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JM 251

Mttwoch, den 1. November 1893.

20. Jahrgang

lllUkiWZeitiig

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Hierzu eme Beilage. * *

fQBK Wegen des Feiertages „Aller- ’ heiligen" erscheint das nächste Blatt '

erst am Donnerstag.

d Theater und Moral.

Wenn die sittlichen Begriffe in den breiten Volks« schichten in erschreckender Weise zurückgehen, so hat das verschiedene Ursachen, von denen eine, das sitten­verderbende Theater, leider viel zu wenig Beach­tung findet. In den Weltstädten entsteht eine neue Bühne nach der anderen, aber ernste, nur daS Er­habene, sittlich Gute pflegende sind so selten, wie Schneeflocken im Juli. Höchstens daß eine oder andere dieser Bühnen — von den meisten Hoftdeatern reden wir nicht — auch ab und zu ernste Stücke geben und damit sich daS Recht zu erwerben glauben, als Stätten der echten Kunst zu aelien. Das gewöhnliche Gericht in solchen Theatern sind auch die seichten Alltagsstücke, die entweder — im besten Falle — keinen vernünftigen Grundgedanken haben, oder die Gebote der Sittlichkeit in indirekter Weise bespötteln und die Moral unter der Hand angreifen. Allerdings trügt das Theater Publikum auch einen wesentlichen Theil der Schuld an diesen Zuständen. Ein Theater, welches nur moralische und inhaltlich werthvolle Stücke geben wollte, würde mancher­orts wohl bald seine Pforten schließen müssen, der gähnenden Leere halber, die in demselben herrschen würde. Soweit ist der Geschmack des breiten Theater- Publikums bereits gesunken: man will solches sehen und hören, waS die Sinne kitzelt, man will lachen, aber nicht über dm harmlosen, naturwüchsigen Humor, son­dern über Zweideutigkeiten, die sich von der Zote viel­fach nur dadurch unterscheiden, daß sie in ihrer über- zuckertm Gestalt gar oft nur noch schlimmer wirken, als wenn sie klar herauSgesagt würden. Wenn man sich die Mühe nimmt, die dramatische Produttion eines Jahres durchzugehen, so tritt einem die ganze Oede dieser Art „Poesie" vor Augm; zu 99 Hundertsteln Werke, von denen ganz genau zwölf auf ein Dutzend gehen, die kommen und verschwinden und von vorne- herein auf weiter nichts Anspruch machm, als eine Anzahl Aufführungen zu erlebm und dann zum »origen Schund in die litterarische Mülgrube zu wandern. Wenn dieselbm einfach Unsinn enthalten, so kann dar verflachen, aber direkt richtet eS sonst keinen Schaden an, aber bei vielen Stückm ist, wie gesagt, die Moral eine solche, daß ein unverdorbenes Gemüth dabei noth- toenbig Schaden nehmen muß. Die modernste drama- ttsche Richtung, an den Namen Sudermann anknüpfend, macht den Anspruch auf sittlichm Ernst in der Realistik: wir wollen nicht in Abrede stellen, daß es Betriebenen bieser Dramatiker persönlich Ernst mit dieser Meinung sein mag, aber auf die Aufdeckung der ärgsten Ver­irrungen des Menschen, die Darstellung der rohen und unmoralischm Seiten desselben, die Hervorhebung der sittlichen Schäden kann unmöglich den Erfolg erzreken, von dem die Leute sprechm, die» Verfahren kann nur noch mehr verrohm, noch mehr entsittlichen, die sitt­lichen Kräfte zurückdrängen, aber nicht auf die Dauer vom Laster rc. abschreckm, nicht veredeln.

