Beilage zu Nr. 254 der »Fuldaer Zeitung".
_______________•__ Sonntag, den 5. November 1893^
tretenden umsahey.
I hat. War für Stadt« und Vororts-Bahnen in großen Städten paßt, braucht noch nicht für den sogen. Fernverkehr zu paffen.
Einen Vortheil bietet freilich das neue System insofern, als jeder Reisende während der ganzen Fahrt im Besitze einer richtigen und durchlochten Fahrkarte sein muß. Täuschungen mit angeblich schon abgenom- menen Karten sind auSgeschlosien. Damit läßt sich schon viel machen, wenn die Bahnverwaltung wirklich überraschende „Revisionen" der Fahrkarten eintreten läßt. ES kommt nicht so sehr auf die Häufigkeit der Revisionen an, als auf das Unberechenbare und Unerwartete. Die Revisoren dürfen nicht schon von Weitem kennbar sein und dürfen nicht in einer gewißen Regelmäßigkeit sich einstellen.
Noch mehr würden wir uns von der Abschaffung der ganzen Rückfahr-, Saison-, Rundreise- rc. BilletS versprechen. Die Vereinfachung des verzwickten Billet- | Systems setzt freilich eine gründliche Reform des Tarif« wesens voraus. Der Preis für die gewöhnliche Fahrkarte muß so billig sein, daß all' die Ausnahmen, die man jetzt nach und nach zur Erleichterung des Verkehrs eingeführt hat, überflüssig werden. Dabei muß für ] größere Entfernungen ein angemessener Abschlag eintreten. Ob man diese Reform als „Zonen-Tarif" gestalten oder ob man eine andere Grundlage ausdenken | will, kann uns ja zunächst gleich sein. Das Hauptziel bleibt: eine einzige Billet-Art für alle Leute, mögen sie hin oder her, zum Geschäft oder zum Vergnügen reisen. Das würde die Hinterziehung sehr erschweren, die Kontrolle bedeutend erleichtern.
Aber unsere Herren Minister denken jetzt nicht an Reformen, sondern nur an Lastenvermehrung, was sie mit dem rosigen Worte „Steuer-Reform" umschreiben. Der Eisenbahn-Minister sagt, er könne die Tarife nicht reformiren, weil er zu wenig Einnahmen habe: und er hat zu wenig Einnahmen, weil er die Tarife nicht refor- mirt. Der Postminister sagt, er könne die hohe Post- anweisungS - Gebühr von 20 Pfennig für Sendungen von einer oder einiger Mark nicht herabsetzen, weil er bei der schlechten Finanzlage keinen „Ausfall von Mil- lionen" riskiren könne. In Wirklichkeit würde diefe Herabsetzung ihm Nutzen bringen, weil dann die Leute nicht mehr so viel kleine Sümmchen in Briefen verschicken und der Verkehr sich überhaupt erweitern würde. Dem Verschicken in Briefen müßte auch schon deshalb gesteuert werden, um die Beamten nicht zur Briefunter, schlagung zu verlocken.
ES fehlt an Weitsicht und Muth!
ES war Lucie selbst, welche mit Arbeitssachen unter dem Arm den Salon betrat, wohin man sie gewiesen hatte. Einen Augenblick lang standen alle drei Personen sprachlos da.
„Ja, urtheilen Sie seihst", begann Lucie mit flam- mendert Blicke wieder, „ich habe alles gehört, was Fräulein Harm ant gesagt hat — sie hat nicht die Unwahrheit gesagt, ich bin die Tochter derjenigen, welche man verurtheilt hat wegen eines dreifachen Verbrechens! Ich weiß wohl, daß die Schmach derjenigen, welche mir dar Leben gegeben, auf mich zurückfällt, daß ich darunter leiden werde — und dennoch bin ich unschuldig an Allem."
„Unschuldig?" wiederholte Mary, sich zornig zu Lucie wendend.
