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JM 240

Donnerstag^deo19. Oktober 1893.

20. Jahrgang

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage anögenommen. — Inserate kosten die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender RaVatt. viertüjährlicher AbonnementspreiS ohne Bringerloh« und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Oktober.

♦ Das Kaiserpaar kchrt heute Abend vom Jagd­schloß Hubertusstock zurück. Der Kaiser reist sofort von Berlin aus nach Bremen weiter, um dort der Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelm I. bei­zuwohnen, während sich die Kaiserin nach Potsdam begibt.

* Reichskanzler Graf Caprivi ist aus Karls­bad wieder in Berlin eingetroffen. Derselbe hat gegen -en Herausgeber der .Zukunft Maximilian Harden Strafantrag wegen Beleidigung in Bezug auf feine Staatsthätigkeit gestellt.

* Auch die .Neiffer Ztg.' hört, daß der Fürst­bischöfliche KommiffariuS und Erzpriester Herr Hein in Grottkau seitens des Königl. KriegSministeriumS auf Anregung des General-KommandoS des VI. Armee« Korps in Breslau der Militärseelsorge enthoben worden, weil bei letzterem darüber Beschwerde einge­gangen, daß Herr Erzpriester Hein bei Gelegenheit der letzten ReichstagSwahlm sich an gewissen „Wahl­umtrieben" betheiligt habe, die mit den Interessen der Militärseelsorge nicht im Einklang stehen. — Worin die gravirenden Wahl-Umtriebe bestanden haben, wird nicht näher angegeben. Unseres Wissens, setzt daS ge­nannte CentrumSblatt hinzu, besteht daS ganze Ver­gehen des Herrn ErzpriesterS darin, daß er, von der BrrtranenSmännerversammlung des Wahlkreises Grott- kau-Falkenberg — und zwar besonders auf Vorschlag einiger Herren, die in der Militärvorlage eine von der Majorität des Centrums abweichende Stellung ein­nahmen — zum Vorsitzenden gewählt, den Muth hatte, diese Vertrauensstellung auch dann noch zu behalten und ihr entsprechend zu handeln, als die Wiederwahl der bisherigen Kandidaten Herrn v. Sch. mit großer Majorität abgelehnt und ein G'zner der Militärvor­lage als Kandidat aufgestellt wurde.

* Der .ReichSavz.' veröffentlicht amtlich die Er­nennung des sachsen-kobnrgischen Staats-Ministers Strenge zum Bevollmächtigten beim BundeSrath.

• Der Präsident des ReichseisenbahnamtS Dr. Schulz ist von seiner Reise nach den Ber. Staaten von Amerika bezw. von dem Besuch der Weltausstellung in Chicago zurückgekehrt.

* Geh. Rath Prof. Dr. Virchow begeht am 21. d. M. sein 50jährigeS Doktorjubiläum. Die Berliner Stadtverordneten haben beschlossen, ihm eine Glück­wunschadresse zu widmen. Virchow ist Ehrenbürger von Berlin.

* Auf dem Umwege über Wien kommt die Nachricht, daß Geh. Rath Prof, von Helmholz bei der Rück- kehr von der Chicagoer -Weltausstellung auf dem Dampfer „Saale" eine Treppe hinabgestürzt sei und eine schwere^Verletzang an der Stirne davovgetragen habe.

• Hofprediger a. D. Stöcker demmtirt in einer Zuschrift an die .Kreuzztg.' die Mittheilung verschiedener Blätter, wonach er an dem religiösen Weltparlament

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(145. Fortsetzung.)

„Aber was haben Sie denn eigentlich, Mutter Lison?" frug Lucian, welcher die ungewöhnlich heftige Erregung der Frau nicht zu begreif« schien.

„Was ich habe?" antwortete Johanna zögernd, in­dem sie nach Worten suchte, um sich nicht zu ver- rathen. Ich habe nichts, aber die Nachricht, welche Sie mir da mitgetheilt haben, hat mich in ein solches Er­staunen versetzt, daß ich glaubte, wahnsinnig zu wer­den. Auch jetzt kann ich kaum glauben, was ich soeben gehört habe. Lucie die Tochter der Johanna Portier? Ist eS möglich? Wie haben Sie die- erfahren? Hab« Sie den Beweis?"

„Jo, ich habe dafür den untrüglichen, unbestreit­baren Beweis."

„Haben Sie denselben vielleicht bei sich?"

„Ja."

„Zeigen Sie mir ihn, zeigen Sie mir ihn, schnell!"

„Hier ist er."

Lucian überreichte das Protokoll; Johanna über­flog er schnell.

Zu gleicher Zeit nahm ihr bleiches Gesicht einen unbeschreiblichen Ausdruck an. „Es ist meine Tochter ... ja, er ist sie wirklich," sagte sie sich ganz leise.

in Chicago Antheil genommen. Er sei nur als Zu­schauer flüchtig in einigen Versammlungen gewesen; der Aufforderung, an dem BorstandStrsch Platz zu nehmen, sei er auS prinziellen Gründen nicht nachge­kommen.