Und nun sind solche Stücke noch harmlos, wenn man so sagen darf, gegenüber denen, welche von vorn­herein auf die niedrig« Triebe berechnet werden und mit allem Raffinement darauf hinarbeiten, die Grenze zwischen Zweifelhaftem und direkt Unsittlichem möglichst nahe zu streifen, auch wohl, wenn es „mit Anstand" geschehen kann, ein wenig darüber hinauSzugehm. DaS eine Theater sucht seine „Spezialität" darin, möglichst viele leichtangezogene junge Frauenspersonen zur Augen­weide der Zuschauer auf die Bühne zu bringen, darauf werden bie „Repertoirstücke" zugestutzt, weiter wirb von ihnen schließlich nicht» verlangt. Ein anbereS Theater bringt nur französische Ehebruchsbramen, die ein anständiger Mensch nicht anhören und ansehm darf, ohne foltwährend zu erröthen. Ein dritter pflegt daS „Ausstattungsstück", die ganze „Ausstattung" läuft dabei aber auf eine Ausstellung sinnlicher Reize und verführerischer Rudttäten hinaus, die sind stets die Krone des Ganzen. Ein weiteres verbindet bie süßkandirte gesprochene oder gesungene Zweibeutigkeit mit bei Darstellung deS sinnlich Anreizenden. WaS speziell auf dem Balletgebiete in gewissen Theatern ge­leistet wird, kann man nach ben christlichen Begriffen

vorn Sittlichen nicht mehr unter bieseS rechnen; bort geht eben Alles darauf hin, bie sinnlichen Triebe an- zustacheln.

Nun beschränkt sich bie Pflege dieses deS Sittlichen abholden Geistes durchaus nicht mehr auf die großen Stabte, auch in ben mittleren und selbst in ben klei­nern wirb manchmal auf bie Moral ein indirekter An­griff versucht. War an den Theatern der Großstadt produzirt wird, bildet in vielen Fällen der Nährstoff für die kleinen Theater und auch für die „Schmieren", welche vagabundirend von Ort zu Ort mit ihren Thes­piskarren ziehen und für alles Andere als moralische Erhebung sorgen. ,

Es besteht eine Theatercensur, aber bie Art unb Weise, wie sie auigeubt wird, ist eine ben gewordenen Verhältnissen keineswegs mehr entsprechende. Die Orts- Polizeibehörde hat zu befinden, ob ein Stück ausge­führt werden darf; sehr oft fehlen derselben die Kräfte, die im Stande sind, das Urtheil entsprechend zu sälleu, und wenn eine solche Behörde etwas entschieden im Interesse der Moralität vorgeht, so kommt oft die höhere Instanz her und korrigirt auf Beschwerde dar Urtheil. Und wenn dies nicht der Fall ist, steht so­fort der ganze liberale Chorus, Preßjuda natürlich voran, wie ein Mann auf und schreit über Reaktion, Beschränktheit, Geistesknechtung, Psaffenthum und wie die schönen Ausdrücke weiter Heiken. Wenn es gegen das christliche Sittengesetz geht, finden sich die Mächte der Verneinung immer zusammen.

Wir sind gewiß keine Freunde von polizeilicher Bevormundung, glauben auch nicht, daß die Art und Weise der Theatercensur durch untergeordnete Beamte ihren Zwecken genügt, aber im Jntereffe der Moralität, im Interesse der Zukunst unserer Nation müssen wir verlangen, daß die führenden Männer nach Mitteln und Wegen suchen, um Wandel zu schaffen auf dem

Gebiete des modern« Theaters.

Deutsches Keich.

Berlin, 30. Oktober.

* Der .Reichsanzeiger' publizirt eine kaiserliche Verordnung vom 28. d. M, wonach der Reichstag auf bett 16. November d. I. eiuberufe« wird. In Anbetracht der nunmehr etwas ftüher als zuerst in Aussicht genommenen Einberufung der Reichstags ist eine Beschleunigung der Drucklegung der Etat» er­forderlich; sie wird so betrieben, daß särnrntliche-EtatS Ende dieser Woche dem BundeSrath vorliegm.

