Einzelbild herunterladen
 

jy 248 Samstag, den 28. Oktober 1893. 20. Jahrgang

Zeitung

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten bie einspaltige Zeile ober bereu Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelb mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psenmg.

Für die Monate November und Dezember ■ werden Abonnements auf die

Fuldaer Zeitung

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage »Sterne ' und Blumen' von allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitungsträgern und von - der Expedition „Harmonie" zum Preife von - 1 M. (nebst Bestellgelds jederzeit entgegenge- j nommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Oktober.

* liebet die Finanzmmister-Konferenz verbreitet das Wolff'iche Telegraphkn-Burrau offiziös Folgendes: Gutem Bernehmen nach nahmen die Konferenzen mit den Ministern der süddeutschen Staaten einen befrie­digenden Ausgang. Wenn auch über die Weinsteuer ; noch weitere Erörterungen, namentlich über die Art der / einzuführenden Kontrolle statt finden sollen, so wäre doch s Hoffnung auch in Bezug auf die Weinsteuer auf eine schließlich befriedigende Einigung gegeben, während man in allen übrigen Beziehungen, sowohl betreffenb eine anderweitige Ordnung des BerhältnifseS zwischen dem Reiche und den Einzelstaaten, als betreffend die Tabak« und ReichSstempel-Steuer zu einem vollständigen Ein­vernehmen auch über die Einzelheiten der Gesetzentwürfe gekommen, welche speziell durchberathen seien. ES wäre wohl zweifellos, daß dem Reichstage bei feinem Zu- sammentritt die genannten Gesetzentwürfe gleichzeitig vorgelegt werden können.

* Im Reichseifenbahnamt wurde gestern unter Betheiligung von Vertretern mehrerer Bundesregie­rungen eine Vorbesprechung abgehalten, die bezweckt, im Interesse des Verkehrs und der Erhöhung der Be­triebssicherheit einheitliche Vorschriften für den Fahr­dienst der Eisenbahnen Deutschlands durchzuführen. Weitere Verhandlungen sollen folgen.

* Der Heimstätten-Gesetzeutwurf soll nach der .Allg.Prov.Korr/ demR ichStage wieder vorgelegt werden.

* Em Gesetzentwurf über die Pensionirunq und Rellktenversorgung der Mittelschnllehrer soll, wie der ,Hann. Kour.' erfahren haben will, m der nächsten LandtagSsesston eingebracht werden.

* Die Einweihung der katholischen St. PanlnS- Kirche der Dominikaner in Moabit hat gestern Vor­mittag unter großer Feierlichkeit stattgefunden. In Vertretung des Kultusministers war Ministerial-Direk- tot Dr. Bartsch mit ben Geh. Räthen Dr. Förster unb Dr. Brandt erschienen. Er überreichte vor der Feier in der Sakristei im Auftrage deS Kaisers dem Erbauer der Kirche, dem Architekten Seibertz, ben Kronenorden 4. Klasse, sowie dem Maurerbalier Schiller unb dem Zimmerbalir Beutner baS Allgemeine Ehren­zeichen. Propst Jahnel vollzog zunächst bie Weihe bes

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(153. Fortsetzung.)

Johanna Portier war kurz vorher, ehe Lvcie sich entfernt hatte, wieber nach Hause gekommen. Da fie nicht im Entferntesten vermmhm konnte, waS Lucie zu Lucian geführt hatte, so nahm sie an, baß sie aus­gegangen sei, um Arbeit zu Mabame Augustine zurück­zubringen, unb machte fich, bis Lucie zurückkehren würbe, baran, ihre Wohnung etwas tn Ordnung zu bringen.

Bald indeß beunruhigte sie dies ungewöhnlich lange Ausbleiben Lucie'S einigermaßen — ihre mütterliche Sorge ließ sie sogleich etwas Schlimmes befürchten.

Die arme Johanna hatte sich feit einiger Zeit gleichfalls erheblich geändert. Der Schlag, welchen ihr Kind getroffen, traf auch sie zu gleicher Zeit.

Langsam floß der Abend dahin. Halbzehn Uhr hatte es bereits geschlagen, und noch immer wat Lucie nicht nach Hause gekommen. Was mochte dies nur bedeuten?

