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20. Jahrgaue

Donnerstag, den 9. November 1893.

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drücklich als ein beabsichtigtes Lügengewebe dargestellt. In feinem 1886 erschienenen Buch „Bekenntnisse eines ehemaligen Freidenkers" erzählt Toxil, wie er, um einem heruntergekommenen Blatt aufzuhelfen, zu diesem Schurkenstreich Anlaß gab. Damals (1881) war Pms IX. erst drei Jahre tobt, das Schandwerk machte riesiges Aufsehen. Der Nrffe des Verstorbenen, Graf Girolamo Mastai, strengte Klage gegen Taxil wie gegen die Ver­leger an, und am 29. Dezember 1881 entschied das Civilgericht von Montpellier, die Beklagten hätten sich einer großen Verleumdung des Papstes schuldig ge­macht, worauf die Verurthnlung zu 60,000 Frcs. Schadenersatz und 5000 Frcs. Gebühren für Beröff-nt- lichung des Urtheils in 60 Zeitungen erfolgte. Meine lieben Freunde im Ardelterstande, lastet euch nicht täuschen. Eine Partei, welche Gott leugnet, dre Reli­gion verlästert, die Kirche und ihre Diener herab­würdigt, bringt euch keinen Nutz n. Sie kann nichts Gutes für euch wirken, sie kann nur Unzufriedenheit und Verwirrung Hervorrufen, welche euer hartes Loos härter wacht. Soll euere Lage verbessert werden, so muß vor allem Religion und Sittlichkeit, Zucht und Ehrbarkeit, Sparsamkeit und Mäßigkeit in de» Familien und Gemeinden gepflegt werden, zugleich muß eine weise und energische Gesetzgebung Schutz gegen Aus­beutung der Arbeitskraft, gegen Wucher und ungerechte Bedrückung gewähren. Diese Aufgabe ist schwer, und sie kann mckt plötzlich gelöst werden. Die Regierungen haben in Verbindung mit den christlich gesinnten Fraktionen, insbesondere mit dem Cent rum, manches Gute schon zur Verbesserung der Arbeiter-Verhältnisse gethan. Es müssen aber die Arbeiter selbst dazu Mit­wirken, indem sie in guten Vereinen zusammenstehen, um die großen sittlichen Güter sich zu wahren und ihre gemeinsamen Interessen einmüthig zu fördern. Ich empfehle euch dringend den Beitritt zu den christlichen Arbeiter-Vereinen und die Lossagung von den anti- christlichen Verbindungen. Ein schwerer Kampf istrdas Leben, dar Leben der armen arbeitenden Klassen zumal. Aber kämpfen wir den guten Kampf, indem wir unfern Glauben bewahren und unsere ehrenhafte redliche Gc- stnnung. Kämpfen wir den Kampf nach dem Beispiele deS lieben Heilandes, der sein Kreuz in Geduld trug und uns sagt: „Wer mir nachfolge« will, der nehme fr in Kreuz auf sich und folge mir nach." Harren wir gleich dm Heiligen, deren Fest wir heute feiern, in den Leiden dieser Welt muthig aus, damit wir, mit ihnen die Krone des ewigen Lebens erlangen. Mainz, am Feste Allerheiligen 1893.

Kanzleidiener im Auswärtigen Amt Schrader, der sich in Begleitung des Chiffreurs des Auswärtigen Ämter im Gefolge deS Kaisers befand, ist gestern Abend auf der Station Mansfeld, wo er irrthümlich nicht auf den Perron, sondern auf der Schienenseite ausge- stiegen war, von dem Sonderzuge, den er in der Fahrt wieder besteigen wollte, überfahren und auf der Stelle getödtet worden. Der Kaiser hat sofort angeordnet, daß die Leiche auf seine Kosten nach Berlin üderge- führt und hier beerdigt werde.