* Eine Berliner Korrespondenz meldet, der Heim- stätte»-Gesetz-E«twurf solle dem Reichstage wieder vorgelegt werd«. ES ist dazu zu bemerken, daß von der Regierung bisher ein Heimstüttm-Gesch-Entwurf nicht vorgelegt ist, sondern aus der Mitte des Reichs­tages heraus auf Veranlassung des KammerHerrn von Riepenhausm-Crangen bezw. des Vereins „Heim­stätte". Daß der Anttag wieder eingebracht werden wird, ist allerdings zutttffend, und wir hoffen, daß die Regierung sich ihm gegmübet zuvorkommender ver­halt« wird, al» eS bisher der Fall war. In einer vorsichtigen und klaren Heimstätten »Gesetzgebung er­blick« wir für d« bäuerlichen Mittelstand eine hoch- bedeutsame soziale Errungenschaft und eine Nothwendig- feit, wenn nicht der kleinere Bauernstand und der ländliche Handwerkerstand, der auf Landban mitange» wies« ist, entweder aufgesogen werden oder langsam aber sicher dahinsiechen soll.

* Anläßlich eine» an die Bundesregierungen ge­richteten Ersuch«- des BundeSrath» hab« bie Minister d-s Innern unb für Handel und Gewerbe bie Vor- schriften über ben Verkehr mit Sprengstoffe« asbertoeit gleichförmig geregelt unb eine bezügliche Polizeiverordunna erlassen.

* In Nr. 595 befmbet sich „eine scharfe Kritik" des Klebegesetzes, wonach ber Staat im letzten Jahre 4,610,000 Mark Erlös aus BeitragSmarkm einge­nommen, 174,856 Mark Altersrenten, 10,335 Inva­lidenrenten unb 130,000 Mark Verwaltungskosten ab­gegeben haben soll. Zur Bervollstänbigung dieser Notiz, schreibt die »Köln. VolkSztg.', theilen wir mit, daß die vorstehend« Zahl« daS Ergedniß der Versicherungs- Anstalt für die Stadt Berlin für 1892 darstellen. Dies gibt uns Veranlassung, auf die Ergebnisse der Versicherungs-Anstalt Rheinprovinz zurückzukommen. Nach dem Bericht, welcher dem Ausschüsse letzterer An­stalt im Juli d. I. erstattet wurde, betmgen für 1892: der Erlös aus dem Verkauf von BeittagS-Marken

8,734,000 Mark, die gezahlten Altersrenten 1,320,000 Mark, die gezahlten Jnvaliden-Renten 58,000 Mark, die gefammten BerwaltungSkosten 208,000 Mark. Die Ansicht, daß der Zustand ein unerträglicher sei, ist in­sofern, als er sich auf das gesetzlich vorgesehene Kapital- deckungs-Verfahren bezieht, nicht ganz ungerechtsertigt, denn es wird kaum zu vermeiden sein, daß die bedeu­tenden Kapital-An häuf un gen in absehbarer Zeit zu schwer« Mißständen führen. Dem wird zu­nächst noch dadurch «tgegengewirkt werden können, daß die Vorstände der Versicherungs-Anstalten eS sich an­gelegen sein lass«, ihre disponibeln Kapitalien in An­leihescheinen der Provinz, für welche die VerstcherungS- Anstatt errichtet ist, oder in Schuldverschreibungen der Kommun«, welche in ihrem Bezirk gelegen sind, cm- zulegen. Hierdurch wird erreicht, daß daS Geld wenig- stens den Zweck« derjenigen Bezirke dienstbar gemacht wird, ans welchen eS in die Kasse der Versicherungs- Anstalt geflossen ist. WaS deS »eitern die Verwalt' nngskost« betrifft, so erscheinen dieselben auf den ersten Blick hoch, namentlich wenn man dieselben in Vergleich stellt zu den während deS gleichen Zeitraums veraus­gabten Rentmbettägm. In ber Rheinprovinz würben, tote erwähnt, bi» Ende 1892 verausgabt an Renten 1,378,000 Mark, während die BerwaltungSkosten für 1892 sich auf 208,000 Mark belief«. Dabei ist aber nicht außer Betracht zu lass«, daß die bewilligten Stenten zur Zeit noch sehr gering sind, sodann auch, daß an dies« BerwaltungSkosten nicht allein der Renten- Ansprecher, sondern jeder einzelne Versicherte — in ber Rheinprovinz mehr, als eine Million — betheiligt ist. Denn für geben müssen jährlich eine ober mehrere QuittungSkarten beschafft und, sobalb sie vollgeklebt finb, sicher unb wohlgeorbnet ausbewahrt werben, ferner kommen hinzu bie Herstellungskosten ber Marken nutz bie int Interesse der Versichert« wegen der Geltend­machung chrer späteren Renten-Ansprüche unbedingt erforderliche Kontrole, die Tantiemen der Kranken­kassen in d« Bezirken, in welchen die Einziehung ber Beiträge u. s. w. dm letztem übertragen ist. Alle diese Leistung« einschließlich der Kosten des Rentm- feststellungS-Verfahrens, der Kosten der 79 Schieds­gerichte, deS Verkehrs mit den BertraumSmännern u. f. w. haben für die Rheinprovinz bisher 20 Pf. auf den Kopf des Bersicherten erfordert.

