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Samstag, den 4. November 1893.
20. Jahrgang
täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechend« Rabatt. Mttteyahmcher Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Novemoer.
* Ein endgiltiges Resultat der preußischen Land- tagswahle« läßt sich noch nicht ar.geben und auch nicht Voraussagen. Im Großen und Ganzen dürste nach den bisher bekannt gewordenen Wahlnachrichten eine wesentliche Veränderung in der Parteigruppirung des Abgeordnetenhauses nicht eintrete«. Das Centrum hat, so weit bis jetzt bekannt, seine bisherigen Sitze im Abgeordnetenhaus« behauptet; aus den gefährdeten Wahlkreisen in Oberschlesien und im Ermlande stehen zuverlässige Nachrichten noch aus. In den großen Städten Köln, Düsseldorf und Crefeld hat dar Centrum auch jetzt ehrenvolle Siege errungen, trotz der Ungunst des muen preußischen Wahlgesetzes, in den ländlichen Wahlkreisen ist der Sieg der C-ntrumspartei von vornherein gesichert. Em „Schmerzenskind" für dar Centrum bildet aber auch diesmal wie bei den Reichstagswahlen der ermländische Wahlkreis Allen- stein-Rössel, wo Polen und Mittelparteiler dem Centrum einen alten Stammsitz streitig machen. Das ist der Dank dafür, sagt die .Germania', daß das Centrum mehr als zwei Jahrzehnte hindurch für die kirchlichen und nationalen Rechte der Polen eingetreten ist. Leider hat auch in Oberschlesien ein Theil der polnischen Bevölkerung und der polnischen Presse in einer Mobilmachung gegen die Wiederwahl der bewährten Centrumsabgeordneten ihr „Hell" gesucht, was nicht minder bedauernSwerth ist. Trotzdem aber müssen wir es geradezu als einen Skandal bezeichnen, fährt genanntes Blatt weiter, wenn im oberschlesischen Wahlkreise Ratibor einige Centrumswähler unter Führung einer Erzpriesters und fürstbischöflichen Kommissars der irregeleiteten polnischen Bevölkerung damit ein Paroli zu bieten suchen, daß sie mit — Kulturkämpfern freikonservativen Schlager, mit nationalliberale» Logenbrüdern und mit sonstigen geschworenen Feinden der CentrumS zu einem „Kompromiß" sich verbinden. Lieber zwei Mandate verlieren, als durch ein solches ehrenrühriges Kompromiß mit unseren Todfeinden ein Mandat behaupten! — Gespannt konnte man darauf sein, wie es den Freisinnigen nach ihrer großen Niederlage bei den letzten Reichstagswahlen ergehen würde. Sie haben indessen Berlin mit 4 Mandaten glänzend behauptet, auch gegen die halbliberalen Wadenstrümpfler und von den übrigen 10 Mandaten, die sie bisher besessen haben, werden sie die Mehrzahl behaupten. AuS Hirschberg-Schönau kommen zwar ungünstige Nachrichten für die Freisinnige Volks- Partei, auch ist die Wiederwahl Eugen RchterS in Hagen noch nicht zweifellos, aber dafür haben die Freistnnigm die 3 Mandate von Breslau wieder erobert und auch in Frankfurt a. M., das bisher durch zwei Nationalliberale vertreten war, in Verbindung mit den Demokraten Aussicht auf einen Sieg. Wenn die bisherige Zusammensetzung deS Abgeordnetenhauses nach der Stärke der einzelnen Parteien bei den
Endlich entlarvt!
Roman von S. von Wollersheim.
(158. Fortsetzung.)
-Nun wohl, dieser Mann, dieser angebliche Baron de Reiß hat denselben heute Nacht dieser Frau ein- gegeben, um jene vollständige sinnenlose Trunkenheit zu bewirken, welche das Delirium zur Folge hat, und um jene Frau zum Sprechen zu bringen."
„Glauben Sie, daß ihm sein Plan gelungen ist?"
„Dies kann nicht zweifelhaft sein. Die Frau, welche sich in einem vorübergehenden Delirium befand, hat jedenfalls Aller gesagt, war sie dachte, und dann ist eine schreckliche und entsetzliche Krisis zu Tage getreten. Mit einem Worte, ich kam gerade zur rechten Zeit, die Gefahr war nicht gering!"
„Weshalb denn?"
„Weil die Menge deS LiqueurS zu groß war. Ohne eine beruhigende Arznei, welche ich gegeben hatte, wäre die unglückliche Frau an einem Gehirnschlage gestorben."
„Haben Sie über diese ganze Angelegenheit ein Protokoll ausgenommen?" frag der ehemalige Polizeiagent.
„Dazu lag feine Veranlassung vor."
„Ich bi» anderer Meinung. Ich sehe darin einen BergiftungSversuch."
„Rein, eher eine Unvorsichtigkeit."
