JW 259 Samstag, den 11. November 1893. 20. Jahrgang
FuldakrWZeitlliig
Sehr interessant ist, daß der bekannte Professor Albert Maria Weiß in seinem Werke: „Soziale Frage und soziale Ordnung" Seite 786 die Ansicht aus- spricht: „Der Bauernstand bedarf vor allen der Aufrichtung , sowohl aus sozialen, wie aus politischen Gründen. Gerade weil er, dank der ihm eigenen Zähigkeit, noch nicht völlig vernichtet ist, muß man ihm um so eher unter die Arme greifen. Denn dar ist die erste Rege! der Klugheit, bei einer Restauration nicht das zuvor anzufassen, was ohnehin völlig zerstört ist und darüber auch das noch zur Hälfte Stehende verfallen zu laflen, sondern vorerst da? zu bessern, was noch einer Besserung fähig ist. ES ist nicht zu viel gefügt: wenn alle andern Stände außer dem Bauernstände vernichtet sind, so werden sie mit der Zeit
einzige soziale Bedeutung der Bauernstandes anerkennen und die Gesetzgebung mag sich dessen Erhaltung ernstlich angelegen sein lassen. Niemand möge aber in kurzsichtiger Verblendung die Bestrebungen begeifern, wie wir sie in den Bauernvereinen sehen, die nicht dem Bauernstände allein sondern in diesem der ganzen Nation zu Gute zu kommen. Die heidnische Sage erzählt bekanntlich von Riesen Antäus, der jeden ankommenden Fremden zwang, mit ihm zu ringen. Wenn er sie dann überwunden hatte, erwürgte er sie und pflanzte die Schädel um sein Wohnung auf. Was ihn im Kampfe unüberwindlich machte, war die Berührung feiner Mutter Erde, wodurch sich, wenn er niedergeworfen wurde, seine Kraft verdoppelte. Nur einmal fand er seinen Meister in Herkules, welcher AntäuS mit seinen Armen umfaßte und schwebend in den Lüsten hielt, bis er von des Helden Kraft erdrückt, seinen Geist aushauchte. Dieses Bild paßt auf den Bauernstand und so wöge man sich allseitig die Worte tief einplägen, mit denen Hansen sein Werk schließt: „Die Geschichte lehrt es: Ein Volk, daß sich einen gesunden Bauernstand bewahrt hat, kann wohl besiegt, kann auch niedergeworfen »erben, aber dem Antäus gleich erhebt es sich wieder frisch gestärkt von der Erde. Und wie Herkules den Antäus mit Leichtigkeit in seinen Armen erdrosseln konnte, nachdem er ihn vom Boden emporgehoben hatte, so ist auch ein Volk dem Verderben geweiht, wenn es durch Vernichtung deS Bauernstandes daS Band zerrissen hat, welches die Menschen mit der allnährenden Mutter Erde verknüpft." -
sunden Bauernstand mehr schaffen, wenn er auSge- rottet ist". — Das sind nicht von einsichtiger und kurzsichtiger Krämerpolitik eingegebene Ansichten, sondern eS sind die auf der Zinne der Wissenschaft mit weitausschauendem Blicke gewonnenen Anschauungen weiser Männer. Möge man auf ihren Raf hören, fo lange es nicht zu spät ist!
* Zur Zeit deS BombeuatteutateS im Theater zu Barcelona, über welches unter Ausland berichtet wurde, befand sich gerade die von Herrn Printz ge«
S Me soziale Bedeutung des Bauernstandes
(Schluß.)
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(164. Fsrtsezung)
.Was geschähe, wenn man erführe, daß Du ihm dieses Papier ausgehändigt hast?"
Raoul zitterte an alle» Gliedern, und eisig kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne.
„Ich wäre verloren," stammelte er, „unweigerlich verloren."
.Und Du möchtest Dich nicht an diesem Elenden rächen, welcher Dich scheinbar vor einem Abgrunde bewahrt hat, um Dich wieder in einen anderen Abgrund M stürzen! Du solltest nicht wollen, ihm dieses Papier zu entreißen, welches Dich verderben kann, sowie die falschen Wechsel, mit welchen er Dich in der Hand hat und dir Dich zum Schweigen veiurtheilen?"
„Mich rächen, ihm diese Papiere wieder entreißen — gewiß toüröe ich es thun. Ader wie es beginnen?"
„Hast Du Vertrauen zu mir?"
Raoul Duchemin schien zu zögern. Gleichwohl antwortete er nach einigen Minuten:
.^a.
„Willst Du m'ch handeln lassen und versprichst Du mir unbedingten Gehorsam?"
Deutsches Keich.
Berlin, 9 November.
„Ja. Was muß ich thun?"
„Das Thun und Treiben des falschen Baron de Reiß überwachen."
„Aber ich bin ja au'S Krankenlager gefesselt."
„Es ist gerade keine Gefahr im Verzüge, wir werden handeln, sobald Du wieder hergestellt sein wirst."
