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Beilage zu Nr. 243 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 22. Oktober 1893.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(147. Fortsetzung.)

Ovide Soliveau hatte sich seit seiner letzten Unter­redung mit Paul Harmant bei Letzterem gar nicht mehr sehen lassen.

Sein Sinnen und Trachten ging ebenfalls dahin, sich vor jeder bösen Möglichkeit in der Zukunst sicher zu stellen. Gewisse Worte, welche Amanda hingeworfen hatte, hatten seinen Verdacht wachgerufen und ihm Ver­anlassung zu großer Unruhe gegeben. Amanda hatte einerseits zuviel, andererseits noch nicht genug gesagt. Augenblicklich traute er ihr nicht recht und wollte wisien, wie weit sie über Alles unterrichtet war oder was sie wenigstens argwöhnte.

War es nicht mehr als ein unbestimmter Verdacht bei ihr? Bermuthete sie im Gegentheil in ihm den Käufer des MefferS, welches in dem Laden am Quai Bourbon gekauft worden war, um Lucie den tödtlichen Streich zu versetzen, und welches man später zerbrochen auf dem Schauplatze des Verbrechens gefunden hatte?

Es mußte ihm Aller daran liegen, genau zu wissen, woran er war und wenn Amanda irgendwie Gewiß­heit besaß, so mußte er auf Mittel und Wege sinnen, sie sich zu sichern. Trotz der Waffe, welche Ovide gegen Amanda besaß, konnte sie ihn mit einem einzigen Worte vernichten. Es war nicht einmal nöthig, daß sie dieses Wort auSsprach. Amanda schien fest überzeugt zu fein, daß ihr Beschützer wirklich Baron Arnold de Reiß heiße, aber Soliveau glaubte in dem Blicke deS jungen MädcheuS zu lesen, daß sie gar zu gerne die Adresse des Barons gewußt hätte, welche er ihr unter allerlei wichtigen Vorwänden bis dahin hartnäckig vor­enthalten hatte. Immerhin war es möglich, daß sie jeden Augenblick ihren Zweck erreichte, trotz des Dunkels, in welches Ooide sich einzuhüllen beliebte.

Seit dem Tage, an welchem er ihr, wie wir uns erinnern, von seiner Reise nach Joigny und beit Er­gebnissen dieser Reise erzählt hatte, hatte er sie jeden Tag besucht und war stets bei ihr speisen gegangen, zugleich aber hatte er seit jener Zeit einen Plan auS- gebrütet, welchen er sobald als möglich auszuführen gedachte.

Ihrerseits mißtraute Amanda nicht weniger ihrem angeblichen Anbeter. Sie wollte wissen, wer der Mann sei, welcher sie in derartiger Weise in vollständiger Abängigkeit hielt — in Folge der von ihr geschriebenen und unterzeichneten Erklärung, welche er in Händen hatte.

Jndeß fehlte ihr die Zeit, um die Schritte zu thun, welche ihr die Gewißheit und der Beweis dafür geben sollten, daß der angebliche Baron de Reiß nichts weiter als wie ein einfacher Mörder sei. Zu wiederholten Malen hatte sie versucht, ihm nachzugehen. Ovide hatte sich ein Vergnügen daraus gemacht, ihre etwas kind­lichen Schlauheiten z« Schanden zu machen.

Amanda konnte ihm diese Manöver zwar nicht ver­zeihen, aber sie verbarg ihre Gesinnung, denn sie konnte nicht wohl anders, und sie hätte sich sehr gefreut, wenn sie ihm hätte sagen können:

„Ich bin die Stärkere. Sie hielten mich in Händen, jetzt halte ich Sie fest. WaS wage ich, wenn Sie mich anzeigen? Höchstens einige Monate Gefängniß, wenn das Gericht sehr strenge ist, während mit Ihnen sich die Sache ganz anders verhält! Ich kann Sie ganz sicher auf den Bagno bringen, wenn nicht gar ausis Schaffst, mein Bester!"

Ja, wie hätte sie sich gefreut diese verführerische Person, wenn sie so hätte sprechen können; aber leider mußte sie schweigen, weil sie nichts wußte. Vermuthungen konnte sie wohl hegen, aber Beweise hatte sie keine. Sie wartete indeß in Geduld ab, in der Hoffnung, früher oder später doch wohl irgend einen Beweis zu finden und sich dessen bedienen zu können, um Rache zu nehmen, den wahren oder falschen Baron Arnold de Reiß unter ihre Botmäßigkeit zu bringen und ihn alsdann vermöge dieser Botmäßigkeit auSzubruten und sich zu bereichern.

„Vielleicht schöpft dieser Mann gerade im Ver­brechen daS Vermögen, daS er zu besitzen scheint," dachte Amanda. UebrigenS ist eS mir gleichgiltig, sofern ich nur von ihm das ganze Vermögen oder wenigstens einen Theil desselben erhalte!"

42.

Am Morgen deS Tages, welcher auf die von uns in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Einzeilheiten folgte, erschien Ovide Soliveau ein wenig vor elf Uhr im Restaurant in der Rue Houore, wo er sehr häufig mit Amanda frühstückte, und bestellte ein Essen nach dem Wunsche deS jungen Mädchens.