Klopfenden Herzen« unb in bet größten Spannung lauschte Johanna Portier auf baS geringste Geräusch, welches sich braußen vernehmen ließ. Enblich kam Sercanb unsicheren Schrittes die Treppe hinauf. Hastig verließ jetzt die Flüchtige von Clermont ihr Zimmer, beugte sich über baS Treppengeländer unb rief bann hinunter:

Gotteshauses unb celebrirte bann daS feierliche Hoch­amt. Die Festprebigt hielt bet Prior r. Raimundus Lenz. Die Kirche ist in märkischem Sandstein errich­tet, hat ohne innere Einrichtung 305,000 Mk. erfor» bett unb besitzt 980 Sitzplätze. Der Einweihungsfeier wohnte auch ber spanische Botschafter unb ber belgische Gesandte bei.

* Alle Angaben über den Inhalt der neuen Bor- senstener-Borlage werden auf Kombinationen zurück­geführt; eine solche Vorlage sei noch gar nicht aus­gearbeitet. Das mag sein, aber über die Grundzüge einer solchen ist im ReichSschatz-Amt berathen worden; man weiß auch, daß eine Emissions-Steuer nicht in Frage kommt, während ein Zarückgreifm aus eine allgemeine Quittungs-Steuer für das Reich er­wogen wird.

* Der Reichstag wird fich bei seinem Zusammen­tritt mit bet Zollpolitik ber Regierung zu beschäftigen haben, bie ber aus Beschluß deS Bundesrathes angeord­nete 50 prozentige Zollzuschlag auf russische Waaren ber nachträglichen Zustimmung des Reichstages bedarf. Die Debatten hierüber werden einen lebhaften Charakter tragen. Auch die Hanbelr-Verttäge mit Spanien, Ser­bien und Rumänien gehen dem Reichstage bei seinem Zusammentritt zu. Die Handels-Provisorien mit ben genannten Staaten laufen mit Ende dieses Jahres ab.

* Creseld, 23. Okt. Gestern fand in der Königs- bürg eine zahlreich besuchte Versammlung ber Cen- trumswähler statt, m ber Herr Dr. Lieber bie Havptrebe hielt. Der Redner zeichnete in großen Zügen die Signatur unserer Zeit, die falschen und gründ- stürzenden Bestrebungen im Staatswesen, welchen ent­gegenzuarbeiten daS Centrum seit ber langen Zeit bes Bestehens zur Aufgabe sich gemacht. Redner betonte, daS Centrum sei keine kirchliche Partei, wozu man es namentlich jetzt gern machen wolle, sondern eine politische. Auf dem Boden der Verfassung werbe eSmit allen Kräften, wie bisher, so auch ferner barnach ftreben, baß bie Rechte bes Volkes nach jeber Richtung gewahrt werben. Da hanbele es sich nun bei ben bevorstehen­den Landtagswahlen darum, die alten bewährten Kämpfer wieder auf ihre bis jetzt trotz allen entgegen­tretenden Schwierigkeiten treu behaupteten Posten zu entsenden. — lieber bieReichSsteuerreform sprach Herr Dr. Lieber folgendermaßen sich auS:

Was gehen die Reichssteuern den Landtag an? Darin liegt eben die Finanz-Kalamität, daß man das Volk nicht auf­geklärt hat über den Zusammenhang, der zwischen den Reichs­finanzen und denen des Landes besteht. Weil das Reich neben den Zöllen aus die Einzelnstaaten angewiesen ist, find wir auch im Staate an diesen Fragen interessirt. Die Sache liegt so, daß alle außerordentlichen Bedürfnisse aus dem Wege der Anleihe gedeckt werden sollen. Sodann werden noch die Bedürfnisse deS Reiches durch die Beiträge der Einzelstaaten befriedigt, durch die Matrikular-Beiträge. Die Folge ist, wenn die direkten Reichs-Einnahmen nicht mehr reichen, dann werden die Matrikular-Beittäge ins Ungemessene erhöht. Das ist der zeitige unlösbare Zusammenhang der reichS- und einzelstaat­lichen Finanzen. Wir waren schon ein Malf so weit, bald nach­dem der Milliardensegen über uns niedergegangen war, daß. im Jahre 1879 die Matrikularbeiträge eine solche Höhe erreichten,

„Sinb Sie es, meine Theure?“ „Ja, Mutter Lison, ich bin es." „Enblich, Gott sei Dank!"

