20. Jahrgang
Sanntag, den 5. November 1893.
MaerWZkltiliig
Sonntagsruhe ist in den freien Nachmittagsstnnden eine angemessene Erholung, die nach der Arbeit einer Woche am Ladentische bei der oft übermorgen Arbeitszeit eine dringende Nothwendrgknt für Geist und Leib ist. Alles übrige, wie religiöse Anregung berufliche Ausbildung in Nebenfächern u. s. tu, darf sich nur in ungezwungener Weise anlehnen. Mit der Pflege der geselligen Erholung kann em veredelnder Einfluß auf Anstand und Sitte ganz unmerklrch geübt werden. , , . ~. .«
Scheue man die Mühe nicht, die mit der ®tnn™' tung und Leitung solcher Vereine verbunden ist. Es kostet eigentlich nm den W.'g zu den Gehilfinnen und deren Geschäftsherren, denn p e r s ö n l i ch müssen die ersten Mitglieder gewonnen werden. Der höhere Grad von Bildung und Gesittung, der sich zumeist unter ihnen findet, erleichtert die VereinSthärigkeit um Vieles. Gerade diese vorhandenen Güter an weiblicher Sitte, Charakter und Gemüth fordern aber auch bei der vielfachen Gefahr, die mit der Sonntagsruhe m diesen Kreisen verbunden sind, eine besondere Fürsorge und Pflege. Auch hier gilt eS einen Stand zu schützen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. November.
& Fürsorge für weibliche Gehittfeu im kaufmännischen Glwerbe.
Die jüngste Katholitenversammlung in Würzburg hat auf die Nothwendigkeit hingewiesen, daß nach der gesetzlich erlangten Sonntagsruhe d«n weiblichen Angestellten im kaufmännischen Gewerbe vor allem in den größeren Städten eine besondere Fürsorge zuge- wandt werde und zu diesem Zwecke die Gründung von Vereinen für Gehülfinnen und Lehrmädchen empfohlen. Während diese früher am Tonn age größtentheils im Laden frstgehalten waren, verfugen ie jetzt den freien Nachmittag und Abend. Der Ge- chäftSinhaber und dessen Familie können oder mögen sich ihrer zumeist nicht in gewünschter Weise annehmev und Unterhaltung verschaffen. Auf dem eigenen Z-m- merchen will man mit Recht sich die freie Zeit mcht vertreiben, man eilt also hinaus, um Gesellschaft zu suchen in öffentlichen Gärten, oder auf AuLslügen, bei Konzerten, Tanzvergnügen und zumeist an dem allge- meinen Sammelplätze, in der Wirthschaft. Bei den Lehrlingen und Gehülfen mag man daS vielleicht hm- gehen lassen, bei den Gehülfinnen und Lehrmädchen, die vielfach auS den kleineren Beamten-, Handwerkerund Kaufmanns»FamNien stammen, kann es nicht ohne sehr bedenkliche Folg«, für Anstand und Sitte bleiben. Schon klagen darüber nicht bloS die Geschäftsinhaber, sondern mancherorts auch Behörden und Aerzte.