„Freilich haben Sie die Verbrechen Ihrer Mutter nicht begangen, es ist wahr, aber Sie wissen, wie dar Sprüchwort sagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Unschuldig — sagen Sie? Hätte nicht mein Vater zufällig eine Entdeckung gemacht, fo wäre ich jetzt nicht mehr, gestorben wäre ich an gebrochenem Herzen. Sie wären es schuld gewesen. Nun, die ganze Stadt wird bald wissen, daß Sie die Tochter einer solchen
Erschöpft hielt Mary einige Minuten inne. Dann fuhr sie fort:
„Denken Sie sich, Madame Augustine, diese Lucie, welche stets für Sie gearbeitet hat und die Sie gewiß ebenso tote ich für eine Heilige angesehen haben, sie ist die Tochter einer Frau Johanna Portier, welche vor langen Jahren verurtheilt worden ist, den Fabrikbesitzer Labrone in Alfortville ermordet zu haben, nachdem sie seine Fabrik in Brand gesteckt und ihn be« stöhlen hat. Dies Alles haben wir ganz zufällig erfahren — urtheilen Sie jetzt selbst über Lucie ..."
„Ja, urtheilen Sie jetzt selbst über Lucie", ließ sich in diesem Augenblicke eine Stimme von der Thüre des Salons her vernehmen, während Madame Augustine
N. Fahraeld-Htnterjiehlmgeu.
Berlin, 31. Oktober.
Vor Kurzem ist ein großes Nest von Eisenbahn- Betrügern ausgenommen worden. Auf der Berlin- Stettiner Bahn scheint man die Fahrgeld-Hinter- ziehungen in ebenso großem Stile betrieben zu haben, als auf der Köln-Hamburger Bahn. Die Entlarvung der Gauner im Westen hatte die Gauner im Osten nicht Kopfscheu gemacht, sie setzten das „Geschäft" mit ungeschwächten Kräften fort und ließen sich auf dieselbe Weise fangen, wie jene, nämlich durch einen Knminal-Kommissar, der trefflich den Viehhändler machen kann. Ob nicht auf anderen Bahnstrecken auch ein verkappter Kommissar am Platze wäre? DerEisen- bahnminister jammert über den Niedergang der Bahneinnahmen und die Steuerzahler, die den Ausfall ersetzen sollen, jammern mit ihm. Die Reform des Personentarifs wird verweigert, weil der Personenverkehr ohnehin so wenig einbringe. Als Sündenbock muß immer die wrrthschaftliche Depression herhalten. Es gibt aber nicht blos schlechte Zeiten, sondern auch schlechte M en sch en. Wenn mehrere Dutzend Beamte auf einer Strecke zusammenthun, um fortgesetzt blinde Paflagiere zu befördern, so muß das einen Ausfall herbeiführen, der auch bei dem Millionen-Abschluß der Bahn in s Gewicht fällt.
Diese Betrügerei von so großem Umfang ist ein I wirklich trauriges Zeichen der Zeit. Die Ehrlichkeit hat bedenklich an Boden verloren. Am schwersten versündigen sich natürlich die Beamten, weil sie zugleich ihre Dienstpflicht verletzen. Aber die Fahrgäste, welche die Eisenbahn übervortheilen, sind wahrlich nicht viel besser. Sie betrügen und machen sich zugleich mitschuldig an dem Bruche der Dienstpflicht.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(159. Fortsetzung.)
„Vernehmen Sie alles, Madame Augustine, und urtheilen Sie: Lucie ist ein Findelkind — nun, es ist nicht ihre Schuld, daß ihre Eltern vielleicht einen Fehltritt begangen, und sie kann nicht dafür, daß man sie schmählicher Weise preisgegeben hat. Aber hören Sie weiter: Sie wissen, daß in unserem Geschäft sich ein junger Mann befindet, welcher vornehmlich auf meine Empfehlung hin eine glänzende Stellung bei unö erhielt zu einer Zeit, als er der Verzweiflung nahe war . . . Ich lernte den jungen Mann mehr und mehr schätzen, aus der Hoachtung und Freundschaft entstand, ein zweites Gefühl, ich lernte ihn lieben, wahnsinnig lieben. Und dennoch blieb er mir gegenüber kühl. . . . Eines Tages erfuhr ich, woher diese Kühle kam, er liebte ein anderes Mädchen, es ist diese Lucie .... Sie wissen, wie unglückliche Liebe so manches junge Herz gebrochen hat. Auch ich war nahe daran, zu sterben, weil Herr Labrone Lucie liebte. Ich begab mich zu Lucie, nachdem ich einer Tages aller dies erfahren hatte, und flehte sie an, mich nicht zu Grunde zu richten, mich leben zu lassen, ich bot ihr ein ganzer Vermögen an — sie lehnte es beharrlich ab, und ich wäre gestorben an gebrochenem Herzen, wenn mein Vater nickt zufällig eine Entdeckung gemacht hätte, die die ganze Sachlage mit einem Schlage verändert hätte."
