jy 243 Sonntag, den 22. Oktober 1893. 20. Iahrganp
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Freunde es manchmal bedauert haben werden. Sein , bedeutendster Gegner, Gambelta, der mit seiner süd- ■ französischen Beredsamkeit haufiren ging, wußte die ■ Franzosen, die so gern hinter dem glänzenden Schein ■ herlausen, ganz anders bei ihrer schwachen Seite zu \ fassen. B»utanger war ein ehrgeiziger Egoist, dem das • Wohl des Landes Wurst und seine persönlichen Leiden- - schäften Alles waren; Mac Mahon hat immer nur an ; das Land und an seine Pflicht gedacht und deshalb von ? seiner politischen Lausbahn für sich nichts heimgebracht, als ein'N Haufen Schulden, zu deren Tilgung er seit- : dem recht eingezogen leben mußte. j
Zn Deutschland finden wir glücklicher Weise nichts ; Wunderbares darin, wenn ein Sraatsmann mit Hintan- ; setzung seiner eigenen Joterissen einfach seine „Pflicht und Schuldigkeit rhut. In Frankreich aber, der Hei- math von vielen reich gewo-denen Strebern und einer ganzen A-mee von Panama - Duben, bildet eine so biedere Erscheinung, wie Mac Mahon, einen auffallenden Lichtpunkt.
Und wie steht es mit der angeblichen Verschwörung zum Sturze der Republik? Al» Mac Mahon 1873 an's Ruder kam, bestand noch keine verfassungsmäßig festgelegte Republik in Frankreich. Die Nationalversammlung harte die Aufgabe dem Lande seine Ber- süffung erst noch zu geben, und Mac Mahon war von der antirepublikanlschen Mehrheit dieser konstituirenden Versammlung gewählt worden. Wenn er sich damals für die' Wiederherstellung der Monarchie in Frankreich intereffirt haben soll, so that er durchaus kein Unrecht, es war vielmehr seine Pflicht, unbefangen zu prüfen, welche RegierungSform für das Land die beste sei. Es ergab sich bald, daß mit keinem der Prätendenten etwas Gutes zu erreichen war. Die bonopartistische Dynastie war unter dem frischen Eindruck der Niederlagen unmöglich; obendrein brachten die Krankheit und der Tod "Napoleons III. Schwierigleiten. Der legitime König, Heinrich V., verdarb sich die letzten Aussichten durch den Eigensinn, mit dem er an seiner „weißen Fahne" festhielt. Dar Haupt der Orleans war damals ebenso wenig beliebt beim Volke, wie jetzt, und hatte damals noch mehr Gegnerschaft zu erwarten, weil die Erbfolge noch nicht emgetreten war, die ihm später in den Augen der grundsatztreuen Legitimisten das Anrecht auf den Thron gab. Es hätte sich keine Monarchie ohne Bürgerkrieg einfüh-en lassm, und im Falle des vorläufigen Sieges wäre si- aller Wahrscheinlichkeit nach nicht haltbar geraden. DoS erkannte der „loyale Soldat" auf dem Präsidentenstuhle, und deshalb sah er von jedem Versuch der sogen. Restauration (Wieder- herst-lluag eines Thrones) ab. Andererseits erkannte er die. Nothwendigkrit, eine regelrechte Beifassung einzuführen und die Nationalversammlung, die während des Waffenstillstandes gewählt war, durch eine neue Volksvertretung abzulösen. So wurde er, den man jetzt als volksfeindlichen Landsknecht eines Prätendenten yinzustellen wagt, der Förderer und in gewissem Sinne der Vater dec republikanischen Verfassung Frankreichs.
Die Wahlen fielen leider zu Gunsten der Liberalen auS. Im Jahre 1877 setzte Mac Mahon seine ganze Macht ein, um eine konservative Mehrheit zu erzielen. Er hielt sich dabei durchaus in den gesetzlichen Bahnen. Das betreffende Ministerium mußte er freilich aus den sogen. Orleanisten und Bonapartisten zusammenstellen, da andere konservative und christliche Kräfte ihm nicht zur Verfügung standen. Daraus folgerten nun seine Feinde, daß er einen „Staatsstreich" zu Gunsten eines Prätendenten plane. Bewiesen ist diese Anklage nicht im Mindesten, und dar spätere Verhalten deS Marschall- Präsidenten widerspricht durchaus einem solchen Verdachte. Er wollte offenbar verhindern, daß daS Land in die Hände von Kutrurkämpfern und Ausbeutern falle. ES ist ihm nicht gelungen, weil ihn das irregeleitete Volk im Stiche ließ. Wenn er nun auf einen wirklichen „Staatsstreich" verzichtete, so war das keine Feigheit, ionderu Sewiffenhaftigkeit. Er brachte sogar noch das Opfer, zwei Jahre lang mit einer feindseligen Mehrheit auLzuhalten, um nach Kräften das Unheil zu mäßigen, das sich die verblendeten Wähler berei et hatten. Ware er selbstsüchtig gewesen, io würde er es entweder mit einem gewaltsamen Konflikt versucht haben oder gleich nach dem Scheitern seines Wahlfeldzuges sich in den Ruhestand geflüchtet haben. Die Dulderjabre, die er bis zum 30. Januar 1879 noch durchmachte, gereichen jedenfalls seinem christlichen Charakter zur Ehre.