An kleinen Orten, in Landstädten, wo die Zahl der weiblichen Angestellten gering ist, sind die Schranken des öffentlichen Verkehrs schon enger gezogen. Zugleich ist der Verkehr mit Altersgenossinnen, die unter der Obhut ihrer Familien stehen, leichter. In größeren Städten jedoch können, ähnlich wie bei dm Arbeiterinnen, nur besondere Vereins Äbhülfe schaffen. Das Bedürfniß derselben wird auch von den Gehülfinnen selbst gefühlt, wie die Frequenz der bereits ge- gründeten Vereine beweist. Solche bestehen unseres Wissens schon in Würzburg, Mainz, Bonn, Düsseldorf und M.-Gladbach. In letzterer Stadt wurde ein Verein zu Anfang d. I. errichtit. Derselbe zählt in Kurzem über 100 Mitglieder, die sich seitdem jeden Sonn- und freien Feiertag in einem geräumigen Saale der Klosters der Franzi! kanerinnen von 4 bis 7 bezw. 8 Uhr versammeln. Vorher ist Gelegenheit geboten, in der anliegenden Kapelle einer Andacht beizuwohnen. Neben einem religiöstn oder sonstwie belehrenden Vortrage des geistlichen Rektors füllen Gesellschaftsspiele, Gesang- und Musikvoriräge, Deklamationen, Lesen unterhaltender Schriften die Zeit in angenehmster Weise aus. Schwestern, welche an der höheren Töchterschule unterrichten, wirken in erfolgreichster Weise mit. Im Sommer bietet der Klostergarten freien Raum zur Erholung, dann nnd wann auch ein gemeinsamer Ausflug, zu welchem auch die Prinzipale eingeladen werden. Gesellige Unterhaltung, die in einem Kreise geboten wird, welcher möglichst das Heim ersetzt und die Schranken für weibliche Zucht und Sitte einhält, ist und bleibt der nächste Zweck. Tin Kursus für Ausbildung in der Buchführung und der französischen Sprache ist noch in Aussicht genommen. Kleinere BereinSfeste bei besonderen Anlässen wurden auS dem Kreise der Bereinsmitglieder mit dem glücklichsten Erfolge veranstaltet. Ein ftöhlicheS Zusammenleben hat sich unter ihnen eingebürgert, daS nach allm Seiten hin wohlthuend auf die Betheiligten wirkt. Die Stunde des Schluffes schlägt stets zu früh.
Erste Vorbedingung für die Gründung dieser Ver«
folgendermaßen: Sozial-Demokraten 1,786,738 (gegen 1,422 298 int Jahre 1890, also Zunahme 359,440); Centrum 1468,501 (gegen 1,342,113, also Zunahme 126 388): Konservative 1,038,353 (gegen 899,144, also Zunahme 139,209); National-Liberale 996,980 (gegen 1,187,669, also Abnahme 190,689); Freisinnige Volkspartei 666,439 und Freisinnige Bereinigung 258,481 zusammen 924,920 (gegen 1,167,764 also Abnahme 242,844); Frei-Konservative 438,435 (gegen 485,959, also Abnahme 47,524); andere Parteien (Dänen, Elsaß-Lothringer, Deutsch-Hannoveraner) 234 927; Polen 229,531 (gegen 246,773, also Abnahme 17,242); Süddeutsche Volkkpartei 166,757 (gegen 147,570, also Zunahme 19,187); Unbestimmt waren 110,998 Stimmen, zersplittert 13,972, ungültig 18,292. Außer den Freisinnigen haben besonder- die National-Liberalen alle Veranlassung, diese Ziffern sich etwas näher anzusehen.
