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20. Jahrgang

Freitag, den 20. Oktober 1893.

JV 241

MaklWZeituilg

S-t. SeLuerstaud und Trinkgeld.

Unter den Mitgliedern des Kellnerstandes herrscht schon seit längerer Zeit eine sehr große Mißstimmung und Unzufriedenheit, welche ihren Hauptgrund dann haben, daß die Kellner in vielen Restaurationen und Wirthschaften — namentlich in den größeren Städten — von den Inhabern derselben kein Gehalt beziehen, sondern in Bezug auf den Lohn für ihre oft großen Dienstleistungen auf das Wohlwollen und die Frei­gebigkeit der Gäste, auf sogenanntes Trinkgeld, ange­wiesen sind. Daß diese Thatsache zur Unzufriedenheit berechtigt, unterliegt keinem Zweifel, ste muß als ein schreiendes Unrecht angesehen werden. Jede Arbeit ist ihres Lohnes werth, und wenn man bedenkt, welche Anforderungen heutzutage an die Kellner gestellt werden — man verlangt von ihnen u. A. das Zeugniß für eine bestandene zweijährige Lehrzeit, gute Wäsche und Kleidung und nicht selten eine zwölf- bis vierzehn­stündige Thätigkeit — so muß man sagen, daß er doch ganz absonderliche „Rechtsgrundsätze" sind, nach welchen diejenigen Restaurationsbesitzer handeln, die ihren Ge­hilfen — und das sind doch die Kellner — zumuthen, ohne Lohn für sie thätig zu fein, ja ihnen (den Wirthen), waS manchmal der Fall ist, noch etwas dafür zu zahlen, daß sie das Vergnügen haben, bis spät in die Nacht hinein die Gäste zu bedienen.

Die Folgen dieser Handlungsweise treten klar zu Tage. Zunächst erachten eS die Kellner, welche Menschen sind und menschenwürdig leben wollen, als ihr gutes Recht, den Gästen Abgaben zu ihren (der Kellner) Gunsten aufzuerlegen, die von den Gästen durchweg ungern gezahlt werden und die geeignet sind, die Kellner in den Augen der Gäste als eine besondere Art Almosen­empfänger herabzuwürdigen. Die Kellner, welche darauf angewiesen sind, von dm Trinkgeldern zu leben» drang- faliren das Publikum um solche zu erhalten, und wrr haben er häufiger mitgemacht, daß Gäste, von denen den Kellnern bekannt war, daß ste mit dem Trinkgelde knauserten, erst nach wiederholter Aufforderung und dann mit mürrischer Miene bedient wurde. Die Be­lästigung und Behandlung deS Publikums wäre an sich gewiß schon Grund genug, um gegm daS Tnnk- gelderunwesen zu Felde zu ziehen, aber eS sind noch weit stärkere Argumente vorhanden, welche eS geradezu zu einer sozialen Pflicht mache», für eine Abhilfe auf diesem Gebiete einzutreten. Die Kellner, die existtren wollen, werden, wenn daS Wohlwollen der Gäste ihnen kein genügendes Auskommen gewährt, wie das leicht erklärlich ist, zu Unredlichkeiten und V.-runtreuungen sowohl den Gästen, wie den Wirthen gegenüber ver- leitet, und zwar erst recht dann, wenn — wie daS vielfach „Brauch" ist — ihnen von ihren Prinzipalen keine Wohnung und nur sogen, „halbe Kost" gegeben wird. Weit davon entfernt, solche Unredlichkeit ver- theidigen zu wollen, müssen wir doch sagen, daß die Havptschuld dort, wo solche von nicht oder doch sehr schlecht bezahlten Kellnern vorkommt, nicht diese, sondern

die spekulativen Wirthe trifft, die alles Mögliche von ihren Gehilfen verlangen, sie aber in Bezug auf die Gegenleistung an die Gäste verweisen.

