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20. Jahrgang

Samstag, den 18. November 1893.

Zeitung

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* Die Eröffnung des Reichstages erfolgte heute Mittag durch Se. Maj. den Kaiser mit nachfolgender Thronrede:

Geehrte Herren!

Als Ich Sie im Juli d. I. um Mich versammelt hatte, gab Ich dem Vertrauen Ausdruck, daß Sie Mir und Meinen hohen Verbündeten Ihre Mitwirkung zu der im Interesse der Sicher­heit des Reiches gebotenen Fortbildung unserer Heeres-Einrich- tungen nicht versagen würden. Ich freue Mich, daß Meine Zu­versicht nicht getäuscht worden ist und indem ich Sie heute bei Ihrem Zusammentritt begrüße, ist es Mir Bedürsniß, dem Reichs­tage für seine patriotische Bereitwilligkeit meinen Kaiser!. Dank auszusprechen. Die mannigfachen Beweise warmer Sympathie, deren Ich Mich während der letzten Monate in den verschiedenen Theilen des Reiches zu erfreuen gehabt habe, sind Mir eine Bürgschaft dafür, mit welcher Genugthuung die Nation es em­pfindet, daß dem deutschen Heere eine Organisation gesichert wor- den ist, in welcher die Gewähr für den Schutz deS Vaterlandes unb für die Erhaltung deS Friedens beruht.

Es wird nunmehr Ihre vornehmste Aufgabe sein, in ge­meinsamer Arbeit mit den verbündeten Regierungen für die Be­schaffung der Mittel Sorge zu tragen, welche zur Deckung des durch die erhöhte Friedenspräsenzstärke des Heeres entstandenen Mehrbedarfs erforderlich sind. Die Vorschläge, welche Ihnen in dieser Beziehung zugehen werden, bewegen sich auf einer breiten, zugleich die finanziellen Beziehungen des Reiches zu seinen Glie­dern neu regelnden Grundlage.

W Die Finanzverwaltung des Reiches hat eine endgiltige Ord­nung im Sinne der Reichsverfassung noch nicht gesunden. Die bisherigen Erfahrungen haben bewiesen, daß ohne Schädigung deS Reiches und der Einzelstaaten eine Auseinandersetzung zwischen denselben nicht länger hinauSgeschoben werden kann. Das Finanz­wesen des Reiches wird dergestalt aufzubauen sein, daß unter Beseitigung der bisherigen Schwankungen die Anforderungen deffetben an die Einzelstaaten in ein festes Berhältuiß zu den lleberwcisungen gestellt werden und ein gesetzlich festgelegter An- theil an den eigenen Einnahmen des Reiches für einen vorher bestimmten längeren Zeitraum den Einzelstaaten zugesichert wird. Sine solche Ordnung wird im Einklang mit der föderativen Ge­staltung unseres StaatSwesenS ein ungestörtes Zusammenwirken des Reiches und der Einzelstaaten gewährleisten und ohne Schmäle­rung der Rechte des Reichstages die Finanzverwaltung in Hohem Grade fördern. Zu diesem Behuse wird dem Reichstage ein Ge- fatzentwurf, betreffend die anderweite Ordnung des Finanzwesens deS Reiches, vorgelegt werden.

Zur Beschaffung der hiernach erforderlichen Mittel werden dem Reichstage Gesetzentwürfe, betreffend die Besteuerung des Tabaks und Meines, sowie die Erhebung von ReichSstempel-Ab- gaben, zugehen.

Ich zweifle nicht, daß die Lösung dieser bedeutsamen Aufgabe Ihrer hingebenden Mitwirkung gelingen wird. Unter Berücksich­tigung der gegenwärtigen Finanzlage des Reiches ist der Reichs­haushalt mit äußerster Sparsamkeit aufgestellt.

Die beim Abschluffe der Handelsverträge des Reichs mit Oesterreich-Ungara, Italien, Belgien und der Schweiz gehegte Erwartung, daß dieselben zugleich den Anknüpfungspunkt für die vertragsmäßige Regelung unserer Handelsbeziehungen zu anderen Staaten bilden würden, hat sich inzwischen insoweit erfüllt, als es gelungen ist, aus der durch jene Verträge ge­schaffenen Grundlage auch mit Spanien, Rumänien und Serbien neue Handelsverträge zu vereinbaren. Die Verträge, durch welche unserem Güteraustausch mit diesen Ländern die wünschenswerthe Stetigkeit und die Möglichkeit gedeihlicher Entwickelung geboten wird, werden Ihnen zur verfassungsmäßigen Beschlußnahme zu­gehen.