* Der nette Frachtbrief - Stempel soll nach der .Nordd. Allg. Zig.', da der 50-Pfg.-Posipacketoerkehr davon frei bleibt, auch auf die Eisenbahn-Frachtpapiere von ganz geringem Betrage sich nicht erstrecken, damit keine Präggravirung der Eisenbahnfracht gegenüber de« Postverkehr eintritt. Demselben Sten pel wie die Eisen- bahn-Frachtbriese sollen Popiere des SchifffahrtS-Ber- kehrS “nteri. §eR Finanzminister Miquel hat, wie schon erwähnt, der Abg. Bebel aus dem sozialdemokratischen Parintage in Köln eine „Bombe" geschleudert um dem langweilig und ledern verlaufenen Parteitage an seinem Ende noch etwas Sensationeller zu verlechm, indem er einen Brief MiquelS von 1850 a» Karl Marx, den „wissenschaftlichen Begründers der Sozial- demokratie verlas. Bebel behauptete, ine beglaubigte Abschrift von vier Briefen Miquel'S aus jener Zeit vor sich zu haben, von denen er den ersten auS dem Sommer 1850 verlas. Miquel erklärt darin u. a., daß er mit dem (Attentäter) Blind vor der Revolution von 1848 der radikalen Partei angehört habe und als solcher nach Hannover geschickt wurde, um Bauern- Aufstände zu orgauisiren; weiterhin heißt eS wörtlich: Ich für meinen Theil kann nichts weiter thun, als Sie (Mmx) versichern, daß Ihre Zwecke die meinigen sind. Kommunist — und — Atheist will ich, wie Sie, die Diktatur der Arbeiter- klaffe. Meine Mittel wähle ich einzig und allein nach der Zweckmäßigkeit.....Der partikulare TerrorrS-
muS, die lokale Anarchie müssen uns ersetzen, war uns int Großen abgeht, ... wir müssen durch der Kleinbürger eigenen Mittel die revolutionäre Wuth auf die Spitze treiben. . . . Schon sah »ch mich ewig auf mich allein angewiesen und begann mit meinen nächsten Freunden einen Bund zu gründen, dessen letzter Zweck der Kommunismus, dessen erster Grund: Der Zweck heiligt die Mittel! Dieser Brief, — vorausgesetzt, daß er echt ist und ine Echtheit ist bis jetzt von den Herrn Miquel nahestehenden Organen nicht bestritten worden , »st 43 Jahre alt; Johanne« Miquel war damals ein 21jähriaer Student, der in den Ideen der Revolution vsn 1848 lebte, war in jener Zeit nicht sonderlich auffällig sein konnte, ES war auch schon längst bekannt, daß Miquel damals revolutionäre und kommunistische Anschauungen gehabt hat, aber den Kommunisten hat er mit seinen Jugendjahren längst abgestreift - ob auch den Äther- ft en, ist freilich eine andere, noch nicht aufgeklärt Frage. Der Häuptling der Sozialdemokratie, dm selbst auch als Sozialdemokrat nach seinen eigenen Wort« noch in der „Mauserung" befindlich 'st, sollte doch einem anderen nicht vorwerfen, wenn dieser sich von einem Sozialdemokraten zu einem Nationalliberalen „entwickelt", sogar den Konservativen sich nähert, so daß die .Kreuzztg/ sich jetzt zu einer warmen Berihei- digung des Finanzministers. Miquel entschlofien ha4 „Sensationell" mag er \a sem, daß Bebel dem Herrn Miquel auch den Studenteiibnef mlSdem Jahr: 1850 festzunageln" suchte, eine große Heldenthat 'st eS aber nicht, nicht einmal politisch-klug, denn man ersieht daraus, daß jugendliche Schwärmer für eine neue Idee bei fortschreitendem Alter und bei ruhiger Ueberlegung schließlich ganz vernünftige Menschen, fogar kluge Minister werden können. Der Student M>quel stand vor 43 Jahren genau so unter dem Banne der revolutionären Ideen, wie jetzt die Jugend in, der artet- tenben Bevölkerung unter dem Banne sozialdemokra- tiicher Ideen steht. Auch einige Studenten huldigen ;a gegenwärtig den Wahnideen der Si^ialdemokratie, so-
