J\t 246
Donnerstag, den 26. Ottober 1893.
20. Jahrgang
täglich. Sonn, und Feiertage ausgenommen. - Inserate kosten die einspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechend« Rabatt, «lertellahrlicher Abonnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Für die Monate November und Dezember werden Abonnements auf die _
Fuldaer Zeitung nebst der illnstrirten Sonntagsbeilage,Sterne «nd Blumen' von Men Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitungsträgern nnd von der Expedition „Harmonie" znm Preise von 1 M. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Ottober.
* Die Feier des 50jährigen Militärdienst« jubiläums des Königs vo» Sachsen, zu welcher sich der Kaiser nach Dresden begeben hatte, nahm einen glänzenden Verlauf. Zahlreiche Fürstlichkeiten, darunter Erzherzog Albrecht von Oesterreich nahmen daran Theil. Den Höhepunkt erreichte die Feier mit der Ansprache, welche der Kaiser an der Spitze der Fürstlichkeiten und der deutschen Armee-Kommandeure I im Marmorsaale des Dresdener Residenzschlosses an \ König Albert richtete und in der er die Wünsche und i die Huldigung des deutschen Heeres übermittelte, j „Huldigend", so sagte er u. A., „blickt heute die Armee ' hier auf den einzigen großen Heerführer aus jener großen Zeit, auf dm letzten Ritter deS eisernen Kreuzes mit dem Großkreuze. Euere Majestät haben errungen, was einem Soldaten nur zusteht zu erringen, die höchste Ehre ist Jhnm zu Theil geworden: Sich den Feldmarschallstab vor dem Feinde zu erkämpfen. Ich bitte daher Euere Majestät, den Feldmarschallstab, den Ich Euerer Majestät anzubieten wage, als ein Symbol der Huldigung Meinerseits und seitens Meiner Armee zu übernehmen. Zu gleicker Zeit spreche Ich den Wunsch aus, daß Euer Majestät Uns roch richt lange erhalten bleibm möge und daß, da der. bewährten Führer und Rathgeber so viele schon aus dem Leben geschieden sind, Euere Majestät Meinem jugendlichen Streben und Meiner Arbeit für Unsere Armee mit Ihrem bewährten Rathe noch lange zur Seite stehen mögen." Nachdem das dreifache Hoch auf König Albert, mit welchem die Ansprache schloß, verklungen war, überreichte der Kaiser dem königlichen Jubilar einen Frldmarschallstab mit Brillanten. Der König dankte in bewegten Worten und fuhr fort: „Dieser Stab, den Caere Majestät Mir jetzt verliehen, soll in Meinen Händen fest «nd sicher sein, und sollte — war Gott verhüten möge — Ich nochmals das Schwert für deutsches Recht und die Sicherheit zu ziehen veranlaßt sein, so werden Euere Majestät gewiß glauben, daß Ich mit diesem Stab in der Hand Meine Pflicht erfüllm werde, wie in früheren Zeiten." — Bei der darauf folgenden Gala täfel, an der 350 Personen theilnahmen, nahm der Kaiser abermals das Wort, um den Trinkspruch auf den Jubilar auS- zubringeu, den der Kösig mit einem Trinkspruch auf die Armee und den Kaiser als obersten Kriegsherrn erwiderte. Nach der Festvorstellung im Hvftheater bereitete die Dresdener Einwohnerschaft dem Könige und seinem kaiserlichen Gaste eine großartige Huldigung
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(151. Fortfetzung.)
Gewissenhaft genoß Fräulein Amanda die Annehmlichkeiten des Landlebens, wobei sie fortwährend dem Baron Arnold de R«.ß nicht traute, den sie in Verdacht hatte, daß er in Wirklichkeit etwas ganz Anderes als ein Baron sei uvd dessen Benehmen ihr gegenüber ihr im höchsten Grade verdächtig erschien. In welcher Absicht hatte Ovide, ohne sich lange bitten zu lassen, ihr Anerbieten, eine Landpartie mitzumachen, welche acht Tage lang dauern sollte, angenommen?
Diese Frage war ganz natürlich, und so hatte Amanda sie sich ebenso gestellt, wie dies wahrscheinlich unsere Leser gleichfalls gethan haben werden. Dre That- sachea werden unS bald über diese Frage Aufschluß geben. Seit vier Tagen befanden sich jetzt unsere beiden Persönlichkeiten bereits in BoiS-le-Roi, wo das Patronsfest gefeiert wurde. Die Spazierfahrten auf dem Wasser, die Auifiüge in den Wald, die Besuche an den schönsten Punkten, das Umherschlendern vor den Buden und anderen Sehenswürdigkeiten deS Marktes, alles dies folgte ohne Unterbrechung auf einander.
Der angebliche Baron war Amanda gegenüber stets die größte Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit, zu
auf dem weiten Platze vor dem Theater. — Der Kaiser ist heute früh wieder aus Dresden in Potsdam eingetroffen.
* Offiziös wird der Angabe widersprochen, die Einberufung des ReichStagt werde über drn anfänglich in Aussicht genommenen Termin hinauSgeschoben werden. ES bleibt also beim 21. November.
