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ttlage zu Nr. 2bv -er »Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 12. November 1893.

Nun?"

Am nämlichen Morgen, an welchem Amanda sich nach Bois-le-Roi begab, um Duchemin zu besuchen, eilte Lucian Labrone sehr frühzeitig zur Rue d'Assas, wo der Maler Stephan Castel wohnte. Letzterer hatte ihn nämlich eingeladen, mit Georg Darier bei ihm den Tag zu verbringen.

Als der junge Advokat am Tage vorher von TourS, wo er, wie wir wissen, einen Prozeß zu vertteten ge­habt hatte, zurückgekehrt war, hatte er die Einladung seines ehemaligen Vormundes vorgefunden.

Lucian traf zuerst bei dem Künstler ein, welcher ihn in einen kleinen an sein Atelier stoßenden Salon empfing

„Aus den Mittheilungen, welche ich aus guter Quelle erhalten habe, geht hervor, daß Johanna Por- tier nicht wieder in'S Gefängniß zurückgebracht worden ist. Sie ist nicht zu finden. Seitdem ste aus dem Kantonal-Sefävgyisse entflohen ist, hat die Polizei ihre Spur vollständig verloren. Augenblicklich haben die Agenten, der Sache überdrüssig, die Suche aufgegeben und hoffen jetzt nur mehr, daß irgend ein Zufall sie ihnen in die Hände spielen werde, obwohl auch diese ihre Hoffnung ja sehr schwach sein kann."

„Ich danke Ihnen sehr, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind. Unser Freund Georg wird, so denke ich, ebenfalls bald erscheinen und wir werden alsdann etwas mit einander plaudern. Ich habe das bereits besorgt, um was Sie mich bezüglich der Johanna Portier ge­beten haben."

im Stande sein, Ihnen zu antworten."

„Sie sagen also, daß Sie überzeugt sind, daß

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(165. Fortsetzung,)

59.

Amanda konnte, da sie von dem falschen Baron de Reiß weder eine direkte noch indirekte Nachricht er« Ijelt, einstweilen nichts anderes thun, als die Heilung Duchemms abwarten.

Am folgenden Sonntage bestieg ste Morgens den Zug nach BoiS-le-Roi und kehrte im Hotel zur Jägers- ruhe ein.

: „Soll ich lügen?"

ob - •£ .r •«. ' . "Sie brauchen dies nicht gerade zu thun; Sie

Man hatte ihm gern Zeit können ja unbestimmte, zweideutige Ausdrücke ge-

„Also", murmelte Lucian, „ich habe also kaum Hoffnung, daß ich je diese Frau fragen kann?"

„Leider ist dieser zu befürchten, aber Sie wissen, daß alles möglich ist, sogar dasjenige, was unmöglich erscheint. Wie stehen die Sachen bei Herrn Paul Harmant?"

„Noch immer wie früher."

„Sie haben stch Fräulein Harmant nicht genähert, wie ich Ihnen gerathen habe?"

„Ich habe nicht den Muth dazu gehabt."

„Sie thaten daran Unrecht, denke ich."

„Wozu diese Annäherung?"

„Vielleicht wäre eS nützlicher, als Sie glauben", sagte Stephan Castel im ernstem Tone.

Lucian sah den Maler erstaunt an.

„Ich verstehe Sie nicht", sagte er dann. „Kann m der Vergangenheit irgend ein Zusammenhang zwischen der Familie Harmant und mir und den Meiniaen be­standen haben?"

Stephan Castel wollte in diesem Augenblicke dem jungen Mann seine Gedanken noch nicht offenbaren, und so begnügte er sich zu sagen:

„Wir sprechen einstweilen von der Gegenwart und nicht von der Vergangenheit, mein theurer Freund. Ich glaube, daß es gut für Sie sein werde, wenn Sie Harmant in dem Glaubm belassen, daß Sie bereit Md, seine Tochter zu heirathen, und besonders Mary durchblicken lassen, daß Sie Lucie Portier vergeffen haben, daß also Ihr Herz, das jetzt frei ist, ihr einer Tages ganz und ungetheilt angehören kann." „ -Aber dieses unglückliche Kind stirbt ja langsam dahin! Jeder Tag bringt eS sichtlich seinem Grabe näher."

„Lin Grund mehr, um sie in dem Wahne ihres Glückes zu belassen, da Sie ihr daS Glück selbst nicht geben können."

Lucie einst meine Gattin sein wird, und Sie rathen mir, Fräulein Mary durchblicken zu lassen, daß ich sie lieben können werde?"