• Der Kaiser wird, wie bekannt, den Reichstag am 16. d. M. persönlich eröffnen. Die Wichtigkeit der bevorstehenden Session wird dadurch dokumentiri. In der Regel erfolgt nur die Eröffnung der ersten Session der LegiSlatm Periode durch den Kaiser selbst; inner- halb der Legislaturperiode vollzieht sich die Eröffnung der Sessionen sonst nur in einfacher Form und ohne besonderen höfischen Glanz. Der Schwerpunkt der be- vorstehenden Reichstagssesston liegt in der Lösung großer finanzieller Ausgaben. @8 handelt sich einmal darum, die Mittel zu beschaffen, welche zur Deckung der durch die HerreSverstärkuyg entstandenen Mehraufwandes erforderlich sind, und zum Andern um eine Konsolidirung der Reich! siranzen und eine Regelung des finanziellen Verhältnisses zwischen dem Reich und den Ein Maaten. Zu dem Zwecke sind die eignen Einnahmen des Reiches zu vermehren, war durch Einsetzung der jetzigen Tabaksteuer, Erhöhung einer Weinsteuer und weitere Entwickelung der Stempelsteuern (Erhöhung der Börstnsteuer, Einführung eines Quit- tungSstempelS und eines Frachtscheinstempels erfolgen soll. Dem Reichstage werden außer dem Reichshaus- Haltsetat die mit Serbien, Rumänien und Spanien abgeschlossenen, aber noch nicht ratifizirken Handesvrr- trage mit einer eingehenden Denkschrift zugehen, m welcher auch die HandelSveriragSverhandlungen mit Rußland Erwähnung finden dürften. Sicher ist, daß dieselben in den Debatten über die erwähnten Handelsverträge zur Erörterung kommen werden und daß diese Elörterung eine sehr lebhafte sein wird. Wir glauben übrigens nicht, daß die Verhandlungen mit Rußland ein Ergebniß haben werden. Rußland will nehmen, aber nicht geben.
* Die Denkschrift zur RrichSsteuerreform, welche dem Reichstage gleich nach feinem Zusammentritt zu- gehen wird, bringt einschneidende, finanzielle Bei beste- tragen in Vorschlag. Vor Allem sollen vorläufig auf 5 Jahre die Finanzen deS Reichs in ihrer Beziehung iu denjenigen der Einzelstaaten festgelegt werden. DaS Reich wird in Zukunft seine Ausgaben aus eigenen Mitteln bestreiten. Matrikularbeiträge und Franken- stein'sche Klausel werden zwar formell beibehalten, doch dürfen die Einzelstaatm nicht mehr als 40 Millionen jährlich vom Reich erhalten. Erzielt daS Reich Neber- fchüsse so werden dieselben in einem verzinslichen Fonds zur Deckung von Fehlbeträgen späterer Jahre angelegt. Der Fonds darf die Höhe von 40 Millionen nicht überschreiten. Wächst er über die Grenze hinaus, so wird der Ueberschuß zur Schuldentilgung verwandt. Bon den 100 Millionen, welche die Mili- täi Vorlage erfordert, fallen 50 Millionen durch die Tabakfabr^ikatsteuer', 36 Millionen durch Echö- hung der Reichsstempelabgaben und der Rest durch die Weinsteuer aufgebracht werden.
* Tie amtliche Statistik der letzten ReichS- tagSwahle», die nunmehr erschienen ist, gibt Denjenigen Recht, welche behauptet tatten, daß weit mehr Wähler sich gegen als sür die Militär-B o rlage sich ausgesprochen haben. Gegen die Borlage stehen 4,323,362 Wähler, für dieselbe nur 3,256.641 Wähler.
eine ist daS geeignete abgeschlossene Lokal. Weibliche Unterstützung muß dem geistlichen Präses zur Seite gehen. OcdenSfrauen bieten naturgemäß den Vorzug, doch können, ähnlich wie bei den Arbeiierinnen-Berei- neu auch gewandte Lehrerinnen oder mit Autorität und erzieherischem Takte begabte Damen, wo dies erforderlich ist, an chrer Stelle fein. Ihnen fällt der größte Theil der VereinSthätigkeit zu.
Ein besonderer Verein nur für StandeSgenossinnen scheint fast unumgänglich nothwendig. Der Anschluß an Arbeiterinnen-Bereine wird bei dem höheren Stan- deSbewnßtsein der Gehilfinnen auf mancherlei, meist unüberwindliche Hindernisse stoßen. Eine bloß kirchliche Kongregation, selbst schon ein zu sehr hervorge- dränateS kircklickes Gepräge, wird daS gegebene Ziel 4,323,362 Wähler, jur oiejeiue mu
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