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20. Jahrgang

Mittwoch, den 18. Oktober 1893.

JV 239

FuIixlkrWZkituiig

so würden bald die Segmsätze der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und der kapitalistischen Bourgeoisie — industrieller wie agrarischer Observanz — unvermittett aufeinander stoßen, waS leicht zu gefährlichen Seifen und blutigen Katastrophen führen könnte. Das Cen­trum wirkt in dieser Beziehung geradezu als Puffer.

* Zu -eu Kaudtagswahleu.

Anläßlich des Zedlitz'ichm BclkSschulgefetz.EntwurfS sprach man in der fretsianigen Presse die bestimmte ErwartungauS,Neuwahlenwürdmeine „entschieden liberale" Mehrheit schaffen. Auch die Konservativen glaubten damals daran. Angesehene parlamentarische Vertreter der konservativen Part« sprachen der .Köln. BolkSztg/ gegenüber sich wesentlich auS dem Grunde sür den Zedlitz'schen Entwurf auS, weil man nach ihrer Meinung bei den diesjährigen Wahlen die Konfer« vativen fehr viele Mandate an — die Frei­sinnigen verlieren würden.

Hmte glaubt daS kein Mensch mehr; weder fürchten eS die Konservativ«, noch hoffen eS die Freisinnigen. Die letzten Reichstagswahlen haben der frei« finnigen Partei einen argen Stoß gegeben, waS selbst­redend auf die Landtagswahlen zurückwirken muß. Die Aussichten der freisinnigen Partei sind schlecht, sehr schlecht. Herr Rich er meint, daß nur fünf bis sieben Mitglieder der fteisinnigen Bereinigung gewählt wer­den würden; daS dürfte zwar zu treffen, aber die Zahl der Mitglieder der freisinnigen BolkSpartei dürste eben­falls nur eine winzige fein.

Nächst dem Militär-Etat muß noch em anderer Umstand den früheren Kartellparteien zu Gute kommen; die Berfchlechterung des Wahlgesetzes. Es war ein starkes Stück, ein Wahlgesetz, welches schon Fürst Bismarck als daS „elendste" aller Wahlsysteme bezeichnet hat, noch zu verschlechtern, allein die Mehr­heit hat eS gewagt. Ein „Wagestück" ist eine solche politische Handlung ja immer. Wenn man zu einet Maßregel schreitet, welche der öffentlichen Meinung in'S Gesicht schlägt und dem Zuge der Zeit wider- streitet, so muß man sich vorsehen. Wohl kann man von solchen politischen Maßregeln „Profit" haben, aber daS find meistens Siege, welche man PyrrhuS- Siege nennt. Keine Körperschaft bedarf mehr einer moralischen Autorität als gerade ein Parlament. Seme raison d’etre, die Wurzel seiner Existenz, beruht im BolkSwillen, daher wird eine parlamentarische Versammlung durch nichts mehr geschädigt, als durch den Nachweis, daß fie den Volkswillen nicht darstellt. Ist dar nicht der Fall, so ist fie einet tauben Ruß vergleichbar. Die Behörden des Staates haben üjten RechtStitel als Organe der Execrtivgewalt, die Stimme des Parlaments kann nur Beachtung beanspruchen, wenn hinter ihm dar Volk steht.

DaS sogen. „Wahlreform-Gesetz" bewirkt, daß daS -ei dem preußischen Abgeordmtmhause weniger der Fall ist. Schon daß die Sozialdemokraten nickt mit- wählen, ist ein schwerer Schlag für daS Abgeordneten­haus. Wmn die Partei, welche bei dm Reichstags- wählen die größte Zahl der Stimmen an sich zieht, den LandtagSwahlm fern bleibt, so büßt daS Abge- ordnetenhauS schon dadurch dm Charakter einer preußi­schen Volksvertretung ein. Ebenso muß die Ungleich­heit des Wahlrechts bewsikm, daß daS Abgeordneten- Haus nickt als Spiegel der öffentlichen

HMch entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(144. Fortsetzung.)

Lucian hatte inzwifchm feinen Wagen wieder be­stiegen. Er ließ sich zu der Bäckerei in der Rue Dau­phine bringen. Als er hier anlaugte, fab er die Person, welche er suchte, auf der Thürschwelle stehen.

Mutter Lison hatte eben ihre Handarbeit bemdkt und plauderte mit einer ihinbin.

Lucian stieg aus. Als Johanna Portier ihn er­blickte, ahnte fie sogleich, daß irgend etwas vorge­fallen fei.

Sie ging ihm rasch entgegen und sagte etwas zitternd zu ihm:

„Sie hier, Herr Lucian! Sie kommm gewiß, um mit mir zu sprechm?"

„Ja, Mutter Lisou, ich komme vom Quai Bourbon."

„Sie haben Fräulein Lucie gesprochen?"

„Nein, sie war abwesmd."

„Sie hattm ihr etwas mitzutheilm?"

