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249 Sonntag, den 29. Oktober 1893. 20. Jaürgavg

FlildacrWZkitilng

Dürfen wir „wahlmüde" sein?

denn die Nachwirkungen der MemungsverWreoenyen ; „X . S c 7 T Z ä.Zr

im .Reichstage sind glücklicher Weise durch herzliche ' unter großem Andrang deS Publikum- vor der Strafe

und bequem kommen.

Was ist beim Kern und Krone unsere- ganzen Ringens und Kämpfen- seit mehr al- 20 Jahre«? Die katholische Minderheit in Deutschland will chre Gleichberechtigung durchsetzen und bewahren. Sie will überall und vollständig al- gleichberechtigt estimirt werden; auf dem kirchliche«, auf dem Schul­gebiet, i« der Anstellung der Beamten, im Parlament, in der W.ssmschaft, in der Presie, auf sozialen und witthschaftlichem Gebiete — im ganzen öffentlichen Leben. In keinem einzigen Punkte wollen wir uns zu einer untergeordneten, minder berechtigten und minder respektirten Stellung herabdrücken'lasim. Um diese Parität im vollsten Sinne des Worte- müssen wir nicht blo- au- Pflichtgefühl kämpfen, sondern schon au- Ehrgefühl. Wer sich mit blöder Gleich­gültigkeit zmücksetzm und unterdrücken läßt, der ist kein Mann.

Haben wir vielleicht da- Ziel schon erreicht? Da- kann selbst die rosenrotheste Phantasie un- nicht vor- malen wollen. Au- den Maigesetzen sind freilich die unmöglichsten Paragraphen herau-gestriche« worden; aber der Rest bedeutet noch keinen vollen Frieden und keine volle Gleichberechtigung. Vergleiche zum Beispiel die Polizei-Aufsicht über die katholischen Orden-kräfte und die Freiheit der protestantischen Diakonie! Die gesetzliche Sicherung unserer Schule hat der triumphirende Rütli-Bund vereitelt. Der Staat sorgt in der protestantischen Diaspora ganz ander- für die Seelsorge und die Schulen der Minder­heit, al- in der katholischen Diaspora. Die höheren Beamtenstellen scheinen bi- auf vereinzelte Aus­nahmen unter dem Patronate der „Landei-Kirche" zu stehen, die Landsknechte des Bismarck'schen Kultur­kampfes stehen noch bereit zu einem neuen Feldzug, und der „Evangelische Bund" hat noch eine Menge weiterer Kräste mobil gemacht zum Kampfe gegen Rom. ES tagt keine protestantische Versammlung, nicht ein­mal eine offizielle Synode, ohne daß auf uns loSge- schlagen wird. Zeigen wir uvS nur einmal müde und schwach — dann werden «ns die ringsum an- stürmenden Gegner schon ein schreckliche- Erwachen be-

registriren kann. ~

* Rücksichtlich der neuen Tabakfabrikatsteuer wird offiziös der Anfchauung widerfprochen, daß nach dem GefetzeSprojekte die Fabrikatsteuer nicht von dem Nettobeträge des FakturawertheS dec Fabrikate, sondern von dem Fakturawert!) zuzüglich der Fabrikatsteuer zu entrichten sein werde. ,

* Heftet die diesjährige Getreide-Ernte bringt der ,ReichS-Anz.' eine auf vorläufigen Schätzungen be- ruhende Zusammenstellung. Danach beträgt der Er­trag pro Hektar nach Doppel-Centnern gerechnet, beim Winterweizen 17,0 (voriges Jahr 16,2), beim Som­merweizen 13,3 (14,8), beim «interspelz 15,2 (13,09), beim Sommerspelz 9.0 (11,5) bei der Sommergerste 14,8 (14,3). Der,Reichr-Anz ' bemerkt ausdrücklich, daß diese Zahlen auf Genauigkeit keinen Anspruch machen weil erst wenig Getreide ausgedroschen ist. Der Stand der jungen Saaten ist im Allgemeinen gut.

