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Beilage zu Nr. 249 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 29. Oktober 1893.

△ Spiel und Wucher.*)

„Ich hatte Spielschulden und hörte von einem Kameraden, daß bei dem Angeklagten Geld zu haben sei, wenn man Loose kaufe.* So erklärte bei dem großen Prozeß in Hannover ein bewucherter Offizier nach dem andern. Auf der Anklagebank fitzt eine Gesell­schaft von Wucherern, gewerbsmäßigen Glücks- und Falschspielern, die an fast allen größeren Renn- und Badeorten die brillantesten Geschäfte gemacht hat. Als Zeugen find gegen 100 gerupfte Offiziere, mehrere Rittergutsbesitzer und Studenten rc. geladen, welche für ihre leichtfinnigen Streiche nun noch auch noch durch eine öffentliche Schaustellung büßen müssen. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die Un­verschämtheit dieser geriebenen Gauner oder die Blind­heit ihrer Opfer.

Die „Unternehmer* find jüdische „Bankiers"; als Schlepper haben sie zwei adelige Offiziere a. D. in Diensten. Der Geschäftsbetrieb geht zumeist „im Umher­ziehen" vor fich. Tin Theil der Bande fährt z. B. nach Hannover, steigt dort in einem feinen Hotel ab und präparirt die Spielzimmer. Die beiden Osfiziere a. D. holen spiellustige und geldbedürftige Kameraden und sonstige lohnende Opfer heran; nun geht daS Spielen und Pumpm und Looseverschieben los, bis die Unter­nehmer das flüssige Baargeld und einen Haufen Wechsel in der Tasche haben, — dann dampfen sie vergnügt nach Wiesbaden oder Karlsruhe weiter, um auch dort zu erproben, daß die Dummen nicht alle werden.

Daß die Gauner mit gezeichneten Karten, betrü­gerischer Roulette rc. arbeiteten, kann weiter nicht auf­fallen. Eigenarttg ist aber der „Tric" mit den Lotterie- losen zur Erhöhung und Verschleierung des Wucher­gewinnes. Wer ein Darlehen haben will, muß Loose nehmen, und zwar sogen. Berzichtloose der Hamburger, braunschweiger oder sächsischen Staatslotterie. Diese Loose erlangen bekanntlich ihren wahren Werth erst mit der letzten Klasse; die Vorklaffm habm so wenige und kleine Gewinne, daß sie den Kaufpreis bei Weitem nicht aufwiegen. Nun wurde« den Offizieren aber bloß Loose zu den Borklassen gegeben; obendrein mußten sie noch auf den niedrigsten Gewinn (und dar ist der häufigste Gewinn) zu Gunsten des BerkäuferS ver- zichten. Sie hatten den vollen Preis zu bezahle«, wäfrmd der Verkäufer diese Loose „ramschweise" sehr billig geliefert bekam, weil die Händler für die letzte Klasse allein noch den vollen Preis herauSzuschlagm pflegen. Die Osfiziere ließen sich für 5000, 10,000 ja 20.000 Mk. solcher fast werthloser Lose aufhängen, oder genauer gesagt: daS Nummerverzeichniß solcher Loose; denn gewöhnlich behielt der Wucherer die Originallose, um ja nicht in der weiteren Verfügung über diefe „verkauften" Papiere behindert zu sein. An­geblich sollte dm Käufern auch der Weiterbezug für die letzte Klasse freistehen, aber „gegen den vollen Plan- pretS", den die Bewucherten natürlich nicht zahlm konnten und auch meist nicht zahlen wollten. Die Herren waren nämlich in der Regel so unbekannt mit dem Lotteriewesm und so gleichgiltig gegenüber dm Tausenden, die sie angelegt hatte», daß sie sich um Spielplan und Ziehungslisten nicht kümmerten, sondern Alles den Wucherern auf Gnade und Ungnade über­ließen. — Wenn die Wechsel prolongirt wurden, gab eS nebmbei wieder Loose, deren Kaufpreis gleich in den neuen Wechsel hineingerechnet wurde. So wuchs die Schuldsumme schnell an, und der Profit des Wucherers auch. Manchmal war die baargezahlte Summe lächerlich klein im Berhältniß zur Kaufsumme sür Loose; der Wucherer verdimt so gleich bei der ersten Quer­schrift 100 und noch mehr Prozent. In einem Falle ließ sich der DarlehnSsucher sogar einen Haufen Loose aufhängen, ohne einen Pfennig Baargeld zu erhallen. „Wenn Sie in der Lotterie gewinnen, habm Sie ja Geld", sagte der Wucherer.