„Um zu handeln, bedarf ich Geldmittel, welche ich nicht besitze."
„Ich werde Dir daS nöthige Geld besorgen. Wir sind Beide, wenn auch wider Willen, die Mitverschworenen dieses Mannes, wodurch wir vielleicht Unannehmlichkeiten haben könnten. Wir haben also ein Interesse daran, gänzlich außer aller Gemeinschaft mit ihm zu kommen. Der vorläufig wichtigst- und dringlichste Punkt ist, zu erfahren, wo Ovide Soliveau, der angebliche Baron de Reiß, wohnt."
„Weshalb weißt Du dies nicht?"
„Ich will Dir die volle Wahrheit sagen."
Ämanda Rcgamy erzählte dem junge Manne alles, was wir bereits wissen.
„Aufmerksam hörte Raoul Duchemin zu.
~ „Jedenfalls ist gewiß," sagte er bann, daß der Schurke sich in sehr geschickter Weise Deiner Person zum Gelingen seiner Pläne bedient hat. ES ist augenblicklich nicht minder klar, daß es «feinem Interesse
DaS Mittel, einen gesunden Bauernstand zu erhalten, erblickt nun Hansen in erster Linie darin, daß der Bauernstand der allgemeinen Konkurrenz entrückt wird durch Gebundenheit deS Grundbesitzes und obligatorische Vererbung auf einen Nachfolger. Wo der Bauernstand noch kräftig ist, da genügt dieser Mittel allein. Dies dürfte aber nur selten der Fall fein. In i der Regel entschließt man sich ja erst zu Reformen, wenn eine wirklicheNothlage nicht mehr bezweifelt werden kann. Und die durch daS römische Erbrecht eingeführte freie Theilbarkeit des Grundbesitzes vermag in wenigen Generationen ben Bauernstand derartig zu fchwächen, daß er sich nicht mehr aus eigener Kraft emporzuarbeiten im Stande ist. Hier müssen also andere Mittel hinzukommen. Sind durch Emfuhr fremden Getreides die Preise derartig gedrückt, daß auch auf einem nicht überschuldeten Hofe der Anbau der Ge- ! treidefrüchte nicht mehr einen Reinertrag liefert, der einer Familie den anständigen Unterhalt gewährt, so hat der Staat durch Schutzzölle zu helfen. Auch die Hypotheken-Gefetzgebung müßte geändert, es müßte eine Grenze festgesetzt werden, bis zu welcher der einzelne | Hof belastet werden darf und eine Vertreibung des Bauern aus seinem Besitze sollte dem Gläubiger nur gestattet sein, wenn schlechte Wirthschaft nachgewiesen werden kann. Vielleicht wäre in solchem Falle die Einführung eines Sequesters, b. h. fremde Verwaltung unter Aufsicht der übrigen Gemeinbeglieder, zu empfehlen. Außerdem wäre in den meisten Staaten eine Lastenabschüttelung nöthig. Wäre eS möglich, die Grundsteuer durch andere Einnahme-Quellen zu ersetzen, so wäre darin eine gute finanzielle Grundlage zur Gesundung der ländlichen Kredit - Verhältnisse geboten. Jedenfalls müßte aber gleichzeitig durch gesetzliche Maß- nahmen ein weiteres Schuldenmachen verhindert werden. Das find die wesentlichsten Mittel, die Hansen zu I Gunsten der Erhaltung d-S Bauernstandes im Interesse der Gesammtheit angewandt wifien will. Ob in England und in anderen Ländern, wo der Bauernstand vollständig ausgerottet ist, eine Neuschaffung desselben '
mit solchen Mitteln noch möglich ist, erscheint Hansen i
sehr zweifelhaft, da die Geschichte kein Beispiel einer \
solchen Möglichkeit aufweist. Auch inFrnnkreich würde 1 ...., v„
die außerordentliche Zersplitterung des Grundbesitzes wieder aus diesem hervorgehen. Aber man kann keinen ge. große Schwierigkeiten machen. Verhältnißmäßig am c—m------” u ”
günstigsten scheint noch bieSage in Deutschland zu sein. „Aber," sagt Hansen, „in England wurde, um ein Bild zu gebrauchen, daS Feuer an einzelnen Stellen gelegt «nd fraß von da aus um sich, bis es das ganze Land erfaßt hatte. In Deutschland glimmt eS unter der Oberfläche. Noch ist eS möglich, denAnSbrnch zu verhindern ; geschieht aber nichts, so wird eS plötzlich daS ganze Reich in ein gewaltiges Flammenmeer verwandeln."
Nach dieser wissenschaftlichen Betrachtung eines un» parteiischen Beobachters unserer sozialen Zustände wird man es nicht als Uebertreibung ansehen, wenn wir sagen: Alle Stände und BevölkerungSklossen sollen demnach im eigenen wohlverstandenen Interesse die
■ । führte Karl Stangersche Reisegesellschaft in l j dem Theater. Erfreulicher Weise ist keiner der Thefl-
nehmer dieser vornehmlich aus Deuffchen bestehenden Gesellschaft dabei zu Schaden gekommen.