* Heute sind die Wahlen der Abgeordnete« zum preußischen Landtage vollzogen. Besondere lieber- raschungen konnten dieselben nicht bringen, da die Richtung mit den Wahle» der Wahlmänner gegeben war. In Berlin hat sich die freisinnige Volkspartei, woran von vornherein Niemand gezweifelt hat, be­hauptet, es sind gewählt Parisius, Dr. LangerhanS, Hugo Hermes und Eugen Richter. Letzterer ist in seinem alten Wahlkreise Hagen durchgefallen; er er- hielt 4 Stimmen weniger als sein nationalliberaler Mitbewerber Lohmann. In Voraussicht seines Hagener Durchfalls hatte sich Herr Richter als kluger Mann ein Mandat in Berlin reservirt.

* Nach dem dem Bundesrathe heute zugegangenen Entwürfe eines WeinstenergesetzeS fallen besteuert werden Naturwein im Werthe von mehr als 50 Mk. für das Hektoliter mit 15, Schaumwein mit 20 und Kunstwein mit 25 Prrc. vom Werthe, mindestens aber mit 10 Mk. für dar Hektoliter. Als Naturwein gilt Wein und Most aus Trauben, Obst und Beeren, ein­schließlich durch Claretweins; Wein auS Trestern, so­fern die Herstellung nicht gewerbsmäßig erfolgt; unter Zusatz von Rosinen hergestellter Deffertwein (Süd-, Süßwein) ausländischen Ursprung?. — Emgrstawpfte oder gemahlene Weintrauben (Traubenmaische) werden dem Most gleichgestellt. — Als Schaumweine werden behandelt alle schäumenden Getränke aus Wein, wein» haltiaen und weinähnlichen Stoffen, welche in festver­schlossenen Flaschen in den Verkehr gelangen. — Als Kunstweine gelten alle nicht unter die beiden vorigen Kategorien fallenden Getränke, welche nach Aussehen und Geschmack weinarng sind oder unter der Bezeich­nung „Wein, Kunstwein, Facomvein" oder unter einer ähnlichen Bezeichnung zum Verkaufe gelangen. Mit Ausnahme des nicht gewerbsmäßig hergrstellten Trester- Weines und deS Claretweins gehören insbesondere hier­her alle diejenigen Getränke, welche im Sinne des Se- sitzeS, betr. den Verkehr mit Wein u. s. w. vom 25. April 1892 als Weinverfälschungen anzusehen sind. — Die Steuerpflichtigkeit tritt ein, wenn der Wein vom AuS- lande oder von einer Zollniederlage oder vom inländi­schen Hersteller ober Großhändler an den Kleinhändler oder Verbraucher übergeht. Steuerpflichtig ist der Kleinhändler oder Verbraucher. Tie näheren Bestimm­ungen hierüber sind schon früher mitgetheilt.

* Der während der Verhandlungen deS Reichstags über die Ahlwardt'fche Behauptung betr. di- Be- grün bürg des JnvalidenfondS mehrfach (als Aktendieb)

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(162. Fortsetzung.)

57.

Amanda zuckte vor Freude zusammen.

„Zu welcher Tageszeit könnte ich Herrn Duchemin besuchen, ohne befürcht-n zu müssen, gestört zu werden?" frug sie lebhaft.

„Nachmittags wird es am besten gehen, vor dem Abenb-Befuche deS Arztes," sagte die Magd.

„Also morgen nach dem Frühstück werben Sie mit mir zu ihm gehen, nicht wahr?"

„O ja, recht gern, Madame."

Amanda frühstückte g-Wöhnlich gegen 11 Uhr. Am folgenden Morgen erschien sie nicht vor 12 Uhr und blieb länger als gewöhnlich bei Tische fitzen.

Sie wartete, bis Madeleine mit ihrer Arbeit fertig sei und die meisten Gäste sich entfernt hätten. Gegen 1 Uhr gab ihr die Magd ein Ze chen und verschwand alsdann im Hofe, wohin Amanda ihr ebenfalls schleu­nigst folgte. Die Magd stand bereits auf der Treppe, welche sich im Stalle befand.