Einen Augenblick noch, unb Lucie hatte ben Gang oben auf bem sechsten Stock erreicht. Schluchzenb sank sie in bie Arme ber Brodträgerin.

"„Mein Gott, mein Gott! WaS gibt'S benn, theureS Kinb?" rief bie Brodträgerin, welche bie Berweifiung beS jungen Mäbchen« nicht begreifen konnte, aus.

„Was eS gibt, Mutter ßifon?“ Httwortete Lucie, beten Thräuen immer reichlicher flössen unb bie immer heftiger schluchzte, „ich bin verralhen, verlassen .... Er liebt mich nicht mehr unb hat mich vergessen!"

„Lucie, Sie bürsen nicht sogleich verzweifeln."

„Ich hoffe nicht mehr unb batf nicht mehr hoffen".

„DaS Schweigen beS Herrn Labrone muß einmal ein Enbe haben." -

„Bor zwei Stnnben konnte ich bieS noch annehmen," versetzte bte Arbeiterin, „ich konnte glauben, wie Sie auch sagten, baß Sudan plötzlich habe abreisen müssen unb deshalb keine Zeit gehabt habe, mir zu schreiben. . . Jetzt ist kein Zweifel mehr für mich möglich . . - bie Ungewißheit war mir zu schrecklich, ich wollte unb mußte alles wissen, ich bin zu Lucian gegangen."

„Zn Suc an," wiederholte Johanna erschrocken. „Sie sind bei ihm gewesen? Sie haben mit ihm ge­sprochen — er hat Ihnen den Grund angegeben, wes- i halb er Sie nicht mehr lieben w'.ll?"

„Hätte ich ihn noch sehen und sprechen können,

daß sie die Einzelstaaten an den Rand deS Bankerotts zu drängen drohten. Damals hat das Centrum durch Inaugu­ration der neuen Zollpolitik dem deutschen Volke zwei Wohl- thaten erwiesen. Die neuen Zölle steigerten die Einnahmen des Reiches, so daß die Ausgaben gedeckt wurden, ja sie erhöhten die Einnahmen so, daß daS Centrum durch die „Frauckenstein'sche Clausel" eineEinschränkung herbeiführte, wonach nicht mehr als 130 Millionen für Reichszwecke verwendet werden durften und der Ueberschuß den Einzelstaaten zufloß, wodurch die Einzelstaaten vom finanziellen Ruin gerettet waren. Das waren schöne Zeiten. Preußen erhielt aus diesen Ueberschüssen erst vom Reiche 55 Millionen; dann sanken die Zuflüsse auf 1 Million. Seit­dem stiegen umgekehrt die.i Bezüge, welche das Reich von Preußen in einem Jahre bezog, auf 80 Millionen. Fort und fort sind die Matrikularbeiträge gestiegen, so daß, wenn bei dem heutigen Zustande die Kosten der angenommenen Militär-Vor­lage auf den Matrikular-Beiträgen liegen bleiben, wir immer mehr an das Reich abführen müssen. Ich bin 15 Jahre Mit­glied der Budgetkommisston. Bor 16 Jahren hatten wir 16 Millionen Mark Schulden, jetzt haben wir schon eine Reichs­schuld von 2000 Millionen Mark, wofür wir jährlich 66 Millionen Mark Zinsen aufbringen müssen. Wenn unsere Schulden wachsen, werden in gleichem Maße auch die Zinsen entsprechend steigen. In Preußen arbeiten wir schon seit drei Jahren mit einem Defizit. Im Jahre 1891/92 hatten wir einen Fehlbetrag von nicht ganz 50 Mill. Mk. Heute beträgt unser Jahres-Defizit 150 Millionen Mark, und wenn eine aber­malige Steigerung dieses Fehlbetrages sich nach den vorliegenden Nachrichten einpellen sollte, ständen wir vor einem Fehlbettage des preußischen Finanz-Budgets von über zweihundert Millionen. Es ist leicht gesagt, daß die Leute, welche die Militär-Vor­lage durchgebracht haben, auch für die Mehrauslagen sorgen müßten. Aber daS hat einen großen Haken. Wie meinen Sie, daß die Sache würde, wenn Konservative, Nationalliberale und Freikonservative, denen sich als neueste Freunde die Polen zugesellt haben, über die Deckung beschlößen? Glauben Sie, daß dann die breite Masse des Volkes verschont bleiben würde? (Nein!) Ich bin der Ansicht, daß wir mitthun müssen und daß es unsere Pflicht ist, dafür zu folgen, daß Diejenigen die Last tragen, welche die Militärvorlage bewilligt haben, und daß wir nicht zulasfen, daß sie beschließen, daß wir die Lasten tragen. Es muß dasür gesorgt werden erstens, daß die preußische Re­gierung in dieser Hinsicht Vorschläge macht oder nur solchen Vorschlägen ihre Zustimmung gibt, die unsern Wünschen ent­sprechen, zweitens, daß die zahlungsfähigeren Schultern heran­gezogen werden, drittens, daß, wenn dann Ordnung geschaffen ist nicht wieder der Moloch deS Militarismus gleich seinen Rachen öffnet und die neue Steuer verschlingt. Jeder f der eS wohl mit dem Volk meint, muß mitwirken, und Keiner dars wie jener bekannte Knabe sagen: Es geschieht dem Vater Recht, wenn mir die Hände erfrieren, warum kaufte er mir keine Hand­schuhe. Um unsere 8inan|en",ä“ ordnen, brauchen wir jährlich 100 Millionen Mark mehr. Ich spreche nicht über die neuen Steuer-Entwürfe, sie gehen den Reichstag an. Aber vor allem thut noth, mit kaltem Blut an alles heranzutreten, zur Zeit zur Stelle zu sein und auf alles gefaßt zu sein, was im Reiche passirt. Nur zwei der hervorgetretenen Steuer-Entwürfe will ich erwähnen, zunächst der Tabaksteuer. Wir haben immer gesagt, die Gewichtssteuer sei eine Ungerechtigkeit. Es ist eine Ungerechtigkeit, wenn der arme Arbeiter für ein Päckchen