* Mit Bewunderung blickt die .Tägliche Rundschau', unparteiische Zeitung für nationale Politik, zu den im Spielerprozeß aufttetenden Offizierm auf. ' Sie erkennt darin ganz deutlich, „daß der bis zur ; Selbstvernichtung freudige Wagemuth im Kampfe mit der Drangabe der ganzen wirthschaftlichen . Existenz und Freihett im Spiele seelisch auf einem ; und demselben Baum blüht. Wir sind also völlig im ! Stande, in jenen Offizieren, welche so sorglos ihr und . ihrer Eltern Vermögen auf das Glück der Karten ' setzen, mit einem gewissen Stolze noch dieselben Männer zu erkennen, welche im Gewühl der Feld- schlacht ebenso unbekümmert als heldenmüthige Führer ihrer Soldaten in den Tod stürmen." — Man kann in der That die militärische Tapferkeit nicht tiefer
i herabwürdigen, als indem man den Wagemuth ? der Offiziere im Kampf für das Vaterland derartig ! in Vergleich stellt mit der Spielerleidenschast, welche fremdes Geld wagt in der Gier nach eigenem Geld«
l gewinn.
| * „Tief blicken" läßt die Wendung, mit welcher
? Herr Singer den sozialdemokratischen Parteitag in i Köln schloß: „Unser Weg zum Ziele", so schloß bet ' jüdische Führer, „muß immer revolutionärer werben.
i Wir werben nicht anfhören zu kämpfen, bis baS rothe i Banner bis Sozialismus von ben Zinnen ber Schlöffet
unb Paläste, ber Kirchen und ber Rathhäuser weht." „Die Synagogen nimmt Herr Singer anscheinend aus."
* Zum Gesetzentwurf über die Weiustener, welcher dem BundeSrath zugegangeu ist, werden offiziös noch folgende Mittheilungen gemacht: Bon Bedeutung erscheint eine Bestimmung, laut welcher dm Gemeinden gestattet werden kann, den Wem einer örtlichen BerbrauchSabgabe zu unterwerfen. Unter ben jetzt in Kraft befindlichen gesetzlichen Bestimmungen ( kann die Mehrzahl ber Gemeinden eine Weinabgabe > überhaupt nicht erheben, während anbere, in denselben ; wirthschaftlichen Verhältnissen befindliche, oft in unmittelbarer Nachbarschaft belegene Communen eine solche
- Steuer ergeben können, allerdings nur von inländischem . Wein; der ausländische Wein muß in Folge der Be-
i stimmungen des früheren, am 31. Januar 1892 abgelaufenen spanischen Handels Vertrages steuerfrei bleiben. Von der ben Gemeinden durch die Abänderung des Zollvereinsvertrages eingeräumten Befugmß, ihrerseits daS Bier und den Branntwein für Gemnndezwecke zu befteuern, konnte bisher kein Gebrauch gemacht »erben, weil ber Wein, das Getränk gerobe ber bester fituirten Minderheit, nicht mit zur Besteuerung herarigezogen werden durfte. Dem Reichstage find wiederholt Seitens der Gemeinden Petitionen wegen Abhilfe dieser liebel» stände ein gereicht worden, und 1889 hat die Petitions- Kommission des Reichstages diese Beschwerden als berechtigt anerkannt. Der neue Weinsteuer-Gesetzentwurf schlägt darum vor, dre noch in Kraft befindlichen gesetzlichen Borschriflen, welche einer Besteuerung des
liegt, möglichst im Verborgenen zu bleiben. Aber wie ihn wiederfinden, fo lange er sich verborgen hält? Wo ihn fachen!"
„Ovide Soliveau tennt eine angesehene Persönlichkeit, welche in Paris wohnt und deren Tochter in meinem Geschäfte, bei Madame Augustine arbeiten läßt", versetzte die junge Frau. „Diese Persönlichkeit ist ein großer Fabrikbesitzer, welcher seine Fabrik in Corrrbevvie hat. Gewisse Umstände, von welchen ich habe munkeln hören, berechtigen mich zn der Ser« muthnng, daß zwischen dem Industriellen und unserem Schurken eine sehr vertrauliche Verbindung besteht. Zunächst sind sie zusammen mit einander in Rew-Aork gewesen. Durch den Einen »erden wir wohl den Anderen finden. Sie kommen häufig mit einander zusammen, dies ist mir sehr zweifelhaft, unb wenn wir in der Nähe deS Hauses und der Fabrik Paul Har- rnant's uns auf die Sauer begeben, fo »erben wir den falschen Baron de Reiß jedenfalls ein Mal eintrete« sehen. In dieser Weife müssen mir, denke ich, Vorgehen "
„Aber wie sollen wir handeln, ehe ich wieder her- gestellt bin?"
„W'.r »erben Deine Genesung abwarten. Die Hauptsache ist, daß wir einstweilen einstimmig find.