Im Einverftändn'ß mit Meinen hohen Verbündeten habe Ich Mich veranlaßt gesehen, Rußland gegenüber von der Be- fugniß einer außerordentlichen Erhöhung der Einfuhrzölle Ge­brauch zu machen. Die von Mir erlassenen Verordnungen wer­den Ihnen sofort mitgetheilt werden. Ich gebe Mich der Hoff­nung hin, daß der Verlauf der schwebenden HandelsvertragS-

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(170. Fortsetzung.)

„Fertig", sagte der Advolat. „Wollen Sie mir jetzt angeben, welche Klauseln der Kontrakt enthalten soll? Und zunächst unter welchem Regime soll Ihre Tochter heirathen?"

„Unter demjenigen der Gütergemeinschaft, dem ein­zigen Regime, welche- sür den Gatten der Beweir vollständigen Vertrauens ist. Ich gebe meiner Tochter als Mitgist eine Million in Baar und erkenne Lucian eine weitere Million zu außer den Gebieten von Alt- fortvBe."

„Aber was habe ich gethan, um das große Ver­mögen zu verdienen, welches Sie mir da anbieten?" srug Lucian, sich erhebend.

„WaS Sie gethan haben?" wiederholte PaulHar- mant. „Sie retten meine heißgeliebte Tochter — ist das für mich nicht genug, nicht alles?"

„Dann setzte er hinzu:

„Außer diesem Kontrakte werden wir eine schrift­liche Vereinbarung treffen bezüglich unserer Theilhaber- schäft, gemäß welcher Sie die Hälfte des Reingewinnes erhalten sollen. Erheben Sie weiter keinen Einspruch und suchen Sie wir nicht zu beweisen, daß ich Ihnen gegenüber allzu freigebig di». Sie mögen sogar an­

Verhandlungen mit Rußland zur Beseitigung dieser Maßnahmen führen wird.

Dank den energischen Bemühungen, welche die verbündeten Regierungen aufgewendet haben, ist es gelungen, die verhe«endc Epidemie, welche im vergangenen Jahre schwere und schmerz­liche Opfer gefordert hatte, seitdem fernzuhalten, und wo sich vereinzelte Krankheitsfälle zeigten, chrer Verbreitung erfolgreich entgegenzutreten.

Die gewonnenen Erfahrungen noch wirksamer zu verwerthen und die Abwehrmaßregeln zu dauernden und einheitlichen zu gestalten, ist der Zweck eines Gesetzentwurfs, welcher Ihnen vor­gelegt werden wird.

Um die mit der pflichtmäßigen Strenge jener Abwehrmaß­regeln vereinbarte Schonung des internationalen Verkehrs thirn- lichst sicherzustellen, hat unter Betheiligung des Reichs im Früh­jahr in Dresden eine von der Mehrzahl der europäischen Staaten beschickte Konferenz statrgefunden, deren Beschlüffe Ihnen zur Genehmigung zugehen werden. t c ,

Die Erledigung der Ihnen auf finanziellem und handels­politischem Gebiet gestellten Ausgaben wird Ihre Arbeitskraft in so hohem Maße in Anspruch nehmen, daß die verbündeten Regierungen es für rathsam erachtet haben, den Kreis der Vor­lagen im übrigen thunlichst einzuschränken.

In dem Berhättniß Deutschlands zum AnSlandr ist eme Aenderung nicht eingetreten. Bei Fortdauer der engen Freund­schaft mit den zur Verfolgung gemeinsamer friedlicher Zwecke uns verbündeten Reichen, stehen wir zu allen Mächten in guten und freundlichen Bezichungen. Ich gebe Mich daher der Zuver­sicht hin, daß unS mit Gottes Hilfe die Segnungen des Frie­dens auch fernerhin werden «halten bleiben.