* Die Finanzminister der am Weinbau besonders bethefligten Bundesstaaten sind gestern im Reichsschatz- amte zu einer nochmaligen Borvecathung deS Wei»> stener-Projekts zusammengetretm.
* Die Besorgniß der Bevölkerung vor hohen Marine-Forderungen scheine der Regierung nicht geringe Besorgmß zu bereiten. Die ,Nordd. Allg. Ztg." bringt schon wieder ein Dementi. „Auf Gru d zuverlässiger Nachrichten" versichert sie, der Kaiser habe aus eigener Entschließung im Hinblick auf die Finanzlage des R iches den nächsten Marine - Etat in dem bereits von ihr berichteten Umfange beschränkt. Aber daS ist ja nichts als die Bestätigung der Behavp'ung, daß große Forderungen der Marine-Verwaltung zu erwarten sind, sobald die neuen Steuern auf Borrath bewilligt sind, die man jetzt unter dem Namen einer Steuer-Reform fordert! Wenn da» offiziöse Blatt weiter die Befürchtung der Uebernahme besonders hoher Verpflichtungen für die Zukunft als unbegründet erklärt, so ist das die Bestätigung, daß erste Raten für neue - Schiffe auch im nächsten Etat erscheinen sollen; ob man i sie als „besonders hoch" bezeichnen will, dar hängt 1 von dem Standpunkt ab, dm man ihnen gegenüber einnimmt. In den Augen der Marine-Verwaltung, die an mehr gewöhnt sind, sind sie natürlich nicht leicht „besonders hoch".
* Der neue Kriegsminister Gmeral Bronsart v. Schellendorf wird in der Preffe allseitig als einer der tüchtigsten «pd hervorragendsten Generäle gepriesen, seine vornehme Gesinnung, sein sachliches Urtheil und sein feiner Takt werden bei dem in Krieg und Frieden erprobten General übereinstimmend gelobt. Wir wollen daS gern gelten lassen, zumal sein verstorbener Bruder als Krug'Minister ebenfalls ein hervorragend tüchtiger Mann und in politischen Kreisen allgemein beliebt war. Aber der neuernannte KriegSminifter isi als solcher noch ein unbeschriebenes Matt Papier und namentlich im Mil tärwesen gilt das Wort, daß die Verhältnisse oft stärker sind als die Menschen. Im Uebrigen kann mau sich gern dem Wunsch anschließen, daß der neue KriegSminrster nicht auf weitere HeereSvermehmngen auSgehen, strengste Sparsamkeit üben und auch der langjährigen Forderung nach Verbesserung deS Militär- straive- fahrens gerecht werden möge.
* DaS Kaiser!. GesundheitS - Amt macht folgende Eholera-Fälle bekannt: In Tilsit erkrankten am 21. Oktober weitere vier, am 22. Oktober drei Personm; davon starben vier. In Sckmalleningken, Kreis Rag- nik, wurde bei einem Flößer Cholera nachgewiesen, desgleichen in Danzig bei einem Schiffer. AuS Stettin wurden am 21. Oktober Abends 6 Erkrankungen mit 2 Sterbefällen gemeldet, am 22. Oktober 2 Neserkran- fangen; indeß kein Sterbefall. In Frauerdvlf, Kreis
jeder Zeit bereit, ihre kleinsten Wünsche zu befriedigen, und so begann sie allmählich zu glauben, daß sie ihn nicht richtig beurtheilt habe, und daß er keineswegs beabsichtige, die Erklämng, welche sich in seinem Besitze befand, gegen sie zu verwerthen. So bedauerte sie schließlich, daß sie anstatt acht nicht vierzehn Tage Urlaub erbeten habe, Soliveau seinerseits sagte sich, daß eS Zeit für ihn sei, zu handeln.
Nach dem Frühstück tm Hotel JägerSruh drückte Amanda dm Wunsch auS, eine Spazierfahrt auf dem Wasser zu machen.
Schon am Morgm hatte Ovide welcher über die Ausführung seines Planes brütete, über em heftiges Kopfweh geklagt, das in eine Migräne überzugehen drohte.
„Ich habe wirklich heute nicht dm Muth, Sie zu begleiten," sagte er. „Ich bin nicht mehr in jungen Jahren, und Sie sind unermüdlich. Gestatten Sie mir also, mich heute Nachmittag ein wenig auSzuruhm und Sie etwas allein zu laffm."
„Ich will Ihre Liebenswürdigkeit nicht allzu sehr in Anspruch nehmen, lieber Baron," antwortete Amanda. „Ich w ll eine kleine Spazierfahrt auf dem Waffer machen und mit der Angelschnur in der Hand versuchen, etwas zu fischen. . . Gehen Sie und ruhe« Sie sich etwas aus. Zwei S uttben Schlaf wird Jhnm Ihren Kopfschmerz jedmfalls vrrtteibm."
Randow, erkrankten in der Zeit vom 15. bis 21. Oktober vier Personen, davon ist eine gestorben. Jn Zer- gmfchleuse, Kreis Nieder-Barnim, drei neue Erkrankungen. Die Zahl der aus Havelberg bis einschließlich 21. Oktober angezeigten Erkrankungen betrug im Ganzen 19, davon neun mit tödtlichem AuSgang.