Wenn wir dem Streben Mac MahonS aus den Grund zu gehen suchen, so müssen wir ihn als den ersten Vertreter der von Papst Leo jetzt empfohlenen Politik ansehen. Der Papst hat nunmehr den französischen Katholiken den Rath gegeben, daS Bleigewicht deS aussichtslosen Prätendententhums obzustreifen und für dir Jnteresien des Volkes und der Kirche auf dem Boden der bestehenden Verfassung einzutreten. Jetzt ist der Grund gelegt zu einer katholisch-konservativen BolkSpaitei. Ware die schon vor 20 Jahren dagewesen , so hätte Mac Mahon den Kampf gegen die Kulturkämpfer und Ausbeuter vielleicht gewmnen können. Die Nationalversammlung hatte bekanntlich noch eine christlich-konservative Mehrheit, aber leider trugen die Fraktionen derselben den Stempel eines der Prätendenten. Bei der Neuwabl sagten sich viele ruhebe- dülstige Spießbürger: „Wählen wir diese Leute wieder, so gibt es einen Kampf um den Thron mit Bürger- krieg und Revolution; da wollen wir lieber für Gaw- betta und so wie die andern Republikaner stimmen, damit Ruhe im Lande bleibt." Diese Furcht vor inneren Zwistigkeiten hat damals den Ausschlag gegeben zu Gunsten des Liberalismus und hat später die Mevrheit der Linken stets vergrößert. Wenn Gam- bettas Ruf: „Der KlerikalismuS ist unser Feind!" so viel Anklang fand, so lag dos zu einem großen Theile daran, daß die Wähler glaubten, die Kirche und die Geistlichkett stehe im Dienste der Prätendenten und wolle das Land in Unruhe, daS Volk in Knechtschaft, Frohndienste rc. stürzen. Es war hohe Zeit, daß der Papst durch seine wiederholten öffentlichen Kundgebungen dem Verdacht entgegentrat, als ob dieKache auf ihre hohe Aufgabe einer Mutter des Volkes zu sein verzichten und sich zur Dienftmagd einer berrschsüchtigen Persönlichkeit wachen könne. Zu Mac Mahon's Zeit, als daS Eisen der französischen Wählerschaft noch heiß war, schlugen die konservativen Führer in ihrer anti- republikanischen Verblendung harinäckig daneben. Es wird viele Mühe und Zeit kosten, wenn das Versäumte wieder eingeholt werden soll, und ob es ohne eine luftreinigende Katastrophe überhaupt denkbar ist, müssen wir dahingestellt fein lassen.
Am Grabe Mac Mahon's haben besonders die christlich gesinnten Franzose-« Anlaß zur Trauer und zur Gewissensersorschung. Wenn die deutschen Kulturkämpfer den tobten Marschall und Piäsidenten von Frankreich herabsktzm, so wollen wir doch dem Charakter v«E braven Mannes Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Es wäre ein Glück für Frankreich und ganz Europa, wenn es in Paris weniger Genie's ä la Gambetta und mehr Leute mit gesundem Verstand und reinem Herzen nach dem Muster Mac Mahon's gäbe. Gewissenhafte Staatsmänner ober Generäle dieser Art fangen nicht leichtfertig Krieg an und laffm im Innern sich keine Panama-Versumpfung ausbreiten. Abgesehen von allen politischen Erwägungen ist eS auch vom allgemein menschlichen Standpunkt auS eine Genugthuung, wenn man einen langen, reich bewegten, durch die ver« schlungendsten Pfade und über die steilst:n Höhen der Geschicke führenden Lebenslauf betrachten kann, ohne ein Fleckchen an der Ehre zu sinden. Leider eine große Seltenheit.
Berlin, 19. Oktober.
Der alte Mac Mahon ist gestorben. Auch in Deutschland erregt diese Nachricht weithin Theilnahme; denn seit 1870 war der Name Mac Mahon bei uns allgemein bekannt geworden, die irilche Vorsilbe Mac mußte sich freilich manchmal die Umgestaltung in Max gefallen lassen. „Mac Mahon, Mac Mahon, Fritz kommt und hat ihn schon." Gerade in dem ersten großen Schlachisieg bei Wörth fiel dem Marschall mit dem reimfähigen Namen die Ralle des Besiegten zu. Bei der zweiten, noch bedeutenderen Niederlage ber von ihm geführten Armee hatte er jedoch das Glück, durch eine Verwundung am frühen Morgen rechtzeitig in Ruhestand versetzt zu werden, so daß General Wimpffen feinen Namen unter die Jammer-Urkunde von Seoan setzen mußte. Sonst würden die Fabrikanten vonS-dan- Trmmphliedern gewiß den handlichen Namen des Marschalls weidlich ausgenutzt haben.