AB" die gleiche Steuer bezahlen muß, wie der Wohlhabende für die feinste Havanna. Wir haben eS immer gesagt und darauf hingewiesen, daß an Stelle der Gewichtssteuer die Werthsteuer treten müsse. WaS nun die Weinsteuer betrifft so wohne ich viel zu nahe am schönen Rhein- und Main- Gau um nicht die drückende Lage unb die mißlichen Verhältnisse der armen Winzer genau zu kennen. Aber wir haben es immer betont, wenn man den Schnaps und das Bier des gewöhnlichen Mannes besteuert, dann ist es ein Akt der ausgleichenden Ge­rechtigkeit, daß Diejenigen, welche die feineren Weine, Champag­ner zu 10 Mark die Flasche, trinken, auch ein Opfer auf den Altar deS Staates legen.

bicS wäre mir wenigstens etwas gewesen, bie trau» riaften Worte hätten mich nicht geschmerzt Lieber wären mir alle Qualen be« Herzens unb Geiste« ge­wesen, als bie Schmach, b:e er mir zugefügt hat."

„Eine Schmach?" wieberholte bie Brobttägerin er­staunt.

„Ja. Lucian hat mein Signalement bem Schließer gegeben unb tiefer Schließer hat mir bie Thüre ge­wiesen."

Abermals brach Lucie in ein heftiges Schluchzen au«.

„Meine Tochter, mein Kinb, meine Theure," sagte Johanna, sie umarmend unb selbst in Thronen auS- brechenb, „Sie bürfen nicht weinen, Sie müssen stark unb rcuthig sein." ,

„Mnthig sein," wreberholte Sucte bitter. „Kann ich noch Muth haben? Wa« soll ich in biesem Augenblicke thnn? Habe ich nicht mein ganzes Leben meiner Siebe hingegeben? Ist für mich von jetzt an noch eine Existenz möglich, eine Existenz ohne Angehörige, ohne Liebe? Nichts al« eine gähnenbe Leere, eine schreckliche Leere! Meine Zukunft war Lucian! Heute habe ich Lucian nicht mehr — es bleibt mir nichts übrig, als zu sterben und ich werbe auch balb fterben!"

„Lucie . . . Sude!“ rief bie Brodträgerin, wie wahnsinnig vor Schmerz unb Schrecken, „derartige schwarze Gebanken dürfen Sie nicht hegen, sie find ge- sährlich .... Schlagen Sie sich dieselben auS dem Kopfe, ich bitte Sie."