„Ueberhaupt sind daS gefährliche Nachbarn, wie
? jetzigen Landtagswahlen keine wesentlichen Aenderungen erfahren sollte; so ist das zum großen Theile nicht nur der beklagenswerthen „Wahlmüdigkrit", sondern auch dem Umstaude zuzuschreiben, daß das neue preußische Wahlgesetz noch nicht in seiner vollen Wirkung zu Tage getreten ist. Beide Momente stehen im engsten Zusammenhänge. Die Verkürzung des Wahlrechts scheint bei allen Parteien die Ausübung deS Wahlrechts zu verleiden, hauptsächlich bei dem Mittelstände, der m Folge dieser sog. Reform des Wahlrechts aus der zweiten in die dritte Wählerklasie zurückversetzt ist.
* Der Bundesrath, dem der Reichshaushaltsetat bis auf die Etats des Reichsheeres und der Marine vorliegt, wird in seiner heutigen Sitzung u. A. über den Antrag Preußens um Aufnahme der Insel Helgoland in den Bezirk der Jnvalidiräts- und Mersver- stcherungsanftalt Schleswig-Holstein berathen.
* Der Zollbeirath verhandelte vergangene Woche mit Delegirien der Textil-Judustrie aus allen Theilen Deutschlands über die Wünsche dieser Industrie in Bezug auf Herabsetzung der russischen Eingangszölle.
* Bei der in Aussicht genommenen Verdoppelung der Börsenumsatzsteuer soll, wie die,Post' erfährt, eine gewisse Erleichterung für die Report- sowie für die BermittelungSgeschäfte, der ProvinzialbankerS Platz greifen. Die Quittungssteuer soll 10 Pfennige betragen und von Quittungen über 20 M. und möglicherweise auch von Cheks und Giroanweisungen erhoben werden.
* Der Reichskanzler gibt den russischen Delegirten zu den HandelSvertrags-Berhandlungen am Freitag ein Diner, zu dem auch der russische Botschafter Gras Schuwalow, Staatssekretär Frhr. v. Marschall, die Minister v. Bötticher und Frhr. v. Berlepsch, Staatssekretär Graf PosadowSky und Wirkt. Geh. Rath Göring geladen find.
* Ei» Berichterstatter meldet auS Hofkreisen, daß im kaiserliche» Refidenzschloß zu Urtritte bei Metz alljährlich wenigstens einmal das Hoflager des Kaisers aufgeschlagen werden solle.
* Die Ausgestaltung des Reichsstempelwesens beschränkt sich nicht auf die sogen. Börsensteuer. Der Gedanke an eine Quittungssteuer soll aufgegeben sein; dagegen wird die Einführung eines Stempels von 10 Pfg. auf Frachtbriefe geplant. Da der 50 Pfennig- Pofipacketverkrhr frei bleibt, sollen auch die Eisenbahn- frachtpapiere so weit freigelassen werden, daß keine Vorbelastung der Eisenbahnfracht gegenüber dem Postverkehr eintritt. Wie die ,Nordd. Allg. Ztg.' ferner mittheilen kann, sollen einer gleichen Behandlung wie die Eisenbahnfrachtpapiere auch die deS Schifffahrtsverkehrs unterliegen.
* Das Kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Cholerasälle bekannt: In Tilsit wurde am 31. Okt. eine Neuerkrankung gemeldet. In Grabow, Kreis Randow, ein tödtlich verlaufener Krankheitsfall. Unter den Nord - Ostsee - Kanal»Arbeitern bei Landwehr ist eine weitere Erkrankung festgestellt worden. In Grünewald, Kreis Templin, ist ein cholerakrankes Schifferkind von
mir scheint!" sagte jetzt die Schwester deS Arztes. „Vielleicht thäten wir wohl daran, die Wirthin auS der JägerSruhe über ihre Miether etwas aufzuklären."
„Wozu soll dies dienen? Diese Leute find ja doch nur auf einige Tage hier und sind morgen fort. Sie mögen sich anderSwo hänge» lassen."
„Sie haben Recht, eS ist wirklich nicht der Mühe Werth, so viel Aufhebens von ihnen zu machen," sagte Rene, „obwohl eS mir angenehm gewesen wäre, wenn ich daS Versprechen hätte haltm können, welches ich ftüher einmal Ovide Soliveau gemacht habe."
„Welches Verspreche»?"
„Daß ich ihn nicht schonen werde, wenn ich ihn einmal bei Begehung einer bösen That ertappen würde. Aber lassen wir diesen Schurken .... Sprechen wir von etwas anderm. Wie gehr's Ihren Verwundeten, Doktor?"
Das Gespräch lenkte sich auf einen ander» Gegenstand. Amanda stieg von ihrem Stuhle herab und kehrte bleich und erzitternd und vor Erregung kaum fähig, sich zu halten, in das Haus zurück. „Ich hatte also richtig gerathen, murmelte sie vor sich hin. Er war also früher ein Dieb, und der Dieb ist zum Mörder geworden! Er heißt Ovide Soliveau und nicht Baron de Reiß. Er ist in Amerika der Schützling Paul Har- mant's, deS Vaters von Mary, für welche Lucie arbeitete, gewesen. Alles schließt sich wunderbar au einander an. Er mußte gewiffe Auskünfte haben, er
einem Fluß-Fahrzeuge, welches in den Humboldthafen zu Berlin eingelaufen war, zugereist.