* Auf der brandenburgisch« Provinzial - Synode erklärte Herr Stöcker am 17. dS. MtS., indem er dar „Bekmntniß zur apostolisch« GlaubenSsonnel" vertheidigte, „er könne die Kirche nicht für eine Stiftung Gotter halt«, bie 1800 Jahre lang sich so schwer irren konute, um falsche Thatsachm in ihre Be- kmutnißforrnel aufzunehmen." DaS ist bie indirekte Anerkennung ber Unfehlbarkeit.

* I« Köln hat in vergangener Woche bet Partei­tag der deutsche« Sozial - Demokraten sich ver­sammelt. Gegenüber dm voraufgegangenen Partei­tagen fällt derselbe sehr ab; eS werden dort nach deS Genoss« Auer'S Worten Reden gehalten, die früher andere auf ander« Parteitag« gehalten hab«, Steinig- leiten verhandelt, die Niemanden interessiren — warum solle man dieser bedeutungslosen Parade eine besondere Bedeutung beimess«?

• AuS dem Wahlkreise Meschede-Olpe, 28. Okt. Da» .Echo der Gegenwart' will wiff«, daß in d« Städten Henn FuSangel zwar von der dritt« Klasse so ziemlich alle, von der zweiten Klasse einen Theil, von der ersten Klasse keine Stimmen zufallen werden, dagegen gibt eS auf dem Lande manche Striche, wo in allen drei Klassen FuSangelsche Wahlmänner gewählt werden. Wie wir seiner Zeit bei der ReichS- tagSwahl richtig vorauSgesagt haben, schreibt die,Kobl. Bztg.', so find wir auch h«te auf Grund sicherer In­formation« in der Lage, zu sagen: Herr Fusangel wird von den 260 abzugebenden Stimmen im un­günstig« Falle co. 140 Stimm«, im günstigen Falle 160 Stimm« erhalt«, — was nach anderweitigen Nachricht« abzuwarten bleibt.

* Aus dem Regierungsbezirk Aache«, 28. Okt. Mehr unb mehr nimmt die Zahl Derer zu, welche au» dem Hypnotisireu und Magnetisiren ein Geschäft machen und zu dem Zweck im Lande umherreis«. Wenn auch längst erwiesen ist, daß der chierische Magnetismus und die Hypnose auf natüt- lichen Vorgängen beruh«, so ist dennoch mit Grund wohl nicht zu leugnen, daß dieselben geeignet sind, die zu diesem Zwecke benutzten Personen an ihrer Gesund­heit zu schädigen, abgesehen von der Gefahr für die