* DaS Kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Eholerafälle bekannt: In Berlin wurde bei einem Arbeiter Cholera nachgewiesen; in Potsdam und in Stettin je ein tödtlich verlaufener Krankheitsfall, in Neuenkirchen, Kreis Randow, desgleichen 2; in Frauen­dorf, Kreis Randow, 4 Neuerkrankungen, in Bredow, Kreis Randow, 2, in Warsow, Kreis Randow, in Zerpmschlmse und Wittenberge je eine Neuerkrankung. Der am Dienstag für Neuen gemeldete Krankheitsfall ist nach dem Ecgebniß bakteriologischer Untersuchung auf Cholera nicht zurückzuführen.

* Hannover, 24. Okt. Gestern Vormittag begann

kammer I deS hiesigen König!. Landgerichts der schon seit langer Zeit angekündigte und bereit? einmal ver- tagte große Spieler- und Wucher-Prozeß gegen die BanquierS Max und Julius Rosenberg, Albert Heß, LouiS toter aus Hannover, Julius Suß- mann auS Hamburg, gegen die Rentner Johann Fährle (Hannover), Samuel Seemann aus Berlin, Arnold Herbert Lichtner, gegen Rittmeister a. D. v. Meyerink und den Geschäftsreisenden Julius Heinrich Ludwig ©tontet. Die Angeklagten Max Rosenberg, toter, Heß und Lichtner machten sich ein Vergnügen daraus, den siesigen Offizieren in Geldnöthen beizu- leben. Nur die Art und Weise war etwas merk­würdig. Sie schickten Cirkulare an die Herren Offi­ziere, worin sie denselben Gelddarlehen anboten; ging tun der Eine oder Andere auf dieses Angebot ein, so teben sie die geforderte Summe auf Wechsel gegen 5 bis 6 Procent Zinsen und 1—2 Procent Provision, welch letztere stets sofort von der Summe subtrahirt wurde. Einen Theil der geforderten Summe erhielten dann die Offiziere in Baar, den größten Theil zahlten die sauberen „BanquierS" in Gestalt von braunschweigi­schen, sächsischen und hamburgischen Loosen und zwar nicht in Originalloosen, sondern in Antheilscheinen, sog. Berzichtloosen, d. h. die Offiziere hattm nur auf Gewinne in der Klasse, auf die der Antheilschein lautete, ein Anrecht und dazu nur aus Gewinne bis zu 2000 Mark, höhere Gewinne fielen den Darleihern zu. Für die letzte Klasse erhielten die Offiziere überhaupt keine Antheilfcheine; ihre Berzichtloose galten nur für du Borklostm und hatten für diese Klassen kem Anrecht. Bei einer Geldanleihe mußten die Offiziere stets eine viel größere Summe, als da» Darlehm in Baar be­trug, in Antheilscheinen, resp. Berzichtloosen übernehmen. Ein Offizier, der sich z. B. von toter 2500 Mark lieh, mußte für 8500 Mark Berzichtloose übernehmen, so daß der zu uuterschreibmde Wechsel auf 11,000 Mark lautete. Konnte nun dieser Wechsel am Beifall- tage eingelöst werden, so wurde er nur unter der Be­dingung prolougirt, daß von R uem eine größere Summe in Autheilschemm von dem betreffenden Offi­zier übernommen wurde. Auf diefe Weise kam eS, daß ein Offizier, welcher einige hundert Mark ge» liehen hatte, in kurzer Zeit viele Tausend Mark schuldig war. — Die Angeklagtm Mox Rosenberg, Heß, Fährle, Samuel Seemann, v. Meyerink, Stamer, toter, Lrchtner und ein Lieutenant a. D- Freiherr v. Zedlitz-Nmkirch sind außerdem wegen gewerbs­mäßigen, betrügerischen Glücksspiels ange­klagt. Dieselben besuchten alle größeren Badeorte, Renn­plätze und sonstige größere Städte Deutschlands, plün- berten Offiziere, Rittergutsbesitzer, Studenten u. s. w. durch Falfchspiel vollständig au- und wenn du Ge- rupften nicht in Baar zu zahlm vermochtm, so mußten sie für den Restbetrag einen Wechsel geben. Die „Hauptgeschäfte" haben die Angeklagtm in Hamburg und Baden-Baden gemacht. Die Angeklagtm sind nut Ausnahme von Meyerink und Freiherr v. Zedlitz- Reukirch sämmtlich bereits wegen derselbm Vergehen vorbestraft, v. Zedlitz und Lichtner sind flüchtig. — Mehr als 100 Offiziere, sowie eine große Anzahl Rittergutsbesitzer, Studenten u. s. w. sind al- Z-ngea geladen. Dm Borsitz führt Landgerichtsdirektor Hein- roth. Die Anklagebehörde ist verttetm durch dm Staats­anwalt Wilhelm und dm GerichtSasiesior Seel. Sine Reihe von Berthridigern stehen dm Angeklagtm zur