„Dies scheint unsinnig, ich gebe dieser zu, und dennoch muß eS sein! Sie können mir darin ver­trauen — haben Sie also Vertrauen und gedulden Sie sich."

„Warten, während ich den Tod in meiner Seele trage."

„Noch einmal, es muß sein! Binnen wenigen Wochen habe ich Georg gegenüber eine heilige Pflicht zu er­füllen, ich bitte Sie also, sich bis dahin zu gedulden und genau sich nach meinen Rathschlägen zu richten, wögen sie Ihnen auch noch so seltsam dünken .... Machen Sie also keine Einwendungen . . . suchen Sie nicht . . . gehorchen Sie!"

„Nun wohl, weil Sie es so gebieterisch verlangen, werde ich Ihnen wohl oder übel gehorchen muffen!"

»Sie werden sich also Fräulein Harmant wieder nähern?"

„9a."

»Sie werden sie glauben machen, daß Sie sie lieben können werden?"

„9a."

„Sie werden Herrn Harmant gegenüber betheuern, daß der Zeitpunkt Ihrer Verbindung mit Mary sehr nahe ist?"

„Aber das heißt ja mein Leben verpfänden!" rief Lucian aus. „Sobald ich ihm sage, daß ich seinen Vorschlag annehme, so wird er meine Heirath be­schleunigens(Forts, folgt.)

Duchemms große Fortschritte gemacht. Mit Erlaubniß ~ - ~

des Arztes konnte er jetzt bereits auf stehen, und so be- fand er sich denn nicht im Bette, als er den Besuch AmandaS empfing.

Amanda erzählte ihm bis in's Kleinste alles, was sie bezüglich Lucie in Erfahrung gebracht hatte — letzt begriff der junge Mann erst, welchen nicht wieder gut zu machenden Fehler er begangen hatte, als er auS dem Archive der Bürgermeisterei von Joigny dar Dokument gestohlen, welches Ovide Soliveau von ihm gefordert hatte.

„Herr Lucian", sagte er dann plötzlich. „Sie irren, wenn Sie glaubm, daß ich viele Dinge wüßte, die Ihnen unbekannt sind. Ich weiß nichts, ich kann Ihnen nichts sagen, ich gebe Jhnm dafür mein Ehren- wort. Aber er gibt im Lebm Vorahnungen, denen man sich nicht erwehren kann, sobald sie einmal ge- kommen sind. Dieselben belagern unS dann förmlich. Eine solche Vorahnung sagt mir, daß wir binnen Kurzem den wirklichm, wahren und alleinigen Mörder Ihres Vaters kennen werden, und daß wir Licht in , ®tefe$ Dunkel bringen werden — und zwar durch Paul ltMarys Harmant. Ebmso habe ich die Ahnung, daß Lucie ergab sich Portier eines Tages Ihre Satti« sein wird. Wie? wlinichen | Ich weiß es nicht — weshalb, ist mir ebenso sehr

„Aber wozu all' diese Umschweife?" frag Lucian verwundert, dem die Rathschläge deS Künstlers sehr sonderbar bäuchten. „Sie scheinen sehr viel zu wissen, waS ich nicht weiß; vielleicht habm Sie triftige Gründe, um mich zu veranlaffen, daß ich Herm Harmant und seiner Tochter gegmüber eine Komödie spiele, die mir etwas gegen meine Natur ist."

Stephan Castel fuhr mit der Hand über seine un- bedeckte Stirne.

Während in dieser Weise das Herz der Tochter Jakob Garand's von Freude und Hoffnung beseelt war, setzte die unheflbare Krankheit, zu welcher Mary dm Keim in sich selbst trug, ihr ZerstörungSwerk langsam, aber sicher fort. Die Lungenschwindsucht untergmb die schwache Brust und führte dm abgemagerten Körper mit schnellen Schritten dem Grabe entgegen.

Lucian, welcher Fräulein Harmant von Zeit zu Zett zu Gesicht bekam, gewahrte dm sichtlichen Fortschritt deS Uebels sehr deutlich und sagte sich, daß eine Ver­mählung mit dem todtkrankm Kinde ein Ding der Un­möglichkeit fei. Er vermied eS absichtlich, soweit als möglich, mit Fräulein Harmant zusammen zu treffen.