Der Brief, welchen Amanda an Madame Augustine geschrieben und welchen Ovide zur Post besorgt hatte, war kurz aber gewandt abgefaßt. Amanda bat um Verlängerung ihres Urlaubs, indem sie sich auf die ab- solute Nothwendigkeit berief, daß sie ihre schwer kranke Verwandte nicht verlassen könne, um so weniger, da ihr Ende nahe bevorzustehen scheine . . . Madame Augustine war ganz gerührt über die Anhänglichkeit ihrer Arbeiterin und bewilligte umgehend die erbetene Erlaubniß.
Sie hatte eben ihren Brief zur Post geschickt, als ihr gemeldet wurde, daß Fräulein Harmant im Salon auf sie warte. Sie verfügte sich also in den Salo».
Nicht wenig war sie überrascht ob der Veränderung, welche anscheinend mit Fräulein Harmant vorgegangen war.
Mary schien vollständig verändert zu sein, und zwar zu ihrem Vortheile. Ihre Wangen waren nicht mehr so hohl, die Augen glänzten nicht mehr so fieberhaft , H|11W
tote früher und die rothen Flecken auf ihren Wangen und Fräulein Harmant sich erschrocken nach der Eintraten nicht mehr so scharf hervor. 111
»Sie sind gewiß gekommen, Fräulein," begann Madame Augustine, „um mich tüchtig auSzuschelten?"
„Weshalb meinen Sie?"
es ist noch nichts über den Zeitpunkt genauer bestimmt. ES könnte wohl mit einem Male eine unvermuthete Entscheidung kommen und so wollte ich nicht, daß ich mich mit diesen Sachen erst in letzter Stunde befassen müßte. Wie Sie sehen, will ich jetzt schon daran denken."
„Wie Sie wünschen. Nur werde ich dieses Mal nicht die Arbeiterin zur Verfügung haben, welche gewöhnlich für Sie arbeitet. Sie ist sehr leidend, das arme Kind!"
Mary zog die Augenbrauen in die Höhe und sagte dann in trockenem Tone:
„Nun dann werden Sie eine andere nehmen. Zeigen Sie mir also gütigst einige Stoffe."
Verwundert betrachtete Madame Augustine das junge Mädchen und frug dann lebhaft:
„Soll Fräulein Lucie etwa das Mißgeschick haben, Ihnen nicht mehr zu gefallen oder Sie vielleicht beleidigt zu haben? Sonst waren Sie ja sehr für sie eingenommen."
„Sie würdm mich sehr verbinden, wenn Sie die Güte hätten, mir von diesem Mädchen nicht mehr zu sprechen," antwortete Mary.
„Aber was sagen Sie da?" frug Madame Augustine, deren Erstaunen mit jedem Augenblicke wuchs, weiter. „Ich weiß nicht ..."
„Ja gewiß, Sie wissen allerdings nicht, welch' eine Bewandtniß es mit dieser Arbeiterin hat, Sie können es nickt wissen ..."
„Gerechter Gott!" rief Madame Augustine aus, „Sie machen mich wirklich erschrocken. Sagen Sie, ich bitte Sil. . . ."
„Nun, weil ich Ihnen die Kostüme noch nicht ab- geliefert habe; die Sie mir bestellt haben. Aber ich bitte um mildernde Umstände. Sie haben, wie ich glaube, er abgelehnt, dieselben anzuprobiren; ich habe daraus geschlossen, daß Sie keine Eile hatten."
„Ich erinnere mich jetzt," sagte Mary, „ich war letdend, als man kam. Ich dachte nicht mehr an die Kostüme, sie werden mir dan.» für nächstes Jahr gut sein."
„Nächstes Jahr werden sie aus der Mode gekommen sein."
