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jy 256 Mittwoch, den 8. November 1893, 20. Jahrgang

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• Hohe Politik.

Die .Hamburger Nachrichten, veröffentlichen nach­stehende üvei sichtliche Darstellung:

Rußlands ernstlickster Gegner ist zu­nächst England, sowohl in Asten wie am Bos­porus. Oesterreich kommt Zunächst in zweiter Linie und nur bedingungsweise in Betracht; denn mit ihm könnte unter Umständen auch ein Abkommen gelingen, wie schon einmal em» in Reichsstadt gelungen ist. Ob dasselbe auf der Basis: Konstantinopel für die Russen, Saloniki für die Oesterreicher, oder auf einer andern zu Stande käme, ist hier gleichgiltig; es genügt die Möglichkeit einerBerständigung mitOester­reich, die mit England überall nicht besteht, weder in Bezug auf Asien und Indien, noch in Be­zug auf die Herrfchast am goldenen Horn. Dieser Gegensatz zu England bestimmt in Wahrheit fast allein die russische Politik und eS wäre thöricht, zu glauben, daß Rußland, um Frankreich ge­fällig zu sein, die Hauptziele seiner Politik in Asten und Europa durch Unternehmungen gefährden werde, die mit seinen eigenen Interessen nichts zu thun haben. Letztere erheischen weder eine Unterstützung Frankreichs gegen Deutschland, noch eigene kriegerische Unternehmungen gegen daS deutsche Reich, mit dem Rußland in keinerlei Konflikt steht, mit dem es weder Grenzen zu reguliren, noch alte Rechnungen zu begleichen hat. Der Panflavis- muS aber, soweit er gegen Deutschland richtet, ist in der Hauptsache nichts anders als das Produkt solcher russischer Zeitungen, die in Wirklichkeit nicht von Russen zur Wahrung russischer Interessen geschrieben werden, sondern die im polnischen, französischen oder sonstigen Solde stehen und nichts anderes bezwecken, als Rußland und Deutschland in einen Krieg gegen­einander zu treiben, von dem Hintermänner jener Blätter für ihre eigenen Pläne Bortheile erhoffen. Diese Blätter haben aber in Wirklichkeit nicht entfernt die Macht, das offizielle Rußland zu einem Feldzug gegen Deutschland im Ramm des PanslaoismuS zu zwingen. Es liegt für Rußland zunächst keinerlei Grund vor, mit Frankreich eine Waffenbrüderschaft gegen Deutschland abzuschließen; dies um so weniger, als Rußlano ohnehin sicher sein darf, daß in dem­selben Augenblick, wo durch eine ungeschickte Diplo­matie ein deutssch-russischer Krieg dennoch pro- vozirt würde, die französischen Gewehre von selbst loSgingen. Wchhalb sollte da Rußland mit Frankreich erst einen Vertrag schließen, der ihm keinerlei weitere Bortheile brächte, wohl aber seine Ent­schließungsfreiheit lähmte?

An dieser Lage der Dinge könnte nur etwas ge­ändert werden, wenn Deutschland seinerseits russische Interessen thatsächlich verletzte oder zu verletzen schien. Dies wäre nur möglich durch Parteinahme für England gegen Rußland, einerlei in welcher Form; in diesem Punkte, der die wichtigsten Interessen Rußlands berührt, ist die Petersburger Diplomatie mit

die fie

„Herr Advokat Darier?" frag sie den Schließer, welcher ihr dann das Stockwerk bezeichnete. Johanna ging die Treppe hinauf und klingelte.

Die alte Magd kam und öffnete ihr.

„Ist Herr Advokat Darier zu Hause?" frag Jo­hanna.

„Herr Darier ist nicht zu Hause," antwortete die Magd. „S,e kommen gewiß in geschäftlichen Ange­legenheiten ?"

„3a."

„Herr Darier wird bedauern, daß Sie ihn nicht j angetroff n haben, aber er ist verreist."

„Wird er lange auSbleiben."

„Einige Tage."

„Ah!" sagte Johanna enttäuscht. \

„Herr Darier hat in Tours einen Prozeß zu füh- i reu, er wird erst nächsten Mittwoch zurückkommen." j

„Sechs Tage!" rief die Bredträgerin aus, „fechs : Tage soll ich warten!"

„Sie werden wohl nicht anders können Madame." *

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(161. Fvrrjetzurrg.)

In weniger als zwanzig Minuten hatte sie Wohnung des Advokaten erreicht, so rasch war dahingegangen.