* Für die Tabakfabrikatsteuer wollen dieNatio- nalliberalen jetzt stimmen, obwohl ihre Führer im Jahre 1878 sich mit aller Entschiedenheit dagegen ausgesprochen haben. Die,Nat..lib.Korresp.', das offizielle Organ der nationalliberalen Partei, meint, daß diese abfälligen Aeußerungen vom Jahre 1878 für die Nationalliberalen kein Hinderniß bilden könnten, heute zu untersuchen, ob eine gangbare Form der Fabrikatsteuer zu finden ist. Herr Finanzminister Miquel wird seine» pclitischen Freunden schon klar zu machen w ssen, daß diese „gangbare Form" in seinem Gesetzentwurf über die Tabakfabrikatsteuer gefunden ist, und damit ist der Umfall der Nationalliberalen schon jetzt gesichert.
* Die oberschlefischeu Wirren scheinen endlich einer friedlichen Beilegung mtgegenzvgeher. Die große Beuthmer CeutrumS-Wuhlversamwlung, welche am 19. d. Mts. tagte und al« CentrumSkandidaten die Herren Rechtsanwalt Dr. Stephari-Beuthm (einstimmig) und Graf Ballestr-m (durch Mehrheit) aufstellte, kann als erster Ausdruck der beginnende« Beruhigung bettachtet werden. Ein weiteres erfreuliches Zeichen, so schreibt die ,Köln. Volksztg.', ist der im Ganzen ruhigere Ton, in welchem Katvlck und Nowiuy Raciborskie über den Verlauf dieser Versammlung berichten. Der ,Katolik' veröffentlicht auch dm Wahl- Auftuf der schlesischen EentrumSpartei und schickt demselben eine längere Betrachtung über die polittsche Bewegung in Oberschlesien voraus, welcher man Ruhe und Mäßigung nicht absprechen- kann. Erfreulich ist darin insbesondere d e unumwundene Erklärung, daß die polnischen Katholiken vom Centrum sich nicht trennen wollen, nur die Gleichberechtigung immer und überall — auch bei der Benutzung über die Wahlen — verlangen müffm. Diese dürftm ihnen auch nicht vorenthalten werden. Die Aufstellung deS Grafen Ballestrem stieß zunächst auf dm heftigsten Widerspruch der in der Mehrheit vorhandenen Polen; erst der meisterhaften, die hohen Verdienste deS Grafen hervor« hebenden Rede des Pfarrers MySliwiec - Beuthm (Marien-Pfarrei) gelang es, einen großen Theil der Polen zu Gunsten deS Grafe« umzurtimmen. „Biele polnische Herzen wurden weich wie Wich»", so drückt sich der Berichterstatter der Nowiny RiciborSkie (Redakteur MackowSki) selbst aus, als Herr Mysliwiec für den Grafen die Lanze brach. Mit zwei Ausnahmen bedienten sich alle Redner der polnischen Sprache auf dieser Versammlung, die vom Vorsitzenden, Erzpciester Schmidt, nach einem freudigen Danke an Gott für die wieder hergestellte Einigung und Versöhnung mit einem Hoch auf Papst und Kaiser geschlossen wurde. Rechts- Anwalt Stephan, der auch in Kofel-Groß-Strehlitz in Aussicht genommen war, nimmt für Beulhen an.
* Münster, 21. Okt. Anstatt des Bürgermeisters Wuermeling, welcher eine Wiederwahl abgelehnt hat,
„Ich werde von der Eclaubniß Gebrauch machm, denn ich fühle mich wirklich unwohl."
„Soll ich mit Ihnen zurückgehen unb Ihnen etwas Gesellschaft leisten?"
„ES würde mir unangenehm sein, Ihnen die Rolle einer Krankenpflegerin unnöthigerweise aufzuerlegm. Ich brauche nichts als Emfarnkeit und Ruhe. Gehen Sie und sehen Sie, daß Sie uns einen schönen Fisch bringen, ich begebe mich zur Villa."
„Wo fallen wir uns treffen?"
„Hier vor dem Mahle. Ich werde hierhin kommen, meinen Absinth zu trinken."
Ovide verabschiedete sich von Amanda, welche sich mit den Fischereigerätheu ausrüstete, dann einen Kahn bestieg und sich eine gute Stelle im Schatten einer großen Weide auSsnchte. Jnzwischm begab sich der angebliche M»ron znr Billa, langsam dahinschreitend, genau wie Jemand, welcher heftig von Migräne geplagt ist. Sobald er sich jedoch im Pavillon befand, dessen Thüre er sorgfältig hinter sich verschloß, nahm er seine gewöhnliche Haltung wieder an.
„Vor ein und zwanzig Jahren," murmelte er vor sich hin, wollte ich wiffen. wer der falsche Harmant sei — heute möchte ich wissm, war Amanda von mir denkt — auch die- werde rch erfahren.
Ec entnahm seiner Reisetasche daS uns bekannte