JV 264
Freitag, den 17. November 1893, 20. Jahrgang
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□ „Allgemeine Menschenliebe — Wadelstrümpflerei!"
Dies große Wort spra der Sozialistenhäuptling Bebel auf dem Kölner Sozialistenkongnsse am 28. Oktober d. I. aus. ES handelte sich um diejenigen „Genossen, welche an dem von Mitgliedern „bürgerlicher" Parteien anberaumten Soziältstenkongresse in Frankfurt a. M. theilgerommen hatten, und die hierdurch sich, wie Bebel behauptete, gegen die echte und „zielbewußte" Sozialdemokratie verfehlt haben sollten. Als dieselben einwandten, man müsse das Gute nehmen, wo man es finde, und jener Sozialistenkongreß habe doch die Besserung der Looses der Arbeiter und die Förderung allgemeiner Menschenliebe zum Ziele gehabt, erklärte Bebel kühl und streng: „Allgemeine Menschenliebe — Wadelstrümpflerei!" Die Führer der Sozialdemokratie haben ja oft genug ausgesprochen, daß sie von der Gottesliebe nichts wissen wollen und ebensowenig von den Früchten der GotteLliebe, der christlichen CharitaS: „Wir wollen keine Charitas!" ertönte es vor zwei Jahren aus Bebels Munde. Dagegen erheben die Sozialdemokraten den Anspruch, das echte Menschheitsideal verwirklichen zu wollen; sie behaupten, ihr Streben sei darauf gerichtet, die Menschenliebe, die Brüderlichkeit zu realrsiren, und so sollte man meinen, daß, wer den Zweck wolle, auch die Mittel wollen müsse. Somit hätten sie die Pflicht, alle Be- strebnngen zu unterstützen, welche auf die Förderung der Menschenliebe tatsächlich hinausgehen, und zu diesem Behufe müßten sie wenigstens die Geister prüfen, untersuchen, ob etwas dem Ideale der Brüderlichkeit näher zu bringen geeignet sei. Mit Phrasen und Redens» oiten sind die Herrschaften stets bei der Hand, aber wenn es gilt, die großsprecherischen Worte in Thaten vmzusetzen, nimmt die Sache fortwährend ein anderes Gesicht an, an Stelle der gleißneri scheu, lächelnden Sirene erscheint eine häßliche Teufelsfretze auf der Bildfläche. So unverblümt und brutal ist aber noch niemals der menschenfeindliche Charakter der Sozialdemokratie in Worten bezeugt worden, als von dem Großkophta der Partei in Köln: „Allgemeine Menschenliebe — Wadelstrümpflerei!" Daß der sozialdemokratische ZukunstSstaat auf die Tyrannei lossteuern muß und sich einzig und allein durch Maßregeln, die weit über das schlimmste Zuchthaus hinouSgehen, halten kann, ist schon oft bewiesen; dieses Wort des selbst« genügsamen Führers und Parteipropheten gibt einen Beweis dafür aus kompetentem Munde, und wenn eS auch in der Erregung des Augenblicks unbesonnen dem Gehege der Zähne eniflohen ist. Wer sich durch die Liebe zu Gott abgestoßen fühlt, der kann auch keine wahre Liebe zu den Menschen haben, von dem gilt daS Wort, welches Weber seinem Uhu in den Mund legt:
„Menschenliebe, Dienst für And're?
Raserei, mir kaum zu fassen!
Denn verhaßt ist mir die Liebe, Und ich liebe nur dos Hassen!"
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(169. Fortsetzung.)
Paul Harmant war mittlerweile ebenfalls in tiefe Gedanken versunken, ohne eS freilich äußerlich verrathen zu wollen.
„DaS ist ein Gemälde," sag'e er, „das in mir mancherlei Erinnerungen wachruft, ich möchte es besitzen."
Der Maler hatte das Bild inzwischen wieder verhüllt.
„Dieses Bild ist gewiß verkäuflich?" frug der Millionär.
„Gestatten Sie mir, Sie zu fragen, weshalb Sie diese Frage an mich richten?" versetzte der Maler.
„Weil ich eS für ausgezeichnet halte, für ein Meisterstück ersten Ranger, daS meiner Gallerte zur größten Zierde gereichen würde."
„Ah, sehen Sie da eine solche Begeisterung bei Herrn Harmant," sagte der Künstler lachend, „bei Herrn Harmant, welcher sich als einen so geringen Kenner von Gemälden ausgibt!"
„Allerdings hat Ihr Bild auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Die Zeichnung, das Kolorit, der Ausdruck, kurz daS Ganze ist ausgezeichnet. Ich kaufe also daS Gemälde, gleich viel zu welchem Preise."
„Leider steht eine Schwierigkeit im Wege."