Recht sehr empfindlich. Hat man in Petersburg den Eindruck, daß eine deutsch-englische Intimität mit einer Spitze gegen Rußland besteht, so wird die natürliche Folge davon sein, daß Rußland ein stärker er Attachement an Frankreich sucht, als dies sonst für nöthig und nützlich gehalten worden sein würde. Der Dreibund als solcher be­droht Rußland und dessen Politik in keiner Weise und kann folglich Rußland nicht zu Demonstrationen ver­anlassen. Die« geschieht aber sofort, wenn der Drei­bund in den Verdacht geräth, die antiruffifchen Interessen Englands mit seiner Macht direkt oder indirekt zu decken. Wenn der russische Besuch in Toulon und Paris irgend eine politische Spitze gehabt haben sollte, so ist sie nicht gegen Deutschland und den Dreibund gerichtet, sonvern gegen Eng­land und gegen die Möglichkeit einer Unterstützung der antirussischen Pläne dieser Macht durch den Drei­bund. Diesem Zusammenhänge entspricht auch die Ent­sendung eines englischen GeichwaderS nach den italienischen Häfen, um dm Russen in Toulon ein Parolie zu bieten. Wenn England Annäherung an dm Dreibund sucht, so darf man sicher fein, daß der Grund dafür in lediglich egoistischen Erwägungen der englischen Politik, in dem Bedürfnisse liegt, mo- mmtan die eigenen Interessen besser fördern oder schützen zu können; eine Garantie für englische Gegm- leistungm in der Zukunft wird dabei in keiner Weise geboten. England wird sich stets von Fall zu Fall so entscheiden, wie sein eigener Nutzen es ihm räth- lich erscheinen läßt, gänzlich unbeeinflußt durch die Er­innerung an früher erbetene und erhaltene Freundschafts­dienste. DaS richtige Verständmß hat Italien be­wiesen, also daS Land, von 'dem man allgemein an- nimmt, daß ihm Englands eventuelle Unterstützung im Kriegsfälle in erster Linie zu Gute kommen würde. Italien aber hat, wie verschiedenartig glaubhaft ver­sichert worden ist, wenn such teir.tr. geheimen „Vertrag" mit Rußland geschloffen, so sich doch dessen Mediation in Paris für gewisse Fälle gesichert. Daß dieser Um­stand als Beweis für das Vertrauen Italiens auf England aufzufassen wäre, wird kaum behauptet werden können. Weshalb aber soll der Dreibund oder speziell Deutschland vertrauensvoller gegen Eng­land fein als Italien? Ist das „Gespenst der russisch- französischen Allianz" in Toulon und Paris wirklich deutlicher als bisher aufgetaucht und kann es durch Tarent in keiner Weise als beschworen gelten, so gibt eS ein einfaches Mittel letzteres nachzuholen. Seine Anwendung liegt in dm Händen der deutschen Diplo­matie; es besteht in der Beseitigung be$ Eindrucks, daß Deutschland nicht mehr wie früher völlige Neutralität zwischen Rußland und England beobachtet. Wird dieser Eindruck be­seitigt, so wird nach dem Satze cessante causa cessat effectus die französisch-russische Intimität sehr bald wieder auf das natürliche und ungefährliche Maß zusammenschrumpfen, das sie früher hatte. Die traditionellen guten Be-

„Run denn, fo werde ich über fechs Tage wieder- kommen," murmelte Johanna mtmuthigt und kehrte bann wieder zum Quai Bourbon zurück.

Lucie hatte mittlerweile ein heftiges Fieber be­fallen und sie hatte sich zu Bette begeben müfsm.

Eisig kalt überlief er Johanna, als sie bei ihrer Heimkehr Lucie krank antraf. Der Gedanke, daß ihre Tochter sterben könne, machte sie am ganzen Leibe erzittern.

„Nun, Mutter L'fon?" frag die Arbeiterin mit schwacher Stimme.

„Meine Theure, Herr Georg Darier ist von Paris abwesend. Sobald er zmückgekehrt sein wird, werde ich wiederum zu ihm gehen. UebrigenS können wir in dir fern Augenblicke nicht weiter an ihn denken, sondern zunächst an Sie; Sie scheinen unwohl zu sein."

„Ich will einen Arzt Holm."

„Wozu?'

„Wie wozu? Aber ich will nicht, daß Sie krank seien! Das kleinste Unwohlsein kann böse Folgen haben, wenn man nicht rechtzeitig Vorsorge trifft. Sie mögen fugen, was Sie wollen, ich werde nicht auf Sie hören."

In aller Eile verließ die Brodträgerin daS HauS und ging einen Arzt suchen den sie auch rasch fand und mitbrachte.

Nachdem der Arzt das junge Mädchen unterfucht

ziehungen zu England brauchen deshalb nicht verletzt zu werden, es genügt die Wiederherstellung deS status quo ante.

Deutsches Keich.

Berlin, 6. November.