Ein unglaublicher Leichtsinn beseelt die Querschreiber. Ob sie, um 1000 M. baar zu erhaltm, sich für 10,000 verpflichte«, ist ihnen ganz gleichgiltig; wmn nur für den Augenblick Geld da ist, um Spielschulden zu be- zahlm oder um weiter zu spielen. Nachher müssm Eltern oder Verwandte ihr Letztes flüssig machen, um den Angehörigen vom Verderben zu retten. Und auch bei der „Regulirung" der Schulde« blüht der Leicht­sinn noch. Ein Vater übergibt dem einen der angeklagten Gauner 20,000 M., um damit die doppelt so hohen Wucherschnldm seines Sohnes zu „regulirm", war der Biedrrmaun natürlich zur Aufbefirmng seiner eigenen Kasse benutzte.

Der Prozeß wirst ein erschreckliches Streiflicht auf die sittlichm und wirthschastlichm Gefahrm, die einem Theil unseres Offizierkorps bedrohe«. Deutschland ist stolz auf sein Offizierkorp», das in gesellschaftlicher Beziehung wie in der Ausbildung so hoch dasteht. Die Schattmsettm der hohm gesellschaftlichen Ansprüche find der Luxus, Schulden und Spiel. Die wmigm

*) Nachdruck nicht gestattet.

reiche« Kameraden geben dm Ton an; die minder be­güterten wolle« auch glänzm und gmießm; sie suchen Kredit bei Wucherern und versuchen ihr Glück in Wetten und Spielen, bis Wucherzinsen und Spielver­luste in trauriger Zusammmwirkung ihren oder ihrer Angehörigm Ruin herbeiführen.

DaS Offizierkorps ist „exklusiv", vielfach zu exklusiv gegen ehrenhafte Kreise von bescheidener LebmSstellung. Aber das Geldbedürfniß und die Spielsucht führt die stolzesten Offiziere in die Intimität mit Wucherern, gewerbsmäßigen Spielern und sogar Falschspielern. Der sonst so scharf entwickelte „Ehrbegriff" in dm Offiziers­kreisen bedarf nach dieser Richtung hin eine Ergänzung.

Zu der Annäherung der Spieler an die Offiziere gibt leider der Rennplatz viel Gelegmheit. Die Theilnahme am Rennsport gilt für sehr sein; aber Totalisator und Buchmacherei geben dem Rennplatz einen bedenklich „gemischten" Charakter. Währmd der Rennens wird gewettet und nach dem Rennen wird gejeut. Für manchen Offizier ist ein harmloser Ausflug zum Rennen der Anfang des BerderbmS gewesen. Entweder muß man den Rennplatz wieder rein machen, oder man muß die Offiziere von diesem bedenklichen Treiben fern halten.

Bei den Soldatenmißhandlungen muß man fich immer wieder wundem, daß die Vorgesetzten so manche auffallenden Vorgänge nicht sehen. Ebenso ist eS zu verwundern, daß die höheren Offiziere nicht merken, wmn die jüngeren Kameraden andauemd der Spielsucht stöhne« und dabei in schlechte Gesellschaft gerathen. Die väterliche Aufsicht der Vorgesetzten muß in höherem Maße Platz greife«, sonst muß ja jeder Vater in Angst leben, der seinen jungen, unerfahrenen, lebenslustigen Sohn der Verlockung und Verführung schutzlos preis- gegeben sieht. Der Kaiser hat schon dem LuxaS und dem Spiel seiner Offiziere zu steuern gesucht. ES wird nichts anderes übrig bleiben, als die Vorgesetzten verantwortlich zu machen für das Einreißen von Un­sitten in ihrem Truppentheil, die sie bei gehöriger Auf­merksamkeit erkennen mußtm.