Menschenliebe — Wadelstrümpflerei! Also nun weiß es der Arbeiter, waS die Sozialdemokratie ihm bieten will: für die Menschenliebe ist bei ihr kein Raum. „Wir wollen keine C mritaS", keine christliche Menschenliebe, „wir wollen keine allgemeine, natürliche Menschenliebe!" erklären die Führer und offenbaren damit in schwacher Stunde ihr wahres Ziel. WaS wollen sie denn? Die Pflicht, dar eisig kalte Müssen, die Freiheit deS RadeS in der Maschine, dir Freiheit des Verbrechers in Ketten! ES gehört ein gewaltiges Maß von Verblendung dazu, jenen Propheten nachzulaufen, welche nichts weiter, als dies zu bieten haben, solchen Leuten zu folgen, die ungescheut erklären: „Menschenliebe — Wadelstrümpflerei!" Christliche Arbeiter, merkt euch das — an ihren Flüchten sollet ihr sie erkennen, aber an ihren Worten auch, wenn sie auS Herzens- ■ gründ kommen! ;
Deutsches Reich.
Berlin, 15 November.
* Der Reichstag ist, nachdem die E fitz wähl int zweiten badischen Wadlk eise stattgefunden hat, vollzählig. Von den 397 Mitgliedern zählt das Centrum 99, die Konservativen 68, die Reich^partei 27, die Nationalliberalen 52, die Freisinnige Bolkrpartei 23, i die Freisinnige Bereinigung 13, die Polen 19, die i Sozialdemokraten 44, die Deutsche Reformpartei 11, ! die Süddeutsche Voikspartei 11; keiner Fraktion ge- ' hören an 28.
* Mit welchen Gesinnungen man int Centrum an die neuen Steuer Entwürfe herantritt, dafür legt ein Schreiben Zeugniß ab, welche der ,E-chSfeldia' ; aus parlamentarischen K eisen zugeht urd lautet, wie folgt: „In wenigen Tagen wird der Kampf um die i neuen Steuern beginnen, die auf das Einschneidenste ; in dar Wohl oder Wehe vieler Tausende und zum ■ Theil gerade aus den ärmsten Bevölkerungsklassen eingreifen. Gebe Gott, daß das Centrum einmüihig ■ thut, was eine christliche Volkspartei meiner Ansicht nach thuu muß. Vor Allem die Armen und Schwachen fchützen! Theils ans diesem Grunde, ! thetlS zur Wahrung der Rechte des Reichstags und ! noch aus anderen Gründen bin ich auf das Entschie- * denste gegen den Steuerreform-Gesetzentwutf. Der § 5 desselben welcher bestimmt, daß zur Deckung von Fehlbeträgen int Reichs haushaltretat Zuschläge auf die ' dem Reiche zustrheuden Verbrauchsabgaben gelegt ; werden können, hat mich noch ganz besonders »nun« i genehm berührt. Er zeigt, daß man in den Ministerial- ' kreisen mit den Steuererhöhungen noch immer weiter । vorzugehen denkt. Eine Handhabe hierzu dem Reichs- ! tage gegenüber, ein Presstonsmittel dem ketzeren gegenüber soll meiner Auffassung nach dieser § 5 sein. Man ■ will das Prinzip von Steuerzuschlägen schon jetzt gesetzlich festlegen, damit man später, wenn man Steuerzuschläge haben will, den Reichstag auf dieses Gesetz, dem er zu gehorchen habe, verweisen kann. Wenn dem nicht so wäre, dann wäre meines Erachtens der § 5
absolut über flüssig; denn daß Reichstag und Bundes- rath im Wege der Reichsgesetzgebung Steuerzuschläge einführen können, versteht sich ganz von selbst, dazu bedarf es der Bestimmung des § 5 durchaus nicht."
* Der von der Reichs fiianzverwaltnng vorgesehene Ertrag der vorgeschlagene» Steuern stellt sich ter ,Post' zufolge folgendermaßen:
Tabakfobr>kaisteuer 45 Millionen Mark
Weinst, ner 17 „ „
Börsensteuer 11 „ „
Lotteriestempel 5,4 „ „
Quittungsstewpel 6—7 „ „
Cyrck- rc. Stempel 0 5—0,8 „ „
Fracht- und Ladebrüfsteuer 8—9 „ „
Der Gesammtertrag, welcher von den vorgeschlagenen Steuern erwartet würde, beläuft sich hiernach auf etwas über 94 Millionen Mark.
• Dre Wiedereinführung der Berufung in Strafsachen betreffend bestätigt jetzt die ,Nordd. Allgem. Zlg.' in ihren Artikeln über die Reform der Straf« Prozeß Ordnung, daß der preußische Gesetzentwurf, betreffend die Wiedereinführung der Berufung, nur deshalb noch nicht an den BundeSrath gelangt ist, weil der Finanz Minister die dadurch entstehende Erhöhung der Ausgaben beanstandet; sie gibt aber der Hoffnung Ausdruck, daß Herr Dr. Miquel an diesem „einseitigen Gesichtspunkte" nicht fistholt-n werde. Der Vorschlag, die Berufung besonderen Berufungs-Kammern bei den Landgerichten zu übertragen, ist, wie eS scheine, endgiltig gescheitert. Es wird jetzt bekannt, daß die preußische Justiz-Verwaltung noch am 15. September d. I. in einer von ihr ausgegebenen Korrespondenz erklärt hat, daß es bei den zahlreichen kleinen Landgerichten vielfach an geeignetem Personal
fehlen würde.