„Ja ... Ich kann es auch Ihnen fagm." „Mir!" antwortete Mutter Lifon überrascht.

„Ja. Haben Sie Ihre Arbeit erledigt? Rönnen Sie auf eine Sekunde abkommen?"

„Recht gerne, Herr Lucian," antwortete Johanna Portier, deren Unruhe mit jeder Minute wuchs. „Ich

Meinung gelten kann, dmn wmn die Stimme eines Reichm so viel gilt, als die von vielm Hundert kleinen Leutm, so muß eine Körperschaft zu Stande kommen, welche in nachhaltiger Weise die kapitalistischen Inter­essen vertritt. Die Herrm Konservativen sprechm in ihrem Wahl-Aufruf so schöne Worte über die Hebung des Mittelstandes in Stadt und Land — wirksamer würdm fie dem Mittelstand geholfen haben, wenn sie Unterlasten hätten, chn durch das Wahlgefetz polttifch zu knebeln. Der Mittelstand, für dm die konfervativm Herrm so sehr schwärmen, ertrinkt ja förmlich in der dritten Abtheilung — die Plutokratm der ersten und zweiten Abtheikmg, die nationalliberalen Groß-J«- dustriAlm und konfervativm Groß-Grundbesitzer, fie sind er, welche in Prmßm das entscheidende Wort sprechm. Wer nun glaubt, daß diese Kreise sich im Abgeordnetenhause besonders für den Mittelstand in'S Zeug legen werden, dem wollen wir das naive Ver­träum feines kindlichen Gemüths nicht raubm, aber theilm könnm wir diese Meinung doch nicht in ihrem vollen Umfange.

AuS den hier dargelegtm Gesichtspunkten ergeben sich die Erwägungen, weSwegm nach unserer Ansicht die plutokratische Wahlherrlichkett der früheren Kartell­brüder nicht lange Bestand habm kann. Oesterreich hat sich geuöthigt gesehen, daS Wahlrecht so wesentlich zu erweitem, Preußen wird an der Schwelle des 20. Jahrhunderts noch viel weniger ein so veraltetes Wahl­recht behaupten köunm. Vorläufig habm wir indessen damit zu rechnen, daß dieses Wahlgesetz „Rechtens" ist. Man darf vermuthm, daß eS unS einm Landtag bringt, der im Wesentlichen fo zufammmgefetzt ist, wie der bisherige. Noch einmal blüht der konservattv-national- liberale Weizen; die konfervativm Wahle« werden zu­dem durch die «gitatton der Bundes der Landwirthe gegen den ruffischen Handels-Vertrag — der in bäuerlichen «reifen wirklich fehr unpopulär zu fein scheint — mächtig gefördert. So knüpfm sie an das fröhliche Sude — bei den ReichStagSwahlm — den fröhlichen Anfang bei den LandtagSwahlev an. Die Herrlichkeit wird ja nicht ewig bauern, aber vorerst brauchen sie sich „biefer Stunbe schönes Gut durch solchen Trübsinn nicht verkümmem" zu lassm, wie es im „Faust" heißt, sie könnm dm Augmblick qmießm und im Uebrigm denken: „Apres nous le deluge.“ Vergeblich klammert die gute „Tante Voß" sich wie eine Ertrinkmde an die Frackschöße deS Nationallibe- ralismuS und murmelt chr Sprüchlein gegen die „Zed- litziade", um auf dieser Seite BundeSgmossm zu ge- Winnen — die geschäftskundigen Nattoualliberalen hal­ten es M't den Lebmden und verbrüdern sich an dm meisten Orten mit den Konfervativm, um dem Freisinn den „letzten Rest" zu gebe«. So grimmig auch die ,Rational-Ztg/ fortwährmd der .Krmzztg.' die Zähne 8eigt — die Anhänger des nationalliberalen Blattes im Lande dmken anders und marfchiren wohlgemuth Schulter an Schulter mit dm „Kreuzrittern", um dem „echten Liberalismus" mit Drefchfiegeln und Smfm zu Leibe zu gehen. Hättm wir das Zentrum nickt, bin frei. Wollm wir miteinander zu meinem Haufe gehen?"

Der junge Mann fchüttelte dm Kopf.

„Rein, lieber in meinem Haufe."

„Aber was ist Ihnen dmn eigentlich ? Sie sehen ja ganz verstört ans!"

„Was ich habe? Sie »erbat es erfahren. Steigen Sie mit mir ein."

38.

„Sogleich," antwortete Johanna Portier. „Ich fage ebm dem Meister, daß ich auSgehe und komme sogleich wieder."

Sie verschwand im gaben. Nach Verlauf einer Minute kam sie zurück und setzte sich zu Lucian in dm Fiaker. ... ™

Johanna wollte schon fragen, aber der junge Mann schnitt ihr das Wort ab.

„Nicht hier, Mutter Lison," sagte er. „WaS ich Jhnm zu sagm habe, ist sehr emst. Fragen Sie mich nicht eher, als bis wir zu Hause find."