Paul Harmant hatte bis dahin dm Wunsch Lucian'S, möglichst allein und einsam zu fein, brücksichtigt— ein Wunsch, der, wie er sich selbst sagte, sich durch die tiefe Wmide, welche seinem Herzm geschlagen war, in hin- rnchender Weise erflfirte. _________

und Muße gegönnt, zu vergessen, aber Vater ebenso brauchm . . wohl als Tochter hätten sehr gern gesehen, daß er “ rascher vergessen hätte.

Jn Wir klichkett indeß vergaß Lucian keineswegs. Er hatte Lucie allzu lieb gewonnen, als daß er in wenigen Zages eine Liebe auS seinem Herzen hätte bannm kön­nen, welche so tiefe Wurzeln geschlagen hatte. Noch immer liebte er Lucie im Geheimen und ebmso hoffte er, wenn auch keine Wahrscheinlichkeit dafür vorlag, daß irgend ein unvorhergesehenes Ereigniß die durch ein böses Berhängniß zwischen ihm und Lucie geschaf- feite Kluft ausfüllen werde.

Die Traurigkeit Lucian'S wuchs mit jedem Tage anstatt sich zu vermiudem. Sobald er sich allein be- fand, versank er gewöhnlich in lange, schmerzliche Träu­merei und bemühte sich auch nicht im Geringsten, sich derselbm zu entschlagm.

Der falsche Paul Harmant hatte keinen Anlaß, eine wenigstmS in nächster Zett drohende Gefahr zu wittern und sah deshalb der Zukunft ohne Besorgniß entgegen, in der festen Ueberzeugung, daß Lucian über kurz oder lang sein Schwiegersohn werde. Die Krankheit Mary'S bereitete ihm zwar schweren Kummer, aber er utiuu doch einer großen Täuschung bezüglich des wirklichm , ™ _ WC8uai0 m „„ eoenw

"»bekannt, fragen Sie mich also'nicht, ich würde nicht ore oemnachstige Hettath die Gmesung Mary S herber- 1 '=*■—<-- *-•— ~

führen werde.

Vermischtes.

* Hamrover, 8. Nov Der im Spielerprozeß zu 4 Jahren Gefängniß verurtheilte Rittmeister a. D. von Meyrinck hat sich an der Thüre seiner Zelle erhängt vermittelst einer Borte, die er von einem Sessel abgelöst hatte. Die Leiche wurde den Angehörigen ausgeliefert und auf dem Stöckener Friedhof be­erdigt. Die Wittwe und deren Mutter waren die Einzigen, welche dem Mann, der unselig gelebt hat und unselig gestorben I ist, das letzte Geleite gaben.

* Der Marschallstab, welchen Kaiser Wilhelm dem Könige von Sachsen bei der Feier dessen 50jährigen Militärdienst­jubiläums überreichte, besteht aus einer mit hellblauem Sammet überzogenen silbernen Hülse. Dieselbe ist abwechselnd mit goldenen preußischen Adlern und preußischen Königskronen be­setzt und zwar derart, daß in einer Längsreche je sieben Adler und sieben Kronen Platz gefunden haben. Im Ganzen sind vier solcher Längsreihen angebracht. Die Hülse wird oben und unten von goldenen Kopfstücken abgeschlossen. Die obere Deckel­platte dieser Kopfstücke zeigt auf weißem Emaillegrund den Namenszug w. R, in Brillantrosen, von einem goldenen Lor­beerkranze umgeben, während die Emailleplatte von einer Reihe Brillanten umringt ist. Die untere Deckelplatte trägt auf lief- orangefarbenem Emaillegrunde einen mit Brillantrosen dichi besetzten preußischen Adler. Diese Platte ist von einer Reibe Smaragden und einer Reihe Brillanten umkränzt, welche die sächsischen Landesfarben symbolisiren. An den beiden Kopf­stücken ist fricsartig herumlc usend je ein Lorbeerband angebracht und von beiden Seiten durch einen mit Brillanten dichtbesetzten Rand abgeschlosien. Dieics Band trägt, wie die Dresdener Nachrichten mtttheilen, folgende Widmung: Wilhelm II., König von Preußen, dem Feldmarschall König Albert von Sachsen für Verdienste im siegreichen Feldzuge 1870—1871, zum 50jährigen Militärdienstjubiläum 24. Oktober 1893." Gegen den blauen Sammet sind die Kopfstücke durch eine Reihe von Perlen ab- geschlosfen. Außerdem sind in den Höhlungen der Kopfstücke je acht frei gearbeitete goldene Blumen einzefügt, auS deren Mitte sich große Brillanten herauSheben. Der Marschallstab hat eine Länge von 49'/, Zentimeter bei einem Durchmesser von 4 Centi- I meter und ist in seiner künstlerischen AuSsührung ein Meister­werk der königlichen preußischen Hofgoldschmiede Sy und Wag­ner in Berlin.

