziellen Aerztekammern gebildet, alljährlich ein Mal in Berlin tagt, hat beschlossen, den Kultusminister zu ersuchen, ihn zu einer amtliche» Einrichtung innerhalb des Aerztekarnmerwesens, statt bisher einer lediglich fteiwilligen Bereinigung zu macken, dem alle den ge- sammten ärztlichen Stand der Monarchie betreffenden Vorlagen zunächst zur Borberathung überwiesen wür- den, damit ihre Verhandlung in den einzelnen Kam­mern nach einheitlichen Gesichtspunkten erfolgen kann; ebenso würden diesem Fragen von nicht prinzipieller Bedeutung zur sofortigen Erledigung zugewiesen werden

* Obgleich das verdammende Urtheil über Ahlwardt in dem „Judenflinten-Prozeß" vor einiger Zeit bereits rechtskräftig geworden ist, die Akren auch zum wesent- lichen Theile dem Feuertode überantwortet sind, will das Zutrauen zu den Löwe'schen Flinte» sich immer noch nicht einstellen. Wie ein in Liegnitz er­scheinendes freisinniges Blatt berichtet, sino den dort garnisonirenden Mannschaften vor kurzem die bis dahin benutzten Gewehre (Modell 1888) angenommen worden. Die ihnen neu übergebenen Gewehre weisen an dem AuSwerfer, der Schlagbolzen-Mutter u. s. w. Abände­rungen auf. Es wird jedenfalls noch lebhafte Nach­frage danach sein, wie diese Thatsachen mit der amt­lichen Erklärung des Kriegsministers zu vereinbaren seien, daß nach li/zjährig-m Gebrauch bei den Ge- wehren besondere Mängel sich nicht nachweisen ließen.

* DaS Kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende, vom 10. bis 16. November angezeigte 27 Cholera­fälle bekannt: Ostpreußen: 3 Erkrankungen aus zwei Orten der Kreise Liban und Opterode. Obergebiet: In Stettin, Gartz a. O. und Greisenhagen je 2 Er­krankungen, in Gallnow 5 (davon 3 tödtlich), in Eberswalde eine; ferner in vier Landorten der Kreise Ückermünde, Königsberg N-M.. Ober-Barnim und Randow 6 Erkrankungen mit 3 Todesfällen. Elbe­gebiet: In drei Orten deS Kreises Gruch-Belzig, sowie West-Havelland und deS Hamburger Landgebiets 4 Erkrankungen (2 mit tödtlichem Ausgange). Unter den Nord-Ostsee-Kanal-Arbeitern 2 Erkrankungen da­von eine nut tödtlichem Ausgang.

* Bezüglich deS zuerst in Angriff zu nehmenden westlichen TbeilS des Rhein-Weser-Elbe-Kanals, deS Dortmund Rhein Kanals, hat sich die Regierung für die Linie Dortmund-Duisburg-Ruhrort als allen Anforderungen in bester Weise genügend entschieden. Die Handelskammer zu Dortmund war gegen dieses Projekt in einer umfongreichen Denkschrift vorstellig geworden.

* Hannover, 16. Nov. Ein kleines Nachspiel zu I dem großen Spieler- und Wucherer-Prozeß hat, wie schon mitgethe.lt wurde, vor der Strafkammer la. dahier begonnen. Wiederum sind eine Reihe von Offi­zieren aller ©täte auS den verschiedensten Garnison­orten, aber auch mehrere Gastwirthe, Handwerksmeister, Kaust-utc, Arbeiter, Näherinnen, eine Freifrau, ein Freifräulein usw. als Zeugen geladen. Zu den Be- wucherten gehörte u. A. der inzwischen verstorbene Rittmeister Prinz Alexander von Sachsen-Weimar. Aus der Anklagebank erscheinen 1. Frau Marie Char­lotte Guhl, geschiedene Kosterlitz zu Berlin, 2. der Rentier, frühere Pferdehändler, Max Mayer Krain zu Berlin, 3. der Agent Christian Heinrich Hollmann zu Hannover, 4. der Agent Bernhard Hirsch zu Hannover und 5. die Wittwe Christine Rosette Mathilde Auguste Schwietzer, geb. Alrutz zu Hannover. Die Angeklagten sind särnmtlich unbestraft. — Max Rosenberg, gegen dm bekanntlich in der ersten Verhandlung auf Ein­stellung deS Verfahrens erkannt worden ist, weil er wegen gewerbsmäßigen Wuchers nicht au-geliefert, wegen der ankeren Verbrechen aber nicht für schuldig befunden wurde, stand zu einer inzwischen verstorbenen Frau Lehmann-Unger in Berlin, gleichfalls einer Wucherin schlimmster Art, in geschäftlichen Beziehungen. Letztere wiederum unterhielt eine enge geschäftliche Ver­bindung mit der angeschuldigten Frau Guhl, die ihr zu - en Wuchergeschäften die erforderlichen Gelder ge­liefert haben soll. Bei Auszahlung der Darlehne, die gegen Dreimonatswechsel erfolgte, pflegte Frau Leh­mann-Unger stets etwa 25 Prozent der Darlehnssumme als Vergütung in Abzug zu bringen. Ja diesen Vor» theil sollen sich die Lehmann-Unger und die Guhl ge»