* In der preußische« Garde Kavallerie b> findet sich seit einigen Jahren kein bürgerlicher Offizier mehr; aber auch der einfache Adel ist in der Minderzahlgegenüber den Fürsten, Prinzen, Grafen und Freiherren. Unter 253 Offizieren, welche bei der Garde- Kavallerie in der Rangliste aufgeführt sind, befinden sich 32 Fürsten und Prinzen, 73 Grafen, 36 Freiherren und 112 nut die Bezeichnung „von" führende Adelige. DaS Regiment Gardes du Corps zählt in seinem O fizier-Korps 2 Prinzen, 19 Grafen, 4 Freiherren und 7 adelige Ossi fiere.
* Hannover, 15 Nsvbr. Heute begann vor der Strafkammer deS Landgerichts daS Nachspiel zu dem großen Spieler- und Wucherprozeß. Des ge- werbs- und gewohnheitsmäßigen Wuchers waren angeklagt: Rentner Krain und Frau Guhl aus Berlin» Agent Hollmann, Agent Hirsch und Wittwe Schwietzer aus Hannover. Den Vorsitz der Gerichtshofes führt wiederum Landgerichts-Direktor Heinroth. Die Staatsanwaltschaft vertritt der GerichtS-Ass ssor Seel. Den Angeklagten steht eine Reihe von Bertheidigern zur Seite.
* SonderShause«, 12. Nov. Dem gegenwärtig hier zusammengetretenen Landtag deS FürstenthumS
„Welche?"
„Das Bild gehört mir nicht mehr."
„Derjenige, welchem eS gehört, würde vielleicht darein willigen, mir es ?u überlassen."
„Ich bezweifle es, ober besser gesagt, ich bin vom Gegentheil überzeugt. Mein Mündel Georg hatte weder von feiner Mutter, noch von dem Pfarrer Langier, seinem Oheim, ein Porträt, und so habe ich ihm dieses Bild geschenkt. Ich glaube, daß er sich von demselben nicht um den Preis eines Vermögens trennen wird."
„Gewiß nicht!" rief Georg begeistert aus. „Ich bedauere lebhaft, daß so wichtige, gleichsam heilige Gründe mich abhalten, Herrn Harmant angenehm zu fein. Aber besser als Jemand totrb er im Stande sein, daS Gewicht meiner Gründe zu würdigen."
„Ich begreife dies und weiß Ihre Gründe Wohl zu würdigen," versetzte der falsche PaulHarmant. „Gleichwohl thut es mir sehr leid, daß mir ein so herrliches Meisterwerk entgeht. Nun, sprechen wir nicht weiter davon. I tzt, meine.Herren, meinen Sie nicht auch, daß wir bis zum Mahl eine kleine Fahrt im Gehölze von Boulogne machen sollen?"
Die drei Herren waren mit dem Vorschläge deS Industriellen durchaus einverstanden und gerade zur rechten Zeit trat der Diener mit der Meldung ein, daß Mary ihren Landauer eben zurückgeschickt habe."
„DaS macht sich ja ausgezeichnet," sagte der Mil
lionär, „wir brauchen so nicht lange ein Sesähr zu suchen, das für unS vier groß genug ist."
Der Maler hatte feine Freunde und Besucher in seinem Arbeits-Anzüge empfangen und sagte deshalb:
„Sie gestatten mir, eben ein wenig Toilette zu machen, ich werde sogleich wieder erscheinen!"
Während er seine Toilette machte, dachte er bei sich:
„Dieser Mann scheint mir aus sehr guten Gründen' durchaus verdächtig zu sein! Zwei oder dreimal habe ich gesehen, wie sich sein GesichtSauSdrnck änderte, obwohl er sich sonst sehr gut beherrschen zu können scheint! Es ist ein Schurke, davon bin ich fist überzeugt, aber die Beweise fehlen mir: wo sie finden?"
Während der Künstler in dieser Weise sich anllei- dkte und. dabei sein Selbstgespräch hielt, trug Paul Harmant, obwohl ihm Aller, war er soeben gesehen und gehört hatte, große Besorgniß einflößte, eine Fröhlichkeit zur Schau, durch welche Lucian Labroue und Georg Darier sich täuschen ließen. Mit der größten Lebhaftigkeit sprach er von seinen großartigen Pläne« bezüglich der Zukunft Luciau'S und seiner Tochter, sowie von seiner Absicht, die Fabrik von Alforlville wieder aufzubauen. Er hätte gern gesehen, wie er bemerkte, daß der Sohn Julius Labrone'S sich bereits in der nächsten Woche mit der Ausarbeitung der bezügliche« Pläne beginne.
Die Rückkehr des Malers schnitt diese Unterhaltung