lt* * Bom Rhein schreibt man der,Kobl. Bolksztg.': Mchr als Kopfschütteln bewirkt die Mittheilung dessen, waS Dr. Lieber in Krefeld am Sonntag über die Weinstmer gesagt hat. „Wir haben eS immer betont, wenn man den Schnaps und das Bier deS gewöhnlichen ManrteS besteuert, dann ist eS ein Akt der ausgleichen­den Gerechtigkeit, daß Diejenigen, welche die feinen Weine, Champagner zu 10 Mark du Flasche, trinken, auch ein Opfer auf dm Altar deS Staates legen. Offenbar wohnt Herr Dr. Lieber nicht „zu nahe am schönen Rhein- und Main-Gau", sonst würde er sich zur Besteuerung der „feinen äBeme", du ja gerade dort zu Hause find, etwas anders gestellt habm. Sicher ist, baß unsere Winzer unb auch anbere Leute «och einen Unterschied machen zwischen Fabrikat und Natur- Produkt, der doch auch thatsächlich besteht: zwischen Schnaps und Bier einerseits und edlem Naturwem andererseits. Ebenso sicher ist, daß Derjmige, welcher sich dm LoxuS einer „feinm Flasche" leisten kann, nicht damit auch das Opfer deS Ste uerbctrageS auf den Altar

fcheereu!

Der Reichstag sei viel wichtiger, als der Landtag, sagen einige kluge Leute. Für n«S aber, die wir die Jntereffen und die Ehre der kacholischen Minder- heit wahren wolle«, ist der Landtag mindestens ebenso wichtig. \

Bei der letzte« Katastrophe im Reichstage war in der CentrumSpartei nicht Alles so, wie eS sein sollte. Dank der Klarheit und Entschiedenheit deS katholischen Volkes find wir ja noch mit einem blanmAuge davon gekommen. Aber täuschen wir «nS nicht; eine kleine Scharte haben wir davon getragen; offene Feinde und falsche Nachbarn habe« durch diese Zwischenfälle böse Anregungen unb neuen Muth bekommen. ES gilt, bte Scharte auszuwetzen durch eine imposante Haltung bei dm LandtagSwahlm. Die Gelegenheit ist günstig, denn die Nachwirkungen bet Meinungsverschiebenheit

ES wirb so viel von einer „Gleichgültigkeit der Wähler" unb „Wahlwüdiqkeit" gerebit, baß sich viel- leicht hier oder da die Ansicht festsetzen kann, eS gehöre zum gutem Toi, sich müde zu stellen, und eS sei moderner Schick, bei der Erwähnung der Landtags­wahlen zu gähnen. Wir möchten Jedem, der diefe SchlaffheitS - Mode des Wahlg'gerlthumS mitmacht, einen kräftigen Rippenstoß geben. Unsere verehrten Feinde, die Kulturkämpfer der verschiedenen Schot- timngen, reben bloß von Müdigkeit, um uns in den Schlaf zu lullen; wenn wir von bet Wahl fern bleiben, so werben sie hohnlachenb auf dem Posten sein, um bie Ueberrumpelungs-Erfolge emzuheimfen.