Amanda ließ nicht lange auf sich warten, reichte graziös ihrem Anbeter die Hand, und sagte dann zu daS für sie vorbehaltene Kabinet be­traten:

„Wir wollen schnell frühstücken.....ich habe

Hunger!"

„Es ist alles bereit."

Ein Kellner erschien in diesem Augenblicke und setzte

die Gerichte auf den Tifch.

Amanda hatte in der That großen Appetit und verschlang die Speisen. Ovide indeß rührte kaum etwas an und schien sehr sorgenvoll zu fein. Verstohlen be­obachtete Amanda den angeblichen Baron.

„Nun, waS ist Ihnen denn eigentlich?" frug sie ihn deshalb plötzlich. „Sie essen nicht, trinken nicht, ich weiß nicht, waS Sie haben? Sind Sie krank?"

„Nein."

„Gut, noch ein Mal: was ist Ihnen?"

„Ich langweile mich."

„Mit mir? sehr liebenswürdig! Ich danke Ihnen für dieser Kompliment."

„Es betrifft nicht Ihre Person. Sie sind nicht an meiner Langeweile schuld."

„Was beim?“

„Die Eintönigkeit unserer Lebensweise."

„Nichts leichter, als in diese Eintönigkeit Abwechs­lung zu bringen."

„Wie so?“

„Bringen Sie mit mir einige Tage auf dem Lande zu?“ t

Ohne daß sie es bedachte, beging Amanda, indem sie diese Worte sprach, eine große Unvorsichtigkeit. Ovide unterdrückte nicht ohne einige Mühe eine Lächeln der

Zufriedenheit.

„Aber Sie sind nicht frei . . ." sagte er.

„Ich werde Madame Augustine um Urlaub bitten.“

„Wird sie Ihnen denselben gewähren?“

„Vielleicht nicht gerade auf einen Monat, aber gewiß für eine Woche.“

„Gut dann, abgemacht, erbitten Sie sich den Ur­laub. Ich gehe mit Ihnen für acht Tage auf'S Land."

„Wirklich?"

„Weshalb nicht?“

„Wann sollen wir aufbrechen?“

„Wenn Sie wollen, noch heute Abend."

„Mir durchaus recht. Wohin sollen wir gehen?" „Wohin Sie wollen: Sie haben zu wählen.“ „Mir ist er gleich, wenn es nur irgendwo an einem Flüßchen ist. Sie rniethen einen Kahn, und wir fahren auf dem Waffer spazieren wie wirkliche Schiffer, von Morgens bis Abends. Was meinen Sie zu AS- niereS?"

Ovide verzog daS Gesicht.

„Zu nahe bei Courbevoie,“ dachte er bet sich.

„ES paßt Ihnen dies nicht?" frug Amanda.

„Nein, es ist zu geräuschvoll dort, man kann nicht sagen, daß eS da durchaus auf dem Lande ist."

„Gut, bestimmen Sie selbst."

„Kennen Sie Bois-le-Roi?“

„O ja, eS liegt am Saume der Waldes von Fon­tainebleau und am Ufer der Seine. Haben Sie keine Freunde in Fontainebleau?“

„Nein, nur einige Geschäftsfreunde. Wir werden vollkommen frei fein."

„Gut, also auf nach Bois-le-Roi. Wir werden ge- wiß dort ohne Mühe eine paffende Wohnung finden?"

„Nach dem Frühstücke fahre ich mit der Eisenbahn dorthin und besorge diese Kleinigkeit. Erbitten Sie sich von Madame Augustine den nöthigen Urlaub und be­sorgen Sie dann die Einkäufe, welche für unsere acht­tägige Sommerfrische nöthig sind. Dann kommen Sie zu mir."

Ovide hatte, während er diese Worte sprach, seine Brieftasche geöffnet und reichte Amanda eine Note zu Tausend Franken hin.

„Werden Sie nach Paris zurückkommeu, um mich abzuholen?“ frug Amanda dann.

„Wozu foll ich dies? Fürchten Sre sich, allem zu reifen^“

' „Nicht im mindesten. Ich werde Sbnen also Nach­reifen und zur Zeit des Mahles eintreffen."

Ovide sah den Fahrplan nach. Es wurde verab- redet, daß Amanda mit dem Schnellzuge um halb sechs Uhr abreisen und daß er sie am Bahnhof von BoiS-le-Roi abholen sollte. , ,

Ovide vollendete sein Frühstück und entfernte sich dann, um seine Vorbereitungen zu treffen.

DaS junge Mädchen, höchlichst erfreut über die Aussicht auf eine vollständige Ruhe von acht Tagen, kehrte zum Atelier zurück, suchte sogleich Madame Augustine auf und fagte mit bewegter Stimme, während sie zugleich eine erheuchelte Thräne abtrocknete.