Auch die Polizei muß noch mehr leistm in der Beobachtung der Wirtschaften, Hotels oder Privat­wohnungen, wo daS Spiel gewerbsmäßig betrieben wird. Die Zeiten, wo der gegen einen feinen Spielklub ein­schreitende Polizeipräsident sich im Duell erschießen lassen mußte, sind doch hoffentlich vorüber.

Ferner können die betreffenden Finanzminister sehm, zu welchen Dingm ihre liebe Staatslotterie sich gebrauchen läßt, insbesondere die wirthschastlich und sozial bedenkliche Eintheilung in Klassen, von denen nur die letzte einen reellm Werth hat.

Endlich könnm wir Alle aus diesem abschreckende« Drama lernen, daß Hazardspiel zu fliehen, das nicht bloß den Wohlstand, sondern auch den Charakter verdirbt.

„WaS würde man erfahrm?" frug Lucie gebieterisch. „Sie spannen mich auf die Folter, Mutter Lison! Ich ersticke, ich meine wahnsinnig zu werden! Ich sage Ihnen, daß ich Alles wisse« muß! Wen« Sie nicht sprechen, so wird Lucian sprechen, ich werde ihn schon zum Sprechen bringen! UebrigmS wird eS schon Fräulein Harmant thun, wmn eres nichtthun wollte. Sie ist hier gewesen und hat mich flehentlich gebeten, sich vor mir auf die Knie geworfen, mir ein Vermögen angeboten — sie wußte ohne Zweifel noch nicht, daß ich Lucians unwürdig fei: offenbar weißste es in diesem Augenblicke! Gut, ich werde zu ihr gehen, sie meiner­seits anflehen, sie kniefällig bitten, mir zu sagen, welche Schande auf mir ruht. Wenn auch sie mir eS ab­schlagen wird, so werde ich zu

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim. (154. Fortsetzung.)

auch sie

.. _ . ihrem Vater gehen und

ihn fragen."

„Nein, Lucie, Sie werden dies nicht thun!"

„Wer sollte mich daran hindern?"

»Ich."

„Wie so?"

„Ich werde diesen Schritt unnöthig machen, ich werde Ihnen Alles sagen."

„Alles, durchaus Alles, schwören Sie es mir?"

„Ich schwöre eS Ihnen!"

„ES wird mir also kein Zweifel übrig bleibm, und ich werde Lucian vnczeihen könnm?"

„Lucian kann Sie nicht heirathen! UebrigmS werden Sie auch selbst seine Gattin nicht werden wollen, ehe Sie die Unschuld Ihrer Mutter beweisen können."

DaS junge Mädchen erbleichte.

„Die Unschuld meiner Mutter beweism!" wieder­holte sie. „Hat man dmn meine Mutter eines Ver­brechens angeklagt?"

»3°."

„Welches Verbrechens?"

„Des BerbrechmS des Mordes. Ihre Mutter ist

vemrtheilt worden, weil sie den Vater Lucian Labrone'* ermordet haben soll."

Lucie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus Md barg ihr Haupt in die Hände. Einige Minute« laug herrschte TodeSstille. Endlich brach das jMge Mädchm daS Schweigen.

„Also meine Mutter ist die Frau," sagte sie stam­melnd, „welche den Vater Lucian'» getödtet habm, ihn bestohlen und seine Fabrik iu Brand gesteckt habe« soll? Schrecklich, schrecklich!"

„Aber sie war unschuldig, Lucie!" rief Johanva mit Nachdruck aus.

„Man hat sie verurtheilt!"

„Freilich, aber ungerechter Weise, gehässiger Weisel Haben Sie niemals Lucian selbst sagen hören, daß er a« die Unschuld der unglücklichen Frau glaube?"

„Wenn er daS wirklich ernstlich glaubte, weshalb würde er sich dann von mir losgesagt haben?"

„Er zweifelt, und so lange er zweifelt, will er daS Berhältniß auf sich beruhen lassen. Kann er etwas gegen die Meinung des großen Haufens avSrichten?"

„Mein Gott! Mein Gott!" rief Lucie verzweif­lungsvoll die Hände ringend auS. „Weshalb bin ich geboren?"