„Wir haben zwei Stockwerke zu erklimmen, Madame, sagte Madeleine. „Sputen wir unS also." Damit eilte sie die Trepp; hinauf und auf dem zweiten Stock schritt sie durch einen Gang, auf welchen mehrere Thüren auS- gingen.

Er hörte also fehr deutlich, daß eS zweimal an seiner Thür klopfte und ohne sich weiter zu fragen, Ker um diese Stunde, wo man ihn gewöhnlich ruhig schlafen ließ, kommen möchte, rief er mit ziemlich fester Stimme:

„Herein!"

Dre Thür öffnete sich leise. Amanda überschritt die Schwelle des 8immer8, in welchem der Verwundete lag und schloß die Thür hinter sich zu.

Der junge Mann erwartete so wenig, seine ehe­malige Dulcinea vor sich zu sehen und er dachte so wenig in diesem Augenblicke an sie, daß er sie auf den erste» Blick gar nicht erkannte. Erstaunt richtete er sich im Bette empor, stützte sich auf einen Ellenbogen und blickte dann die Eintretende verwundert an.

Raschen, sozusagen schleichenden Schrittes war Amanda bis zu dem Bette vorgeschritten. Dann blieb st- stehen. Während ihr hübsches, zugleich lachendes und betrübtes Gesicht die verschiedensten Gefühle verneth.

Erst jetzt erkannte Duchemin sie und stieß einen Ruf der Verwunderung aus, ohne indeß im Geringsten er- zürnt zu erscheinen.

„Amanda!" rief er, „Du, Du hier!"

„Gewiß, gewiß, mein lieber Freund," erwiderte das junge Mädchen, indem es seine Hand au die Lippm führte. „Meine Anwesenheit braucht Dich nicht zu wundern; ich war Augenzeuge des Unfalles,H dessen Opfer Du geworden bist, ich habe Dich sogleich Wieder