Daß diese im höchsten Grade unbilligen und un­haltbaren Verhältnisse beseitigt werden müssen, wird Niemand, der Rechtlichkeitsgefühl besitzt, in Abrede stellen können, denn das ist doch fehr logisch, daß der- jenige, welcher Personen in seine Dienste nimmt, für sich arbeiten läßt, dies« Personen auch für ihre Leist­ungen bezahlen muß. Kein Kaufmann wird es sich einfallen lassen, von ihm beschäftigte, seinem Nutzen dienende Gehilfen bezüglich der ihnen zustehenden Ver- gütung an die Kundschaft zu verweisen, kein Fabrik­besitzer wird seinen Arbeitern, kein Handwerksmeister seinen Gesellen zumuthen, umsonst, beziehungsweise für die Aussicht, Trinkgelder Seitens der Abnehmer der Maaren und Gegenstände zu erhalten, für sein Ge­schäft, für feine Kasse täglich so und so viele Stunden zu arbeiten. Und waS selbst von dem geringsten Tage- löhner nicht beansprucht wird, daS soll man von Kell­nern verlangen können? Auch sie sind Arbeiter und haben gerechten Anspruch auf einen ihren Fähigkeiten und Leistungen entsprechenden Lohn. Diesen Lohn zu zahlen sind aber die Wirthe, keineswegs die Gäste ver­pflichtet, die ja nichts umsonst erhalten, sondern Speisen und Getränke theuer genug bezahlen müssen. Die Spekulation auf die Bezahlung der Bedienung durch die Gäste können wir nicht anders als eine Brand­schatzung der Gäste bezeichnen, welche sogar Bielen das Reisen und Wohnen in Hotels rc. ganz und gar verleidet. Wer ein Geschäft betreibt, muß seine Kun­den entweder selbst bedienen oder sie von hierzu ange­stellten Personen auf seine Kosten bedienen lassen, und schon aus diesem Grunds muß das Trinkgelderunwesen, welche« der Humanität und Kultur Hohn spricht, ent- schieden bekämpft werden. Aber eS gibt auch noch an- ! bete schwerwiegendere Gründe, welche sich aus den i Forderungen der Humanität und der Moral ergeben, i Die Kellner sind Arbeiter, sie müssen von dem Ertrage ihrer Arbeit leben können und dürfen nicht gewiffer- maßen zu Almosen-Empsängern herabgewürdigt werden. Die Kellner dürfen auch nicht in gewissem Sinne dazu verleitet werden, die Gäste und W'.rthe, um chren Lebensunterhalt zu erwerben, zu betrügen und zu be­stehlen. Stehlen und betrügen soll und darf Niemand, aber darben oder hungern soll auch Niemand, der ar­beitet, und deshalb sagen wir, die KellnerbesoldungS- frage ist ein wichtiger Theil der sozialen Frage, deren Lösung dringend geboten erscheint, und für die in erster Linie die Bürgerschaft eintreten muß dadurch, daß sie einen moralischen Druck auf diejenigen Wirthe ausübt, die Kellner halten, aber deren Leistungen von den Gästen bezahlt leben wollen.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(146. Fortsetzung.)

10.

„Sie haben es bedauert?" wiederholte Johanna.

„Ja," antwortete Lucie.

„Weshalb?"

„WeilLucian während meiner Abwesenheit hier war."

„Die Schließerin hat es mir gesagt."

„Sie haben ihn nicht gesehen, Mutter Lison?"

Johanna nahm sich zusammen, so gut er ihr mög­lich war, um zu sagen:

„Nein, ich habe ihn nicht gesehen."

„DieSchließerin hat mir gesagt, daher sehr trau­rig auSgesehen habe."

„Sie hat sich dies vielleicht nur eingebildet."

„Vielleicht. Aber sie behauptet, sie habe gut ge­sehen. Muiter Lison, ich empfinde Furcht."

Johanna fuhr zusammen.

„Furcht, meine Tochter?" stammelte sie. „Weshalb?"

„Mit heute Morgen seit diesem Besuche des Fräu­lein Harmsnt habe ich traurige Ahnungen."

„Schlagen Sie sich dieselben aus dem Kopfe, meine Theure, man zermartert sich den Kopf mit ganz thörich- ten Dingen. Man fürchtet sich ost auS ganz nichts sagenden Gründen. Sie müssen sich zerstreuen; wenn S Ihnen recht ist, werde ich mit Ihnen heute Abend speisen.

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nach Bremen zur Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelm I. weiter. Der Reichskanzler Graf Caprivi und Finanzminister Dr. Miquel sind bereits heute Mittwoch dorthin abgereist.

* Eine Segelyacht für Kaiser Wilhelm ist am Montag mit dem englischen Dampfer „Edina" in Stettin eingetroffen. Dieselbe wird nach Potsdam über- ;eführt.

* Außerordentliche Forderungen für die Marine werden beim Reichstag nicht gestellt. Nach der »Kreuzztg/ hat man an maßgebender Stelle end­gültig davon Abstand genommen, mit solchen an den Reichstag heranzutreten. Nach der ,Köln. Ztg.' über- chreitet der Etat für daS nächste Jahr keineswegs die Höhe des für das laufende Jahr bewilligten, bleibe im Gegentheil nicht unerheblich hinter dessen Sätzen zurück. Ueberhaupt trete das Reichsschatzamt mit außer- ordentlicher Strenge allen Mehrforderungen der ein­zelnen Reichsämter entgegen und streiche dieselben un­erbittlich. ,

* Die Verhandlungen deS gestern in Berlin zu­sammengetretenen Zollbeiraths, über welche Still­schweigen beobachtet wird, werden voraussichtlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen. DaS BerathungSmaterial bezieht sich außer auf Tariffragen noch auf Fragen betreffend den Grenzvetkehr und die Formalitäten der Verzollung.