Die Eröffnung deS Reichstages vollzog sich in der hergebrachten feierlichen Form. Derfelbey ging ein Gottesdienst in der St. HedwigSkirche für die katholischen Mitglieder und in der Schloßkapelle für die protestantischen Mitglieder deS Reichstags voraus. Erst zwischen 12l/< und 12y8 Uhr füllte sich der Saal, die großen Wandkandelaber auf beiden Seiten des Thrones erstrahlten; links vom Throne nahm« die PrinM Heinrich und Alexander an der Spitze der Generalität, rechts die Bundesrathsmitglieder mit dem Reichskanzler Graf« Caprivi Aufstellung. Der An­marsch der Schloßgarde-Kompagnie und bald darauf der Bortritt der Pagen kündet« daS Rahen des Kaisers, dem vom Reichskanzler die Mittheilung gemacht war, daß der Reichstag versammelt sei. Beim Betreten des Weißen Saales wurde dem Kaffer vom Reichstagspräsidenten v. Levetzow ei» dreifaches Hoch ausgebracht. Der Kaiser grüßte freundlichst nach allen Seiten, bestieg dann den Thron und verlas be­deckten Hauptes — der Kaiser trug die Uniform der Gardes du Korps — die Thronrede. Mit eisigem Schweigen wurde dieselbe angehört, erst bei dem letzten Absatz: ertönte zuerst ein schwaches, dann ein lautes Bravo. Nach der Verlesung der Thronrede brachte der bay-rische Militärbevollmächtigte Generalmajor v. Haag abermals ein Hoch auf den Kaiser auS, dann verließ der Kaiser den Saal, und die Eiöff- nungSfeier, der ungefähr 150 bis 200 Abgeordnete beiwohnten, war beendet.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. November.

* Der Reichstag hielt heute 21/2 Uhr feine erste Sitzung ab, in welcher der Prästdent der vorigen

Session, v. Levetzow, der Geschäftsordnung gemäß den Vorsitz führte. Derselbe theilte mit, daß der Etat mit dem Etatsgesetz und dem Anleihegesetz, sowie die Handelsverträge mit Spanien, Serbien und Rumänien und eine Anzahl kleinere Vorlagen bereits eingegangen seien und nahm dann die in der Geschäfts­ordnung vorgeschriebene Auszählung des Hauses vor, um dessen Beschlußfähigkeit festzustellen. Die Auszählung ergab die Anwesercheit von 215 Mitgliedern, der Reichs­tag ist also beschlußfähig. Morgen 12 Uhr: Wahl de« Präsidiums und schleunige Anträge betreffend Ein­stellung des Strafverfahrens die Abgeordnetm Ahl- wardt, Dr. Förster und Freiherrn von Hammersteiu wegen Beleidigung.

* Wie die ,Nordd. Allg. Ztg/ hört, wird der Tabakste«ergefetze»tw«rf nächsten Montag im Ple­num des BundeSratheS berathen werden.

* Die heute stattfindende Vereidigung der Re- krnte» von Berlin ufw. erfolgt zum ersten Male unter freiem Himmel. Derselben wohnen außer de« Kai­ser auch die Kaiserin und Priiq Heinrich bei.

* Die gesetzliche Neuregelung des Apotheke»- wefenS steht, der ,Voss. Ztg.' zufolge, nahe bevor. Dem Reichstage wird wahrscheinlich noch in dies« Session ein Gesetz-Entwurf vorgelegt werden, der auf Einführung der Personal-Konzesfion beruht. Die augenblicklich bestehenden Apothetevberechtigungen sollen in einer der Billigkeit entsprechenden Weise beseiügt werden. Die privilegirtm Apotheken (die ohne Ein­schränkung vererbt oder vnkauft werden können), solle« angemeffene Entschädigungen erhalten, für die übrigen Apothekenbesitzer ab« soll zur Einführung der neu« gesetzlichen Vorschriften eine läng«e Frist vorgeseh« werden. Es sollen fern« sogen. HauS-Apothekeu zugelassen w«den, aber nur bei größ«n Anstalt«, welche die Arznei« für chre Insassen durch ein« approbirten Apotheker selbst bereit« lass«, und für Aerzte, die nur für die von ihn« b-handeltm Patimtm auS ihr« Haus-Apotheken Arznei« verabreich« dürfen.