* Von der Börfensteuer ist in der letzten Zeit wenig oder gar nicht geredet worden. Bekanntlich existirt jetzt nur eine Börsensteuer als Umsatzsteuer, welche nach dem bisherigen Steuerplane der Regierung verdoppelt werden soll, während von anderer Seite auch die Einführung einer Emissions-Steuer auf Werthpapiere bei der ersten Auflegung einer Anleihe u. s. w. empfohlen wurde. Die Regierung hat jedoch, wie offiziös mitgetheilt wird, den Gedanken einer Ein­führung der Emissions-Steuer fallen lassen, einmal, weil dabei kein hoher Betrag „herausspringen" würde, sodann weil nicht minder zahlungsfähigen, fondern die zahlungsfähigen Staaten durch eine in Deutschland eingeführte hohe Emissions-Steuer sich veranlaßt sehen würden, dm deutschen Markt zu meiden.

* Seitens der Kultusministers ist jüngst ein Erlaß über den Geschichtsunterricht in der Volksschule erschienen, worin derselbe tadelt, daß die Lehrer bei dm Anfängen der deutschen und prmßischm Geschichte zu lange verweilen. Dieser Erlaß ist auch auf den Geschichtsunterricht der höheren Schulm anwendbar. Wir lesen in den neuen pädagogischm Beiträgen der Koblenzer Provinzial-Schulraths Münch (Berlin 1893): „Da auch der Territorialgeschichte der eigenen Staate- eine breitere Rolle zuerkannt ist (nämlich in den neuen Lehrplänen) und ein etwas konkreter (ich will nicht sagen: subalterner) PattiotiSmur dabei zu recht strmgen Forderungen neigt, so kann man — weil sich eben doch auch im Raum deS Gedächtnisses die Sachm „hart stoßen" und verdrängm — erleben, daß ein Abiturient zwar über die Geschichte der Schwiebufer Kreiser haarscharf Bescheid weiß, aber von Georg Washington oder von Heinrich dem Viert« von Frank­reich oder am Ende gar auch von der Persönlichkeit der Demosthenes kaum eine Ahnung verrälh!"

* Die Branntweinproduktiou im deutsche» Reiche bettug in dem Jahre vom 1. Oktober 1892 bis Ende September 1893 3,036,603 Hektoliter reinen Alkohols (gegen 2.899,412 Hektoliter im Jahre 1891/92). In den freien Verkehr wurden nach Entrichtung der BertrauchSabgabe übergeführt 2,215,792 Hektoliter (gegen 2,167,223 Hektoliter im Jahre 1891/92). Ende September d. I. verblieb in den Lagern und Reinig­ungsanstalten unter steuerlicher Kontrole ein Bestand von 253,591 Hektoliter.

* Das Kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Cholerafälle bekannt: In Stettin wurde bei acht zwischen dem 8. u. 13. Okt. Erkrankten (davon drei gestorben) Cholera nachgewiesen. Bon dm früher gemeldetm Fällen sind zwei tödtlich verlaufen. In Stepmitz, Kreis Kammin, Bollinken und Bredow, Kreis Ran­dow, je eine Erkrankung mit tätlichem Ausgang. In Politz, Kreis Randow, eine Erkrankung. In Küstrin, wurde ein Krankheitsfall von Stettin eingefchleppt.

„Ich ahnte eS ja! Deshalb liebte ich sie so sehr, daß ich mein Blut für sie hingegeben hätte . . . Und ich kann nichts tagen, muß schweigen! Ich bin nicht im Stande sie zu retten."

„Nun, sind Sie überzeugt," frug Lucian. „Die Thatsache liegt vor, Sie können sie nicht läugnen."

„Ja, e8 ist wahr," stammelte Johanna mit vor Freude und Schmerz bebmder Stimme. „Lucie ist in der Thal die Tochter der Johanna Portier, der Ver- urtheiltm, aber ist sie deshalb zu verdammen, wenn ihre Mutter ein Verbrechen begangen hat? Soll sie Strafe leiden für einen Fehler, den sie nicht begangen hat — soll sie niemals der Erbschaft einer unverdienten Schmach entrinnen ? Er wäre edel und hochherzig, ihr die Hand zu reichm, eS würde grausam fein, sie preis- zugebm."

39.

„Ihr die Hand reichen? . . ." r«f Lucian aus, „Gott ist mein Zeuge, daß ich eS gerne wollte, aber ich kann es nicht."

„Weshalb nicht?" frug Johanna fieberhaft.

„Ihre Mutter hat meinen Vater getöbtet! Be­greifen Sie es doch!"

„Ich begreife cs wohl. Ja, es ist schrecklich, wenn eS wahr ist ... . aber ist eS wahr? Sie selbst halten ja, ich habe Sie es selbst sagen und wieder­holen hören, die Mutter für unschuldig!"

Der in voriger Woche für Neuenfelde gemeldete Kranke ist gestorben. In Hamburg ist von den früher Er­krankten einer gestorben.