* Nach den im Reichsversicherungsamte auSgeführ- ten Zusammenstellungen betrug am 1. Oktober 1893 die Zahl der seit dem Jnkcafttteten des JnvaliditätS- und Altersversicherungsgesetzes erhobenen Ansprüchen auf Bewilligung von Altersrente bei den 31 Versicherungsanstalten und den 9 vorhandenen Kaffen- einrichtungen 253 700. Von diese» wurden 200 532 Rentenansprüche anerkannt und 44195 zurückgewiesen, 3607 blieben unerledigt, während die übrigen 5366 Anträge auf anderer Weise ihr Erledigung gefunden haben. Von den erhobenen Ansprüchen entfallen auf Schlesien 29 376, Ostpreußen 23 012, Brandenburg 19 477, Rheinprvvinz 16 682, Hannover 14 675, Sachsen-Anhalt 14 537, Posen 13186, Schleswig- Holstein 9699, West Preußen 9635, Westfalen 9617, Pommern 8546, Hessen-Nassau 5563 und Berlin 2836. Die Zahl der während desselben Zeitraums erhobenen Ansprüche auf Bewilligung von Invaliden-- reute betrug bei den 31 Versicherungsanstalten und de» 9 Kasseneinrichtungen inSgesammt 71385. Von diese» wurden 4-1642 Rentenansprüche anerkannt und 17 925 zurückgewiesen, 5378 blieben unerledigt, während die übrigen 3440 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den geltend gemachten Jnvalidenrentenansprüchen entfallen aus Schlesien 9950, Rheinprovinz 5723, Ostpreußen 5155, Brandenburg 3827, Hannover 3716, Sachsen-Anhalt 3233, Westpreußen 2912, Westfalen 2572, Posen 2553, Pommern 2524, Hessen-Nassau 1551, Schleswig-Holstein 1092 unö Berlin 1042. Unter de» Personen, die in den Genuß der Invalidenrente ttaten, befinden sich 1220, welche bereits vorher eine Altersrente bezogen.
* Im Hannoverschen Spieler • und Wucher- Prozeß wurden, wie schon gemeldet, verurtheilt v. Meyerinck 4 Jahre Gefängniß und 5 Jahre Ehrverlust, Fährle gleichfalls 4 Jahre Gefängniß und 5 Jahre Ehrverlust, Samuel Seemann 2 Jahre Gefängniß und 5 Jahre Ehrverlust, Abter 4 Jahre Gefängniß und 5 Jahre Ehrverlust, Heß zu 2 Jahren Gefängniß und 5 Jahren Ehrverlust, Julius Roienberg zu 750 Mk. Geldstrafe Süßmann zu 1000 Mk. Geldstrafe. Max Rosenberg wurde freigesprochen. DaS Urtheil blieb in allen Fällen gegen den Strafantrag zurück, am meisten bet Abter (7 gegen 4), Seemann und Heß (gegen 2 Jahre). Max Rosenberg gegen den zwei Jahre Gefängniß beantragt waren, wurde freige- sproche». — Daß der Prozeß auch im Reichstag zur Sprache kommen wird, darf als sicher gelten. Auch wird eine unmittelbare Aeußerung des Kaisers sofort nach Abschluß des Prozesses erwartet, ebenso gilt als sicher, daß sämmtliche kompronnttirten Offiziere empfindlichen ©trafen entgegengehen. Der konservative ,Reichsbote' verlangt in einer Besprechung deS Prozesses, daß man dem Spiel daS Makel der Ehrlosigkeit auf» drücke, und fährt dann fort:
hat sich an mich gewandt, damit ich sie ihm gebe, ich bin also thörichter Weise, ohne es zu ahnen, seine Mitwisserin geworden. Beinahe hätte er mich getödtet, indem er mir den indischen Liqueur zu trinken gab, um mich zum Sprechen zu bringen, »nd ohne Zweifel habe ich auch gesprochen. In diesem Augenblicke ist meine Ansicht über ihn kein Seheimniß mehr für ihn, aber er weiß nicht, daß ich Alles weiß. Der Kampf wird beginnen und wir werden sehen, wer der Stärkste ist. Ovide Soliveau kann abreifen, er kennt Paul Har- maist, und durch Paul Harmant werde ich ihn entdecken, werde finden, wo er wohnt und aus welchem Grande er in Joigny war. Dieser Liqueur, deffen er sich bedient, muß wohl hier fein ... Ah, wenn ich ihn lannte ..."
53.
Amanda wollte sich eben anschicken, alles gründlich zu durchsuchen, als sie im Hausflur Geräusch vernahm. Sie ließ sich also auf einen Stuhl fallen und that, als ob sie lese.
Mit einem Lächeln auf den Lippen trat Ovide ein.
„Ich meinte, Sie feien im Garten meine Theure," sagte er.
„Der Wind wurde mir etwas zu kalt," antwortete sie, „deshalb bin ich hereingekommen."
„Und Sie haben gelesen, um sich zu zerstreuen." „Ja, in Ihrer Abwesenheit mußte ich mit irgend