Mac Mahon gehört zu jener Schaar bevorzugter Greise, die in dem Alter, wo andere Leute sich zur Ruhe zu setzen pflegen, noch »u dm größten Dingen berufen werden. Er hatte 65 Lebensjahre und 43 Jahre Offuiersbienst hinter sich, als er plötzlich in sehr kritischer Zeit zum Staatsoberhaupt von Frank eich gewählt würbe. Er löste den noch älteren Thiers ab: ber Unterschied zwischen diesen beiden Persönlichkeiten war eben der, daß ThierS von früh an Politiker und Minister gewesen war, während der „alte Degen" erst im Greisenalter zur praktischen Staatskunst an die Stelle berufen wurde. Eine ähnliche Aera der Alten haben wir bekanntlich in Deutschland auch gehabt. Kaiser Wilhelm wurde erst mit 61 Jahren Herrscher deS Landes; Graf Moltke war zur Zett des letzten Krieges schon 70 Jahre. Fürst B'Srnarck war freilich 15 Jahre jünger als Moltke und 7 Jahre jünger als Mac Mahon; dafür hat er es aber auch länger im Amre ausgehalten als diese Beiden.
Mac Mahon hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit unserem alten Kaiser: Beide waren keine GemeS, aber überaus brave, pflichttreue Charaktere. Bei einem Vergleich mit Bismarck zieht natürlich m Betreff der staatsmännischen Begabung und ber politischen Erfolge ber ehemalige Präsibent von Frankreich weitaus den Kürzeren. Aber wenn nun daS Verhalten ber Beiden nach dem Verluste ihrer Macht tiergteidit, so hat Mac Mahon zweifellos die edlere Natur. Als Mac Mahon sein Wirken gelähmt sah, ging er ohne Groll und Zuck in ben wirklichen Ruhestand. Er hat nicht oen geringsten Versuch gemacht, sich an denen zu reiben oder zu rächen, die ihn zum Rücktritt gezwungen hatten; von seiner Seite sind seinen Nachfolgern keinerlei Schwierigkeiten oder Unannehmlichkeiten entstanden.
Mac Mahon war ber ausgesprochene Gegner des jetzt in Frankreich herrschenben Liberalismus gewesen; dennoch bezeugt baS ganze Laub ohne Unterschieb ber Parteien (natürlich die von Mac Mahon niebergewor- fenen KommunarbS ausgenommen) dem Gestorbenen feine Verehrung. Unsere deutschen liberalen Blätter fühlen aber bemerkenSwerther Weise daS Bedürfniß, am Sarge des tobten Gegners recht bissige Kritiken loLzu- lasten. Sie suchen die ganze Karriöre des Marschall- Präsidenten als ein Ergebniß unverdienter Glücksfülle hinzustellen und greifen den Charakter deS Verstorbenen an, indem sie ihm bösartige StaatSstreich-Pläne ä la 93oulanger undichten und die Erfolglosigkeit dieser schwarzen Pläne auf eine Feigheit ä la Soutanger zuröckführen. Dahinter steckt kulturkämpferische Verbissenheit. Mac Mahm war nicht bloß ein konservativer Politiker, sondern auch ein treuer Katholik, das letzte katholische Oberhaupt deS fast ausschließlich von Katholiken bewohnten Frankreich. Daher der Haß deS ganzen jüdisch - protestantisch - freimaurerischen Liberalismus, der selbst den 14jährigm Ruhestand des Expräsioenten überdauert hat.
Nein, Mac Mahon war kein Boulanger; in jedem Pcmkte bildete er den schärfsten Gegensatz zu diesem Abenteurer. Boulanger war genußsüchtig und lüderlich, Mac Mahon führte den solidesten hauSväterlichenLebenswandel. Boulanger war ein Komödiant; Mac Mahon verschmähte die theatralischen Effekte so sehr, daß seine
*) Nachdruck nicht gestattet.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Oktober.
* Die Festlichkeiten anläßlich deS Bischofsjubi- läums de» Papstes werden einer römischen Meldung der ,Poltt. Corresp.' zufolge mit einem feierlichen Consistorium ihren Abschluß finden, in welchem ber Papst den Gläubigen der ganzen Welt seinen Dank für die Theilnahme an ben JubiläumSfesten ausdrücken wirb. Außerdem wird der hl. Vater eine Encycli ca veröffentlichen. v „
* Der Kaiser ist von Bremen kommend rm Neuen PalaiS bei Potsdam eingetroffen. Gestern Vormittag nahm der Kaffer daselbst die Vorträge des Reichskanzlers und des ChefS deS MilitärkabinetS entgegen. Die Abreise des Kaisers mit dem Kronprinzen nach Dresden zum 50jährigen Militärjubiläum deS Königs von Sachsen ist auf Sonntag Nachmittag angesetzt.
* Wie biet bestimmt verlautet, soll Anfangs nächster Woche in Berlin eine neue Finanzmmister Konferenz zusammentreten. Sie wird sich vermuthlich in der Hauptsache mit der Weinsteuer zu beschäftigen haben, über die bisher eine Einigung nicht möglich war.
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