Ein Strom von Thränen entströmte dm Augm Johanna'-.

„Sie dürfen Ihrer Mutter nicht fluchen, mein Kind," sagte sie mit gebrochener Stimme. „Sie wür­den Mitleid mit ihr fühlen, wenn Sie sie gekannt hätten, wie ich sie früher gekannt hatte, die arme Jo­hanna!"

Mit wirklichem Staunen sah Lucie die Brod- träzerin an.

„Sie habm also meine Mutter gekannt, Mutter Lison? sagte sie baim.

„Ja, meine Theuere. Es war eine muthige Frau, ich schwöre eS Ihnen, die einer schlechten Handlung nicht fähig war. Sie hatte ihren Gatten zärtlich ge­liebt, aus ganzem Herzen. Sie liebte ihre Kinder leidenschaftlich, dmn sie hatte deren zwei, einen Sohu und eine Tochter."

„Einen Binder!" rief Lucie, die Hände faltend, aus. „Ich habe einen Bruder!"

„Sie hatten einen Bruder!"

„Ist er denn nicht mehr am Seien?"

„Ich weiß es nicht, er ist verschwunden, wie Sie selbst verschwunden waren. Sie liebte ihre Kinder lei­denschaftlich, und ahnte nicht im Entferntesten, daß eines Tages das Berhängniß sie von ihnen trennm könnte. Ja, ich habe sie gekannt, es war eine gute, fanfte und liebenswürdige Frau, und eS fehlte gerade, daß ein Elender ihr ganzes Leben trüben mußte, in­dem er ein Verbrechen beging und in wahrhaft teuf- lischer Weise eS einzurichten wußte, daß sie auf Schein­gründe hin des Verbrechens bezichtigt wurde. Ver­gebens hat sie betheaert, daß sie unschuldig sei. Der Schein sprach vollständig gegen sie. Der einzige Be­weis für ihre Unschuld ist in dm Flammen der Fabrik untergegangen. Glauben Sie, Lucie, mein Kind, Sie dürfen Ihrer Mutter nicht fluchen."

„Ich fluche ihr nicht, obgleich sie die alleinige Ur­sache meiner Betrübniß ist."

„Gern würde sie nm dm Preis ihres Leben» Ihnen Ihre Thränen stillen."

„Weshalb soll ich daran zweifeln, da Sie es sagen?" sagte Lucie weinend. „Aber ich bin gewiß sehr un­glücklich ! Eine ungerechte Berurtheilmig hat also meine Mutter getroffen, unverdiente Schmach bedeckte sie, und ich trage die Strafe dieser Verurtheilung, die Schmach fällt auf mich zurück! Ich bin die Tochter einer Frau, welche die Justiz der BrandstistMg, des Diebstahls und des Morde» für schuldig befundm hat, und alle Welt wird mir mit Abscheu auS dem Wege gehen, wie eS Lucian bereits thut! Ist die» nicht schrecklich, Mutter Lison? Darf ich noch fragen, weshalb ich ge­boren bin? Jetzt begreife ich das Verhalten Lucians. DaS Blut seines ermordeten Vaters fließt zwischm nnS Beiden, weil man die Unschuld meiner Mutter nicht beweisen kann."

„Man darf die Hoffnung nicht aufgeben," versetzte Johanna. Wer weiß, ob nicht doch eine» Tage- die nöthigm Beweise vorhandm sein werdm? Wer weiß, ob Ihre Mutter nicht vielleicht dm wirklichen Schul- bigen entdecke« wird?"

„Sie ist aus Ihrem Gefängniffe entwichen, hat mir Lucian gesagt, so «reit ich mich erinnere."

„Ja, sie ist Ihrem Gefängnisse entwichm," wieder- jolte JohM«a lebhaft, „und ich glaube wohl, daß ihr Entweiche« zum Zwecke hatte, Jakob Garand, dm wirklichen Schuldigen zu findm."

„Wenn eS ihr auch gelingt, so werden wir eS doch nicht erfahren."

„Sie werdm eS zuerst wissen."

„Wie so?"

„Ihre Mutter wird Sie wiederfinden ... Ihr Herz wird sie zu Jhnm führen! Sie rnüffen Much