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* Gegen die sozialdemokratische Kresse i hat der Hochw. Herr Bischof Paulus Leopold von \ Mainz anläßlich der nichtswürdigen Angriffe deS .Offenbacher Abendblatt' aus die Kirche, ihr Oberhaupt und ihre Diener ein Hirtenschreiben an die Katho­liken von Offenbach und Umgegend erlassen, in welchem es heißt: Zu den schlimmsten Gefahren, welche den Glauben, die Sittlichkeit und die Ordnung bedrohen,^ gehört die Wirksamkeit einer zügellosen Presse. Es wird eine solche insbesondere in den B zirk-n unseres Landes - verbreitet, in welcher eine zahlreiche Arbeiter-Bevölke- j rnng sich befindet. Ihr ist von den Führern der gegen . kirchliche und staatliche Ordnung verschworenen Partei ’ hie Aufgabe zugewiesen worden, die katholische Reli- , gion in weiten Kreisen, namentlich in der Landbevöl» > leritng, durch Herabwürdigung der Geistlich- j leit zu unterwühlen. Darum bringt diese Press- s it > längerer Zeit ohne Unterlaß Angriff- gegen den guten j Ruf einzelner Gastlichen. Da dieselben wiederholt ; durch den Schutz der Gerichte zurückgewiesen wurden, i so werden nunmehr die schändlichen Verdächtigungen f gegen Verstorbene gerichtet. Seit einigen Monaten I geht ein Artik-l durch die Presse, welcher die Päpste : der Unstttlichkeit beschuldigt. Eine Reihe von Päpsten i von dem 10. Jahrhundert angefangen bis auf die beiden ; Vorgänger unseres gegenwärtigen hl. Vaters herab - werden der niedrigsten Laster angeklagt. Nachdem diese ; Verdächtigung der Päpste im ,Offenb. Aberdb!.' Nr. i 274 verbreitet wurde, erachte ich es als eine Pflicht, j dagegen eine Erklärung zu erlassen. WaS der Artikel - über die Päpste deS 10. Jahrhunderts, mit Berufung auf den von falschen Berichten getäuschten Baronius, sagt, ist eine durch die Geschichtsforschung vollkommen klargestellte Uebertreibung. Es ist leider wahr, daß auch in spätem Zeiten einige Päpste sich finden, welche durch Prachtliebe und Verschwendung, namentlich durch Begünstigung ihrer Verwandten Aergerniß gaben. Aber die Borwürfe schwerer Unsittlichkeit sind größtentheilS Erfindungen von Feinden der Kirche, welche insbe­sondere von den Schriftstellern der Reformation aus- gebeutet wurden. Die Personen, von denen der Arrikel redet, waren vielfach gar nicht rechtmäßige Päpste. WaS über die in Avignon residirenden Päpste gesagt wird, ist theilS offenbar den geschichtlichen Thatsachen widersprechend, theilS in sich widersinnig und eugen- fällig erdichtet. SixtuS IV., von welchem der Artikel die schändlichsten Dinge aussagt, ragt durch große GeisteSgaben, Herrschertalent, ebefn Hirteneifer und vollkommene Sittenreinheit hervor. Die Verdächtigung gipfelt in der Schmähung des durch Milde, Frömmig- leit und Sittenstrenge ausgezeichneten Gregor XVI. und des ehrwürdigen, großen, noch in frischem An­denken stehenden Pius IX. Drei Jahre nach dem Tode deS Letztem erschien in der Thai ein Roman, welcher ihm die schändlichsten Dinge nachsagte. Aber dieser Roman wirb von feinem Urheber, Leo Taxil, einem ehemaligen Freidenker, der sich später bekevrte, anS-

Dmtsches Keich.

Berlin, 7. November.

* Der Kaiser ist heute früh in Tübingen eingr- troffen, woselbst er vom Könige von Württenberg em­pfangen und nach Schloß Babenhausen geleitet wurde. — Auf der Reise des Kaisers nach Babenhausen hat sich leider ein Unglücksfall ereignet. Der Geheim-

Fräulein Amanda blieb der Magd stets dicht auf den Fersen. Erregt folgte sie ihr — welchen Eindruck Würde sie, fo frug sie sich inzwischen, wenn sie uner­wartet käme, wohlauf ihren früheren Liebhaber machen, den sie nahezu vor die Assisen gebracht hatte.

Die Magd blieb vor einer Thür ganz am Ende deS Sanges stehen. „Hier ist's, Madame," fugte sie, indem sie sich an Amanda wandte. „Der Schlüffe! steckt im Schlosse." Dann entfernte sie sich rasch.

Einige Minuten blieb die ehemalige Liebhaberin des Beamten der Bürgermeisterei von Joigny stehen und legte ihr Ohr an die Thür, Welche ihr die Magd be­zeichnet hatte, horchend und sich nicht getrauend, ein­zutreten, wie von einer plötzlichen Beklemmung befal­len, die nicht wett von Furcht entfernt war. Gleich­wohl gebrach eS ihr nicht an Muth und der Plan, welchen sie gefaßt hatte, stand bei ihr durchaus fest. Um nichts in der Welt hätte si; die AuSführu -g des­selben verzögert. Freilich konnte sie sich, wie wir Wiederholen, einer gewissen Erregung nicht erwehren, die übrigens ja durchaus natürlich war.

Rasch entschloß sie sich indessen und klopfte zjoeimal leise an.

Raoul Duchemin lag noch immer zu Bette, den Kopf in Kompreffen und Binden eingehüllt, aber mne Kräfte waren sehr bald zurückgekehrt, er sah und hörte gut und konnte ohne die geringste Anstrengung eine Unterredung vertragen.