* Betreffs der Börsensteuer haben setzt IM Reichs- schatzamt Berathungen begonnen, die sich auf die Er­zielung höherer Einnahmen auS der Börfensteuer er­strecken. Zu den Berathungen sollen auch Sachver­ständige der Börse zugezogen worden sein. Die B. P. N. nehmen an, daß eS bei einer mechanischen Ver­doppelung der Steuersätze, wie sie gegenwärtig erhoben werden, nicht sein Bewenden haben wird.

* DaS kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Cholerafälle bekannt: In Stettin wurde bei vier am 13. und 14. Oktober erkrankten Personen, davon eine gestorben, Cholera nachgewiesen; von den früher ge­meldeten Fällen sind drei tödtlich verlaufen. In Pölitz (KreiS Randow) eine Neuerkrankung, von Stettin ein­geschleppt. In Grabow a. d. O. zwei Krankheitsfälle mit tödtlichem Ausgang. .

* Geh. Rath Prof. Dr. Helmholtz, der sich in­folge eines unglücklichen Falles auf dem Dampfer „Saale" eine schwere Verletzung an der Stirn 'zuge­zogen, ist nach seiner gestrigen Ankunft in Bremer­haven sofort nach Bremen übergeführt und in dem dortigen städtischen Krankenhause untergebracht worden.

* An Wechfelstempclsteuer wurden in dem Halb­jahre vom 1. April bis Ende September im deutschen Reiche vereinnahmt 4,058,150 Mark, d. i. 156,559 Mark mehr als in demselben Zeitraum deS Vorjahres.

* Konstanz, 15. Okt. Der Reichstagsaügeordnete des zweiten badischen Wahlkreises Freiherr v. Horn­stein ist hier gestorben. Frhr. v. Hornstein gehörte dem Reichstage als „Wilder" an, neigte aber mehr den Deutschkonservativen als dem Centrum zu. Bei

„Ich wünsche Fräulein Harmant zu sprechen!" scug ihn Lucian.

„Fräulein b.findet sich im Salon," erwiderte der Diener, „sie har Herrn Labrone in den Hof kommen sehen, sie wird Sie jedenfalls empfangen. Wollen Sie mit mir kommen?"

Lucian stieg die Stufen hinan.

Inzwischen stand Mary an dem Kamin in dem Salon angelehnt und wartete. Der bloße Anblick deS verstörten Gesichts deS jungen ManneL sagte ihr, daß er sich unter dem Eindrücke einer außergewöhnlichen Bewegung bi finde. , , . , _

Was mochte nur diese Bewegung veranlaßt haben? Die Tochter HarmantS konnte eS natürlich nicht ahnen. Sie fühlte, wie es sie eiskalt überlief, aber es gelang ihr, ihre Bewegung zu beherrschen.

Mein Vater ist »och nicht zurückgekommen, Herr Lucian," sagte sie. „Nu», es ist sehr liebenswürdig, daß Sie gekommen sind. Nehmen Sie Platz und plan- dern wir unterdeß etwas "

Zugleich deutete sie mit der Hand auf einen Sitz.

Lucian verneigte sich.

„Aber was find Sie bleich?" fuhr Maiy lebhaft fort." „WaS ist vorgefallen?" Sind Sie unwohl?"

„Ja, Fräulein", antwortete Lucian mit leiser ge- brochener Stimme. „Ich habe viel gelitten und leide noch."

„Aber weshalb denn?" Haben Sie mit meinem

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Oktober.

* Das Kaiserpaar ist heute Abend aus Hubertus* stock hier eingetroffe». Der Kaiser reift in der Nacht

„Gewiß ist mir dies sehr angenehm, Mutter Lison." „Ich will daS Nöthige holen und Alles zurecht machen." „Gut, inzwischen will ich weiter arbeiten." „Aber keine trüben Gedanken."

„Ich verspreche es Ihnen."

„A la bonne heute.“

Johanna umarmte abermals ihre Tochter und ver­ließ bann, um die nöthigen Einkäufe zu machen, da» Zimmer. t

„Mein armes, theures ftinb! Was wird sie leiden, wenn sie die Wahrheit erfahren wird!"

Als der Fiaker Lucian'S am Haufe der Rue Murillo angelangt war, stieg der junge Mann auS und nach einem kurzen Augenblicke des Zögerns ober vielmehr eines Kampfes mit sich selbst faßte er sich rnib klingelte.

Die Thür öffnete sich und Lucian trat ein.

„Ist Fräulein Harmant zu Hause?" frug er ben Schließer.

„Ja, Herr Labrone, sie ist allein, benn Herr Har- mant ist noch nicht zurückgekehrt."

„Ist Fräulein Harmant zu sprechen?"

Ich benke ja. Ich will Herrn Theodor klingeln, er mag bem Fräulein btn Besuch des Herrn Labrone anmelden." „

Der Schließer zog eine Klingel, worauf der Kam- merdieuer in dem Augenblicke, wo Lucian den Hof durchschritt, auf der obersten Stufe am Eingänge erfchien.