• Der Kaiser ernpfiag heute Mittag dm Prinzen Friedrich von Hohenzollern, der sich als kommandiren- der General der III Armeekorps meldete. Heute Abend reist der Kaiser einer Einladung deS Königs von Württemberg zur Jagd folgmd nach Schloß Baben­hausen bei Tübingen. Am 10. d. M. trifft der Kaiser bei dem Minister des Königlichen Hauses von Wedel zur Jagd in PieSdorf ein. Die Rückkehr nach Pots­dam erfolgt am Sonnabend. Am Sonntag dürfte dann in Gegenwart des Kaisers die Vereidigung der neu emgetretenm Rekruten der Berliner Garnison erfolgen.

* Die vom Kaiser anläßlich des EpielerprozeffeS in Hannover erlassene Kabinetsordre ist in den letzten Tagen dm Offizieren zur Kmntniß gebracht worden. ES steht außerdem fest, daß die Mehrzahl der in Hannover kompromittirtm Offiziere dm Abschied erhalten wird.

* Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braunschweig, ist seit dem 3. d. M. zu Cammz in Schlesien an der Influenza erkrankt. DaS Fieber ist von mäßiger Hohe. Bulletin» werden nicht auSgegebm-

* Das Ergebniß der Wahle» ist bei dem preu­ßischen Wahlsystem sicher und genau erst bei dem zwei­ten Wahlakte zu übersehen, der morgen erfolgt. So weit bis jetzt zu übersehen, werden die beiden konser­vativen Parteien etwas gewinnen, die Nationalliberalen einige Verluste und einige sich ausgleichende Gewinne haben, die Freisinnigen beider Richtungen Verluste haben, die in Anbetracht ihrer bisher schon geringen Abgrorduetmzahl empfindlich sind, die Polen endlich werden etwas verlieren. DaS Cmtrurn behauptet sich in seinen sämrntlichm westet oischm Mandaten (drei Viertel seiner ganzen Zahl) glänzend, und nur der Wahlkreis Olpe-Meschede erregt noch Jntereffe insofern, ob Reichsgerichtsrath Rinielen ober Buchdruckereibe- fitzer Fußangel der Erkorene fein wird. Im oftelbischm Preußen aber verliert das Centrum einige Mandate sicher und einige andere sind noch zweifelhaft. Allen- stein-Rössel mit 2 Abgeordneten wird wahrscheinlich gegen die unnatürliche polnisch-mittelparteiliche Coali- tion behauptet, nur absolut sicher aber ist daS noch nicht. Könitz, daS immer nur durch Compromiß mit Polen ober Freisinnigen Erfolg hatte, ist verlorm und wir verloren dort einen Sitz. Schlesien aber ist dieses Mal das Schicksalsland des CentrurnL. ES find ab­solut sicher die beiden rnittelschlesischen Wahlkreise mit fünf Abgeordneten und in Oberfchlefim die Mandate für Neisse-Grottkau, Neustadt-Falkmberg, Kosiel-Levb- fchütz, Pleß-Rybn.k und Tost-Gleiwitz mit elf Abge­ordneten, ebenso ein Mandat für Kreutzburg-Rosenberg auf Grund de» alten CornpromifstS mit der Conserva- tivm. Der Ausfall der Wahl in den übrigen bis-

hatte, schüttelte er dm Kopf und zog die Augenbrauen in die Höhe. Der Fall war schwer, oder konnte e» wenigsten» sehr leicht und sehr bald werden. Eine Gehirnentzündung konnte mit jedem Augenblicke auS- brechen. Der Arzt schrieb ein Rezept und entfernte sich mit dem Versprechen, daß er am nächsten Tage wiederkommen würde.

Johanna eilte zur Apotheke, ließ das Rezept machen und kehrte an da» Krankenlager de» jungen Mädchens zurück, welche» sie nicht mehr verließ bis zu dem Augenblicke, wo sie ihre gewohnte Arbeit in der Bäckerei des Herrn Sehr et ausnehmen mußte.

Wir haben unfern Lesern noch nicht mitgetheilt, au» welcher Veranlassung Raoul Duchemin, der Be­amte von der Bürgermeisterei zu Joigny sich in dem Zuge befand, welcher in der Nähe deS Bahnhofes von BorS-le-Roi in Folge eine» Versehens mit einem anderen Zuge zusamengestoßen war.

Obgleich der Weinhändler en gros, welcher die falschen Wechsel in Händen hatte, vollständig bezahlt wordm war, so scheute sich dieser Mann trotz der drohenden Worte Ovide Soliveau'S dennoch nicht, Jedem, der eS hören wollte, die Geschichte mit der Zahlung zu erzählw, welche an ihn auf so unerwartete Art und Weise vo r dem Beschützer deS jungen Mannes erfolgt war.