„Ich habe soeben einen Brief einer meiner Tanten erhalten, Madame. Sie ist krank, sehr krank, meine arme Tante und schwebt in großer Gefahr. ES ist eine ehrenwerthe Frau, welche große Stücke auf mich hält. Sie bittet mich, einige Tage zu ihr zu kommen, und möchte Sie deshalb bitten um einen Urlaub von einer Woche, Madame."

Madame Augustine verfuhr fehr gut mit ihren Arbeiterinnen. Sie fetzte nicht den geringsten Zweifel in die Angabm der Lügnerin und antwortete also:

„Gewiß, mein theures Kind, ich will Sie nicht hindern, diese Familienpflicht zu erfüllen. Sie sollen den Urlaub von acht Tagen haben."

„Ich danke Ihnen, Madame. Kann ich sogleich ab­reisen?“ ,,

„Haben Sie Geld nöthig? . ...

^Neiu, Madame, ich habe noch einige Ersparnisse, toeI^@?6en®ie also, mein Kind, und denken Sie daran, daß "ich Sie in acht Tagen zurück erwarte.“

Amanda besorgte die Einkäufe, welche sie zu machen gedachte und bestieg fodann um halb sechs Uhr den Zug, welcher sie.nach BoiS-le-Roi brachte.

Kehren wir inzwischen zu Ovide zurück. Als er sich von seiner Gefährtin in dem Gasthofe der Rue (54. Honorö verabschiedet hatte, ließ er sich zu seiner Wohnung in der Avenue Clichy bringen und machte seinen Reisesack zurecht, in welchem er vor allen Dingen eine kleine Flasche sorgsam einpackte, die einen gewiffen von Amerika mitgebrachten Ligueur enthielt und dessen Wirkungen wir bereits kennen.

Nachdem er dies erledigt batte, bestieg er mit einem Reifesacke wieder den Wagen und gab dem Kutscher Befehl, ihn zum Lyoner Bahnhofe zu bringen. Der Zog stand eben im Begriffe abzufahren.

Um fünf Uhr langte er an fernem Bestimmungs­orte an. Er verließ den Bahnhof und fchntt auf das Dorf zu, welches sich bis zum Abhänge eines malen, scheu Hügels ausdehnt und bis zur Seme hinunter 8 h Eine Herberge im bescheidenen Aeußern, mit einem Schilde, das die Aufschrift: „Zur JägerSruhe' trug, lag auf feinem Wege. Ec trat em und frug die

Können Sie mir auf eine Woche eine Wohnung

„Wir haben für den Augenblick nur Herne Z,m- mer frei, aber etwa hundert Schritte von hier haben wir noch einen hübschen möblirten Pavillon, mitten m einem Gebüsche. Dies wird Ihnen vielleicht passen, nicht wahr?“ .

„O ja, ich bin im Borans sicher, daß er mir ge- fallen wird. Aber wie steht'S mit den Mahlzeiten?"

„Sie können hierhin speisen kommen oder Wir können Ihnen auch in dem Pavillon auftragen, je nach Belieben."

Gut.“

"Sie haben aus dem Pavillon eine hübsche Aus­sicht auf die Seine." . _ , , , „

„Ich möchte auf alle Fälle einen Kahn haben,“ fiel Ovide der redseligen Wirthin m's Wort.

„Wir haben deren sechs. Sie können sich also nach Belieben wählen."

„Sehr angenehm! . . . Zunächst handelt es sich darum, mir em Mahl zurecht zu machen.

„Für Sie allein?"

„Für zwei Personen."

"Um Wie viel Uhr."

„Um acht Mr." . m „ ...

„Bitte die Speisen zu bestimmen. Wenns nicht gerade auserlesene Gerichte sind, so können Wir nut Allem dienen." . ,

Ovide gab der Frau seinen Küchenzettel.

Um acht Uhr wirb alles bereit sein. Ich darf Sie "gewiß jetzt zum Pavillon führen, dort können Sie Ihre Reisetasche cblegen."

„Sehr angenehm." . ,

Die Wirthin zur „JägerSruhe" rief einer Magd und gab ihr Weisung, den Reisenden zum Pavillon zu führen. Es war dies ein kleines aber sehr hübsche» Haus mit nur einem einzigen Erdgeschoß, das auS vier Räumen bestand, einem Speisesaal, zwei Schlaf­stuben und einer Küche, das Ganze hübsch und behag­lich möblirt. Ovide brachte feinen Reisesack m einem Schranke unter, dessen Schlüssel er vorsorglich zu sich ^Machm Sie?gütigst die Zimmer zurecht," sagte er bann zu ber Magb.

„3a, ich werbe mich sogleich daran machen, es wird alles" rasch besorgt sein."

Soliveau kehrte nunmehr m sem Hotel zurück, wo man mit den Vorbereitungen zu einem Mahl be­schäftigt war. , „.

Er bat um Schreibzeug, setzte ftdj an emen Keinen vor einem Fenster stehenden Tisch und schrieb solgende ^Jch bin mit einer hübschen Person inder Som- rnerfrische. Wenn Du meiner bedarfst, so schreibe oder telegraphire nur an den Baron Arnold de Re>ß, Hotel JägerSruhe. _ . .

Ganz der Deinige.

Ovide.“

(Forst, folgt.) •