* Die Anträge z»m sozialdemokratische» Par­teitag, welcher auf dm 22. Oktober nach Köln ein­berufen worden ist, werden jetzt zum Theil im »Vor­wärts statutengemäß veröffentlicht. Sie sind nach Zahl und Inhalt recht dürftig ausgefallen, und darum ist es begreiflich, daß der .Vorwärts' der Veröffentlichung die Aufforderung voranschickt, ttotz Ablaufs der An­meldungsfrist (10 Tage vor dem Beginn des Partei­tags) noch nachträglich Anttäge an dar Partei- bureau einzusendm. Die Dürftigkeit der rechtzeitig ein- gegangenen Anträge ist auch ein Beweis dafür, daß das Jntereffe der „Genossen" an dem sozialdemokra­tischen Parteitag nicht zunimmt, sondern umgekehrt stark abnimmt. Das stolze Wort von dem „Arbeiter­parlament", als welches der Parteitag bezeichnet wird, hat sich längst als eine Phrase erwiesen. Kam mm dm sozialdemokratischen Parteitag überhaupt als ein „Parlament" bezeichnen, so steht eS als solches auf der niedrigstm Stufe, niedriger wie jemals eine „Land- rathSkammer" gestanden hat, beten Mehrheit der Re­gierung unbedingt zur Verfügung stmd. Die „Land- rathSkammer" hatte doch immerhin noch eine Oppo­sition, die zu Worte kowmm und ihre oppositionelle Stellung öffmtlich begründen konnte; auf dm sozial­demokratischen Parteitagen, in diesem „Arbeiterparla­ment", wird aber eine Opposition nicht geduldtt; „wer nicht parirm will, ber fliegt hinaus", sagt Oberge­nosse Liebknecht. Die „Jungm" und die „Unab­hängigen" habm daS auf dm früher« Parteitagen er- fahrm müffen. Oppositionelle Slemmte selbst innerhalb der „fraktionellm Sozialdemokratie" wird man auch in Köln jedenfalls ausschließen, wenn nicht die sozialdemo­kratische Parteiregierung schon von vornherein dafür gesorgt hat, daß die Genoss« im Reiche nur die von der Parteileitung abhängiges oder derselbm genehm« „Delegirtm" als zuverlässige Jasager entsmdet habm. WaS die vorliegmdm Anträge selbst angeht, die sich auf Programm, Organisation und Presse ber so­zialdemokratischen Parte» erstreck«, so ist zunächst be- achtmStverth, daß daS vielgepriesene neue Programm schon jetzt einer Reihe von Parteigenossen als abäuder- ungSbedürstiß erscheint; ein Gmosse will d« erst« prinzipiellen Theil deS Programms einer „gründ­lichen Prüfung" unterzogen und eine „bessere, unantast­bare Fassung" hergestellt wissm. Der bekannte Satz deS Erfurter Programms: „Religion ist Privat­sache" wird abermals bemängelt. ES lieg« zwei Anträge vor, dmselb« zu streichen und an feiner Stelle einm «nberen zn setz«, u. a.: „Die Religion und deren Lehren sind überall dort zu bekämpfen, wo dieselben dem Fortschrstt der Wissenschaft ent- gegentreten (natürlich der atheistischen sozialdemokra­tisch« „Wissenschaft^, ober die nach Erlösung auS wirthschastlicher und polittscher Knechtschaft ringende Menschheit au der Erreichung dieses Zieles zu hindern suchen." Die Parteihäupter werd« jedoch auf diese

„Der Zweifel ,fi keine Gewißheit, und mein Glaube ist kein Beweis. Wenn ich Johanna Portier sähe, würde ich zu ihr sagen: Die menschliche Ge- rechtigkeit ist nicht unsehlbar, und zahlreich sind ihre Jrrthümer. Sie sind veruttheilt worden, Vielleicht sind Sie nicht schuldig. Zeigm Sie mir Ihre Un­schuld, seim Sie mei» Führer im Dunkel, und ich werde Ihre Sache in die Hand nehm«, ich werde eS als meine Lebm-aufgabe betrachten, Ihre Ehrenret­tung zu erwirkm. Ich werde eS für Sie thnn . . . ich werde eS besonders thun für Ihre Tochter, welche ich liebe! Im Laufe der Prozeßes behauptete Jo­hanna Portier, so weit ich mich erinnere, daß sie in ihrem Besitze ein« Brief von dem Werkmeister Jakob Garand gehabt habe, durch welchen sie beweis« könne, daß er allein der Urheber aller Verbrechen sei, welche in Alfortville begangm word« sind und welche man ihr zur Last legt. Diesen Brief müßte man um je­den Preis wieder finden. . . Johanna könnte mit Fingerzeige geben, um ihn zu such«, um die Spur der Jakob Garand in verfolgen, welcher wohl noch im Leb« ist, vielleicht dazu glücklich und reich sich unter einem angenommenen Namm verbirgt. Wenn ich erst dies« Manu gefunden hätte, würde ich mich anheischig machen, ihm dm Beweis für die Unschuld der Johanna zu entlocken; aber bis dahin müßte ich immer noch zweifeln, und der Zweifel würde Grund