* Ein (Distauz-Raucheu.) In der Zeit der Distanzleistuu. gen aller Art dürfte schließlich auch ein Wett rauch en nicht fehlen, und so ist ein solches von dem Berliner Rauchklub, wel­cher den geschmackvollen Namen „Giftnudel" führt, veran- stattet und am Sonntag Abend im BereinSlokal, einer Schank- wirthschaft in der Manteuffelstraße, zum Austrag gebracht wor­den. Den Preis, bestehend auS einem sillbernen Zigarrenetui und zweihundert Stück Zigarren, sollte Der erhalten, der wäh- rend der festgesetzten zweistündigen Rauchzeit die meisten Zigarren aufraucht. Die bei dem PreiSrauchen konsuwirten Zigarren wurden vom Klub geliefert und waren selbstverständ­lich von gleicher Sorte. Den Preis gewann ein Schlaffer Na­mens. Knopf, der innerhalb der vorgeschriebenen zwei Stunden nicht weniger als zehn Cigarren in Asche verwandelte. — eini­gen der Herren schien aber dasS Preisrauchen nicht gut bekom­men zu sein, denn Einer nach dem Anderen retirite aus dem Lokal, und Alle kehrten nach einiger Zeit mit leichenblaffem Ge­sichts zurück.

* Die^ Posener Zeitung enthält folgende Rott,: „Im Lyrischen Berlage zu Berlin sind neuerdings Gedichte von Ottilia Boß erschienen. Das erste ist überschrieben: „Die Liebe. Meinen Anbetern gewidmet," und lautet:

„Ein Jeder hatte mich gern, Und alle wollten mich lieben, Und Alle zu lieben, das ist gemein. Drum ließ ich es lieber sein, Und mein Herz wurde zu Stein." Dem Gedicht hat Ottilie eine Liste ihrer Anbeter beigefügt die nach Namen und Stand bezeichnet sind. Es sind 111. '

* (Eine fette Ente.) Die deutsche Wochenzeitung in den Niederlanden schreibt: Trotzdem die heißen Tage-vorüber sind und der Entenstrich nicht mehr lohnend ist, schießen einige dakttonen noch ganz hübsche Exemplare. So theilt der „Delven- aar feinen arglosen Lesern mit, daß kürzlich beim Ausbaggern eines Grabens ein Spanier in voller Waffenrüstung gefunden worden fei, der die Augen noch ganz offen gehabt habe. Wir können hlnzufügen, daß der Mann in unserem Redaktionslokale erschienen ist und Freudenthränen darüber geweint hat*daß er durch den „Delvenaar" aus seinem Schlaf, der dreihundert Jahre lang gewährt hat, geweckt? worden ist.

Amanda und Raoul verbrachtm den Tag zusammen. Gegen Abend stattete der Arzt feinen gewohnten Besuch ab und erklärte, daß der Patient binnen drei oder vier Tagen Bois-le-Roi verlassen könne.

Amanda theilte Duchemin mit, daß er bei seiner Ankunft in Paris wegen einer Wohnung nicht in Ver­legenheit zu sein brauche. Sie stellte ihm ein Zimmer ihrer Wohnung in der Rue des Dames zur Verfügung.

Duchemin nahm selbstverständlich an, und Amanda reiste in fröhlichster Stimmung nach Paris zurück.

„Alles wird nach Wunsch gehen, dachte sie bei sich.

*

Mary Harmant hatte ihrem Vater von dem, waS zwischen ihr und Lucie bei Madame Augustine vorge­fallen war, nichts gesagt. Instinktmäßig fühlte ste, daß diese Scene für sie nicht besonders ehrenvoll sei, und sie fühlte in Folge dessen nicht daS Bedürfniß, sich desselben weiter zu rühmen. Freilich bekümmerte sie daS Unehrenhafte ihrer Handlungsweise sehr wenig. Sie hatte ihrer Nebenbuhlerin einen wuchtigen Schlag versetzt — an allem andern war ihr wenig gelegen. Die Verzweiflung und die Erbitterung Luciens waren für fie ber schlagendste Beweis, daß sie Lucian Labrone f“r sich verloren gab. Sie freute sich in wonnigen Gefühlen dieses entscheidenden Sieges und sah mit un­beschreiblicher Ungeduld dem Tage ihrer Vermählung entgegen.