Johanna, die nicht ahnm konnte, was alle die räthfelhaften Worte zu bedeutkn hattm, schwieg und versank in Gedaukm. Nach dem, waS zwischen Fräulein Harmant und der Arbeiterin vorgegangm war, dachte sie wohl, daß von Lucie die Rede sei« werde, aber sie konnte nicht vermuthen, welcher Art die Unterredung fein werde, welche Lucian mit ihr haben wollte.

Deutsches Keich.

Berlin, 16. Ostober.

* Die Wahlbeweguug für die prmßischm Land­tagswahlen kommt allmählig mehr in Fluß. Bei der CmtmmSpartei verläuft diesmal alles in erfreulicher Einttacht, abgefehen von Oberfchlesien, wo sich eine polnische Agitation bemerkbar macht. Besonders rührig ist die CmtmmSpartei der Rheinproviuz, die auch einen eigenen Wahlaufruf veröffentlicht hat. Die Freisinnig« streiten sich noch immer, besonders um Berlin. Zwischen den Nationalliberalen und Kouservativm ist ebmfallS großer Streit, namenttich wegm des Bundes der Land­wirthe und seiner Forderung«. Die Nationalliberal« sind eifersüchtig, weil die Landräthe rc. die konfer- vativm und die Bundeskandidaten unterstütz«, und ruf« dm Minister deS Innern dagegen auf. Der Bund der Landwirthe legt den Kandidaten wieder eine An­zahl Fragen vor, die man meist ohne Weiteres be­jahen kann. Nur wegen des Handelsvertrages mit Ruß­land und wegm der Doppelwähmng können die Sn- sichten verschieden sein. In dem Blatte deS Bundes ist die — von der konservattvm ,Kreuzzeitung' hinterher allerdings abgelehnte — Parole auSgegebm wordm, man müsse gegen jede Forderung der Regierung stim­men, wmn diese nicht auf den Handelsvertrag mit Rußland in der bekannten Schalt verzichte. Wiewohl daS nicht wörtlich zu nehmm ist, wird er doch von nationalliberaler Seite als verfaffungSwidrig und revo­lutionär dmuncirt, damit die Regierung die Kandidat« deS Bundes bekämpfe. Die Antisemiten wollen an verschiedenen Stellen den Versuch machm, in den Land­tag zu kommen, meist natürlich wieder auf Kosten der Konfervativm. In Preußen wttd ihnen aber wegm bei elenden Wahlrechts kaum geling«, was ihn« sonst in mehreren Staaten gelungen ist. Helfm den Konser- vativen die Landwirthe, so finden die Nationalliberalm Beistand bei der Großindustrie. So hat der Verein der Großindustriellen des Reg.-Bez. Köln einen Wahl­aufruf erlassen, worin er auffordert, die wirthschastliche Stellung des Kandidaten vor seiner politischen zu prüfm, denn die Industrie sei in unser« Parlamenten nicht genügend vertreten. Das ist nichts als eine ver­schämte Empfehlung der Nationalliberal«, die ja stets als Vertreter der Großindustrie ausgetreten sind. Der Gegenfatz, der zwischen dm ehemaligen Kartellparteim jetzt wieder so schroff hervortritt, gibt uns die be- ruhigmde Gewißheit, daß daS Cent rum auch im nächsten Landtage eine Macht fein wird, mit der ge­rechnet werden muß.

• Die Sätze der Tabakfabrikatsteuer, wie sie die.Süddmtfche Tabakzta.' angegebm hat, find richtig.

Endlich waren fie am Ziele angelangt. Lucian stieg nur, half Johanna beim ÄuSsteigm, und bald faß« sie in der bescheidenen Wohnung, welche bet Sohn Julius LabroneS inne hatte, beisammen.

Der junge Mann ließ sich auf einen Stuhl fall«, während er zugleich in ein heftiges Schluchzen aus- brach.

Johanna schrak zusammen.

„Ihre Thränen," stammelte sie erschrocken, „sag« mir mehr als alle Worte, Herr Lucian! Es handelt sich um Lucie, nicht wahr? Sprechm Sie, ich bttte Sie!" t _

zJa . . ." antwortete Lucian, mehr mit einer Ge- berbe, als mit dem Munde.

„Schon seit heute Morgen seit dem Besuche von Fräulein Harmant ahnte mir so etwas, wie em Un­glück." ..

Erschrockenen Blickes sah Lucian die Fran an. .Fräulein Harmant?" wiederholte er olfo.

„Wissen Sie dmn nicht, daß sie hmte Morgen bet Lucie war?" „

„Leider nein, ich weiß nichts davon.

„Wessen Sie dmn auch Nicht, daß Fräulein Har­mant Sie liebt?" ,

„Leider weiß ich eS allzu gut, bereits feit langer Seit weiß ich eS. Aber waS führte sie denn zum Quai I Bourbon?"

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