„Dann kann meine Kammerfrau sie bekommen. Sprechen wir jetzt von dem, weshalb ich hierhin ge- kommen bin. Ich wollte mir einige Stoffe aussuchen."
„Für Ausgeh-Toflette?"
„Für Empfangs-, Ball- und Hochzeits-Toiletten." „Hochzeits-Toiletten!" wiederholte Madame Augustine. „Werde ich die Ehre haben, Ihre HochzeitSrobe anzufertigen?"
„Es könnte sein! erwiderte das junge Mädchen lachend. Die Sache ist im Prinzip beschloflen, aber
Leider ist ja vielfach die Ansicht verbreitet, den Staat zu betrügen, sei nicht so schlimm und nicht so schimpflich als einen Privatmann zu betrügen. Das M eine Gewissenstäuschung. Der Staat tritt in der Eisenbahnverwaltung als Geschäftsunternehmer auf, und »s", ich ganz gleich, ob man die Eisenbahn, oder den Kaufmann oder Handwerker an der nächsten Ecke k^rugt. Der Schmuggel ist wahrlich auch keine schone Sache; aber er sicht doch noch wesentlich höher, als die Eisenbahn-Betrügerei. Der Staat ahndet auch « Awöhnlichen Schmuggel, die Verheimlichung eines zollpfllchtigen Gegenstandes, nur mit einer Geldbuße. Wer aber zur Schädigung der Bahnkasse Täuschungsoder Bestechungsversuche macht, wird mit einer schimpflichen Strafe nach dem Kriminalrecht belegt, und das mrt Recht. Auch vor dem christlichen Gewissen ist es em ganz gemeiner Betrug. „Es handelt sich ja nur um eine kleine Summe," sagt vielleicht der Selbsttäuscher. Ja, darf mau denn in angeblich kleinen Summen unehrlich sein? Darf man etwa einem Millionär em Zehnmarkstück aus der Tasche ziehen? UebrigenS die Summen oft zu einer recht anständigen Hohe heran. Und wenn es auch nur wenige Mark oder gar Groschen sein sollten, sobald man dabei einen Beamten zur Verletzung seiner Dienst treue verführt, handelt es sich um etwas Großes, um eine schwere Verschuldung.
, ttntet dm verhafteten Beamten sollen sich Schaffner befinden, die eine starke Familie zu ernähren hatten “rx 000 Mk. Gehalt bezogen; andere betrüge- nsche Beamte dagegen befanden sich in recht guter Vermögenslage. Die Noth kann ja als mildernder Imtstand gelten, weil sie ja auch manchmal die Unters Alagungen von Postbeamten begreiflich machen muß. »er Staat muß die Beamten, die er Versuchungen aursetzt, auskömmlich besolden. Für einen Schaffner, der vielfach außer dem Hause Beköstigung und Herberge braucht, reichen 900 Mk. zum Unterhalt für sich und «ne Familie nicht aus. Also zunächst eine ordent- Kontrole ld""g bann eilte zweckmäßige
Die Hinterziehungen werden meistens mit Rückfahrkarten und Rundreise-BilletS gemacht. Diese Dinger > lassen sick oft doppelt verwerthen. Der Giltigkeits- I Termin ist noch nicht abgelaufen, wenn der erste Erwerber sie an den Schaffner abgibt; Letzterer kann sie also »och einem gewissenlosen Passagier überlassen oder bei sich aufbewahren, um sie im Falle einer Revision als ein dem blinden Passagier abgenommenes Billet vorzuzeigen. Jetzt wird an den meisten Strecken die neue Art der Kontrolle an den Ein- und Ausgängen der Bahnsteige ausgeübt. Damit ist für den Mißbrauch solcher Dauerkarten eine andere Form nöthig; aber unmöglich ist der Mißbrauch wohl noch nicht. Es lassen sich sogar ganz neue Kunstmittel denken, um die Kontrolle am Anfang und Ende der Fahrt mit billigen Btllets für kleine Strecken zu passiren und die große Zwischenstrccke umsonst zu fahren. Ueberhaupt ist eS । "ach sehr fraglich, ob die Bahnverwaltung mit dem System der Bahnhofssperre einen guten Griff gethan I