* Die Vorarbeiten für daS Windthorst-Denkmal i» Meppen sind von dem Bildhauer Pohlmann i» Berlin, der vom Denkmals-Komitee mit der Ausführung feines zweiten Entwurfs (Standbild statt sitzende Fi­gur) beauftragt worden ist, fo weit vollendet, daß jetzt mit der Ausführung des sog. HilfSmodells be­gonnen werden kann. Die Ausarbeitung deS Denk­mals, der Guß und die Ciselirung d« Bonzefigur sowie die Herstellung des Postaments aus schwedischem Granit dürften ungefähr ein Jahr in Anspruch nehm«, so daß die Aufstellung deS Denkmal nächsten Herbst erfolgen könnte. Voraussetzung dabei ist aber, daß die Granitblöcke für daS Postament des Denkmals, die aus Schweden kommen sollen, noch nach Berlin geschafft werden, bevor durch Eis die Schifffahrt gesperrt ist, ober daß wenigstens die Schifffahrt im nächsten Früh­jahr zeitig eröffnet wird.

* Münster (Westfalen), 16. N»v. Der Schor- lemer'fche Westfälffche Bauernverein faßte heute eine Resolution gegen den russischen Handelsvertrag.

wendig folgt. Jetzt wäre es, glaube ich, gut, das Terrain von Alfortville, abzuschätzen."

„Sag« Sie zwei hunderttausend Franken."

„Aber mein Herr," warf Lucian ein, „dies ist daS Terrain nicht werth!"

„Was geschrieben ist, bleibt geschriebm," fiel ihm der Millionär ins Wort. „Ich schätze daS Terra« so hoch, und ich bin überzeugt, daß ich mich nicht täusche."

Abermals legte Georg Darin seine geb« nieb« unb laS' alsdann mit lauter vernehmlicher Stimme einen ebenso kurzen als klare» Entwurf zu einem Ber- trage vor, wie ihn der geschickteste Notar beffn kaum hätte entwerfen können.

Stephan Castel mukte genau auf, während er zu­gleich verstohlen den GesichtSauSdruck des Millionärs beobachtete, der ihm fo ruhig und gleichmäßig nschim, daß ein ganz unerwartet« Umschwung in seinen An­sicht« eintrat

„In der That, es ist unmöglich, daß ich mich nicht getäuscht habe," dachte « bei sich. „Wenn dieser nicht der wirkliche Paul Harmant wäre, dann würde er nicht so sehr sicher auftreten, waS chn ja eher verderb« an­statt retten könnte. Run, gleichviel, fo lächerlich es mir auch erscheinen mag, ich muß Gewißhrst in mein« Zweifeln haben."

Bon diesem Augenblicke an war von geschäftlich«

nehmen, daß ich gar keine Rücksicht auf Sie nehme, sondern einzig auf meine Tochter. Geben Sie mir die Hand, theurer Lucian, alles ist abgemacht."

Mechanisch ergriff Lucian die Hand, welche ihm der Millionär reichte, er fand sie sehr kalt, mdeß fiel ihm dies nicht weit« auf. „

„Wirklich, mein Herr," sagte Stephan Castel. „Sie üben eine wahrhaft königliche Freigebigkeit geg«übn meinem Freunde: mm er freut mich für Lucian, welchem Sie in hochherziger Weife Alles zurückerstatten, was ein Elender ihm entriffen hatte, indem n seinen Vater löbtete!" >

Der falsche Paul Harmant «bleichte heftig, als « diese Worte i öde, aber « beugte sich rasch zu Georg, welcher da saß und niederschrieb, so daß b« Künstler seine Blässe nicht gewahr« konnte.

„Jetzt sinb wir fertig," bemnkte bet junge Advokat, inbem er die Feber neben sich aus dm Tisch niedn- legte, wof«» Sie nicht etwa noch etwas beizufügm hätten."

„Roch eine einzige Bestimmung, mochte ich bitt«, hinzuzufügen."

„Diese wäre?"

„Daß Lucian Eibe des Vermögens fein« Frau fein wird, falls dieselbe ohne Kinder stirbt."

„Diese Klausel braucht nicht beigefügt zu werden, weil dies aus der Gütergemeinschaft von selbst noth-