„Ach, ich bin so müde, ach, ich bin so matt", fang . man vor einem Menschenalter in allen Gassen unb Winkeln. Soll dieses Lied als politischer Gasten« Hauer wieder auferstehe«, so mögen eS die Anderen singen. Keine Partei hat so wenig Zeit und Recht, müde zu fein, als die Centrumspartei. Oder wollmwir etwaunSzu „Preußen zweiter Klaffe herabbrücken lasten? Zu diesem verlockenbm Ziele können wir allerbingS auf btm Wege ber Wahlmüdigkeit sicher

Verständigung in den WahlkomiteS beseitigt. Nur Eines ist noch nöthig zum Erfolge: daß nämlich bte Wählerschaft allerorts bie Schlafmütze, welche man ihnen aufreben will, bei Seite schiebt unb sich fnsch- fröhlich in bie Wahlarbeit wirst.

Der große Tamtam ist beim Wahlgeschast mcht bie Hauptsache. Nicht stürmisch, aber energisch, gebet entschließe sich, selbst als teuer Centtumsmann sich an ber Wahl zu beseitigen unb in seinen Be- , kanntenkteisen butch ein gutes Wort zur rechten Zeit für Wahlbetheiligung im rechten Slime zu wirken. Auf biese Weise ist ber Erfolg sicher; sonst!aber könnte eS leicht Schaben unb Schande für uns abfetzm. Denn ber Feinb schläft nicht, wenn er auch kriegS- listig bie Augen zukneift unb seinen Preßmunb schnar-

Aber da- schlechte Wahlgesetz? Ja schlecht ist eS; ober wenn die guten Wählet zu Hause bletbm, wird eS wirklich nicht bester. Wer künftig mehr Wahlrecht haben will, der benutze mit allem Eifer das ihm ver­bliebene Recht, um Freunde eines guten Wahlrechts bUt gätr^eine Müdigkeit vorgeschützt! Müdigkeit ist

Berrätherei!

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Oktober.

* Gegen das allgemeine, geheime Wahlrecht wird von langer Hand ein Anschlag geplant. Wer seit Jahresfrist die Blätter Derjmigen von „Bildung und Besitz" gelesm, kann darüber nicht im Zweifel fein. Das Anwachfen der reformetifchm Stimmen hat diefe volksfeindlichen Wünsche zu einem hitzigen Verlangen gesteigert. ®8 wird da argutnentitt, eS sei eine wider­natürliche Ungerechtigkeit, daß ein Herr von „Bildung und Besitz", der dm Staat durch Steuerzahlen erhalte, der ein größerer BerantwortlichkeitSgefühl besitze und eine höhere UrtheilSfähigkeit übet dar, WaS dem Volke frommt, habe, als bet „stupide" Bauet oder Arbeiter, durch seine Stimme bei ber Wahl kein größerer Ge- wicht in bie Wagfchale werfen könne, als bie Letzerm. Diese Logik scheint verfänglich, aber wir gehen von bem Standpunkte au8, baß bte heutigen Klassengegen­sätze eine Ungerechtigkeit sinb, unb baß er eine weitere Ungerechtigkeit ist, diese Grundsätze konservitm zu wollen. Das allgemeine geheime Stimmrecht ist dem» gegmüber eine, wenn auch nur schwache Handhabe, zur sozialm Reform. ES muß das Mittel bilden, dem Volke auch etwa- „Bildung und Besitz" zu verschoffm, um seine ©teuer« entschieden leichter entrichten, und selbst verantwortlich und verständig übet sein eigenes Wohl und Wehe mtheilen zu können.

* Mit jedem Tage häufen sich bie Proteste ge­gen die Miquel'schen Steuerprojekte, so baß man bie Resolutionen, Beschlüsse unb Petitionen kaum mehr